Valar Morghulis

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Hades war sauer. Äskulap hatte seine Kompetenzen überschritten. Er war zwar der Gott der Heilkunst, aber zu seinen Aufgaben zählte nicht, Menschen von den Toten aufzuerwecken. Hades, der Totengott, sah seine eigene Geschäftsidee gefährdet. Also verpetzte Hades den Missetäter bei Zeus, der keine Sekunde zögerte, Äskulap zu töten. Zeus hatte Angst, der Mensch könnte an der Unsterblichkeit gefallen finden. Dass sich eine Familie womöglich einfach über die Rückkehr eines geliebten Menschen gefreut und an etwaige Unsterblichkeiten keinen Gedanken verschwendet hatte, kam ihm nicht in den Sinn.

Ich weiß nicht, ob das eine wahre Geschichte ist. Wenn sie es ist: Krass. Wenn sie ein von Menschen geschaffenes Märchen ist, dann taugt sie mindestens als weiteres Glied in einer endlosen Beweiskette für das urmenschliche Streben nach ewigem Leben und der Überwindung des Todes.

Es ist ein schöner Gedanke, dass die Menschen, die von uns gegangen sind, zurückkehren. Keine Erinnerung kann einen Menschen ersetzen, auch wenn der Mensch überzeichneter wird, je mehr die Erinnerung verblasst, egal, ob im Guten oder im Schlechten. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod ist ein Teil des Lebens, genau wie der Wunsch, ihn zu überwinden. Genau wie der Wunsch, den geliebten Mensch zu behalten.

Niemals geht man so ganz, sang schon Trude Herr, irgendwas von mir bleibt hier. Die Unsterblichkeit der Seele ist längst nicht nur das Steckenpferd der Religionen; selbst die Wissenschaft, speziell die Quantenphysik, geht der Frage nach, was mit der Seele passiert, wenn der Körper, und die Redewendung kommt offenbar nicht von ungefähr, seinen Geist aufgibt. Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr zum Beispiel, oder sein amerikanischer Kollege Jack Sarfatti, der seine umstrittene Theorie auf dem Prinzip der Quantenverschränkung aufbaut: Zwei Teilchen, die zusammengehörten, bleiben auch nach der Trennung verbunden und kommunizieren miteinander, egal, wie weit und wie lang sie voneinander getrennt sind. Das betrachtet Sarfatti als Indiz dafür, dass die Seele nach dem Tod weiterexistiert.

Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert. – Jack Sarfatti

Das ist, wenn man die Wachtturm-Gesellschaft fragt, Quatsch. Jehovas Zeugen glauben nicht an die unsterbliche Seele. Was tot ist, ist tot. Ihrer Ansicht nach hat der Mensch keine Seele, er ist eine Seele. Folglich stirbt die Seele, wenn der Mensch stirbt. Das muss es aber nicht gewesen sein. Ihr Gott hat vorgesorgt. Jehova wird Menschen vom Tod auferwecken, behaupten die Zeugen, und stützen sich dabei auf Apostelgeschichte 24:15:

Und ich habe die Hoffnung zu Gott, welche diese [Männer] auch selbst hegen, daß es eine Auferstehung sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten geben wird.

Jehovas Zeugen wissen, dass Menschen Angehörige, die sie verloren haben, vermissen. Die Aussicht, von den Toten in ein irdisches Paradies aufgeweckt zu werden, die sogenannte Auferstehungshoffnung ist die Unique Selling Proposition der Zeugen Jehovas und gleichzeitig das Haupt-Incentive ihres Bonusprogramms. Im Paradies, nach Harmagedon, wird Jehova alle Menschen, die gestorben sind, von den Toten auferwecken.

Natürlich nicht alle. Jehova wird schon ganz genau gucken, wer eine zweite Chance erhält. Hitler? Eher nicht. Wobei, wer weiß das schon. Die Zeugen Jehovas sagen selbst, dass sie nicht mit Sicherheit wissen, wer das Glück haben wird.

Die Bibel beantwortet uns nicht alle Fragen, die wir in bezug auf die Auferstehung bestimmter verstorbener Personen haben mögen. Wir können aber überzeugt sein, daß Gott, der alle Tatsachen kennt, unparteiisch vorgeht, daß er Recht walten läßt, gemildert durch Barmherzigkeit, die seinen gerechten Maßstäben entspricht. – Unterredungen anhand der Schriften, Seite 50

Jehovas Zeugen gehen davon aus, dass sie zu den glücklichen Auserwählten gehören, die nicht nur Harmagedon überleben werden, sondern die Aussicht genießen, ihre toten Verwandten in der Auferstehung in die Arme schließen zu dürfen. Deshalb folgen sie auch gern der strengen Empfehlung der Leitenden Körperschaft, auf Bluttransfusionen zu verzichten. Halb so schlimm, das Kind zu opfern, wenn man weiß, dass es ohnehin wieder von den Toten auferweckt wird.

Die Lehre von der Auferstehung begleitete die Zeugen Jehovas von Anfang an. Bloß über den Zeitpunkt dieses Wunders war man sich nie so einig. Judge Rutherford, der zweite Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, war so sehr davon überzeugt, die Auferstehung noch zu erleben, dass er sein Haus, Beth Sarim genannt (ie. Das Haus der Fürsten), unter anderem David, Gideon, Barak, Simson, Joseph und Samuel überschrieb – ja, genau den Davids, Gideons, Baraks, Simsons, Josephs und Samuels. John Cedar, der Herausgeber der Seite jwsurvey.org, entdeckte die Namen der alttestamentarischen Fürsten in der Besitzurkunde des Hauses, das bis zum heutigen Tage in San Diego steht. Judge Rutherford glaubte wirklich, die verstorbenen Herren würden zu seinen Lebzeiten irgendwann durch die Haustür gestolpert kommen.

Es gab bei uns zu Hause ein Spiel, bei dem jeder reihum sagen sollte, welche biblische Figur er in der Auferstehung treffen und was er sie fragen wolle. Ich kann mich nicht erinnern, wen ich genannt habe, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann auf Elisa gekommen bin, der Prophet, der einen Haufen frecher Blagen zur Strafe von Bären verspeisen ließ. Ich hätte mich gerne über diese Episode ausgetauscht. Es gab da in der Nachbarklasse so ein Arschlochkind.

Was ich mich persönlich immer gefragt habe, ist Folgendes. Es ist ja so: Zeugen Jehovas dürfen erneut heiraten, wenn a) ihr Partner Ehebruch begeht und sie sich scheiden lassen, b) sie Ehebruch begehen, bereuen, nicht ausgeschlossen werden, ihr Partner sich aber von ihnen scheiden lässt oder c) ihr Partner stirbt. Das ist also die Prämisse: Du bist Zeuge Jehovas. Deine Frau ist gestorben. Du heiratest erneut. Harmagedon. Die Auferstehung geht los. Während du mit deiner neuen Frau an der Hand zwischen den Leichenbergen der Ungläubigen flanierst, triffst du plötzlich auf deine wiederauferweckte tote Ehefrau. Mit der du dich am Totenbett noch über die Auferstehungshoffnung unterhalten hattest; du sagtest, dass sie sich nicht grämen solle, sie käme ja wieder, und sie sagte, dass die Auferstehung das war, was ihr in der ganzen Zeit Kraft gegeben hätte, bevor sie die Augen geschlossen hatte. In Vorfreude darauf, ihren geliebten Ehemann in die Arme zu schließen, kämpft sie sich durch die Ruinen der Erde, beseelt davon, endlich im Paradies zu sein, belohnt für ihre Gottestreue und den Verzicht auf eine lebensrettende Bluttransfusion, aber was müssen ihre wachen Augen sehen? Ihr Mann in den Armen dieser blöden Glaubensschwester, die auch schon zu Lebzeiten ein wenig zu oft mit ihrem Mann in den Predigtdienst hatte gehen wollen. Blöde Situation, irgendwie. Ich fragte mich immer: Wie wird das geregelt? Hat der wiederauferstandene Partner einfach Pech? Muss sich der Partner zwischen der alten und der neuen Frau entscheiden? Kann er beide nehmen? Heiratet man überhaupt noch oder wird der Sexualtrieb und die Fortpflanzung abgeschafft, weil jetzt eh alle ewig leben, und die Erde sonst zu voll würde? Und: Was ist mit Tieren? Würde mein Haustier auch zurückkommen?

Abgesehen davon, dass ich mich auch als Kind stets schon gewundert habe, dass Jehovas Zeugen überhaupt nochmal heiraten, wenn Harmagedon doch vor der Tür steht, waren das im Prinzip meine Fragen zum Thema Auferstehungshoffnung. Niemand konnte sie mir zufriedenstellend beantworten. Meine Eltern nicht, die Ältesten nicht, der Wachtturm nicht. Konsens unter vielen Zeugen Jehovas war aber: Gott wird die toten Ehepartner blitzdingsen. Somit wäre allen gedient. Wenn das mal kein Deus Ex Machina ist.

