Hausbesichtigung

Standard

Der Trainer zeigt auf mich. Ich brauche zwei Anläufe, um aufzustehen. Meine Knie sind weich. Ich entledige mich unbeholfen meiner Trainingsjacke. Ein Betreuer reicht mir das Trikot, das Trikot mit meinem Namen und meiner Nummer. Auf dem Weg zur Seitenlinie ziehe ich es mir über. Die Anweisungen des Trainers bekomme ich nicht mit. Ich nicke trotzdem. Ein Pfiff ertönt. Der Linienrichter hält die Anzeigetafel hoch. Die Anzeigetafel mit meiner Nummer. Mein Mitspieler trabt langsam auf mich zu. Der Trainer gibt mir einen Klaps auf den Hintern, ich setze den rechten Fuß auf den Rasen und…

„Du bist dran.“

Ich werde aus meinen Tagträumen gerissen. Ich brauche einen Augenblick, um mich zu orientieren. Es ist Samstag, es ist kurz nach zehn, es ist bewölkt. Ich trage ein Hemd und eine Krawatte unter dem Pollunder, darüber eine Übergangsjacke. Im Mundwinkel schmecke ich Reste von Nutella. Der Schultergurt der Tasche spannt sich quer über meine Brust und bohrt die Hemdknöpfe in meine Haut. In der Tasche befindet sich eine Minibibel, ein Haufen Zeitschriften der Zeugen Jehovas, ein paar Traktate. Ich bin zwölf Jahre alt. Der GlaubensbruderG, den ich an diesem Morgen in den PredigtdienstG begleite, lächelt mich an. Wo ich denn bloß wieder mit den Gedanken sei. Die nächste Tür sei meine.

Samstage waren gebrauchte Tage. Während du bloß genervt warst, weil mein Klingeln dich beim Rasenmähen störte, deine Zeitungslektüre unterbrach, deinen Kaffee kalt werden ließ; während du bloß seufztest, weil da schon wieder jemand über Gott reden wollte, während ich bloß eine lästige Randnotiz eines sonnigen Samstag Vormittages war, hatte ich Angst. Angst vor dir. Angst, dass du die Tür öffnest. Angst, dass du sie nicht gleich wieder schließst. Dass du nicht meine auswendig gelernte Einleitung unterbrichst. Dass du über Gott reden willst. Angst.

Meine Eltern nahmen mein Geschwisterchen und mich von Kindesbeinen an mit in den Predigtdienst. Jeden Samstag. Woche für Woche. Regen oder Sonnenschein. Und manchmal zusätzlich noch an einem Wochentag. Als ich noch klein war, war es halb so schlimm. Ich musste bloß hinterher trotten, und vielleicht war es anfangs sogar spannend, deine Klingel zu betätigen oder ein Traktat in deinen Briefkasten zu stecken. Ich musste ja nichts weiter tun, außer anwesend zu sein. Manchmal war es sogar ein bisschen lustig, wenn du beispielsweise grad aus der Dusche kamst und halbnackt die Tür öffnetest oder es regnete und du Mitleid hattest und uns auf einen Kaffee in deine Wohnung einludest und in deinem lautlosen Fernseher Zeichentrickserien liefen.

Aber je älter ich wurde, desto mehr erwartete man. Der Welpenschutz war aufgehoben. Nun reichte es nicht mehr, nur zu klingeln. Schließlich bezahlte sich der Eintritt ins Paradies nicht von selbst. Man brachte mir bei, einen WachtturmG anzubieten. Einen Bibeltext vorzulesen. Wildfremden Menschen von der paradiesischen HoffnungG zu erzählen. Man gab mir ein Buch1, in dem unzählige Gesprächseinleitungsvorschläge standen. Ein Kapitel hieß sogar: „Auf Äußerungen eingehen, durch die ein Gespräch abgebrochen werden soll“. In dem Kapitel wurde man ermuntert,

Äußerungen, durch die ein Gespräch abgebrochen werden soll, als eine Ausgangsbasis für die Fortsetzung der Unterhaltung zu benutzen. Nachstehend sind Beispiele angeführt, die zeigen, wie erfahrene Verkündiger sich bemühen, diejenigen herauszufinden, die ‚es verdienen‘.

