Ismen

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In unserer Stadt gab es eigentlich keine Ausrede, kein Zeuge Jehovas zu sein. Zumindest, was die Nachwehen der babylonischen Sprachverwirrung betraf. Es gab fünf oder sechs deutschsprachige Versammlungen, eine spanisch-portugiesische Versammlung, eine jugoslawische, eine russische sowie eine eine chinesische und eine tamilische Gruppe.

Wir waren in der englischen Versammlung. In unserer Versammlung gab es überwiegend deutsche Glaubensgeschwister, die sich in im englischsprachigen Gebiet engagierten, weil sie das Predigtwerk unterstützen wollten, wo Hilfe dringend benötigt wurde, wie es so schön hieß. Der Rest setzte sich aus Briten, Amerikanern und People of Color aus aller Herren Länder zusammen. Unsere Versammlung war für alle Sprachen zuständig, die nicht durch eine eigene Versammlung oder Gruppe abgedeckt wurden. Im Predigtdienst besuchten wir deshalb oft die Asylantenheime, wie die Asylbewerberheime bei uns umgangssprachlich hießen. Hauptsächlich versuchten wir Menschen vom afrikanischen Kontinent sowie aus Asien zu finden, die der englischen Sprache mächtig waren: Nigeria, Ghana, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Kenia und Indien, Sri Lanka, Bangladesh, Pakistan, Nepal, Thailand, die Philippinen, das waren die gängigen Zielgruppenländer. Wir hofften, dass sie wenigstens ein paar Brocken Englisch sprachen, ansonsten hatten wir Publikationen in so gut wie jeder möglichen Sprache dabei.

Die Sekte wirbt vermehrt um Entwurzelte und Randständige der deutschen Gesellschaft. In Asylbewerberheimen wird der Wachtturm, das Zentralorgan der Zeugen Jehovas, in der Muttersprache der Ankömmlinge durch den Zaun geschoben. In Aussiedlerunterkünften werden Insassen auf den Zimmern umworben. – Der Spiegel

Rassismus habe ich bei den Zeugen Jehovas nie erlebt. Ich habe meine Versammlung sowie die meisten ehemaligen Glaubensgeschwister als sehr weltoffene Gemeinschaft erlebt, in der Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft willkommen waren. Natürlich gab es immer wieder mal Personen, die negativ auffielen. Aber Spinner gibt es nun mal überall. Einen Nebengeschmack hat das Ganze trotzdem: Das Predigtwerk der Zeugen Jehovas hat etwas kolonialistisches an sich. Es ist der Glaube eines weißen Mannes. So sehr man dazu ermutigt wurde, im Predigtdienst die Kultur und die Ansichten der Zielpersonen zu respektieren, so unmissverständlich war das Ziel nun mal: Die Person zu einem Bibelstudium und im Anschluss zur Taufe als Zeuge Jehovas zu bewegen.

On multiple occasions over the last 30 years, members of some Christian churches and Jehovah’s Witnesses have “harassed” Hindus both inside and outside of their temples with fliers, informational CDs and unannounced visits at local temples, Patel said.

“They’ve found that Hindus are more gullible,” Patel said.

Patel said that Jehovah’s Witnesses have waited outside of temples, which are private property, to speak with worshipers as they walk to their cars. – Triblive.com

Schließlich gibt es nur eine wahre Religion: Die der Zeugen Jehovas.

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Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft waren also willkommen. Auch jeder sexuellen Orientierung. Solange diese vor der Tür blieb oder spätestens mit dem Mantel an der Garderobe abgegeben wurde. Ich habe nie einen homosexuellen Menschen bei den Zeugen Jehovas kennengelernt. Es gibt sie, natürlich, rein statistisch gesehen muss es sie ja geben. Aber wer Zeuge Jehovas ist, und gleichzeitig homosexuell, redet nicht darüber. Wobei die Zeugen Jehovas auch kein Geheimnis darüber machen, dass es homosexuelle Zeugen gibt. Schließlich lehnen sie nicht den homosexuellen Menschen ab, sondern seine Homosexualität.

Auch wenn die Bibel homosexuelle Handlungen missbilligt, liefert sie keine Grundlage für Homophobie oder dafür, Homosexuellen mit Verachtung zu begegnen. Christen werden vielmehr dazu angehalten: „Begegnet allen Menschen mit Respekt“ (1. Petrus 2:17, Das Buch) – jw.org

Es gibt offiziell keine praktizierenden Homosexuellen bei den Zeugen Jehovas. Sollte man einen Zeugen Jehovas kennenlernen, der von sich aus zugibt, eine homosexuelle Neigung zu haben, so wird er einem sagen, dass er seiner Neigung nicht nachgeht. Mithilfe des Gebetes, des Bibelstudiums und seiner Glaubensgeschwister findet er die Kraft, nicht schwule Dinge treiben zu müssen.

Falsche Wünsche führen zu falschem Verhalten. Will man sich von ihnen lösen, ist es wichtig, seine Gedanken zu kontrollieren. Beschäftigt man sich dagegen viel mit Gedanken, die einen in die richtige Richtung lenken, dann wird es einem leichter fallen, falsche Wünsche zu verscheuchen (Philipper 4:8; Jakobus 1:14, 15). Das kann am Anfang noch ein großer Kampf sein, aber mit der Zeit wird er leichter werden. (…) Den gleichen Kampf führen auch Millionen von Menschen, die heterosexuell sind und sich an biblische Maßstäbe halten möchten. Zum Beispiel Singles, die keinen Ehepartner finden, oder Verheiratete, deren Partner aus irgendeinem Grund nicht zum Geschlechtsverkehr in der Lage ist. Sie führen trotzdem ein glückliches Leben — und das ist auch Menschen mit homosexueller Neigung möglich, wenn sie Gott wirklich gefallen möchten (5. Mose 30:19). – jw.org

Natürlich tratschte man. Dieser Bruder wirke schwul oder jene Schwester sei doch mit Sicherheit lesbisch. Man wusste es natürlich nicht, aber man tuschelte trotzdem. Es müsse doch einen Grund geben, dass sie oder er noch immer single war, die Person sah doch viel zu gut aus, um noch single zu sein, weder arbeitete sie im Bethel noch war sie Pionier. Das musste doch was heißen. Solche Gespräche gab es immer wieder. Und dann gab es natürlich die Horrorstories: Irgendein Ältester habe seine Frau für einen Mann verlassen! Für einen Mann! Ehebruch an sich war ja schon schlimm, aber Ehebruch gepaart mit Homosexualität! Oh mein Gott!

Zuhause haben wir in der Familie Filme vermieden, es denen es „homosexuelle Propaganda“ gab. Philadelphia oder Der bewegte Mann, beispielsweise, die gingen gar nicht, genausowenig wie In&Out. Selbst Mrs Doubtfire lief bei uns auf Bewährung, da diese beiden Männer eindeutig schwul waren, aber wir schauten ihn trotzdem, irgendwie waren sie so tuntig, dass es wieder witzig war. Außerdem stand die Homosexualität nicht im Vordergrund, sie war nicht das Thema des Films, die Homosexualität wurde nicht ausschließlich positiv dargestellt, die Hauptfiguren waren nicht homosexuell, sondern nur unwichtige Nebenfiguren, Homosexualität ist eine gesellschaftliche Realität, es bringt nichts, sie zu verdrängen, in zahllosen Filmen kommt ja auch heterosexueller zügelloser Wandel vor, allerdings ist das ja auch natürlich, man darf nur nicht vergessen, das ganze kritisch zu betrachten, bla bla bla, etc. pp. So versuchte man sich eben eine heile Filmwelt zurechtzureden.

Homosexualität wurde bei uns zu Hause als abstoßend bezeichnet. Unter Zeugen Jehovas machte ma Witze auf Kosten von Schwulen, man unterhielt sich verächtlich über sie, tat angeekelt. Ich habe mich auch daran beteiligt. Heute schäme ich mich dafür.

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Mein Vater erzählte gern folgenden Witz: »Ich bin der Herr im Haus. Mit der Erlaubnis meiner Frau.« Alle lachten. Und alle wussten: Egal, wie selbstbestimmt meine Mutter war, am Ende des Tages würde mein Vater die Entscheidung fällen. Er war das Haupt der Familie und meine Mutter akzeptierte das. Weil es so in der Bibel steht.