Böses Blut

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Als ich noch ein Kind war, noch nicht getauft, trug ich den Kinderausweis1 neben dem Milchgeld im Brustbeutel mit mir herum. Später, nach meiner Taufe, erhielt ich den Ausweis für Erwachsene. Eigentlich musste der noch notariell beglaubigt werden, das ging aber erst mit 18. Ich ließ mich mit 14 taufen. Im Erwachsenen-Ausweis stand viel mehr, die Botschaft beider Ausweise war allerdings identisch: Kein Blut. Wir nannten diese Karte den Blutausweis. So wie alle vorbildlichen Zeugen Jehovas trug ich ihn jedes Mal, wenn ich das Haus verließ. Ich kann nur für mich sprechen, aber für mich stellte er eine Art Talisman dar. Ohne ihn fühlte ich mich nackt. Man hatte mir schließlich suggeriert, meine Eintrittskarte ins Paradies verlöre ihre Gültigkeit, wenn ich Blut zu mir nähme. Egal wie.

Bei uns zu Hause gab es keine Blutwurst. Bei jedem Einkauf wurde darauf geachtet, dass das Fleisch kein Blut enthielt. Auf der Kirmes wurde keine Bratwurst gegessen, weil man nie wissen konnte, von welchem Fleischer sie war. Eine bestimmte Schokoladenmarke wurde boykottiert, weil irgendeine Glaubensschwester irgendwo gelesen hatte, dass Tierblut bei der Herstellung verwendet worden war.

1994 sollten mir die Mandeln entfernt werden. Eigentlich ein Routine-Eingriff, aber theoretisch hätte etwas schief gehen können. Dass bei einer Operation etwas „schief geht“, bedeutet bei Zeugen Jehovas in erster Linie, dass die Blutfrage tangiert wird. In unserer Stadt war kein Arzt bereit, meinen Eltern das Versprechen zu geben, bei Komplikationen auf Blut zu verzichten. Deshalb wurde ich in der Nachbarstadt operiert. Ich wusste, dass meine Eltern mich lieben. Ich wusste auch, dass sie mich sterben lassen würden, wenn es hart auf hart käme. Es gab keine Komplikationen, ich starb nicht.

Im selben Monat veröffentlichte die Wachtturm-Gesellschaft eine Ausgabe der Zeitschrift Erwachet!, auf deren Cover 26 lächelnde Kinder abgebildet waren. Titel der Ausgabe: „Jugendliche, die Gott den Vorrang geben“. Alle 26 abgebildeten Kinder waren tot. Gestorben, weil sie Gott den Vorrang gegeben und eine Bluttransfusion abgelehnt hatten3. Als würde die amerikanische Waffenlobby mit den toten Columbine-Kindern eine Imagekampagne betreiben.

An den Gesetzen und Grundsätzen der Bibel sieht man, was für ein weiser Gesetzgeber und liebender Vater Jehova ist und wie viel ihm daran liegt, dass es seinen Kindern gut geht (Psalm 19:7-11).

Bewahrt euch in Gottes Liebe, Seite 79

Versucht man die Logik hinter dem Standpunkt der Zeugen nachzuvollziehen, riskiert man einen Schlaganfall. In keinem der von der Wachtturm-Gesellschaft als Beleg angeführten Bibeltexte geht es um medizinische Eingriffe, es geht ausschließlich um die orale Zufuhr bluthaltiger Nahrung. Auch ein weiterer Bibeltext wird stolz zweckentfremdet, um zur Feststellung gelangen zu können, dass Blut in Gottes Augen für Leben steht, als beweise das irgendwas. Daraus schließen die Zeugen Jehovas auf ihrer offiziellen Homepage jw.org: „Wir haben also zwei Gründe dafür, dass wir Blut ablehnen: Gehorsam gegenüber Gott und Respekt vor ihm als Lebengeber.“

Zeugen Jehovas wollen nicht sterben. Sie wollen leben. Mein Vater war als Ältester Mitglied im Krankenhausverbindungskomitee. Das KVK wurde gegründet, um Zeugen Jehovas, die einer medizinischen Versorgung bedürfen, beizustehen. Und um aufzupassen, dass sie keine Bluttransfusion erhalten. Zur Not wachen Mitglieder des KVK 24 Stunden am Krankenbett, stellen sicher, dass die Patientenverfügung beachtet wird und reden den Medizinern in ihre Arbeit rein. Die Ältesten im KVK mussten rund um die Uhr erreichbar sein. Hin und wieder kam es vor, dass mein Vater mitten in der Nacht einen Anruf erhielt und in ein Krankenhaus gerufen wurde. Am folgenden Morgen ging er trotzdem zur Arbeit.

Ein Großteil des Auftrags des KVK besteht aber auch darin, die Forschung bezüglich Blutalternativen voranzutreiben. Dazu arbeitet das Komitee weltweit mit Medizinern zusammen. Tatsache ist: Die moderne Medizin verzichtet bei Routineeingriffen immer öfter auf Fremdblut. Niemand zweifelt daran, dass Fremdblut ein (überschaubares) Gesundheitsrisiko darstellt. Jehovas Zeugen sehen dies als Bestätigung dafür, dass sie im Recht sind und Gottes Segen haben. Mit Gottes Segen hat das nichts zu tun. Im 19. Jahrhundert wurde Kokain als Lokalanästhetikum eingesetzt. Zeugen Jehovas dürfen keine Drogen konsumieren. Es ist nicht Gottes Segen, dass Kokain aus der Anästhesie verschwunden ist. Man nennt das medizinischen Fortschritt.

Trotz allen Fortschritts: In Notfällen gibt es nach wie vor keine Alternative zu einer Bluttransfusion. Egal, wie die Zeugen Jehovas es drehen und wenden, Blut rettet in vielen Fällen Leben. Es ist eine Sache, den Wunsch zu äußern, aufgrund religiöser Gründe bei einem Routineeingriff nach Möglichkeit auf eine Bluttransfusion zu verzichten. Eine ganze andere ist es, als Ehepartner, als Vater, als Ältester einer Versammlung auf Ärzte einzuwirken und mit Blutausweisen und Patientenverfügungen herumzuwedeln, während der Ehepartner, das Kind, das Versammlungsmitglied auf dem OP-Tisch verblutet. Wenn eine Glaubensgemeinschaft Millionen investiert, um Beratung zu leisten und Behandlungsalternativen zu erforschen, kann man ihr schwerlich unterstellen, dass sie den Tod dem Leben vorzieht. Man kann ihr aber unterstellen, dass sie ihren Glauben und ihre Prinzipientreue über das Leben stellt.

Zu meiner Zeit wurde man wegen einer freiwilligen Bluttransfusion, die man nicht bereut, ausgeschlossen. Aus rechtlicher Sicht ist das mittlerweile schwierig. Die entsprechende Formulierung wurde im neuen ÄltestenbuchG angepasst: „Willigte jemand in eine Bluttransfusion ein, weil er eventuell unter großem Druck stand, ermittelt das Komitee den Tatbestand und versucht herauszufinden, wie der Betreffende eingestellt ist. (…) Stellt das Komitee jedoch fest, dass der Betreffende reuelos ist, lässt es bekannt geben, dass er die Gemeinschaft verlassen hat.“4 Man wird nicht mehr ausgeschlossen, man wird gegangen.

Dass die Wachtturm-Gesellschaft ihren Standpunkt in der Blutfrage ändern wird, ist letztlich nur eine Frage der Zeit. Bereits heute dürfen Zeugen Jehovas bestimmte Blutbestandteile verabreicht bekommen (aber nur hochgradig verdünnt und niemals Blut als Ganzes). In meiner Kindheit war das noch anders. Der Leitenden Körperschaft bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Die Berichte von meuternden Interessengruppen innerhalb der Organisation, die die Blutfrage abschaffen wollen, mehren sich. Mit Ausschlussverfahren allein wird man diesem Problem nicht beikommen können. Letztendlich hat die Wachtturm-Gesellschaft in ihrer Trial-and-Error-Mentalität in medizinischen Fragen bislang immer eingelenkt.