– Unterredungen anhand der Schriften, Seite 15

Ich habe mich immer gewundert, dass überhaupt jemand mal die Tür öffnete, geschweige denn hereinbat. Das musste doch niemand. Mit einem simplen „Nein“ wäre doch allen gedient gewesen. Vor allem mir.

Es gibt einen Grund, weshalb die ZJ predigen. Der steht in der Bibel. In der Bibel steht auch, dass Gott alle bösen Menschen vernichten und die Erde in ein Paradies verwandeln wird. Nur eine Handvoll Menschen wird HarmagedonG überleben. Die ZJ glauben, dass sie den richtigen Weg gefunden haben, zu dieser Handvoll Menschen zu gehören. Und sie möchten möglichst viele Menschen daran teilhaben lassen. Wenn man von dieser Guten Botschaft überzeugt ist, geht man gern in den Predigtdienst. ZJ sind Verkündiger der Guten BotschaftG, oder, wie es mittlerweile heißt: BibellehrerG.

Natürlich darf man Angst vor dem Predigen haben. Natürlich darf man über seine Ängste reden. ZJ sind auch nur Menschen. Niemand erwartet, dass man furchtlos predigt. Man erwartet bloß, dass man es trotzdem tut. Nicht zu predigen ist keine Option. Die Optionen sind: mehr beten, mehr predigen. Der Rest kommt von ganz allein.

Für jemand, der Jehova und seinen Nächsten wirklich liebt, ist die Verkündigung des Königreiches keine lästige Pflicht, sondern ein großes Vorrecht, das er freudig wahrnimmt.

– Wachtturm, 15. Februar 2012, Seite 23-27

Die Zahl der ZJ, die wirklich genuin Spaß am Predigen hat, dürfte in Relation etwa dem Anteil von AWD-, OVB- und MLP-Mitarbeitern an der deutschen Gesamtbevölkerung entsprechen. Die Zahl derer, die den Predigtdienst eher so mittel finden aber trotz allem behaupten, sie hätten Spaß am Predigen, liegt um einiges höher. Zu letzteren gehörte ich. Das kann ich mit Sicherheit sagen, der Rest meiner Einschätzung in diesem Absatz ist Spekulation.

Manche sagen Sachen wie „Mir liegt unheimlich am Herzen, dass die Menschen vom Königreich hören“, als wäre es das Normalste auf der Welt. Andere geben zu, dass es nicht immer einfach sei und auch nicht jedes Mal Spaß mache, aber der Heilige Geist unterstütze sie beim Überwinden des inneren Schweinehunds. Nicht zu predigen ist keine Option.

Zeugnis zu geben wirkt sich gut auf uns aus: Unsere Einstellung verbessert sich, und wir haben klarer vor Augen, wie wichtig und nützlich unser Dienst ist. Unsere Begeisterung wächst, weil wir im Dienst mehr erreichen und deshalb auch mehr Freude haben. Und wir sind eifriger, weil wir deutlicher spüren, wie dringlich das Predigtwerk ist.

Wachtturm, 15. Februar 2010, Seiten 5-9

Ich fand es weder dringlich noch hatte ich Freude daran. Ich hatte Angst, wenn ich von Tür zu Tür ging. Mir wurde nie die Pistole auf die Brust gesetzt. Aber mir fehlte lange Zeit die Kraft, mich dem so subtilen wie permanenten psychologischen Druck zu entziehen. Und eine Alternative. Dieses Leben war alles, was ich kannte.

Je mehr man von mir beim Predigen erwartete, desto mehr hatte ich wiederholt mit Panikattacken zu kämpfen. Ich rede nicht gern mit fremden Menschen und schon gar nicht wollte ich an deiner Tür klingeln und mit dir über die Gute BotschaftG sprechen. Ich habe es gehasst. Es fällt mir bis heute schwer, wildfremde Menschen anzusprechen, Ärzte anzurufen und Hotlines, ich hasse es, in Läden nachfragen zu müssen. Lieber gehe ich unverrichteter Dinge wieder hinaus. Ich kann nichts verkaufen, nichts bewerben, kaum etwas tun, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt bin, ohne, dass es mich innerlich zerreißt und in einer Kraftprobe ausartet, an der ich oder meine Lebensqualität scheitern. Mein Therapeut sagt, dass möglicherweise ein Zusammenhang besteht.