Damit die Frau ins Dasein kommen konnte, mußte zuerst der Mann dasein, denn sie wurde aus ihm erschaffen. Als ein Bestandteil des Mannes, als „e i n Fleisch“ mit ihm und als sein Gegenstück und seine Gehilfin war sie ihm als ihrem Haupt untertan. – Einsichten-Buch, Seite 766

Es gibt bei den Zeugen Jehovas ein »Ordnungsgefüge«, wie es im Wachtturm vom 15. Mai 2010 heißt. Die Hierarchie lautet absteigend: Jehova > Jesus Christus > Mann > Frau. Das entnehmen die Zeugen Jehovas dem ersten Korintherbrief im Kapitel 11, Vers 3. Diese Bibelstelle wird von der Wachtturm-Gesellschaft wörtlich ausgelegt.

In unserer Versammlung gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Kreis gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Bezirk gab es keine weiblichen Ältesten. In keiner verantwortlichen Position habe ich jemals eine Frau gesehen. Es gab keine weiblichen Redner, keine weiblichen Dienstamtgehilfen, keine weiblichen Kreisaufseher, keine weiblichen Bezirksaufseher, kein einziges weibliches Mitglied der Leitenden Körperschaft. Auf die Bühne durften sie zwar – aber nur in sketchartigen Darbietungen von Predigtdienstsituationen. Die biblische Belehrung von der Bühne war und ist bis heute den Männern vorbehalten.

Frauen waren mit Respekt zu behandeln. Sie sollten nicht angeschrien werden, sie sollten nicht geschlagen werden. Man half ihnen in den Mantel, man hielt ihnen die Tür auf, man hielt ihnen den Arm, wenn es ein Hindernis zu überwinden gab. Frauen verdienten Anerkennung.

Wodurch verdient sich eine Frau so viel Anerkennung? „Anmut mag Trug sein, und Schönheit mag nichtig sein“, heißt es in Sprüche 31:30, „doch die Frau, die Jehova fürchtet, ist es, die sich Lobpreis schafft.“ Wer also Ehrfurcht vor Jehova hat, wird sich auch gern in die von ihm geschaffenen Autoritätsstrukturen einordnen — und das bedeutet: „Das Haupt einer Frau . . . ist der Mann“, genauso wie „das Haupt jedes Mannes der Christus ist“ und „das Haupt des Christus . . . Gott“ ist (1. Kor. 11:3). – Wachtturm, 15. Mai 2010

Auch ich hatte mich dem Ordnungsgefüge anzupassen. Ich lernte, dass ich als Mann später Verantwortung für meine Familie und für die Versammlung übernehmen sollte. Mein Ziel sollte es sein, Ältester zu werden, und ich sollte mir eine Frau suchen, die mich bei diesen Zielen unterstützt. Eine gottgefällige, demütige Frau, das sollte das Objekt meiner Begierde sein. Natürlich hatte auch meine zukünftige Frau eine Verantwortung:

Gibt seine Frau (wenn getauft) ein gutes Beispiel? Wie sich eine Frau verhält, wirft entweder ein gutes oder ein schlechtes Licht auf ihren Mann (1. Tim. 3:ll). – Ältestenbuch (2010-Version), Seite 31.

Wenn sie eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

11. Wird eine verheiratete Schwester einer Missetat beschuldigt, sollte am besten ihr Mann (wenn er ein Bruder ist) der Verhandlung beiwohnen. Er ist ihr Haupt, und seine Bemühungen, ihr wieder aufzuhelfen und den richtigen Weg zu zeigen, können sehr nützlich sein (1. Kor. 11:3). Falls ungewöhnliche Umstände eine Rolle spielen oder die Ältesten meinen, es sei im Interesse der Sicherheit der Frau besser, den Mann nicht dabei zu haben, sollten sie im Zweigbüro anrufen.

Wenn ich eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

12. Handelt es sich bei dem Beschuldigten um einen verheirateten Bruder, ist seine Frau normalerweise nicht bei der Verhandlung anwesend. Wünscht der Mann jedoch, dass sie dabei ist, kann sie bei einem Teil der Verhandlung zugegen sein. Allerdings sollte das Rechtskomitee die Vertraulichkeit wahren. – Beide aus: Ältestenbuch (2010-Version), Seite 84, Hervorhebungen durch mich

Alle Menschen sind gleich. Männer sind gleicher. Aber es ist mitnichten so, dass Frauen nur stille Teilhaber wären, wie man oben genanntem Wachtturm entnehmen kann:

Frauen haben genauso wie Männer von Jehova viele schöne Aufgaben erhalten. Denken wir nur daran, was für eine große Ehre es für die 144 000 ist, Könige und Priester mit Christus zu sein, wenn er über die Erde regiert! Diese Berufung haben auch Frauen erhalten (Gal. 3:26-29). Es liegt auf der Hand: Jehova hat Frauen in dem von ihm vorgegebenen Gefüge eine durchaus aktive Rolle zugewiesen.

Wenn sie also das Glück haben, in den Himmel zu kommen, werden sie dort gleichberechtigt sein. Bis dahin, oder, wenn sie das Pech haben, auf der Erde bleiben zu müssen, haben sie sich unterzuordnen und zu schweigen. Außer im Predigtdienst natürlich. Dort dürfen sie sich so viel austoben wie sie möchten. Eine dieser „vielen schönen Aufgaben“.

Einige Glaubensschwestern waren zu meiner Zeit mächtiger, als es der Leitenden Körperschaft hätte lieb sein können. Ehefrauen von Ältesten zum Beispiel hatten oft starken Einfluss auf ihre Ehemänner und waren im Hintergrund an Entscheidungen beteiligt, die ihnen eigentlich nichts angingen. Das habe ich zu Hause häufig erlebt. Offiziell war die Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas folgende:

 Es gab Zusammenkünfte, bei denen die Frauen beten oder prophezeien durften, sofern sie eine Kopfbedeckung trugen (1Ko 11:3-16; siehe KOPFBEDECKUNG). Doch bei regelrecht öffentlichen Zusammenkünften, wenn die „ganze Versammlung“ sowie „Ungläubige“ an einem Ort versammelt waren (1Ko 14:23-25), sollten Frauen „schweigen“. Wenn sie etwas lernen wollten, konnten „sie zu Hause ihre eigenen Männer befragen, denn es ist schändlich für eine Frau, in einer Versammlung zu reden“ (1Ko 14:31-35).

Während es Frauen nicht erlaubt war, in einer Zusammenkunft der Versammlung zu lehren, konnten sie Personen außerhalb der Versammlung belehren, die die Wahrheit der Bibel und die gute Botschaft über Jesus Christus kennenlernen wollten (vgl. Ps 68:11), und sie durften sich auch gegenüber jüngeren Frauen (und Kindern) innerhalb der Versammlung als „Lehrerinnen des Guten“ betätigen (Tit 2:3-5). Sie sollten aber nicht über Männer Gewalt ausüben oder, beispielsweise in den Zusammenkünften der Versammlung, mit Männern debattieren. Sie sollten sich an das erinnern, was mit Eva geschah, und an das, was Gott nach der Sünde Adams und Evas über die Stellung der Frau gesagt hatte (1Ti 2:11-14; 1Mo 3:16).

Männer dienen als Aufseher und Dienstamtgehilfen. In der Erörterung über die „Gaben in Form von Menschen“, die Christus der Versammlung gibt, werden keine Frauen erwähnt. Die Worte für „Apostel“, „Propheten“, „Evangeliumsverkündiger“, „Hirten“ und „Lehrer“ haben alle männliches Geschlecht (Eph 4:8, 11). Epheser 4:11 wird in der American Translation wie folgt wiedergegeben: „Und er hat uns einige Männer als Apostel gegeben, einige als Propheten, einige als Missionare, einige als Hirten und Lehrer.“ (Vgl. NW; ferner Ps 68:18.) – Einsichten-Buch, Seite 767

Soweit ich weiß, hat sich an der Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas bis heute nicht großartig etwas geändert.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Übrigens – nicht verpassen: Heute Abend bin ich im 1Live Talk zu Gast und rede über dieses Blog und meine Zeugen Jehovas-Vergangenheit.