In den 30er und 40er Jahren waren Zeugen Jehovas Impfungen untersagt, weil irgendwas mit Noah, Gott und die Flut. Dieses Verbot wurde in den 50ern aufgehoben. 1967 veröffentlichten die Zeugen Jehovas ein Verbot von Organtransplantationen als lebensrettende Maßnahme, weil die Transplantation einen Akt des Kannibalismus… Entschuldigung, ich konnte den Satz nicht mehr vollenden, mein Kopf war kurzzeitig geplatzt. Dieses Verbot wurde im Wachtturm vom 15. März 1980 aufgehoben5. Man möchte gar nicht wissen, wie viele treue Mitglieder der Zeugen Jehovas aufgrund dieser willkürlichen Glaubensexperimente unnötig sterben mussten. Sie sind Kollateralschäden des theologischen Blindekuh-Spiels ihrer Leitenden Körperschaft. Eine konservative Schätzung des amerikanischen Bloggers Marvin Shilmer6 geht von mindestens 50.000 Toten seit 1961 aus – allein durch das Verweigern einer Bluttransfusion. Das klingt so abstrakt. Betrachtet man das Titelbild des berüchtigten Mai 1994-Erwachets, bekommt das tragische Ausmaß der Blutfrage 26 Gesichter7.

Manchmal waren das Gesichter, die ich persönlich kannte. Als Ältester wurde mein Vater häufig in andere Versammlungen eingeladen, um Sonntags eine öffentliche Ansprache zu halten. In einer Versammlung beobachtete ich, wie einer der örtlichen Ältesten während der Ansprache meines Vaters eine Nachricht erhielt und hastig aufbrach. Nach der Zusammenkunft erfuhren wir, dass ein Glaubensbruder aus der Nachbarversammlung in einen schweren Unfall verwickelt worden war. Er, Vater von vier oder fünf Kindern, hatte schwerste Verletzungen davongetragen, die Ärzte wollten ihm Blut geben, das KVK hatte eingreifen müssen. Er erhielt keine Bluttransfusion und überlebte.

Einige Jahre später machte sich seine älteste Tochter nach einem Nachmittag im Predigtdienst auf den Nachhauseweg. Aus ungeklärten Gründen kam sie von der Straße ab und fuhr gegen einen Baum. Sie wurde schwerstverletzt geborgen. Ihre Familie und Älteste aus dem KVK begleiteten sie ins Krankenhaus und stellten sicher, dass ihre Gewissensentscheidung, kein Blut zu erhalten, respektiert wurde. Sie starb im Operationssaal.

Diese Geschichte hat keine Pointe.

ANHANG:

1) Abbildung des Kinderausweises (weiter im Text)

2) Abbildung des Erwachsenen-Ausweises (weiter im Text)

3) Zitat aus der Ausgabe: „In alter Zeit waren Tausende von Jugendlichen bereit zu sterben, weil sie Gott den Vorrang gegeben haben. Heute ist es nicht anders, nur spielt sich das Drama in Krankenhäusern und Gerichtssälen ab – es geht um Bluttransfusionen.“ Erwachet!, 22. Mai 1994, englische Ausgabe (weiter im Text)

4) vgl. Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, 1991, Seite 95; Hütet die Herde Gottes, 2010, Seite 111 (weiter im Text)

5) vgl. Das Goldene Zeitalter, 4. Februar 1931, Seite 293; Der Wachtturm, 15. November 1967, Seite 702 (weiter im Text)

6) „A newly published medical study offers opportunity to make a very conservative extrapolation of the number of Jehovah’s Witnesses who have suffered premature death abiding by Watchtower’s blood doctrine.“ (weiter im Text)

6) Anmerkung zu dem Erwachet!-Cover: Gesichert ist, dass die drei groß abgebildeten Jugendlichen an den Folgen einer verweigerten Bluttransfusion starben – ihre Geschichte wird im Magazin erzählt. Ob die im Hintergrund abgebildeten Kinder ebenfalls tot sind oder Stockmaterial entspringen ist mir unbekannt – ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Wachtturm-Gesellschaft mit dem Nutzen der Fotos implizieren möchte, dass sie heldenhaft an den Folgen einer verweigerten Bluttransfusion gestorben sind. So oder so ist das meiner Meinung nach moralisch mindestens fragwürdig. (weiter im Text)

Dämonen

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Ich hasse Achterbahnen. Wenn es sich vermeiden lässt, springe ich weder mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug noch an einem Seil von einer Brücke. Horrorfilme müssen auch nicht sein. Ich habe gern meine Ruhe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die regelmäßig einen positiven Erregungsgipfel, sprich: einen Kick suchen. Viele Menschen lieben den Adrenalinstoß. Nicht umsonst nennt man wagemutige Menschen häufig Adrenalinjunkies. Das ist überhaupt nicht meins.

Vor allem Geisterbahnen habe ich nie gemocht. Ich lebte ja in einer. Die schaurigste Bibelgeschichte, die ich je las, war die von dem Mann im Land der Gerasẹner. Ich kannte sie aus einer Artikelreihe im WachtturmG, in der das Leben und Wirken Jesu Christi kindgerecht aufgearbeitet wurde. In einer Folge ging es um einen armen Teufel, der Tag für Tag durch die Grüfte irrte, nackt und von Sinnen. Die Anwohner versuchten ihn zu fesseln, doch seine übermenschlichen Kräfte sprengten jede Kette. Nachts fiel er durch sein Geschrei und sein autoaggressives Verhalten auf. Der Mann war gleich von einer ganzen Horde Dämonen besessen, die sich „Legion“ nannte und ihn tagein, tagaus quälte. Als Jesus auf ihn traf, bekamen es die Dämonen mit der Angst zu tun. Sie baten Jesus, sie nicht zu vertreiben. Was natürlich ein Dilemma war, weil Jesus sie ja schlecht in dem Mann lassen konnte, schließlich waren Dämonen Feinde. Die Dämonenbande schlug einen Kompromiss vor: In der Nähe weidete eine große Herde Schweine. Jesus möge die Dämonen von ihnen Besitz ergreifen lassen. Jesus dachte kurz nach. Es war das Jahr 1 nach Christus. Es würde noch knapp 1979 Jahre dauern, bis PETA auftauchte. Bis dahin wäre er längst weg. Was soll’s, dachte Jesus. Er schlug ein. Die Dämonen verließen den Mann, fuhren in die Schweine und trieben alle zweitausend dazu, sich von den nahen Klippen ins Meer zu stürzen. Wie es im Markus-Evangelium so schön heißt: „Und sie, eines nach dem anderen, ertranken im Meer.“1

Solche Geschichten bekam man als Kind bei den Zeugen Jehovas regelmäßig zu hören. Satan und seine Dämonen sind das liebste Schreckgespenst der Zeugen Jehovas. Man muss als Christ höllisch aufpassen, sie lauern überall. Man wusste nie so recht, wann und hinter welcher Ecke der nächste Dämon auftauchen würde. Und wenn man erstmal einen im Haus hatte, wurde man den so schnell nicht wieder los. Man brachte mir bei: Religiösen Aberglauben gibt es bei den Zeugen Jehovas nicht. Abergläubisch sind nur die anderen, die von den falschen Religionen. Man brachte mir auch bei, dass es wichtig war, gewisse Dinge, Orte, Handlungen zu vermeiden. Allem, was „spiritistisch“ sein könnte, aus dem Weg zu gehen, weil solche Dinge, Orte und Handlungen Portale in die Welt der Dämonen waren. Solch ein Portal wollte man einfach nicht öffnen. Alles konnte ein Portal sein. Von Offensichtlichem wie einer Geisterbeschwörung mittels eines Ouija-Brettes bis hin zu etwas Banalem: Ein Lied, ein Film, ein Buch.

Man musste ständig auf der Hut sein, die Gefahr drohte überall. Unter den BrüdernG und Schwestern kursierten die aberwitzigsten Geschichten. Irgendwer kannte immer irgendwen, der irgendetwas „spiritistisches“ erlebt hatte. Ein Bruder habe sich ein Stephen King-Buch gekauft und Nachts habe das Licht geflackert. Im PredigtdienstG sei man im Haus einer Wahrsagerin gelandet und als man die Bibel aus der Tasche geholt habe, sei ein Wind durch die geschlossenen Räume gerauscht. Wiederholt wurde mir abgeraten, etwas auf dem Flohmarkt zu kaufen, schließlich kannte ich die Quelle nicht, ich könnte mir unfreiwillig die Dämonen ins Haus holen. Auf keinen Fall solle man Filme wie Das Omen, Rosemaries Baby oder Der Exorzist gucken, man fordere ja das Schicksal geradezu heraus, H.P. Lovecraft gehe gar nicht, John Sinclair auch nicht und die Lektüre von Tolkien sei nicht etwas, worüber man öffentlich sprach. Chris de Burgh habe anwesende Zeugen Jehovas aufgefordert, den Konzertsaal zu verlassen, damit er seine Gitarre von Geisterhand spielen lassen konnte. Die Geschichten waren Legion, die Pointe immer dieselbe: Die Dämonen warteten nur darauf, uns zu quälen und eigentlich hatten wir keine Chance.