Ich versuchte damals meine Angst so gut es ging zu überspielen, flüchtete mich in Tagträume, in eine meiner multiplen Persönlichkeiten, reiste in Gedanken woanders hin, alles, bloß keine Schwäche zeigen. Schließlich ziemte sich das nicht für den Sohn eines Ältesten. Wer Angst hatte, sollte sein Verhältnis zu Jehova überdenken. Wer Angst hatte, sollte mehr beten. Weder hatte ich das eine, noch half das andere. Ich ging trotzdem. Schließlich gab es einen Berichtszettel auszufüllen. Ich wollte meine Ruhe, nicht Glengarry Glen Ross.

Die ZJ bezeichnen ihr Predigtwerk intern häufig als Felddienst. Man kann dabei an die Landwirtschaft denken. Oder an die Field Agents eines Geheimdienstes2. Besonders eifrige Verkündiger nennt man PioniereG. Als ich einmal einen Kriegsfilm sah, dachte ich belustigt, guck mal, die3 heißen wie bei uns. Dass es auch andersrum sein könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Auch wir leben in Kriegszeiten. Gegenwärtig tobt ein Krieg, der mit keinem zu vergleichen ist, der je von den Nationen der Welt geführt wurde. Dagegen verblassen sogar die beiden Weltkriege zur Bedeutungslosigkeit. Und du bist mitten im Geschehen! Es steht viel auf dem Spiel. Der Feind ist gefährlich. In diesem Krieg fallen zwar keine Schüsse und es werden keine Bomben abgeworfen, aber die Kriegführung ist nicht weniger intensiv. (…) Timotheus schrieb: „Kämpfe den vortrefflichen Kampf des Glaubens.“ Ja, in diesem Kampf musst du etwas verteidigen — keine Festung, sondern den „Glauben“, das heißt die Gesamtheit der christlichen Wahrheit, wie sie in der Bibel geoffenbart worden ist. (…) An erster Stelle steht „das Schwert des Geistes, das ist Gottes Wort“ (Epheser 6:17). (…) Eine so scharfe und präzise Waffe, die imstande ist, zu den Gedanken und Beweggründen eines Menschen vorzudringen, muss man zweifellos mit Geschick und Sorgfalt handhaben. (…) Glücklicherweise stehen uns die erfahrensten Kämpfer hilfreich zur Seite.

– Wachtturm, 15. Februar 2004, Seiten 26-30

Dabei wollte ich doch bloß meine Ruhe. Das war nie mein Krieg. Die Frage ist nicht und war nie, ob ZJ gute oder schlechte Menschen sind. Die Frage war immer nur, ob dieser Glaube für mich gut war.

Letztendlich ist es zweitrangig, ob ich eine Wahl hatte. Ob ich dazu gezwungen wurde, in den Predigtdienst zu gehen. Ich bin mitgegangen. Ich wollte nicht in Harmagedon sterben. Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen. Ich wollte nicht, dass man in der Versammlung über mich tuschelt. Ich wollte nicht ins Fadenkreuz der Ältesten geraten. Ich wollte nicht ins Fadenkreuz von Satan geraten. Wenn Gott ein Fenster schloss, öffnete Satan eine Tür, das hatte ich gelernt.