Artikelvorschaubild: Sexism abounds von Ianqui DoodleBestimmte Rechte vorbehalten

Klassenfahrt

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Es gab gute und es gab schlechte Gesellschaft. Schlechte Gesellschaft waren zum Beispiel weltliche Menschen, also Menschen, die keine Zeugen Jehovas waren. Meine Eltern brachten mir bei, dass nicht alle weltliche Menschen schlechte Menschen waren. Schlechte Gesellschaft zu sein bedeutete nämlich nicht, dass man ein schlechter Mensch war. Man war bloß kein geeigneter Umgang für ein christliches Kind. Und auch, wenn es eine Menge guter Menschen unter den Weltlichen gab, so waren sie nicht unbedingt gute Gesellschaft. Wir Zeugen Jehovas-Kinder wurden dazu angespornt, uns ein Zeugen Jehovas-Umfeld zu suchen.

Was nicht bedeutete, dass jeder Zeuge Jehovas auch gute Gesellschaft war. Auch innerhalb der Versammlung wurde unterschieden. Kinder, die einen Ältesten zum Vater hatten waren meistens über jeden Zweifel erhaben. Auch Kinder, deren Eltern für ihren Predigtdiensteifer bekannt waren, galten als

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gute Gesellschaft. Aber auch Kinder, deren Eltern vorbildlich waren, konnten schlechte Gesellschaft sein. Weil sie sich danebenbenahmen. Weil sie selten in die Zusammenkunft kamen. Weil sie dafür bekannt waren, rebellisch zu sein. Weil sie komisch waren.

Einmal war eine Familie bei uns zu Besuch, die einen Sohn hatten. Meine Eltern hatten bereits zuvor angedeutet, dass der Sohn komisch sei, ich solle mich in Acht nehmen. Das fand ich spannend. Und so war ich zwar nicht sonderlich überrascht, aber dafür umso entzückter, als ich ihn dabei erwischte, wie er unterm Küchentisch saß und Nivea-Creme aß. Das gefiel mir. Ich mochte sonderbare Dinge schon immer. Seinen Eltern war es furchtbar peinlich, meine Eltern freuten sich nach der Verabschiedung, dass ihre Kinder nicht so waren. Ich sah ihn nie wieder. Dabei hatte ich selber so meine Macken. Meine halbe Kindheit ging ich aus unerfindlichen Gründen auf Zehenspitzen. Wenn ich nervös war, fingen meine Augen abwechselnd an zu blinzeln. Saß ich irgendwo beschäftigungslos herum, wie beispielsweise während einer Zusammenkunft, klemmte ich meinen Daumen unter meine Finger, wo er dann bis zum Ende der Zusammenkunft blieb. Oder ich legte meinen Mittel- und meinen Ringfinger auf meine Nasenöffnungen. Die Frau eines Ältesten sprach mich nach einer Zusammenkunft auf Letzteres an. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Ich solle doch bitte meine Finger von meiner Nase entfernen. Ich solle mich doch bitte fragen, ob Jesus im Königreichssaal ständig seine Finger an der Nase gehabt hätte. Wozu das überhaupt gut sei. Ich sagte nichts. Es beruhige mich einfach, dachte ich innerlich. Ich fühlte mich sicher, wenn ich das machte.

Das mit der schlechten Gesellschaft, das stammt aus der Bibel.

Schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten. – 1. Korinther 15:33

Wir hatten als Kinder und Jugendliche ein Buch, Fragen junger Leute – Praktische Antworten. Wenn man nicht wusste, wie man sich als Zeugen Jehovas-Kind zu benehmen hatte, konnte man in diesem Buch nachschlagen. Dr. Sommer für Zeugen Jehovas. Es gab zu jeder Fragestellung Erfahrungsberichte von Jugendlichen ohne Nachnamen, die zufälligerweise genau das erlebt hatten, von dem das Buch meinte, es wäre ein Nein-Nein. Die Jugendlichen hatten meist die Erfahrung gemacht, dass sie davon profitierten, wenn irgendwas mit Jehova. In dem Buch wurde das auch mit der schlechten Gesellschaft erklärt. Vor allem wurde erklärt, mit was für Menschen man befreundet sein sollte. So heißt es im Kapitel Wie finde ich gute Freunde?:

Fakt ist: Wenn man langsam erwachsen wird, braucht man Freunde, die . . .

1. anziehende Eigenschaften besitzen,

2. hohe Prinzipien haben,

3. einen positiven Einfluss ausüben.

Es gab wie in der BRAVO auch einen kleinen Test, mit dem man herausfinden konnte, was gute Gesellschaft ausmachte.

Ziehe ich mich anders an als sonst, rede ich anders oder mache ich etwas Verbotenes, nur damit ich meinen Freunden gefalle?

□ Ja

□ Nein

Halte ich mich nur wegen meiner Freunde an Orten auf, wo ich als Christ eigentlich nichts zu suchen habe?

□ Ja

□ Nein

Tipp: Wenn du die Fragen mit Ja beantwortet hast, dann sprich mit deinen Eltern oder einem anderen erfahrenen Erwachsenen darüber. Als Zeuge Jehovas kannst du natürlich auch einen Ältesten um Tipps bitten, wie du Freunde findest, die dich positiv beeinflussen.

Wenn man sich drauf einließ, war es echt einfach, ein Zeuge Jehovas zu sein

Mit manchen Schulkameraden durfte ich mich trotzdem treffen, obwohl sie schlechte Gesellschaft waren. Das war ein wenig aus der Not geboren. In unserer Versammlung gab es nicht so viele Kinder. Ein Kind wohnte dreißig Kilometer entfernt in der Nachbarstadt, die anderen waren schlechte Gesellschaft. Und vielen Kinder aus den anderen Versammlungen in unserer Stadt trauten meine Eltern nicht über den Weg, den Eindruck hatte ich zumindest, vielleicht irre ich mich auch. Es lag womöglich an mir. Ich lernte nicht so gern neue Menschen kennen, auch schon als Kind nicht. Ich war eigentlich immer recht zufrieden mit den Menschen, die ich kannte.

In meiner Kindheit waren meine besten Freunde alle bei den Zeugen Jehovas. Und sie waren wirklich gute Freunde. Menschen, die ich manchmal vermisse. Menschen, die den Kontakt in dem Moment abbrachen, in dem ich mich gegen ein Leben bei den Zeugen Jehovas entschied. Bis zu dem Zeitpunkt waren es gute, sehr gute Freunde gewesen. Was nach dem Ereignishorizont meines Ausstiegs mit unserer Freundschaft passierte, nun, das lag womöglich weder in meiner noch in ihrer Macht. Sie können vielleicht genauso wenig dafür wie ich.

Auf Klassenfahrt durfte ich aber nie mit. Weil zwei Wochen schlechte Gesellschaft in einem Schullandheim, nein, das ging nicht. Das wäre ja wie wenn man einen Haufen Kinder zusammensteckt, von denen eins die Masern hat. Da muss nur eins die Masern haben und schon haben sie sie alle. Da reicht ein Kind, da ist völlig egal, wie gesund die anderen sind. Nein, das Risiko war zu groß, dass ich mich auf Klassenfahrt mit schlechter Gesellschaft ansteckte. Ich glaube, meine Eltern stellten sich Klassenfahrt als eine Art Spring Break im Laufhaus vor. Misha gone wild, das war ihr Albtraum. In der Zeit, in der meine Klassenkameraden auf Langeoog oder Spiekeroog oder in den Bergen waren, kam ich in eine andere Klasse. Die Kinder in der anderen Klasse waren immer nett zu mir, das fand ich gut. Doof fand ich das Ganze trotzdem. Ich kam mir vor, wie der letzte Idiot. Erst als ich 16 war und eine Ausbildung machte, da durfte ich mit der Berufschule auf Klassenfahrt. Waren ja nur vier Tage in Dresden. Was sollte da schon großartig passieren. Es war wie Spring Break im Laufhaus. Es war großartig. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Aschenbecher getrunken.