Angst ist der Eckpfeiler der Zeugen Jehovas-Lehre. Die Angst vor HarmagedonG, vor einem schlechten Gewissen, vor einem allsehenden Gott, vor Dämonen. All das hält einen Zeugen auf Trab. Die Angst davor, Gott zu enttäuschen, das ParadiesG zu verpassen, sich einen Dämonen einzufangen ist der ständige Begleiter der meisten Zeugen Jehovas.

Das ist so gewollt. Der amerikanische Pädagoge Steven Hassan entwickelte das BITE-Modell, anhand dessen sich das Gefahrenpotenzial einer Gruppierung einschätzen lässt. BITE steht für „Behavior-, Information-, Thought- und Emotional-Control“2. Den Mitgliedern Angst einzuflößen ist ein integraler Bestandteil der Gefühlskontrolle, die die Zeugen Jehovas ausüben. Schlagworte wie „Satan“, „Gefahr“, „Teufel“, „Böse“, „Dämonen“ oder „Sünde“ tauchen in fast jeder Wachtturm-Publikation auf. In einem ironischerweise Bewahrt euch in Gottes Liebe betitelten, 2008 erschienen Buch kommt das Wort „Satan“ 88 Mal vor, das Wort „Teufel“ 39 Mal. Eine ständige akute Bedrohungslage. Das Gefühl zwischen zwei Loopings. Während das Flugzeug startet. Bevor der Serienkiller sich offenbart. Ein Leben unterlegt mit der Musik aus Psycho. In Dauerschleife.

Manchmal frage ich mich, wie die Ältesten der Zeugen Jehovas mit einem Glaubensmitglied umgehen, das von den Symptomen einer Wahnvorstellung oder einer Psychose berichtet. Ich will gar nicht wissen, wie vielen Zeugen Jehovas medizinische und therapeutische Hilfe verwehrt blieb, weil man ihnen fälschlicherweise Dämonen andichtete. Zu meiner Zeit machte man keine Therapien. Ein Ältester sagte einmal in einem Vortrag: Kein Psychiater kann etwas, was nicht auch ein gutes Gebet hinbekommt.

Auch nach meinem Ausstieg verfolgte mich die Angst vor den Dämonen. Es fiel mir schwer, Filme wie Das Omen, Rosemaries Baby oder Der Exorzist zu gucken. Nachdem ich den Trailer vom ersten Paranormal Activity-Film gesehen hatte, musste ich beim Einschlafen monatelang eine Friends-DVD laufen lassen, weil ich Panikattacken hatte, wenn ich im Dunkeln allein im Bett lag. Ich sah Dinge. Dinge, die nicht da waren3. Psychologen diagnostizieren bei ehemaligen Sektenmitgliedern immer häufiger eine Posttraumatische Belastungsstörung. Man muss kein Psychologe sein, um das nachvollziehen zu können. Stress in Maßen ist gesund. Er stärkt uns, durch die Belastung entwickeln wir uns weiter. Auf Dauer jedoch zermürbt einen das Adrenalin wie jedes andere Suchtmittel4.

Nichts fürchtet die Angst mehr als die richtigen Fragen, sagt man. Jahrelang stellte ich mir dummerweise die falsche, nämlich, ob es Dämonen gibt (als Atheist ist die Frage eigentlich hinfällig, aber Ängste sind selten logisch). Dabei war die richtige Frage eigentlich eine andere:

Wer sagt denn, dass Dämonen böse sind?

Der Witz ist ja: Ich kannte immer nur eine Version der Geschichte. Die eine Seite. Man hatte mir gesagt, dass Dämonen böse sind und dass sie Gefallen daran finden, wenn wir böse Dinge tun. Als ich endlich die richtige Frage stellte, sah ich die die riesengroße Handlungslücke. Wenn Dämonen sich freuen, wenn wir böse Dinge tun und uns gegen Gott wenden, warum sollten sie uns dann quälen? Dann sollten sie auf uns aufpassen. Schließlich sind wir dann auf ihrer Seite. Das Wort Dämon hat interessanterweise einen durchaus positiven Ursprung. Erst durch die Christen bekam das Wort die Bedeutung, die wir heute kennen. Und plötzlich, von einem Tag zum Nächsten, war die Angst vielleicht nicht weg, aber unscheinbarer geworden. Der Gast am Tresen, der immer da ist, aber nicht mehr auffällt. Nichts fürchtet die Angst mehr als die richtige Fragen, sagt man. Man muss sie nur zu stellen wissen.

Jetzt weiß ich: Ich hatte nie Angst vor Dämonen. Ich hatte Angst vor der Angst vor Dämonen. In meinen guten Momenten, wenn ich ganz bei mir bin, frei von der Vergangenheit, weiß ich, dass es nichts böses Übernatürliches gibt. Für alles gibt es eine Erklärung. Wenn es keine Erklärung gibt, dann nur, weil wir es noch nicht verstehen. Was wir nicht verstehen, muss uns aber keine Angst machen. Ich gucke jetzt wieder häufiger Horrorfilme. Ich habe verstanden, dass Angst manchmal auch Spaß machen kann. Die Dinge haben nur die Macht, die man ihnen selbst verleiht.

Und überhaupt: Vielleicht sollte sich dieser Jehova mal Gedanken machen. Es läuft doch gehörig etwas schief, wenn man sich lieber mit seiner größten Angst einlässt, statt sich in seiner Liebe zu bewahren.

ANHANG:
1) vgl. Die Bibel, Markus 5:1-13 (weiter im Text)
2) Verhaltens-, Informations-, Gedanken- und Gefühlskontrolle (weiter im Text)
3) Das hypnagoge Stadium ist eine Phase des Schlafes, in der das volle Bewusstsein noch vorhanden ist, aber durch kurze, oft bloß sekundenlange Traumstadien unterbrochen wird. Was dazu führt, dass man Dinge zu sehen oder hören meint, die gar nicht da sind. Die Traumsequenz vermischt sich mit der realen Umgebung und führt zu einer Sinnestäuschung, die sehr real wirkt, und Ängste, gar eine Panik auslösen kann. (weiter im Text)
4) vgl. Warum wir den Druck brauchen, Eva-Maria Träger, Tagespiegel, 20. April 2013 (weiter im Text)

Battle Royale

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Das sonntägliche, öffentliche Studium der Zeitschrift Wachtturm im örtlichen Königreichssaal war zu meiner Zeit eine der eigenartigeren ZusammenkünfteG der Zeugen Jehovas. In Vorbereitung las man zu Hause den aktuellen Studienartikel Absatz für Absatz und strich die Stellen an, die die jeweilige Frage beantworteten. Am Sonntag dann las ein Glaubensbruder auf der Bühne einen Absatz vor. Danach stellte der Studienleiter die vorgegebene Frage ans Publikum. Und ein Zuhörer zitierte dann die entsprechende Stelle im Absatz, die buchstäblich keine 30 Sekunden zuvor grad erst vorgelesen worden war. Ein theologischer Idiotentest.

In jedem Absatz wurde dann noch mindestens eine erwähnte Bibelstelle abgefragt, bevor sich der ganze Zirkus im nächsten Absatz wiederholte, bis man alle 20-25 Absätze durchgekaut hatte. Am Schluss wurden die wichtigsten Lektionen nocheinmal zusammengefasst wiederholt. Dann durften wir nach Hause. Das machten wir jeden Sonntag. Der wenigste Spaß, den man mit mehreren Menschen haben konnte.

Das Wachtturm-Studium war ein fester Teil unseres Familienlebens. Zum einen, weil wir jeden Sonntag in den KönigreichssaalG gingen. Zum anderen, weil wir uns selbstverständlich als Familie auf das Wachtturm-Studium vorbereiteten. Bis in meine späte Jugend nahm ich so jeden Studienartikel mindestens zwei Mal durch. „Mindestens“ deshalb, weil selbstverständlich erwartet wurde, dass man die komplette Wachtturm-Ausgabe bei Erscheinen bereits einmal durchgelesen hatte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das je gemacht hätte.

Wenn Familienstudienabend war, setzten wir uns ins Wohnzimmer. Mein Vater sprach ein Gebet (Frauen durften in Anwesenheit eines getauften Mannes nicht öffentlich beten, weil sonst das Universum hart explodiert wäre), dann ging der oben beschriebene Wahnsinn im kleinen Rahmen los. Sobald mein Geschwisterchen und ich das Lesen gelernt hatten, durfte jedes Familienmitglied reihum einen Absatz vortragen. Mein Vater stellte die Frage, einer von uns antwortete. Anfangs genügte es meinen Eltern, wenn wir einfach die richtige Stelle Wort für Wort vorlasen. Je älter wir wurden, desto mehr wurde von uns jedoch erwartet, dass wir die Lösung in eigenen Worten wiedergaben. Was nichts anderes hieß, als dass man mit der Zeit wohl oder übel zum menschlichen Thesaurus wurde; man ersetzte hier ein Wort, ließ da eins aus oder würfelte kreativ den Satzbau durcheinanander, gerne bis zur völligen Sinnentstellung. Im Anschluss dann strich man die entsprechende Stelle an. Fertig war die Laube.

