Dämonen

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Ich hasse Achterbahnen. Wenn es sich vermeiden lässt, springe ich weder mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug noch an einem Seil von einer Brücke. Horrorfilme müssen auch nicht sein. Ich habe gern meine Ruhe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die regelmäßig einen positiven Erregungsgipfel, sprich: einen Kick suchen. Viele Menschen lieben den Adrenalinstoß. Nicht umsonst nennt man wagemutige Menschen häufig Adrenalinjunkies. Das ist überhaupt nicht meins.

Vor allem Geisterbahnen habe ich nie gemocht. Ich lebte ja in einer. Die schaurigste Bibelgeschichte, die ich je las, war die von dem Mann im Land der Gerasẹner. Ich kannte sie aus einer Artikelreihe im WachtturmG, in der das Leben und Wirken Jesu Christi kindgerecht aufgearbeitet wurde. In einer Folge ging es um einen armen Teufel, der Tag für Tag durch die Grüfte irrte, nackt und von Sinnen. Die Anwohner versuchten ihn zu fesseln, doch seine übermenschlichen Kräfte sprengten jede Kette. Nachts fiel er durch sein Geschrei und sein autoaggressives Verhalten auf. Der Mann war gleich von einer ganzen Horde Dämonen besessen, die sich „Legion“ nannte und ihn tagein, tagaus quälte. Als Jesus auf ihn traf, bekamen es die Dämonen mit der Angst zu tun. Sie baten Jesus, sie nicht zu vertreiben. Was natürlich ein Dilemma war, weil Jesus sie ja schlecht in dem Mann lassen konnte, schließlich waren Dämonen Feinde. Die Dämonenbande schlug einen Kompromiss vor: In der Nähe weidete eine große Herde Schweine. Jesus möge die Dämonen von ihnen Besitz ergreifen lassen. Jesus dachte kurz nach. Es war das Jahr 1 nach Christus. Es würde noch knapp 1979 Jahre dauern, bis PETA auftauchte. Bis dahin wäre er längst weg. Was soll’s, dachte Jesus. Er schlug ein. Die Dämonen verließen den Mann, fuhren in die Schweine und trieben alle zweitausend dazu, sich von den nahen Klippen ins Meer zu stürzen. Wie es im Markus-Evangelium so schön heißt: „Und sie, eines nach dem anderen, ertranken im Meer.“1

Solche Geschichten bekam man als Kind bei den Zeugen Jehovas regelmäßig zu hören. Satan und seine Dämonen sind das liebste Schreckgespenst der Zeugen Jehovas. Man muss als Christ höllisch aufpassen, sie lauern überall. Man wusste nie so recht, wann und hinter welcher Ecke der nächste Dämon auftauchen würde. Und wenn man erstmal einen im Haus hatte, wurde man den so schnell nicht wieder los. Man brachte mir bei: Religiösen Aberglauben gibt es bei den Zeugen Jehovas nicht. Abergläubisch sind nur die anderen, die von den falschen Religionen. Man brachte mir auch bei, dass es wichtig war, gewisse Dinge, Orte, Handlungen zu vermeiden. Allem, was „spiritistisch“ sein könnte, aus dem Weg zu gehen, weil solche Dinge, Orte und Handlungen Portale in die Welt der Dämonen waren. Solch ein Portal wollte man einfach nicht öffnen. Alles konnte ein Portal sein. Von Offensichtlichem wie einer Geisterbeschwörung mittels eines Ouija-Brettes bis hin zu etwas Banalem: Ein Lied, ein Film, ein Buch.

Man musste ständig auf der Hut sein, die Gefahr drohte überall. Unter den BrüdernG und Schwestern kursierten die aberwitzigsten Geschichten. Irgendwer kannte immer irgendwen, der irgendetwas „spiritistisches“ erlebt hatte. Ein Bruder habe sich ein Stephen King-Buch gekauft und Nachts habe das Licht geflackert. Im PredigtdienstG sei man im Haus einer Wahrsagerin gelandet und als man die Bibel aus der Tasche geholt habe, sei ein Wind durch die geschlossenen Räume gerauscht. Wiederholt wurde mir abgeraten, etwas auf dem Flohmarkt zu kaufen, schließlich kannte ich die Quelle nicht, ich könnte mir unfreiwillig die Dämonen ins Haus holen. Auf keinen Fall solle man Filme wie Das Omen, Rosemaries Baby oder Der Exorzist gucken, man fordere ja das Schicksal geradezu heraus, H.P. Lovecraft gehe gar nicht, John Sinclair auch nicht und die Lektüre von Tolkien sei nicht etwas, worüber man öffentlich sprach. Chris de Burgh habe anwesende Zeugen Jehovas aufgefordert, den Konzertsaal zu verlassen, damit er seine Gitarre von Geisterhand spielen lassen konnte. Die Geschichten waren Legion, die Pointe immer dieselbe: Die Dämonen warteten nur darauf, uns zu quälen und eigentlich hatten wir keine Chance.

Angst ist der Eckpfeiler der Zeugen Jehovas-Lehre. Die Angst vor HarmagedonG, vor einem schlechten Gewissen, vor einem allsehenden Gott, vor Dämonen. All das hält einen Zeugen auf Trab. Die Angst davor, Gott zu enttäuschen, das ParadiesG zu verpassen, sich einen Dämonen einzufangen ist der ständige Begleiter der meisten Zeugen Jehovas.