Eines Tage wurde in meiner Klasse eine Zeltparty im Garten einer Klassenkameradin organisiert. Es muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Natürlich durfte ich nicht mitmachen. Eine ganze Nacht, ich bitte dich! In Zelten! Und MÄDCHEN würden auch da sein! Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Stattdessen organisierten meine und andere Zeugen-Jehovas-Eltern eine Konkurrenz-Zeltparty mit Zeugen Jehovas-Kindern. Die war auch schön, aber ich war trotzdem traurig, weil ich ein kleines bisschen in ein Mädchen aus meiner Klasse verknallt war.

Ein Jahr später gab es erneut eine Zeltparty. Ich war immer noch oder wieder verknallt, das weiß ich nicht mehr genau. Diesmal wollte ich dabei sein. Ich fasste mir ein Herz und fragte meine Eltern. Ich hatte mich auf das Gespräch vorbereitet. Ich hatte mir die Worte zurechtgelegt, von denen ich hoffte, dass sie meine Eltern überzeugen würden. So gut es ging, mit einem Kloß im Hals, trug ich mein Plädoyer vor. Meine Eltern hörten mir geduldig zu. Als ich fertig war, teilten sie mir mit, dass sie kurz darüber reden wollten. Mit Tränen in den Augen zog ich mich in mein Zimmer zurück. Nach einer halben Ewigkeit riefen sie mich. Zitternd ging ich in die Küche. Sie sagten mir, dass sie eine Ausnahme machen würden und ich diesmal auf die Zeltparty dürfte. Ich fing umgehend an zu weinen. Ich heulte vor Freude, weil ich eine Nacht mit meinen Klassenkameraden verbringen durfte.

Als mein Bruder auf das Gymnasium kam, gab es keine großen Diskussionen. Er durfte von Anfang an auf Klassenfahrten mit.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Panem et circenses

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Auf der einen Seite der Straße war ein Park mit angrenzenden Schrebergärten. Der Park gehörte Sonntags den Mennoniten. Sie grillten und spielten Volleyball. Auf der anderen Straßenseite war ein riesiges Gelände mit Gras. Sonntags gehörte es uns. Jeden Sonntag trafen wir uns mit anderen Zeugen Jehovas aus allen Versammlungen in unserer Stadt und spielten Fußball. Die Erwachsenen unter sich, die Jugendlichen und Kinder unter sich. Wer als Jugendlicher die körperlichen und sportlichen Voraussetzungen mitbrachte, konnte auch bei

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den Großen mitspielen. Da kam man aber seltener an den Ball, vor allem, wenn man wie ich zwei linke Füße hatte. Ich blieb in der Regel bei den Jüngeren. Wir spielten zwei, manchmal drei Stunden, dann ging es nach Hause.

Alle paar Monate trafen wir uns mit der gesamten Versammlung im Garten einer Familie, oder, wenn es kalt war, in gemieteten Räumlichkeiten zu einem Versammlungsfest. Jede Familie beteiligte sich an den Vorbereitungen, brachte einen Salat mit, oder Frikadellen, oder Getränke. Meistens fand das Versammlungsfest an einem Samstag Nachmittag fest, damit jeder die Gelegenheit hatte, sich morgens noch am Predigtdienst zu beteiligen. Besonders Eifrige stießen erst später zum Fest dazu, weil sie so lange im Predigtdienst geblieben waren. Die Versammlungsfeste waren schöne Ereignisse, vor allem für uns Kinder. Es gab leckeres Essen in rauen Mengen, wir spielten Fußball, Völkerball, Volleyball, und wenn es dunkel wurde, saßen wir am Feuer. Wenn wir in einem Raum zusammenkamen, brachten wir unsere Instrumente mit und sangen Königreichslieder. Oder wir spielten Reise nach Jerusalem.

Wir trafen uns nicht immer mit der ganzen Versammlung. Manchmal waren es auch nur zwei oder drei Familien. Wir kochten gemeinsam und führten Gespräche oder schauten eine DVD oder gingen ins Kino. Hin und wieder schnappten wir uns unsere Fahrräder und machten eine Tour durch den Teutoburger Wald. Hinterher wurde bei einer Familie zu Hause gegrillt. Hochzeiten waren besonders beliebt. Es gab viel zu essen, man konnte ein bisschen Alkohol trinken und es wurde bis in die Puppen getanzt.

Wir haben viel mit unseren Glaubensgeschwistern unternommen. Auch an Silvester. Natürlich böllerten wir nicht, noch gossen wir Blei. Ansonsten gab es keinen großen Unterschied: Wir aßen Raclette, tranken ein Bier oder ein Gläschen Sekt, und um null Uhr beobachteten wir das Feuerwerk und hofften, dass es ein gutes Jahr werden würde.

Dass Zeugen Jehovas keinen Spaß haben dürfen und auch gar nicht haben wollen, ist ein Vorurteil, das mich immer geärgert hat und mich auch heute noch ärgert. Weil er in der Verallgemeinerung jeder Grundlage entbehrt. Natürlich gibt es Zeugen Jehovas, die zum Lachen in den Keller gehen und leidenschaftliche Griesgrame sind. Aber die meisten der Glaubensgeschwister, die ich während meiner Zeit bei den Jehovas Zeugen kennenlernte, waren auf ihre Art humorvoll, hatten alle gern ihren Spaß, gingen ins Kino, auf die Kirmes, tranken gelegentlich sogar Alkohol. Ich hatte auch Spaß, als ich noch Zeuge Jehovas war. Es war ja nicht alles schlecht. Alles andere wäre gelogen.

Natürlich hatte der Spaß seine Grenzen, denn, wie es im Buch Prediger so schön heißt, gibt es für alles eine bestimmte Zeit: „eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen; eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Herumhüpfen.“ (Prediger 3:4, Neue Welt Übersetzung der Heiligen Schrift) Solange etwas in Maßen geschah, war es in Ordnung. Alkohol in Maßen war ok, genauso Kino, Musik und Sport. Sex vor der Ehe war auch in Maßen verboten, genauso Weihnachten, Geburtstage und Blutwurst.

Spaß bei den Zeugen Jehovas war ein umzäunter Abenteuerspielplatz mit bunt angemalten Wachttürmen, auf denen Glaubensbrüder mit Fernglas saßen. Je älter ich wurde, desto schmerzlicher wurde mir das bewusst. Maßstab in Sachen Spaß war immer seltener Gottes Wort, immer öfter war es der Grad der Empörung, den die gewünschte Aktivität bei den Glaubensgeschwistern vermutlich auslösen würde. Offiziell war das meiste bis auf einige Ausnahmen Inhalt einer persönlichen Gewissensentscheidung, aber man lernte schnell, dass man vom Versammlungsumfeld an dieser Entscheidung gemessen wurde. Mindestens konnte eine persönliche Entscheidung soziale Konsequenzen zur Folge haben. Im schlimmsten Falle ruinierte man sich als Mann seine theokratischen Karrierechancen, als Frau den Ruf und somit die Aussicht auf einen Ehemann in verlockender hierarchischer Position. Durch das Hinabdelegieren vieler Entscheidungen entband sich die Wachtturm-Gesellschaft der Verantwortung, ihren Schäfchen Sicherheit zu geben. Diese Verunsicherung war bestimmt gewollt, denn sie brütete ohne viel Zutun in jedem Mitglied einen potentiellen Spitzel aus. Man brauchte gar nicht so viel verbieten, denn durch Suggestion und Implikation in den Publikationen, gepaart mit dem persönlichen Gewissen, das jeder Einzelne wie ein Exoskelett um sich herumtrug, war gewährleistet, dass nur die Wenigsten wesentlich aus der Reihe tanzten. Und wenn es einer tat, dann konnte man davon ausgehen, dass die Ältesten irgendwie davon erfahren würden. Bis zu meinem Ausschluss hatte ich nur einen Hirtenbesuch – wegen eines Hobbys. Mein Hirtenbesuch, wie der Vor- und Nachsorgebesuch der Ältesten genannt wird, wurde nach dem obligatorischen Gebet und einer aufmunternden Bibelstelle mit den Worten eingeleitet: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass…“ Die Wachttürme bei den Zeugen Jehovas waren bunt, nicht grau. Manchmal vergaß man, dass man beobachtet wurde.