Als ich noch klein war, strich ich einfach irgendetwas an. Meistens spickte ich bei meinen Eltern. Oder ich unterstrich eines der Wörter, das ich am schönsten fand. Hauptsache bunt. Wir waren eine Stabilo-Familie. Mein Vater besaß ein ganzes Arsenal an Stabilo-Produkten, vom Stabilo Boss bis zum Stabilo Point. Mit dem Stabilo Boss strich er die Stellen im Absatz an, gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Mit einem schwarzen Stabilo Point notierte er dann noch die Bibeltexte am Seitenrand. Gideons Familie hingegen vertraute in der Regel auf Faber-Castell Textliner 48 in Rot und Gelb zum Unterstreichen der Antworten und Rotring Fineliner für die Bibeltexte.

Ich war schon immer sehr faul. In der Schule wie im Alltag. Zum Zimmeraufräumen musste ich genötigt werden, das Hausaufgabenmachen ließ ich irgendwann gänzlich bleiben und von meiner anfänglichen Euphorie, meinen Wachtturm bunt anzumalen, blieb mit dem Älterwerden nicht mehr viel übrig. Bis ich eines Tages während des Wachtturm-Studiums neben Gideon saß.

Ich schaute nach links. Gideon hatte fein säuberlich mit einem Lineal und seinem Fineliner alle Zeilen unterstrichen und einzelne Stichpunkte zu den Bibeltexten in den Rand geschrieben. Ich schaute auf meinen Wachtturm. Er war in meiner Tasche durch die hektisch drauf geworfene Bibel zerknickt worden; überall an den Rändern waren Spuren meiner Fettfinger zu sehen. Und in einem Anflug akuter Indisponiertheit während des Familienstudiums hatte ich relativ lieblos mit einem Bleistift Linien unter die Textstellen gemalt. Nicht nur schienen die Linien direkt dem Lügendetektortest eines Baron Münchhausens entnommen worden zu sein, sie waren auch noch an den falschen Stellen. Ich hatte einfach irgendetwas markiert. Der Jesus-Zeichnung hatte ich eine Sonnenbrille gespendet. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich noch anmerken, dass ich immerhin so viel LangeweileMotivation besessen hatte, jede einzelne Buchstabenpunze schwarz auszumalen. Meine Zeugen-Jehovas-Laufbahn war schon immer mehr Schein als Sein gewesen.

Hämisch grinste Gideon zu mir rüber. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. In der nächsten Woche hatte ich analog zu meinem Vater alle Antworten mit einem Stabilo Boss markiert – gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Außerdem hatte ich jeden Bibeltext Wort für Wort in den Seitenrand geschrieben.

Kleinlaut biss Gideon sich auf die Lippen. Das hatte er nicht erwartet. Ich wusste, die Replik würde nicht lange auf sich warten lassen. Bereits am folgenden Sonntag schlug er zurück. Seine Antworten waren jetzt auch farblich hinterlegt. Zusätzlich hatte er die farbigen Balken mit einem Fineliner umrandet, alle Bibeltexte in den Seitenrand geschrieben und Zitate aus Sekundärliteratur der Zeugen recherchiert. Mein Kampfgeist war geweckt.

Am Montag darauf klaute ich meinem Vater einen blauen Stabilo Boss. Ergänzend zu den richtigen Antworten hinterlegte ich nun in jedem Absatz auch ein paar weitere Zeilen mit Stellen farbig, die ich bemerkenswert fand. Die aufgeschriebenen Bibeltexte verband ich mit Pfeilen mit ihrer Quelle im Absatz, als hätte ein Kaugummi-Automat eine Mindmap entworfen. Auch die Fragen kennzeichnete ich farbig, um sie besser zuordnen zu können. Ich konnte so gut wie nichts mehr erkennen, zumal ich die Farben so dick aufgetragen hatte, dass sie auf der Rückseite durchschimmerten, so dass mein Wachtturm wie ein Monet aussah. Aus seiner blinden Phase. Aber das war nebensächlich. Es gab eine Schlacht zu gewinnen.

Gideon sagte nichts. Aber innerlich tobte er, das spürte ich. Und ich, ich genoss den Triumph.

Der Wahnsinn ging noch ein paar Monate weiter, bis mit der Zeit alles farblich markiert und auführlich notiert war, was einem Buchstaben auch nur annähernd ähnlich sah. Wir hätten auch einfach das Fernseh-Testbild ausdrucken können, den Unterschied hätte niemand bemerkt. Das war kein Wachtturm-Studium mehr, das war ein Holi-Festival.

Irgendwann ließ mein Enthusiasmus nach. Unsere Farbenschlacht langweilte mich. Zuerst verschwanden die Pfeile, dann die notierten Bibeltexte, dann die Farben, bis ich irgendwann zum Bleistift zurückkehrte – wenn ich mich überhaupt vorbereitete. Gideon jedoch machte weiter. Gideon hatte gewonnen. Nichts hätte mir egaler sein können.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass es eine Korrelation gab zwischen meinem steigenden Desinteresse und meinen ersten, wachsenden Zweifeln an einem Leben bei den Zeugen Jehovas.

Darth Vader vs. Captain Kirk

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In unserer VersammlungG gab es einen Bruder, der sich großer Beliebtheit bei uns Kindern erfreute. Nach den ZusammenkünftenG scharten wir uns um ihn und beobachteten fasziniert, wie er Bilder zeichnete. Egal, was wir uns wünschten, er zeichnete es uns. Außerdem hatte er die größte Videocassetten-Sammlung, die ich je gesehen hatte. Chuck Norris, Michael Dudikoff, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Silvester Stallone, Dolph Lundgren, Jean-Claude Van Damme – die Helden der 80er und 90er hatten einen festen Wohnsitz in seinem Zuhause. Wenn wir einen bestimmten Film haben wollten, er konnte ihn besorgen, natürlich heimlich, ohne, dass unsere Eltern etwas erfuhren. Das gleiche galt für Musik. Die geliebte Kassette, auf der „The final Countdown“ von Europe drauf war, die hatte ich von ihm. Irgendwann war er nicht mehr in unserer Versammlung. Bei den Eltern und bei den ÄltestenG war er nicht ganz so beliebt. Ich weiß bis heute nicht, was eigentlich aus ihm geworden ist.

In einer Vertretungsstunde an meiner Schule schob meine Lehrerin einen Fernseher samt Videorecorder in den Klassenraum und zeigte uns den Kassenerfolg des vergangenen Jahres, „Der bewegte Mann“. Als meine Eltern davon erfuhren, beschwerten sie sich erbost bei meiner Klassenlehrerin, weil ihr Sohn homosexueller Propaganda ausgesetzt worden war. Sie waren übrigens nicht die einzigen Eltern, die sich beschwerten. Es waren die 90er in der deutschen Provinz.

Das sagenumwobene ÄltestenbuchG der Zeugen Jehovas zählt auch in der aktualisierten Ausgabe von 2010 zahlreiche Missetaten auf, die absolute No-Gos sind und die Bildung eines Rechtskomitees erfordern. Dazu zählen Trunkenheit, Totschlag, den natürlichen sowie den widernatürlichen unsittlichen Gebrauch der Genitalien in unzüchtiger Absicht, Bluttransfusionen, das Begehen von Feiertagen der falschen Religion, extreme Unsauberkeit, Tabakmissbrauch, Umgang mit einem Ausgeschlossenen, mit dem man nicht verwandt ist, etc.

Alles andere ist die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Die Zeugen Jehovas nennen diesen persönlichen Ermessensspielraum das „biblisch geschulte Gewissen“. Dieses Gewissen kommt immer dann zum Tragen, wenn es sich beim Sachverhalt um eine Grauzone handelt. Bei den Zeugen Jehovas gibt es unzählige Grauzonen. Die vermutlich größte ist die Frage, wie man seine Freizeit gestalten darf. Die Frage, welche Filme man schauen, welche Musik man hören und welche Hobbies man haben darf, ist Inhalt endloser Diskussionen.

Es gibt keinen offiziellen Index. Die Leitende KörperschaftG schreibt niemandem vor, welche Filme man schauen, welche Musik man hören und welche Hobbies man haben darf. Das müssen sie auch nicht, weil der durchschnittliche Zeuge Jehovas entsprechend konditioniert ist. Diese Konditionierung nennt man das „biblisch geschulte Gewissen“. Als ZJ weiß man, was geht und was nicht. Geschult wird das persönliche Gewissen von der Leitenden Körperschaft, die es selten an dann doch recht eindeutigen Zweideutigkeiten mangeln lässt.