Das ist so gewollt. Der amerikanische Pädagoge Steven Hassan entwickelte das BITE-Modell, anhand dessen sich das Gefahrenpotenzial einer Gruppierung einschätzen lässt. BITE steht für „Behavior-, Information-, Thought- und Emotional-Control“2. Den Mitgliedern Angst einzuflößen ist ein integraler Bestandteil der Gefühlskontrolle, die die Zeugen Jehovas ausüben. Schlagworte wie „Satan“, „Gefahr“, „Teufel“, „Böse“, „Dämonen“ oder „Sünde“ tauchen in fast jeder Wachtturm-Publikation auf. In einem ironischerweise Bewahrt euch in Gottes Liebe betitelten, 2008 erschienen Buch kommt das Wort „Satan“ 88 Mal vor, das Wort „Teufel“ 39 Mal. Eine ständige akute Bedrohungslage. Das Gefühl zwischen zwei Loopings. Während das Flugzeug startet. Bevor der Serienkiller sich offenbart. Ein Leben unterlegt mit der Musik aus Psycho. In Dauerschleife.

Manchmal frage ich mich, wie die Ältesten der Zeugen Jehovas mit einem Glaubensmitglied umgehen, das von den Symptomen einer Wahnvorstellung oder einer Psychose berichtet. Ich will gar nicht wissen, wie vielen Zeugen Jehovas medizinische und therapeutische Hilfe verwehrt blieb, weil man ihnen fälschlicherweise Dämonen andichtete. Zu meiner Zeit machte man keine Therapien. Ein Ältester sagte einmal in einem Vortrag: Kein Psychiater kann etwas, was nicht auch ein gutes Gebet hinbekommt.

Auch nach meinem Ausstieg verfolgte mich die Angst vor den Dämonen. Es fiel mir schwer, Filme wie Das Omen, Rosemaries Baby oder Der Exorzist zu gucken. Nachdem ich den Trailer vom ersten Paranormal Activity-Film gesehen hatte, musste ich beim Einschlafen monatelang eine Friends-DVD laufen lassen, weil ich Panikattacken hatte, wenn ich im Dunkeln allein im Bett lag. Ich sah Dinge. Dinge, die nicht da waren3. Psychologen diagnostizieren bei ehemaligen Sektenmitgliedern immer häufiger eine Posttraumatische Belastungsstörung. Man muss kein Psychologe sein, um das nachvollziehen zu können. Stress in Maßen ist gesund. Er stärkt uns, durch die Belastung entwickeln wir uns weiter. Auf Dauer jedoch zermürbt einen das Adrenalin wie jedes andere Suchtmittel4.

Nichts fürchtet die Angst mehr als die richtigen Fragen, sagt man. Jahrelang stellte ich mir dummerweise die falsche, nämlich, ob es Dämonen gibt (als Atheist ist die Frage eigentlich hinfällig, aber Ängste sind selten logisch). Dabei war die richtige Frage eigentlich eine andere:

Wer sagt denn, dass Dämonen böse sind?

Der Witz ist ja: Ich kannte immer nur eine Version der Geschichte. Die eine Seite. Man hatte mir gesagt, dass Dämonen böse sind und dass sie Gefallen daran finden, wenn wir böse Dinge tun. Als ich endlich die richtige Frage stellte, sah ich die die riesengroße Handlungslücke. Wenn Dämonen sich freuen, wenn wir böse Dinge tun und uns gegen Gott wenden, warum sollten sie uns dann quälen? Dann sollten sie auf uns aufpassen. Schließlich sind wir dann auf ihrer Seite. Das Wort Dämon hat interessanterweise einen durchaus positiven Ursprung. Erst durch die Christen bekam das Wort die Bedeutung, die wir heute kennen. Und plötzlich, von einem Tag zum Nächsten, war die Angst vielleicht nicht weg, aber unscheinbarer geworden. Der Gast am Tresen, der immer da ist, aber nicht mehr auffällt. Nichts fürchtet die Angst mehr als die richtige Fragen, sagt man. Man muss sie nur zu stellen wissen.

Jetzt weiß ich: Ich hatte nie Angst vor Dämonen. Ich hatte Angst vor der Angst vor Dämonen. In meinen guten Momenten, wenn ich ganz bei mir bin, frei von der Vergangenheit, weiß ich, dass es nichts böses Übernatürliches gibt. Für alles gibt es eine Erklärung. Wenn es keine Erklärung gibt, dann nur, weil wir es noch nicht verstehen. Was wir nicht verstehen, muss uns aber keine Angst machen. Ich gucke jetzt wieder häufiger Horrorfilme. Ich habe verstanden, dass Angst manchmal auch Spaß machen kann. Die Dinge haben nur die Macht, die man ihnen selbst verleiht.

Und überhaupt: Vielleicht sollte sich dieser Jehova mal Gedanken machen. Es läuft doch gehörig etwas schief, wenn man sich lieber mit seiner größten Angst einlässt, statt sich in seiner Liebe zu bewahren.

ANHANG:
1) vgl. Die Bibel, Markus 5:1-13 (weiter im Text)
2) Verhaltens-, Informations-, Gedanken- und Gefühlskontrolle (weiter im Text)
3) Das hypnagoge Stadium ist eine Phase des Schlafes, in der das volle Bewusstsein noch vorhanden ist, aber durch kurze, oft bloß sekundenlange Traumstadien unterbrochen wird. Was dazu führt, dass man Dinge zu sehen oder hören meint, die gar nicht da sind. Die Traumsequenz vermischt sich mit der realen Umgebung und führt zu einer Sinnestäuschung, die sehr real wirkt, und Ängste, gar eine Panik auslösen kann. (weiter im Text)
4) vgl. Warum wir den Druck brauchen, Eva-Maria Träger, Tagespiegel, 20. April 2013 (weiter im Text)