Es ist ein Vorurteil, dass Zeugen Jehovas nicht gerne Spaß haben. In unserer Versammlung hatten wir eine Menge Spaß. Die Ältesten, die Eltern, die Familien sorgten dafür, dass wir Kinder und Jugendliche regelmäßig beschäftigt wurden. Erst später verstand ich, dass ihnen nicht nur unsere Freude am Herzen lag. Es gab eine Welt da draußen, hinter dem Zaun mit den bunten Wachttürmen. Solange wir Spaß hatten, würde uns nicht auffallen, dass das Gras auf der anderen Seite grüner war.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Weihnachten

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Weihnachten war eine schöne Zeit. Die Stadt erstrahlte im Lichterglanz. Die Häuser waren fein geschmückt. Alles sah märchenhaft aus. Die Spielwarenhandlungen hatten die wunderbarsten Dinge im Sortiment. Die Eltern luden einen in den neuesten Disney-Zeichentrickfilm ein. Es wurde schneller dunkel, so dass man Abends komisch angezogen im Predigtdienst nicht so leicht von weltlichen Bekannten erspäht werden konnte.

Weihnachten war auch eine blöde Zeit. Alle feierten Weihnachten, nur wir nicht. Na ja, wir und die anderen Zeugen Jehovas. Man fand die Weihnachtsdeko schön, schmückte aber selber das Haus nicht. Man betrachtete die Spielsachen im Laden und wusste, dass sie in allen Kinderzimmern außer dem eigenen landen würden. Und in der Schule stand man stumm und einsam inmitten der Weihnachtslieder singenden Klassenkameraden und fühlte sich wie der letzte Vollidiot. Ja, Weihnachten war die ambivalenteste Zeit des Jahres.

Einen Vorteil hatte es natürlich, in einer Familie von Zeugen Jehovas aufzuwachsen: Was den Weihnachtsmann oder das Christkind betraf, wurde ich nie angelogen. Das rieben mir meine Eltern auch immer wieder unter die Nase: „Schau mal, Schatz“, sagten sie, „die anderen Eltern belügen ihre Kinder und behaupten, dass es einen Weihnachtsmann gibt.“ Das imponierte mir. Und so kam es, dass ich meinen Eltern vertraute. Warum sollte ich es auch nicht tun, hatten sie mich doch in eines der größten Geheimnisse unserer Welt eingeweiht: Den Weihnachtsmann gab es nicht. Es gibt das Sprichwort: Wer einmal lügt, den glaubt man nicht. Ich wandelte es in meiner kindlichen Naivität um: Wer einmal die Wahrheit sagt, dem glaubt man. Und so, unter dem Deckmantel dieser einen Wahrheit, glaubte ich meinen Eltern alle anderen Lügen: Dass es einen Teufel gab, der mir Böses wollte, wenn ich böses tat; dass es einen Gott gab, der mir Böses wollte, wenn ich Böses tat; dass ich in Harmagedon sterben würde, wenn ich Böses tat; dass ich nicht ins Paradies käme, wenn ich Böses tat. All das glaubte ich, weil meine Eltern mir bezüglich des Weihnachtsmannes die Wahrheit gesagt hatten. Allerdings hatte diese Wahrheit auch ihren Preis: Weder gab es den Weihnachtsmann noch seine Geschenke. Ich hätte die Lüge bevorzugt.

Zeugen Jehovas feiern Weihnachten nicht, weil das Fest einen heidnischen Ursprung hat. Eheringe haben auch einen heidnischen Ursprung. Gegen Eheringe hat niemand etwas bei den Zeugen Jehovas. Ich habe als Kind immer verstanden, dass Jesus Christus nicht wirklich am 24. Dezember geboren wurde und das Weihnachtsbäume nicht in der Bibel vorkommen. Ich hatte gelernt, dass israelische Winter besonders hart waren und kein Schafhirte dieser Welt seine Schäfchen im Dezember draußen gelassen hätte. Auch hätten die Römer, die ohnehin einen Aufstand der Juden fürchteten, wohl kaum bei Minusgraden eine Volkszählung angesetzt. Nein, Heiligabend, die Geburt Jesu, wurde am 24. Dezember gefeiert, weil Kaiser Konstantin den Geburt des Sonnengottes mit Christi Geburt zusammenlegte, um möglichst viele Heiden in die christliche Falle zu locken. Oder so. Dieses Wissen wurde mir von Kindesbeinen an eingebläut. Es war durchaus logisch. Es wollte mir nur nicht einläuten, inwiefern irgendetwas davon ein Argument gegen das Feiern eines so schönen Festes wie Weihnachten war. Das war doch das Fest der Liebe. Gott war Liebe, stand in der Bibel, was war das denn für ein unlogischer Quatsch?!

Meine Eltern versuchten es mit einem anderen Argument: „Schau mal“, sagten sie, „Weihnachten soll Jesus’ Geburtstag sein. Aber er ist der einzige, der kein Geschenk bekommt.“ Anscheinend sollte das Mitleid bei mir wecken. 1.: Das war kein Argument. 2.: Das war kein Argument. Ich war vielleicht ein Kind, aber nicht dumm. Jesus war die Nummer 2 im Universum. Er war ein lebender 3D-Drucker. Wenn er sich etwas wünschte, konnte er es einfach erschaffen. Er war ganz bestimmt nicht auf irgendein blödes Geschenk eines Menschen angewiesen.

Aber es half nichts. Wir feierten kein Weihnachten. Und keine Geburtstage. Und kein Ostern. Keines der schönen Feste feiern Zeugen Jehovas. Weil sie entweder heidnisch sind oder irgendjemand im Rahmen solcher Feierlichkeiten geköpft wurde. Stattdessen beten sie einen Gott an, der Abraham auf die Probe stellte, indem er von ihm verlangte, seinen geliebten Sohn zu opfern.

Als ich jung war, verbrachten wir Heiligabend mit der Familie zu Hause. Es wurde etwas Neutrales gekocht, vielleicht ein Gesellschaftsspiel gespielt, vielleicht eine DVD geschaut. In manchen Jahren kam eine andere Familie vorbei und die Eltern versuchten uns Kinder tunlichst davon abzulenken, dass da draußen, in den anderen Wohnungen, in den anderen Häusern, ein wundervoll geschmückter Weihnachtsbaum stand, unter dem schon bald Geschenke getauscht würden. Es war furchtbar deprimierend. Es waren nicht zwingend die Geschenke, die ich vermisste. Ich vermisste das Gesamtpaket: Den Trubel, das Besinnliche, den Baum, die Weihnachtsfarben, die Kerzen, einfach alles an Weihnachten. Mir war nicht klar, dass es eine Illusion war und ich eine Coca-Cola-Vorstellung vom Weihnachtsfest hatte. Aber das war egal. Je mehr Weihnachten verteufelt wurde, desto sehnlicher wünschte ich mir, es feiern zu dürfen. Da half es auch nicht, dass meine Eltern einen Familientag als Ersatz einführten, an dem es Geschenke gab. Es war gut gemeint, keine Frage. Aber es war einfach nicht das Gleiche. Ich verstehe das mit Weihnachten bis heute nicht.

Als ich älter wurde, verbrachten wir Zeugen Jehovas-Jugendliche die Heilig Abende immer öfter zusammen, Bier trinkend, eine DVD schauend, im Zweifel knutschend. Wir hatten ja sonst nichts. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft. Und wenn wir sicher waren, unter uns zu sein, sangen wir auch mal Weihnachtslieder. Natürlich völlig ironisch. Wir religiösen Hipster, wir.

Taufe

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Ich würde gern behaupten, dass ich es nicht wollte. Dass ich dazu gezwungen wurde. Aber das entspräche nicht der Wahrheit. Ich wollte mich mit vierzehn Jahren als ein Zeuge Jehovas taufen lassen.

In unserer Versammlung gab es nicht viele Kinder. Mein Geschwisterchen und ich, Gideon, ein paar andere. Die paar anderen, das waren zum Beispiel die Kinder einer alleinerziehenden Mutter, die ihr bestes tat, vorbildliche Zeugen Jehovas heranzuziehen. Sie scheiterte auf niedrigem Niveau. Ihre Jungs waren nett, ich erinnere mich gern an die beiden. Sie begleiteten ihre Mutter immer nur, weil sie das wollte. Richtig Lust hatten sie nicht auf die Zusammenkünfte im Königreichssaal. Das hatten wir gemeinsam, ich hätte es bloß nie zugegeben.