Und Gideon? Der ging immer mutig voran. Ich beneidete ihn dafür, dass es ihm so leicht zu fallen schien. Nicht nur der Predigtdienst. Alles. Er war einer dieser Menschen, so schien es mir, dem das Glück in die geballten Hände fiel. Jahre später, wir waren beide grad erwachsen geworden, beichtete er mir in einem ehrlichen Augenblick, dass es auch ihm oft schwer genug fiel, auch wenn er auf der Bühne in der Versammlung gerne was anderes sagte. Was ihn aber immer antrieb: Die Hoffnung, ins Paradies zu kommen, wenn er eifrig predigte, und im Paradies seine verstorbenen Verwandte in der Wiederauferstehung wiederzusehen. Das half, und, natürlich, Jehova um seinen Heiligen Geist zu bitten, damit er diese Schwäche überwinden könne. Gideon und ich, wir standen uns nie so nahe, wie während dieses Gesprächs, und doch war das der große Unterschied. Ich hatte aufgehört, den Fehler nur bei mir zu suchen.

Der ältere, verständnisvolle Glaubensbruder, mit dem ich an jenem Morgen unterwegs bin, er ist schon lange dabei und bei den Jugendlichen in unserer Versammlung beliebt, reicht mir ein Dextro Energen. Er versucht mich aufzumuntern.

„Stell dir einfach vor“, sagt er, „wir sind auf Hausbesichtigung. Wir schauen uns die Häuser alle schon mal an, damit wir nach Harmagedon, wenn Jehova alle bösen Menschen vernichtet hat, wissen, welches das schönste ist. Und wenn jemand dir die Tür vor der Nase zuschlägt, lächelst du und denkst dir: Dein Haus wird mal mir gehören.“

Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt.

ANMERKUNG:
Soweit ich weiß war die im letztem Absatz wiedergegebene, vermutlich unbedachte Äußerung des Bruders nie ein Teil der offiziellen Lehre. Ich weiß aber von anderen ZJ, denen ähnliches gesagt wurde oder sagten. Ich bin vor einiger Zeit auf einen englischen Blogartikel gestoßen, der von einer ähnlichen Erfahrung berichtete. Leider habe ich ihn nicht wiedergefunden – wer ihn kennt: Bitte in den Kommentaren verlinken! Dennoch: Ein Fünkchen Wahrheit dürfte in dieser Äußerung stecken: Die Leitende KörperschaftG lässt keine Gelegenheit aus, die Vernichtung der bösen Menschen betreffend ins plastische Detail zu gehen. So zitieren sie das Bibelbuch Jeremiah und prophezeien, die Leichen würden einmal den Erdball umspannen. Den Bibeltext in Sacharja 14:12, in dem steht, dass „Jemandes Fleisch wird verwesen, während er auf seinen Füßen steht; und sogar jemandes Augen werden in ihren Höhlen verwesen, und selbst jemandes Zunge wird in seinem Mund verwesen.“ deuten sie so, dass ihr Gott Jehova radioaktive Strahlung in Armageddon einsetzen könnte. Und viele ZJ werden nach Harmagedon wochenlang ausnahmslos damit beschäftigt sein, die Leichen der Opfer zu begraben. (Quelle: Audioaufnahme einer Ansprache).

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.

ANHANG:
1) Unterredungen anhand der Schriften: Das Predigtdiensthandbuch der ZJ online (weiter im Text)
2) Field Agent bei wikipedia (weiter im Text )
3) Pioniere im Militär bei wikipedia (weiter im Text )

Familienleben

Standard

Wir waren eine glückliche Familie. Vater, Mutter, Kinder. Mein Vater ging einer geregelten Beschäftigung nach, meine Mutter schmiss den Haushalt, wir zahlten pünktlich unsere Steuern. Wir wohnten in einem schönen Viertel, hatten ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn, wir mähten den Rasen und trennten den Müll. Wir hielten die Flurwoche ein und halfen unserer gebrechlichen Nachbarin, wenn sie ihren Pflichten nicht nachkommen konnte. Zwei Mal im Jahr fuhren wir in den Urlaub. Wenn der Zirkus oder die Kirmes in unsere Stadt kam, gingen wir hin und aßen Zuckerwatte. Meine Mutter besuchte alle Elternabende, und nach den Sprechtagen ermunterte sie mich, respektvoller zu meinen Lehrern zu sein. Unsere Kleidung war sauber und gebügelt. Mein Geschwisterchen und ich bekamen regelmäßig Taschengeld. Wir hatten eine Tageszeitung im Abonnement, einen Fernseher und eine HiFi-Anlage. Unsere Lieblings-Fernsehsendung war die Bill Cosby-Show und an Weihnachten schauten wir uns gemeinsam das neueste Walt Disney-Meisterwerk an. Wenn Nachbarn sagten, wie umgänglich und beispielhaft meine Familie war, wenn fremde Menschen lobten, wie wohlerzogen wir Kinder waren, wann immer es etwas Positives gab, versäumten es meine Eltern nie, darauf Wert zu legen, dass es einen guten Grund dafür gab: Wir waren Zeugen Jehovas.