In der Bibel wird uns nicht ausdrücklich untersagt, Filme oder Sendungen anzusehen, in denen brutale Gewalt oder Unmoral gezeigt wird. Aber brauchen wir dafür wirklich eigens ein Verbot? Wir wissen auch so, wie Jehova darüber denkt, denn in seinem Wort heißt es klipp und klar: „Jeden, der Gewalttat liebt, hasst SEINE [Jehovas] Seele gewiss“ (Psalm 11:5). Und: „Gott wird Hurer und Ehebrecher richten“ (Hebräer 13:4). Wenn wir uns über diese Worte Gedanken machen, wird uns deutlich bewusst, „was der Wille Jehovas ist“. Deshalb kommt es für uns gar nicht infrage, Filme anzuschauen, in denen plastisch dargestellt wird, was Gott hasst. Und wir wissen: Jehova freut sich, wenn wir uns von dem Morast der Unmoral fernhalten, den uns die Welt als harmlose Unterhaltung verkaufen will.

– Bewahrt euch in Gottes Liebe, Wachtturm-Gesellschaft, Seite 9

Denk nicht, es würde keine große Rolle spielen, was für Spielfilme oder Fernsehsendungen du dir anschaust. Warum ist das nicht egal? Weil die Wahl der Unterhaltung ein Fenster zu deinem Herzen ist. Man erkennt daran, welche Werte dir wichtig sind (Lukas 6:45). Deine Wahl verrät viel darüber, was für Freunde du dir wünschst und was für eine Sprache oder Moral du tolerierst. Sei also wählerisch!

– Fragen junger Leute – Praktische Antworten, Band 2, Wachtturm-Gesellschaft, Seite 269

Wählerisch sein zu sollen, bedeutet ja auch, dass man eine Wahl hat. Das ist gut. Wer jetzt also als junger Zeuge Jehovas dachte: „Mensch, ist ja halb so schlimm, ist ja relativ entspannt, das Ganze, solange mein Gewissen das erlaubt, ist alles paletti“, nun, der sah sich dann mit dieser Belehrung konfrontiert:

Vor allem müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir uns nicht immer auf unser Gewissen verlassen können. (…) Wenn wir also bei einer bestimmten Art der Unterhaltung kein schlechtes Gewissen haben, ist das nicht unbedingt eine Garantie dafür, dass wir richtig handeln. Sicher führen kann uns nur ein durch Gottes Wort richtig geschultes Gewissen.

– Wachtturm, 15. Februar 2004, Seiten 19-20

Das sind sehr gute Beispiele für die eigenartige Rhetorik der Zeugen Jehovas. Ich nenne sie den vereinnahmenden Imperativ. Das „wir“ gewinnt. Die Leitende Körperschaft muss gar nicht alles bis ins kleinste Detail festlegen – der gute Zeuge Jehovas weiß, was Gott (lies: die Leitende Körperschaft) von ihm erwartet. Der Diplompsychologe Manfred Neumann sagt dazu:

Das Perfide an dieser Vorgehensweise ist, daß (…) nicht direkt gesagt wird, wie er sich verhalten soll… Das Stichwort „biblisch geschultes Gewissen“ ist ein Codewort für die Regeln der Gruppe. Auf diese Weise vermeidet sie es, das gewünschte Handlungsmuster zu benennen, vielmehr überläßt sie dies dem Einsteiger selber. So bekommt er das Gefühl, selbstverantwortlich zu handeln, und die Gruppe kann im Konfliktfall immer sagen, sie habe ein derartiges Handeln nicht gemeint und nicht gefordert.

Dieses vorgetäuschte selbstverantwortliche Handeln ist nicht immer einfach. Im Erwachet stand einmal etwas über die New Age-Bewegung. Neben der Behauptung, mit New Age hole man sich Dämonen ins Haus, lieferte die Zeitschrifte noch eine Liste der wichtigsten Merkmale, an denen man New-Age-ifizierte Dinge erkennen konnte. Und so wurde aus einem Video-Nachmittag mit einer befreundeten Zeugen Jehovas-Familie kein Video-Nachmittag mit einer befreundeten Zeugen Jehovas-Familie, weil nach Ansicht meiner Eltern der Disney Film Hook ein New Age-Propagandastreifen war. Der Film Perfect World löste in unserer Versammlung hitzige Debatten aus. Die einen meinten, man dürfe ihn nicht sehen, weil er die Zeugen Jehovas in einem schlechten Licht darstelle. Ebendrum müsse man ihn sehen, meinten die anderen, um im Predigtdienst entsprechend reagieren zu können.

Natürlich gibt es Bands oder Filme, bei denen keinerlei Zweifel bestehen, das sie für Zeugen Jehovas nicht geeignet sind. Diese schaffen es dann sogar auch mal in die Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft, sei es durch die eindeutige Beschreibung von Szenen oder Songtexten, oder gar durch eine namentliche Erwähnung. Basic Instinct und Harry Potter sind sehr prominente Beispiele. Dann wird vermieden, was das Zeug hält. Zuletzt erlebte der Film Krabat dank der Zeugen Jehovas eine mediale Renaissance1.

Ansonsten ist natürlich alles Gewissenssache. Das Problem daran ist, dass man als junger Zeuge Jehovas nie so wirklich wusste, woran man war. Dieses Rumgeeiere führte dazu, dass man, wenn man nicht aufpasste, innerhalb seiner Versammlung blitzschnell wahlweise als unerträglicher Eiferer und Spießer oder als Schlechte GesellschaftG gebrandmarkt war, weil das persönliche Gewissen mit dem der anderen kollidierte. Grauzonen habe ich bei den Zeugen Jehovas immer als sehr relativ erlebt. Es gab ein spürbares globales Gewissen, was den Einzelnen im Streitfall zur kollektiven Verfügungsmasse machte. Da konnte man gar nicht so schnell gucken wie man einen Hirtenbesuch an der Backe hatte.

Aber natürlich reizten wir Zeugen-Jehovas-Jugendlichen den uns gebotenen Spielraum so weit wie möglich aus. Wir lernten, die Grenzen unserer christlich geschulten Gewissen mit jedem Film, jedem Album neu auszuloten. Man entwickelte ein Gespür dafür, mit welchem Ältesten oder Bruder oder Schwester man über diesen Film sprechen oder jenen Film nicht sprechen durfte. Irgendwann wusste man, in welchen Gruppenkonstellationen man worüber reden konnte; mit wem es besser war, den eifrigen ZJ heraushängen zu lassen und wann man so sein konnte, wie man wirklich wollte.

Trotzdem kam es immer wieder zu völlig absurden Diskussionen wie dieser:

„Schaust du auch Star Trek?“, fragte der Bruder mich, als wir im Predigtdienst waren.

„Ich bin mehr so der Star Wars-Typ“, antwortete ich.

„Star Wars? Das ist dämonisch.“

„Quatsch.“

„Doch, doch. Die können doch zaubern. Mit der Macht. Dinge bewegen und so.“

„Star Wars ist ein Science Fiction-Märchen, das darf man nicht so ernst nehmen. Du hast doch als Kind auch Grimms Märchen gelesen.“

„Nee, durfte ich nicht. Das ist auch dämonisch.“

„Quatsch. Meine Eltern haben mir selber ein Buch der Gebrüder Grimm geschenkt. Mein Vater ist Ältester, der wird mir wohl nichts dämonisches schenken. Er findet Star Wars auch ok.“

„Hm.“

„Außerdem, bei Star Trek und so, da gibt’s auch so Monster und Aliens. Könnte auch dämonisch sein.“

„Nee! Star Trek ist hochwissenschaftlich. Der Warpantrieb zum Beispiel ist unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Ganz anders als die Macht. Das habe ich nachgelesen.“

„Wo hast du das bitte nachgelesen?“

„In der P.M.“

Und so weiter und so fort. Solche Unterhaltungen gab es ständig.

Ein bisschen ist das natürlich auch George Lucas‘ Schuld. Wäre er schon damals mit der Wahrheit über die Macht und die Midi-Chlorianer2 rausgerückt, dass die Macht letztendlich eine Art chemische Reaktion ist, wäre mir so manche Diskussion erspart geblieben.