So galten sie nicht als die beste Gesellschaft für mich. Ich sollte mich lieber mit anderen vorbildlichen Zeugen Jehovas-Kindern umgeben, sagten meine Eltern. So wie Gideon, dessen Vater auch Ältester war. Gideon und mir war eine hervorragende Zukunft bei den Zeugen Jehovas beschieden. Wir sollten die typischen männlichen Karrierestationen durchlaufen: Ungetaufter Verkündiger (=Bibellehrer), Taufe, Dienstamtsgehilfe, die Vorstufe zum Ältestenamt, dann das Ältestenamt – der Himmel war die Begrenzung, uns stand die Welt des Wachtturms offen.

Im Nachhinein war der von mir gezeigte Eifer, mein Engagement bei den Zeugen Jehovas, weniger meinem Glauben geschuldet, als einem Wettbewerb zwischen Gideon und mir. Ich hatte im Prinzip nur Gideon als Maßstab, und es fühlt sich in Retrospektive wie ein Wettrüsten um die Gunst der Eltern, der Ältesten, der Versammlung, des Kreisaufsehers an. Das begann mit dem Krieg der Textmarker und setzte sich beim Erklimmen der Karriereleiter fort. Ja, mein Glaube war nur ein klitzekleiner Teil des Ansporns. Denn auch, wenn ich lange Zeit an die Lehren der Zeugen Jehovas glaubte, so war es weniger aus Überzeugung und Hingabe, als aus ängstlicher Unterwerfung. Ich war nicht gläubig, nicht im eigentlichen Sinn – ich war abergläubisch. Gleichermaßen hatte der Eifer, den ich an den Tag legte, weniger mit meinem Aberglauben zu tun, als mit meinem Wunsch, die Bundeszeugenspiele in unserer Versammlung zu gewinnen.

Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst taufen ließ, Gideon oder ich, aber es passierte höchstwahrscheinlich kurz nacheinander. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich meinen Eltern mitteilte, dass ich gedachte, mich taufen zu lassen. Ich bekam die erwartete Reaktion: Feuchte Augen, Kloß im Hals, Umarmungen. Ich war zufrieden. Ich hatte die Erwartungen meiner Eltern erfüllt. Mehr wollte ich doch gar nicht.

Warum ich mich ausgerechnet mit vierzehn taufen ließ, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wie die Entscheidungsfindung genau aussah. Aber so wie ich mich kenne, habe ich vermutlich gedacht, dass mir das doch niemand abnähme, wenn ich mich früher taufen ließe, und wenn ich erst später getauft würde, hätte Gideon gewonnen. So etwas in der Richtung wird es wohl gewesen sein. Ach ja, meine Mutter hatte sich, wenn ich mich recht entsinne, auch mit vierzehn taufen lassen. Vielleicht spielte das auch eine Rolle.

Es lief folgendermaßen ab: Nachdem ich meinen Eltern meinen Wunsch mitgeteilt hatte, ging ich zu den anderen Ältesten und erzählte ihnen, dass ich mich taufen lassen wollte. Sie nahmen meinen Wunsch erfreut zur Kenntnis und machten einen Termin mit mir aus. An mehreren Abenden gingen sie eine Art Test mit mir durch. Die Testfragen waren dem Anhang des Buches Organisiert unseren Dienst durchzuführen entnommen. Im Prinzip ging es darum, zu prüfen, ob ich wusste, worauf ich mich einließ – mich Gott (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) hinzugeben und ihm (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) von ganzem Herzen zu dienen. Der Fragenkatalog umfasste Themen wie die Rolle von Kindern in der Familie (=Immer den Eltern gehorchen), ob es eine Ausnahme gibt, in der Zeugen Jehovas nicht auf das Gesetz achten sollten (=wenn es in Konflikt mit der Bibeltreue gerät), welchen biblischen Prinzipien Folge zu leisten war (=Hurerei sollte man tunlichst vermeiden) und dass man von der Umwelt unter Umständen gemobbt werden könnte, weil man ein Zeuge Jehovas war. Die meisten Antworten kannte ich ohnehin, schließlich war ich schon vierzehn Jahre dabei. Aber auch sonst hätte ich ohne Weiteres bestehen können. Ich hatte mich anhand meiner eigenen Ausgabe des Buches auf die Fragen vorbereiten können. Völlig sinnfrei, wie ich fand. Erst viel später begriff ich, dass diese Prüfung bloß eine Alibifunktion hatte: Niemand soll ernsthaft davon abgehalten werden, der Organisation beizutreteten. Wen man hat, den hat man.

Offenbar bestand ich die Eignungsprüfung, denn die Ältesten teilten mir mit, dass ich die Erlaubnis hätte, mich auf dem nächsten Kongress taufen zu lassen. Will man sich als Zeuge Jehovas taufen lassen, ist der nächste Kongress sehr wichtig. Auf Kongressen der Zeugen Jehovas, anlässlich derer sehr viele Versammlungen und Gäste zusammenkommen, um 1-3 Tage rhetorischer Bespaßung über sich ergehen zu lassen, steht ein Taufbecken. Es ist unter normalen Umständen die einzige Gelegenheit, sich taufen zu lassen. Schließlich sollen möglichst viele Menschen bezeugen, dass man sich der Wachtturm-Gesellschaft überantwortet hat. Die Massentaufen der Zeugen Jehovas sind der Höhepunkt eines jeden Kongresses.

Wir Jungs mochten die Taufe, weil es eine willkommene Gelegenheit war, nasse Glaubensschwestern in Badeanzügen zu bewundern, ohne, dass man als Spanner gebrandmarkt wurde. Im Gegenteil, wir wurden regelrecht dazu ermuntert, der Taufe beizuwohnen. Freilich hegten unsere Eltern die Hoffnung, das Erlebte würde uns ein Ansporn sein. Es kam ihnen wohl kaum in den Sinn, dass der Anblick halbnackter, nasser Mädchenkörper nur eins anspornte: unsere Hormone.

Ich wurde mit 14 Jahren in einem Kongresssaal getauft. Nach der sogenannten Taufansprache, in der hochemotional und mit viel Pathos an die neuen Segnungen (lies: Verpflichtungen) eines sogenannten Täuflings hingewiesen wurde, mussten sich alle Taufanwärter erheben. Das ist bei Kongressen immer die Stelle, in der entweder ein begeistertes Raunen oder ein enttäuschter Seufzer durch das Publikum geht, abhängig davon, wie viele Taufanwärter aufstehen.

Wir standen also auf. Bei dem Kongress war die Reaktion des Publikums eher verhalten, weder enttäuscht, noch begeistert. Das einzige, was ich hörte, waren die vor Stolz platzenden Brustkörbe meiner Eltern. Der Redner stellte zwei Fragen, die wir beide laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, was das Publikum mit Applaus quittierte. Danach wurden wir getauft. Ich hatte mir ein T-Shirt angezogen, ich war vierzehn Jahre alt, schwer pubertär und mir meiner körperlichen Unvollkommenheit sehr bewusst. Es war ganz einfach: Mit der rechten Hand sollte ich meine Nase zudrücken, mit der linken an meinen rechten Arm greifen. Der Täufer packte mich, tauchte mich kurz unter und der Spuk war vorbei. Ich war offiziell ein Zeuge Jehovas.

Die Fragen, die wir laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, lauteten:

Hast du auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehova hingegeben, um seinen Willen zu tun?

Bist du dir darüber im Klaren, dass du dich durch deine Hingabe und Taufe als ein Zeuge Jehovas zu erkennen gibst, der mit der vom Geist geleiteten Organisation Gottes verbunden ist?