Meine Familie definiert sich bis heute darüber, ZJ zu sein. So wie es viele Mitglieder der ZJ tun. Eifer, wie ZJ Frömmigkeit nennen, ist dabei ein ganz besonders wichtiges Merkmal. Unsere Eltern hielten mein Geschwisterchen und mich von Kindesbeinen dazu an, eifrig zu sein. Mit einem ÄltestenG als Familienoberhaupt hatten wir in der VersammlungG eine Vorbildfunktion. Meine Eltern stellten sicher, dass unsere Familie ihr nachkam.

Alles drehte sich um Jehova und seine Anbetung.

Montags war meistens das Familienbibelstudium. Gemeinsam bereiteten wir uns im Wohnzimmer auf die sonntägliche ZusammenkunftG vor. Reihum las einer von uns einen Absatz vor, mein Vater stellte die vorformulierte Frage und meine Mutter, mein Geschwisterchen oder ich wiederholten mündlich den Teil des gerade eben noch vorgetragenen Absatzes, der der Antwort auf die Frage entsprach. Dann hob man die Stelle mit einem Textmarker hervor. Im Anschluss schlug man die erwähnten Bibelstellen nach und schrieb sie mit einem Fineliner in den Seitenrand. Das ging in der Regel anderthalb Stunden.

Dienstags oder Mittwochs war das Gruppen-Bibelstudium. Die Versammlungsgemeinde wurde in kleinere Gruppen eingeteilt, die eine vorgeschriebe Lektüre der ZJ gemeinsam besprach. Das Prinzip war dasselbe wie das Familienbibelstudium, bloß wurde erwartet, dass man sich schon im Vorfeld darauf vorbereitete und die entsprechenden Textstellen bereits markiert hatte. Das ging in der Regel eine Stunde (ohne Vorbereitung).

Donnerstags oder Freitags fand die Theokratische PredigtdienstschuleG und die Dienstzusammenkunft statt. Auch hierauf sollte man sich natürlich vorbereitet haben (nach Vorbild des Familienbibelstudiums allein und in innerer Einkehr). Das ging in der Regel zwei Stunden (ohne Vorbereitung).

Samstags oder Sonntags gingen wir dann zur Öffentlichen Ansprache und zum Wachtturm-Studium in den KönigreichssaalG. Ein angereister Redner sprach 45 Minuten lang über ein bestimmtes Thema unter Berücksichtigung neuester biblischer Erkenntnisse der Leitenden KörperschaftG. Die Leitende Körperschaft ist das höchste Gremium und ideologische Führerschaft der ZJ. Im Anschluss wurde dann öffentlich abgefragt, was wir bereits Montags im Familienbibelstudium durchgekaut hatten.

Vor dem Frühstück, dem Mittagessen und dem Abendessen wurde gebetet. Wir schlossen unsere Augen und falteten unsere Hände. Anders als in anderen Kirchen sind die Gebete der ZJ ziemlich freestyle, was häufig dazu führt, dass sich die öffentlichen Vorbeter gegenseitig mit ganz besonders eifrigen und gottesfürchtigen Gebeten zu übertrumpfen versuchen. Im Familienkreis war das zum Glück weniger der Fall. Mein Vater hatte dennoch den Hang abzuschweifen. Was besonders ärgerlich war, wenn man gerade Hunger hatte. Durch halb geschlossene Augenlider starrte man den Topf Bolognese hinter den gefalteten Händen an und hoffte innigst, Papa würde nicht noch ein Land einfallen, in dem ZJ verfolgt wurden und für die er einen Segen erbat. Auch vor dem Schlafengehen wurde gebetet und wir Kinder sollten natürlich zu jedem denkbaren Zeitpunkt beten. Ich kam mir immer wie ein Vollidiot vor, wenn ich die Augen schloss und still vor mir in den leeren Raum hineinbetete. Viel zu oft wurde ich abgelenkt und zehn Minuten später fügte ich hastig ein „…durch Jesus Christus: Amen“ an die Star Wars-Szene an, der ich gerade nachgehangen hatte.