ANHANG:
1) Die Zeugen Jehovas und der Film Krabat (weiter im Text)
2) Die Macht und die Midi-Chlorianer

Schlechter Einfluss

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Beim Elternsprechtag in der siebten Klasse äußerte sich meine Deutschlehrerin besorgt. In einem Aufsatz, dessen Aufgabenstellung es war, eine Kurzgeschichte aus dem Deutschbuch fortzusetzen, hatte ich die Zielsetzung, zwei Seiten zu schreiben, mit knapp zehn Seiten zwar weit übertroffen; Anlass zur Sorge gab allerdings die Tatsache, dass ich die eigentlich doch recht harmlose Geschichte in einem Banküberfall samt Blutbad hatte enden lassen. Ob ich zu Hause unter Umständen Filmen ausgesetzt sei, die für mein Alter ungeeignet waren? Meine Mutter schüttelte den Kopf. Wir seien Zeugen Jehovas. Man habe ein Auge darauf, was im Kinderzimmer landete. Und das waren weder der Terminator noch Conan.

Ich bin in meiner Kindheit ohne Fernseher aufgewachsen. Das hatte nichts mit den Lehren der Zeugen Jehovas zu tun und war ausschließlich eine persönliche Entscheidung meiner Eltern. Ich beneidete meine Klassenkameraden, die einen Fernseher hatten. Also alle. Mit großen Ohren hörte ich zu, wenn sie von einem Roboter erzählten, der aus der Zukunft kam und gegen einen Roboter kämpfte, der aus flüssigem Metall bestand. Oder von einem mythischen Krieger, der sich an allen blutig rächte. Es klang wundervoll. Ohne Fernseher war ich gezwungen zu lesen. Die Bilder in meinem Kopf ersetzten den Fernseher. Ich entwickelte eine ausgeprägte Fantasie. Wenn wir mit der Familie die Bibel studierten, langweilte ich mich in der Regel und flüchtete mich in Tagträume. Doch ab und an erregte ein Bibeltext meine Aufmerksamkeit und löste ein fasziniertes, wohliges Schaudern in mir aus.

Was Amạsa betrifft, er war nicht auf der Hut vor dem Schwert, das in Jọabs Hand war, so daß er ihn damit in den Unterleib schlug, und seine Eingeweide ergossen sich auf die Erde, und er brauchte es ihm nicht noch einmal zu tun. (…) Die ganze Zeit wälzte sich Amạsa im Blut mitten auf der Landstraße.

– Die Bibel, 2. Samuel 20:10-12

Meine Schulfreunde hatten vielleicht Conan, den Barbaren. Ich hatte die Bibel. Ich malte mir die Szene in den schillerndsten Farben aus. Es war ein anderer Bibeltext, der mich noch ein bisschen mehr faszinierte.

Dann fuhr Ẹhud mit seiner linken Hand hinein und nahm das Schwert von seiner rechten Hüfte und stieß es ihm in den Bauch. Und auch der Griff fuhr nach der Klinge hinein, so daß sich das Fett um die Klinge schloß, denn er zog das Schwert nicht aus seinem Bauch heraus, und die Fäkalien begannen herauszukommen.

– Die Bibel, Richter 3:21, 22

Am nächsten Tag setzte ich mich mit meinen Buntstiften an den Küchentisch und zeichnete das Bild, das der Bibeltext in meinem Kopf ausgelöst hatte. Die Zeichnung hing noch viele Jahre in unserer Küche.

Neben den Bilderbüchern, und später den Comics und Karl-May-Büchern, die mein Geschwisterchen und ich verschlangen, besaßen wir natürlich auch eine Ausgabe von Mein Buch mit biblischen Geschichten, ein Buch mit knallgelbem Einband und metallisch-roter Beschriftung. Die Wachtturm-GesellschaftG hatte das Buch speziell für Kinder entwickelt, um ihnen die Bibel kindgerecht näherzubringen. Wie jede Bill-Cosby-Show-Folge hatten auch hier alle Kapitel eine Lektion. Ich habe das Buch nie ganz gelesen, denn als ich endlich lesen konnte, interessierte ich mich für spannendere, weltlichereG Bücher. Aber die Bilder habe ich mir angeschaut. Jedes einzelne. Zum Beispiel das Bild mit dem flüchtenden Kain und dem in einer Blutlache liegenden Abel. Das Bild in der Geschichte über die Sintflut, auf dem verzweifelte, ertrinkende Menschen zu sehen sind. Das Bild, auf dem Abraham ein Messer über seinen Sohn hält. Das Bild, auf dem eine Stadt mit einem Feuerregen bestraft und eine Frau unter Schmerzen in eine Salzsäule verwandelt wird. Das Bild von Jesus mit schmerzverzerrtem Gesicht, dem das Blut aus den Händen fließt. Das Bild, auf dem Stephanus zu Tode gesteinigt wird. Wenn ich mich in den ZusammenkünftenG langweilte, schaute ich mir diese Bilder an. Es war das einzige Bilderbuch, das ich in den KönigreichssaalG mitnehmen durfte.

Einmal im Jahr gibt die Wachtturm-Gesellschaft das sogenannte Jahrbuch heraus, in dem die jährlichen PredigtdiensterfolgeG gefeiert werden. In jeder Ausgabe wird zudem das Werk der Zeugen Jehovas in einem bestimmten Land beleuchtet. Ganz besonders beliebt waren die Reportagen aus Ländern, in denen die Zeugen Jehovas verboten waren. Der mutige Kampf der örtlichen Zeugen angesichts der brutalen Verfolgung wurde besonders hervorgehoben. Damit es keine Zweifel geben konnte, welche Qual sie in ihrem Kampf für Jehova erlitten hatten, ging man in den Berichten bis ins kleinste grausame Detail.

Many were the reports of rape, mutilation, and beating of Christian women. (…) The vicious attacks claimed many lives. In Cape Maclear, at the southern end of Lake Malawi, bundles of grass were tied around Zelphat Mbaiko. Petrol was poured on the grass and set alight. He was literally burned to death! Sisters also suffered terribly. Following their refusal to buy party cards, many were repeatedly raped by party officials. In Lilongwe, Sister Magola, along with many others, tried to flee the trouble. However, she was pregnant and could not run very fast. A mob, acting like a pack of wild dogs, caught up with her and beat her to death. At the campus of Bunda College of Agriculture, just outside of Lilongwe, six brothers and one sister were murdered and their bodies were horribly mutilated.

– Malawi, Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1999, Seiten 182, 189

Auch aus anderen Ländern gab es ähnliche Berichte. Die Jahrbücher lagen bei uns zu Hause offen herum. In den Zusammenkünften und von den Eltern wurde uns Kindern die Lektüre dieser Bücher ans Herz gelegt.

Für Jugendliche hat die Wachtturm-Gesellschaft das Buch Fragen Junger Leute – Praktische Antworten herausgebracht. Das Buch soll Jugendlichen helfen, perfekte Zeugen Jehovas zu werden. Dank dieser Bücher kann man als junger Mensch lernen, Sex zu vermeiden1, nicht schwul zu werden2 und weshalb es vorteilhaft ist, auf eine akademische Laufbahn zu verzichten3. Außerdem wird den Jugendlichen erklärt, was gute und was schlechte Unterhaltung ausmacht, egal, ob Film, Musik oder Computerspiel. In einem Kapitel stellt die Wachtturm-Gesellschaft als Fazit fest:

Wie Studien immer wieder zeigen, macht brutale Unterhaltung aggressiv. (…) Setzt man sich hohen Dosen erotischer Bilder oder brutaler Gewalt aus, wird „jedes sittliche Gefühl“ zerstört. So können unmoralische Wünsche ins Denken eindringen und beeinflussen, was man tut.

Hm.

–––

ANHANG:

1) Kapitel 5: Wieso ist es gut, mit Sex zu warten? (weiter im Text)

2) Kapitel 28: Was, wenn ich homosexuelle Gefühle habe? (weiter im Text)

3) Kapitel 38: Was mache ich aus meinem Leben? (weiter im Text)

Moriah

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Wir hatten keinen Bunker im Keller. Keinen Bunker und keine Vorräte darin, kein eingelegtes Obst und kein Gemüse, keine Dosen für drei Monate, keine Marmelade, kein Zwieback, keine Kerzen, keine Matratze, kein Radio, kein Funkgerät, keine Comics und keine Bücher, keinen Campingkocher und auch keinen Dosenöffner. Im Keller stand Gerümpel, mein Fahrrad, ein altes Möbel. Da war kein Platz, um Schutz zu suchen.

„Warum haben wir keinen Bunker?“, fragte ich meinen Vater.

„Warum sollten wir einen Bunker haben?“, entgegnete er verblüfft.

„Für HarmagedonG„, antwortete ich. Er lachte.

„So funktioniert das nicht.“

„Aber, was wird denn jetzt genau in Harmagedon passieren?“

„Wir müssen einfach auf Jehova vertrauen. Du musst auf Jehova vertrauen.“

„Aber wo gehen wir hin, wenn Harmagedon kommt?“

„JehovaG wird auf sein Volk aufpassen. Vermutlich treffen wir uns mit den anderen Brüdern und Schwestern im Königreichssaal. Und dann wird uns der Treue Und Verständige SklaveG wissen lassen, was Jehova mit uns vorhat.“

Ich kannte den KönigreichssaalG in und auswendig. Da gab es keine Dosen, keinen Zwieback, keinen Campingkocher. Auch keine Comics. Nur Bibeln, Wachttürme und Erwachets. Und Backsteine. Überhaupt nicht so wie ein Bunker. Ich hatte so meine Zweifel.

