Mein Name ist

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Natürlich habe ich einen biblischen Vornamen. So wie viele Zeugen Jehovas-Kinder meiner Generation. Es gab natürlich auch normale Vornamen. Aber Eltern, die ihre Gottesfürchtigkeit zur Schau stellen wollten, griffen zur Bibel, blätterten durch und zeigten blind auf einen Vers. Fertig war die Laube. Heutzutage wäre das alles kein Problem. Aber damals…

Ich bin in den Achtzigern geboren worden, in den Neunzigern aufgewachsen. Da gab es noch keine Brooklyn Beckhams, keine Suri Cruises, keine Phinnaeus Walter Roberts, keine Delphine Malou Connors. Man fiel durchaus auf, wenn man Hadassa hieß. Oder Jeremiah. Wenn man Glück hatte wurde man auf dem Schulhof bloß ausgelacht.

In manchen VersammlungenG traf man auf eine Auswahl der kleinen Propheten samt aller Apostel. Und natürlich mindestens eine Sarah. Grob geschätzt hieß jedes dritte Mädchen Sarah. Auf großen KongressenG musste man glatt durchnummerieren.

Einen Vorteil hatte diese Namenspraxis. Anhand der Vornamen konnte man ganz gut erkennen, wer „in der Wahrheit“G aufgewachsen war und wer (oder wessen Eltern) Konvertit(en) war(en). Das mag zunächst unwichtig erscheinen. Aber als ZJ-Jugendlicher wurde man regelmäßig dazu ermuntert, bei einem potentiellen Ehepartner auf seinen EiferG zu achten. Ein biblischer Vorname war da schon mal gar nicht so schlecht – zumindest, wenn man die Angebetete den Eltern vorstellte. Da war eine Hineingeborene immer von Vorteil. Schließlich ließ ein biblischer Vorname auf eine langjährige ZJ-Tradition der Familie schließen. Außer sie hieß Sarah. Da wusste man es nie so genau. Scheiß Inflation.

Ich bin auch so ein Hineingeborener mit biblischem Vornamen. Oder, wie es so schon heißt bei den ZJ: In der Wahrheit aufgewachsen. Ich hatte noch gerade so Glück mit meinem Namen. Trotzdem wurde ich in der Schule für ihn hin und wieder gehänselt. Nix Schlimmes, aber nervig war es trotzdem. Ich hätte lieber einen ganz normalen, langweiligen, deutschen Vornamen gehabt. Einmal erzählte ich einem der ÄltestenG unserer Versammlung davon. Ich war neun oder zehn Jahre alt. Er hörte geduldig zu. Dann zeigte er mir einen oder zwei Bibeltexte, die aus meiner Sicht absolut gar keinen Bezug zu meinen Sorgen hatten und gab mir den Rat, dass ich meinen biblischen Vornamen als Chance begreifen sollte, über meinen Glauben Zeugnis ablegen zu können. Mein Name sei ein Türöffner für die Gute BotschaftG. Ich solle mit meiner Sorge in einem Gebet an Gott herantreten, er würde mir schon helfen.

Am nächsten Tag ging ich wieder zur Schule. Ich wurde noch ein, zwei Mal aufgezogen in den nächsten Jahren. Die Gute Botschaft erwähnte ich nie.

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.