Im Frühjahr, im Sommer und im Herbst gab es dann die großen Zusammenkünfte: Die KongresseG. Sie waren immer ein großes Abenteuer. Vor dem großen Sommerkongress ging meine Mutter mit mir zu C&A, um einen neuen Anzug zu kaufen. Die Sommerkongresse gingen drei Tage, von Freitag bis Samstag. Meine Mutter schrieb einen Brief an die Schule, damit ich freitags frei bekam und wir schon am Donnerstag anreisen konnten. Jeden Tag gab es von zehn bis siebzehn Uhr Ansprachen, Ansprachen, Ansprachen. Manchmal war es schön, aber meistens langweilte ich mich und kritzelte in meinem Notizbuch herum. Das lange Sitzen war ätzend. Wenn ich unruhig wurde, gab es einen bösen Blick von meiner Mutter. Meinen Vater habe ich während der Kongresse nur Abends oder auf der Bühne gesehen. Er war ein hohes Tier und hatte immer etwas zu tun. Andere ZJ-Kinder bewunderten mein Geschwisterchen und mich, weil unser Vater so ein hohes Tier war. (Bericht der FAZ über einen Sommerkongress der ZJ)

Zusätzlich zu den erwähnten Zusammenkünften und den Gebeten, zusätzlich zur Schule und Arbeit wurde selbstverständlich erwartet, dass man am Predigtdienst teilnahm, um seinen EiferG zu bezeugen. Für Freizeit und Klassenkameraden blieb nicht viel Zeit, obgleich meine Eltern sehr viel Wert darauf legten, als Familie Spaß zu haben. Wir machten Ausflüge, besuchten Bekannte oder leihten uns einen Film aus der Videothek aus. Genauso viel Wert legten meine Eltern darauf, dass mein Geschwisterchen und ich den Predigtdienst ernst nahmen.

Mit Anbruch der Teenagerjahre wurde ich dazu ermuntert, im PredigtdienstG eine Krawatte zu tragen und eine eigene Tasche mitzuführen, in der ich den Wachtturm und den ErwachetG transportieren konnte. Warum, wollte ich wissen. Weil das ein heiliger Dienst ist, sagten meine Eltern. Ich habe es gehasst, Samstag morgens mit meiner auffallend hässlichen Schultertasche aus dem ZJ-Fanartikellladen und meiner Clip-On-Krawatte durch die Wohnviertel oder gar in der Fußgängerzone herumlaufen zu müssen. Meine größte Angst war, auf Klassenkameraden zu treffen. Ab und an traf ich welche. Meine Heimatstadt ist nicht so groß.

Eines Tages stieß ich zu meinem Leidwesen auf ein Mädchen aus meiner Klasse, das ich toll fand. Ich war zwölf oder dreizehn, mitten in der Pubertät und ohnehin sehr meiner tollpatschigen Selbst bewusst. Ich sah sie von weitem und versuchte meinen Predigtdienstpartner in eine andere Richtung zu drängen. Vergebens. Im letzten Augenblick erspähte sie mich und kam auf mich zu. Dann sah sie, wie ich aussah und fragte, so grinsend wie verwirrt: „Wie siehst du denn aus?“ Ich bin mir sicher, dass sie es nicht böse meinte. Ich bin mir sicher, an ihrer Stelle wäre mir etwas viel Böseres aus dem Mund gerutscht. In dem Augenblick brach eine Welt für mich zusammen. Ich wurde rot und wäre am liebsten im Boden versunken.

Bis auf den Teil mit den ZJ habe ich unterm Strich schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend mit meiner Familie.

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.