Als ich ein Kind war, fürchtete ich mich noch nicht so recht vor den Konsequenzen eines Harmagedons. Meine Eltern versicherten mir, dass wir auf der guten Seite waren. Ich glaubte ihnen. Für mich war das ein Spiel. Welches Kind findet einen Bunker voller Vorräte nicht spannend?

Bloß, dass es kein Spiel war. Es war blutiger, verdammt blutiger Ernst. Ich habe es zu meinem Spiel gemacht. Mir sind Pläne wichtig. Schon immer wollte ich in jeder erdenklichen Situation wissen, woran ich bin. Das Ungewisse ist das, was mir am meisten Sorge bereitet. Deshalb hatte ich nie Angst vor dem Tod. Die Zeugen Jehovas glauben nicht an die Hölle. Tot ist tot. Das war, keine Frage, beruhigend.

Ich hatte eine ungefähre Vorstellung, wie dieses Harmagedon aussehen könnte. Ein Bunker, da war ich mir sicher, wäre hilfreich.

Ich weiß jetzt, dass es nicht etwa der Umstand ist, dass ich im Wasser nicht sehen kann, was unter mir ist, der mir Beklemmungen bereitet. Es ist das unumstößliche Wissen, dass ich in diesem Medium im Nachteil bin, was auch passiert.

Meike Lobo

Harmagedon lernte ich erstmals bewusst kennen, als meine Eltern mir Mein Buch mit biblischen Geschichten schenkten, dass die Wachtturm-Gesellschaft und die Zeugen Jehovas für Kinder herausgegeben hat. In Geschichte 114 las ich, dass Gott eines Tages alles Schlimme vernichten wird, alle seine Feinde und alle bösen Menschen. So wie er es bereits, das wurde zur Sicherheit wiederholt, falls man es vergessen hatte, mit der gesamten Menschheit in der Sintflut, mit Sodom und Gomorrah, mit den Ägyptern im Roten Meer und sogar mit seinem eigenen Volk durch die Babylonier gemacht hatte. Dieser Gott kannte keinen Spaß und sein Tag würde kommen. Dieser Tag heißt Harmagedon. Auf einer Zeichnung war Jesus Christus zu sehen, der samt seiner Kavallerie aus einer rot leuchtenden Gewitterwolke heraus in die Schlacht reitet.

Jedes Kind hat Angst vor Gewitter. Die meisten, die ich kannte, fürchteten den Blitz. Ich fürchtete das Donnergrollen. Das war die Stimme Gottes. So wie sie die Menschheit in Harmagedon zu hören bekommen sollte. Nur mal tausend. Ich hoffte, dass meine Eltern recht hatten. Dass wir wirklich auf der guten Seite waren. Ich war mir nicht sicher, ob es in Harmagedon sonst reichen würde, zu meinen Eltern in die Besucherritze zu schlüpfen.

Es würde krass werden, soviel war klar. Ein Gewitter würde dabei sein, logisch, und viele Blitze und Feuer und Explosionen. Häuser würden brennen, und der Himmel auch. Menschen würden weinen und schreien und fluchen. Die Erde würde sich auftun und alles verschlucken. Und mitten durch das ganze Chaos würden wir Zeugen Jehovas laufen, beschützt, unberührt von dem Ganzen, auf dem Weg ins Paradies, Königreichslieder singend. Das wusste ich, weil ich das in den Bildern gesehen hatte, in den Bildern1 in den ZJ-Büchern für Erwachsene, die wir Kinder aber auch studieren sollten. Da war viel Grausliches zu sehen, sterbende Menschen, brennende Horizonte, aufbrechende Erdböden, und mittendrin immer: Stumpf grinsende, wohlfrisierte, gutgekleidete Menschen.

Ganz schnell wird man euphorisch… Gefügig… Akzeptiert sein Schicksal… Steht alles hier… Ausdruckslose Gesichter! Gelassen wie Hindu-Kühe…

– Tyler Durden in Fight Club

Wenn ich meine Eltern darauf ansprach, sagten sie mir: Das ist bloß eine Künstlervorstellung von Harmagedon. Niemand weiß, wie es wirklich wird. Und wieder: Ungewissheit. Mit einem Bunker weiß man, woran man ist. Mit Königreichsliedern nicht.

Die Zeugen Jehovas glauben nicht an den Weltuntergang. Sie glauben an Weltoptimierung. Die Erde wird nicht untergehen, sie erhält bloß ein Update. Die Zeugen Jehovas glauben aufgrund der Bibel, dass Jehova Gott sehr bald die Welt durch einen theokratischenG Holocaust befrieden wird. Alles, was böse ist, wird Gott vernichten. Dieser Sanierungsprozess heißt Harmagedon.

Und die von Jehova Erschlagenen werden schließlich an jenem Tag gewiß von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde sein. Sie werden nicht beklagt, noch werden sie zusammengesammelt, noch begraben werden. Zu Dünger auf der Oberfläche des Erdbodens werden sie werden.

– Die Bibel, Jeremiah 25:33

Jemandes Fleisch wird verwesen, während er auf seinen Füßen steht; und sogar jemandes Augen werden in ihren Höhlen verwesen, und selbst jemandes Zunge wird in seinem Mund verwesen.

– Die Bibel, Sacharja 14:12


Also im Prinzip der amerikanische Weg, Frieden und Demokratie in andere Länder zu bringen2. Wann Harmagedon kommen wird, ist unklar. Der Termin ist bereits mehrfach verschoben werden. Mittlerweile mag man sich nicht mehr auf ein Jahr festnageln lassen. Seit 1975, dem letzten großen terminlichen Missgriff, hat George Lucas die Prequels zu Star Wars produziert, Chinese Democracy und Duke Nukem Forever sind erschienen, ist Ozzy Osbourne Vater und Großvater geworden, und überhaupt, er lebt noch. Persönlich glaube ich, dass Jehova unbedingt noch den finalen Band von George RR Martins Lied von Eis und Feuer abwarten möchte.

Trotzdem: Die ZJ glauben fest daran, dass Harmagedon kommen wird. So wie manche Menschen der Meinung sind, dass Blüten Autismus behandeln können3, lassen sich auch die ZJ nicht beirren, egal, wie lange es dauert. Schöner scheitert die Vernunft nicht. Weil sie überzeugt sind, dass sie Gottes auserwähltes Volk sind, verbringen die ZJ sehr viel Zeit im Predigtdienst, um auch andere Menschen an ihrer Hoffnung teilhaben zu lassen. Damit nicht allzuviele herumliegende Leichen die paradiesische Idylle stören.

Ich werde es nicht erleben. So wie meine Eltern und die ZJ es sehen, sterbe ich in Harmagedon. Wenn ich nicht vorher bereue und in die Gemeinschaft der ZJ zurückkehre. Als abtrünnigesG Ex-Mitglied der ZJ bin ich todgeweiht.

Ich frage mich manchmal, wie das sein muss, als Eltern, zu glauben, dass dein Kind in Harmagedon sterben wird. Zu erleben, wie es ein selbstbestimmtes Leben führt, herumhurt, säuft, raucht, Drogen nimmt, oder eben nicht, sondern einfach bloß die Lehren der ZJ ablehnt. Ist das wie das eigene Kind in Zeitlupe bei einem Amoklauf zu beobachten, mit dem Wissen, dass am Ende des Flures das SEK wartet? Nur, dass man selbst für immer leben wird, in einem Paradies?

Wie ist das wohl, Ewigkeit, wenn das Kind tot ist?

In der Bibel gibt es die Geschichte von Abraham, dessen Gottesfürchtigkeit auf die Probe gestellt wurde. Jehova verlangte von Abraham, sein Kind zu opfern, um seine Liebe zu testen. Wenn Gott das Experiment im letzten Augenblick nicht abgebrochen hätte, Abrahams Sohn wäre gestorben. Abraham war zum Äußersten bereit.

Ich kann mir vorstellen, dass meine Eltern viel Trost aus dieser Geschichte ziehen.

ANHANG:

1) Eine Beispielauswahl an Harmagedon-Bildern, die wir Kinder in den Büchern der ZJ zu sehen bekamen: Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4, Bild 5, Bild 6, Bild 7 (weiter im Text)
2) Den Gag habe ich geklaut. (weiter im Text)
3) „Mit Bachblüten kann man Autismus bei Kindern behandeln.“ (weiter im Text)