Wie gesagt: Ich kann nicht behaupten, dass ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse. Ich hatte auf die Frage, ob ich mir darüber im Klaren war, dass ich mit der Organisation Gottes (lies: die Wachtturm-Gesellschaft) verbunden sei mit „Ja“ geantwortet. Ich war vierzehn Jahre alt, ein Alter, in dem Jugendliche das Recht haben, ihren Glauben selbst auszusuchen. Und das Recht hatte ich in Anspruch genommen. Ich hatte öffentlich einen Eid geleistet. Weil ich es wollte. Ich wollte mich taufen lassen. Ich werde nicht lügen und etwas anderes behaupten. Was ich jedoch heute mit Sicherheit sagen kann: Ich habe es aus den falschen Gründen getan. Nicht, um Gott näherzukommen. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus einer mir gegenüber an den Tag gelegten Erwartungshaltung, die zentnerschwer auf meinen Schultern lastete. Als ich die leuchtenden Augen meiner Eltern sah, als sie mich in ihre Arme schlossen, als ich Gideons so anerkennenden wie auch neidischen Blick sah, in dem Augenblick meinte ich zu wissen, dass es richtig gewesen war, mich taufen zu lassen. Mir brach ein Stein aus meinem Herzen und fiel.

Was die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit auszeichnete – also, wovon die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit glaubten, dass es sie auszeichnete –, war die Tatsache, dass es keine Kleinkindstaufe gab. Nur, wer einem Ältestenkomitee beweisen konnte, dass er oder sie aus freien Stücken und mit entsprechendem Wissen Jehovas Diener werden wollte, wurde zur Taufe zugelassen. Natürlich konnte da auch mal ein achtjähriges Kind dabei sein. Das war aber die Ausnahme.

Die Zeiten sind vorbei. Die Kleinkindstaufe gibt es nach wie vor nicht. Aber die Definition dessen, was einen mündigen Zeugen Jehovas ausmacht, wird immer mehr ausgeweitet und verklärt. Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas zieht die Zügel an und ermuntert Eltern in Ansprachen dazu, ihre Kinder mehr und früher unter Druck zu setzen. So gibt es Aufzeichnungen von Reden von Mitgliedern der LK, in denen sie mit Aussagen zitiert werden, wie (ich gebe die englischen Zitate im Wortlaut wieder):

„Wir zwingen sie nie, aber das lassen wir uns nicht gefallen“ – Anthony Morris III, Mitglied der Leitenden Körperschaft (in Bezug auf berechtigte Zweifel eines als Beispiel angeführten Jugendlichen, der sich zu jung für eine Taufe fühlte, aber sofort einwilligte, nachdem seine Eltern gedroht hatten, ihn nicht den Führerschein machen zu lassen. Wenn Kinder alt genug sind, nachdenken zu können, so der Tenor der Ansprache und die latente Drohung, sollten sie zur Taufe geführt werden, weil sie Harmagedon nicht allein aufgrund der Tatsache überleben werden, dass sie im Schlepptau der Eltern durch die Endzeit gelotst werden. Was ich heraushöre: Kinder, die selbstständig reden und denken können, werden nicht ins Paradies kommen, wenn sie ungetauft sind.)

„Es gibt Dinge im Leben, die getan werden müssen, egal, ob man möchte oder nicht“ – David Splane, Mitglied der Leitenden Körperschaft (der Redner erklärte den Anwesenden, dass man Kindern in Bezug auf die Taufe und ein Leben als Zeuge Jehovas nicht die Entscheidung darüber überlassen sollte, was gut für sie ist. Als Vergleich wird ausgerechnet ein Ferienjob bei McDonald’s angeführt, bei dem die Eltern es dem Kind auch nicht überlassen würden, ob er morgens aufsteht und zur Arbeit geht oder nicht. Das Fazit dieses Vergleichs, der beim Spielen mit Chinaböllern alle Gliedmaßen verloren hat und im Rollstuhl sitzt: „Wenn ihr das für einen Big Mac tun würdet, möchtet ihr es nicht erst recht tun, wenn das ewige Leben eures Kindes auf dem Spiel steht?“)

„Eltern, seid bitte nicht passiv – lenkt eure Kinder aktiv gen Taufe.“ – Gerrit Lösch, Mitglied der Leitenden Körperschaft

(Quelle: Cedar’s Blog)

Das dürfte niemanden verwundern, der die Organisation gut kennt. Nicht nur, dass der Zuwachs in der westlichen Hemisphäre stagniert oder gar nachlässt – in den USA haben die Zeugen Jehovas einer Studie des renommierten Pew-Forums zufolge neben den Buddhisten auch noch die niedrigste Nachhaltigkeitsrate aller Religionen: Nur 37 % derjenigen, die als Zeugen Jehovas aufwuchsen, identifizieren sich später noch mit dem Glauben. In Deutschland dürfte es kaum anders sein. Die Leitende Körperschaft ist sich dieser katastrophalen Zahlen mit Sicherheit bewusst. Sie müssen reagieren. Je früher man die Kinder einfängt, desto besser, scheint da die neue Strategie zu sein.

Im Wachtturm vom 15. Juni 2011 schreiben die Zeugen Jehovas:

Viele Eltern sehen die Taufe ihrer Kinder als wichtigen Schritt, der aber ein gewisses Risiko birgt — vergleichbar damit, den Führerschein zu machen. Doch geht man mit der Taufe und dem heiligen Dienst wirklich ein Risiko ein? Die Bibel antwortet mit Nein, denn in Sprüche 10:22 heißt es: „Der Segen Jehovas — er macht reich, und keinen Schmerz fügt er ihm hinzu.“ (…) Dem wahren Gott zu dienen bringt jede Menge Zufriedenheit und Glück. Satans Welt dagegen hält jede Menge Sorgen und Probleme parat. Diesen Gegensatz sollten Eltern ihren Kindern deutlich vor Augen führen (Jer. 1:19).

Ja, meine Taufe war freiwillig, mir hat niemand eine Pistole an den Kopf gehalten, das ist eine Tatsache. Eine Tatsache ist es aber auch, dass mich niemand objektiv über meine Optionen aufgeklärt hat. Es war keine informierte Entscheidung auf Basis eines Kenntnisstandes, der alle Möglichkeiten umfasste. Es war eine Entscheidung, die ich traf, weil es das war, was man machte, wenn man in dem Leben aufgewachsen ist und nichts anderes kennt. Ich war vierzehn. Ich wollte meinen Eltern gefallen. Sie hatten mir den oben zitierten Gegensatz vor Augen geführt. Aber ich kannte nur die eine, ihre Seite. Ich kannte nur die Geschichte der Zeugen Jehovas, wie sie mir vorgekaut worden war. Ich kannte nur die Sicht auf die Welt, die mir die Brille bot, die man mir aufgesetzt hatte. Ich hätte genauso gut in den Kulissen von Fox News aufwachsen können. Und des gewissen Risikos, dass ich aufgrund meiner Taufe irgendwann meine Familie verlieren würde und alle, die mir nahestanden, war ich mir mit vierzehn Jahren einfach nicht bewusst. Kennt man zu einem Medikament keine Alternative, glaubt man, leiden zu müssen, wenn man darauf verzichtet, verschwendet man keine Zeit an einen Beipackzettel. Man überfliegt ihn höchstens. Vielleicht muss ich anhand eines kurzes Exkurses erklären, was ich meine:

Wie ein Zeuge Jehovas entsteht

  1. Er oder sie wird hineingeboren.
  2. Ein Zeuge Jehovas steht an deiner Tür. Du nimmst einen Wachtturm und einen Erwachet! entgegen. Bei einem seiner erneuten Besuche stimmst du einem Heimbibelstudium zu. Du studierst ein Buch der Wachtturm-Gesellschaft mit ihm, dann noch ein zweites. Du beginnst, regelmäßig die Zusammenkünfte zu besuchen. Meine Güte, sind die Brüder und Schwestern in der Versammlung nett. Sie nehmen sich Zeit für dich und du wirst sogar zu den Versammlungsfesten eingeladen – obwohl du noch gar nicht offiziell dazugehörst! Langsam aber sicher gelangst du zur Überzeugung, dass du das richtige machst, und weil du weißt, dass es von einem Zeugen Jehovas erwartet wird (und weil du auch in dieses Paradies willst, von dem alle reden), beginnst du, auch in den Predigtdienst zu gehen. Du wirst ein ungetaufter Verkündiger, und nachdem eine angemessene Zeit vergangen ist, lässt du dich taufen. Du bist offiziell ein Zeuge Jehovas.

Der Unterschied zwischen dir und mir? Man hat in meinem Fall nur halb so viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Wenn man jemanden überzeugen möchte, der die Alternativen kennt, muss man sich sehr viel Mühe geben. Wenn man die unerwünschten Möglichkeiten in den prägenden Jahren von Anfang an verteufeln oder gar ausschließen kann, ist es nicht besonders schwierig. Zumal ich immer nur mit halbem Ohr hingehört habe und erfolgreich auf Drohbegriffe wie Harmagedon, Sünde oder Dämonen konditioniert worden war. Ich habe den Beipackzettel bloß überflogen. Mit dir ist man ihn Punkt für Punkt durchgegangen. Zugegeben, es war kein objektiver Arzt, der dir zur Seite stand, sondern der Pressesprecher des Pharma-Unternehmens. Aber dennoch. Ich hatte nicht so recht einen Überblick über die Risiken und Nebenwirkungen dessen, worauf ich mich einließ.

Zunächst änderte sich nach meiner Taufe ja auch nicht viel. Kleinigkeiten: Ich wurde von der Bühne mit „Bruder Nachname“ angesprochen, ich durfte als Vertreter des männlichen Geschlechts in der Versammlung Vorrechte übernehmen – und wenn mein Vater nicht da war, ergab sich die wunderliche Situation, dass ich noch zu jung war, ein Familienbibelstudium zu leiten, und meine Mutter zu Frau, um es in meiner Anwesenheit ohne Kopfbedeckung zu tun.

Valar Morghulis

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Hades war sauer. Äskulap hatte seine Kompetenzen überschritten. Er war zwar der Gott der Heilkunst, aber zu seinen Aufgaben zählte nicht, Menschen von den Toten aufzuerwecken. Hades, der Totengott, sah seine eigene Geschäftsidee gefährdet. Also verpetzte Hades den Missetäter bei Zeus, der keine Sekunde zögerte, Äskulap zu töten. Zeus hatte Angst, der Mensch könnte an der Unsterblichkeit gefallen finden. Dass sich eine Familie womöglich einfach über die Rückkehr eines geliebten Menschen gefreut und an etwaige Unsterblichkeiten keinen Gedanken verschwendet hatte, kam ihm nicht in den Sinn.

Ich weiß nicht, ob das eine wahre Geschichte ist. Wenn sie es ist: Krass. Wenn sie ein von Menschen geschaffenes Märchen ist, dann taugt sie mindestens als weiteres Glied in einer endlosen Beweiskette für das urmenschliche Streben nach ewigem Leben und der Überwindung des Todes.

Es ist ein schöner Gedanke, dass die Menschen, die von uns gegangen sind, zurückkehren. Keine Erinnerung kann einen Menschen ersetzen, auch wenn der Mensch überzeichneter wird, je mehr die Erinnerung verblasst, egal, ob im Guten oder im Schlechten. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod ist ein Teil des Lebens, genau wie der Wunsch, ihn zu überwinden. Genau wie der Wunsch, den geliebten Mensch zu behalten.

Niemals geht man so ganz, sang schon Trude Herr, irgendwas von mir bleibt hier. Die Unsterblichkeit der Seele ist längst nicht nur das Steckenpferd der Religionen; selbst die Wissenschaft, speziell die Quantenphysik, geht der Frage nach, was mit der Seele passiert, wenn der Körper, und die Redewendung kommt offenbar nicht von ungefähr, seinen Geist aufgibt. Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr zum Beispiel, oder sein amerikanischer Kollege Jack Sarfatti, der seine umstrittene Theorie auf dem Prinzip der Quantenverschränkung aufbaut: Zwei Teilchen, die zusammengehörten, bleiben auch nach der Trennung verbunden und kommunizieren miteinander, egal, wie weit und wie lang sie voneinander getrennt sind. Das betrachtet Sarfatti als Indiz dafür, dass die Seele nach dem Tod weiterexistiert.

Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert. – Jack Sarfatti

Das ist, wenn man die Wachtturm-Gesellschaft fragt, Quatsch. Jehovas Zeugen glauben nicht an die unsterbliche Seele. Was tot ist, ist tot. Ihrer Ansicht nach hat der Mensch keine Seele, er ist eine Seele. Folglich stirbt die Seele, wenn der Mensch stirbt. Das muss es aber nicht gewesen sein. Ihr Gott hat vorgesorgt. Jehova wird Menschen vom Tod auferwecken, behaupten die Zeugen, und stützen sich dabei auf Apostelgeschichte 24:15:

Und ich habe die Hoffnung zu Gott, welche diese [Männer] auch selbst hegen, daß es eine Auferstehung sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten geben wird.

Jehovas Zeugen wissen, dass Menschen Angehörige, die sie verloren haben, vermissen. Die Aussicht, von den Toten in ein irdisches Paradies aufgeweckt zu werden, die sogenannte Auferstehungshoffnung ist die Unique Selling Proposition der Zeugen Jehovas und gleichzeitig das Haupt-Incentive ihres Bonusprogramms. Im Paradies, nach Harmagedon, wird Jehova alle Menschen, die gestorben sind, von den Toten auferwecken.

Natürlich nicht alle. Jehova wird schon ganz genau gucken, wer eine zweite Chance erhält. Hitler? Eher nicht. Wobei, wer weiß das schon. Die Zeugen Jehovas sagen selbst, dass sie nicht mit Sicherheit wissen, wer das Glück haben wird.

Die Bibel beantwortet uns nicht alle Fragen, die wir in bezug auf die Auferstehung bestimmter verstorbener Personen haben mögen. Wir können aber überzeugt sein, daß Gott, der alle Tatsachen kennt, unparteiisch vorgeht, daß er Recht walten läßt, gemildert durch Barmherzigkeit, die seinen gerechten Maßstäben entspricht. – Unterredungen anhand der Schriften, Seite 50

Jehovas Zeugen gehen davon aus, dass sie zu den glücklichen Auserwählten gehören, die nicht nur Harmagedon überleben werden, sondern die Aussicht genießen, ihre toten Verwandten in der Auferstehung in die Arme schließen zu dürfen. Deshalb folgen sie auch gern der strengen Empfehlung der Leitenden Körperschaft, auf Bluttransfusionen zu verzichten. Halb so schlimm, das Kind zu opfern, wenn man weiß, dass es ohnehin wieder von den Toten auferweckt wird.

Die Lehre von der Auferstehung begleitete die Zeugen Jehovas von Anfang an. Bloß über den Zeitpunkt dieses Wunders war man sich nie so einig. Judge Rutherford, der zweite Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, war so sehr davon überzeugt, die Auferstehung noch zu erleben, dass er sein Haus, Beth Sarim genannt (ie. Das Haus der Fürsten), unter anderem David, Gideon, Barak, Simson, Joseph und Samuel überschrieb – ja, genau den Davids, Gideons, Baraks, Simsons, Josephs und Samuels. John Cedar, der Herausgeber der Seite jwsurvey.org, entdeckte die Namen der alttestamentarischen Fürsten in der Besitzurkunde des Hauses, das bis zum heutigen Tage in San Diego steht. Judge Rutherford glaubte wirklich, die verstorbenen Herren würden zu seinen Lebzeiten irgendwann durch die Haustür gestolpert kommen.

Es gab bei uns zu Hause ein Spiel, bei dem jeder reihum sagen sollte, welche biblische Figur er in der Auferstehung treffen und was er sie fragen wolle. Ich kann mich nicht erinnern, wen ich genannt habe, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann auf Elisa gekommen bin, der Prophet, der einen Haufen frecher Blagen zur Strafe von Bären verspeisen ließ. Ich hätte mich gerne über diese Episode ausgetauscht. Es gab da in der Nachbarklasse so ein Arschlochkind.

Was ich mich persönlich immer gefragt habe, ist Folgendes. Es ist ja so: Zeugen Jehovas dürfen erneut heiraten, wenn a) ihr Partner Ehebruch begeht und sie sich scheiden lassen, b) sie Ehebruch begehen, bereuen, nicht ausgeschlossen werden, ihr Partner sich aber von ihnen scheiden lässt oder c) ihr Partner stirbt. Das ist also die Prämisse: Du bist Zeuge Jehovas. Deine Frau ist gestorben. Du heiratest erneut. Harmagedon. Die Auferstehung geht los. Während du mit deiner neuen Frau an der Hand zwischen den Leichenbergen der Ungläubigen flanierst, triffst du plötzlich auf deine wiederauferweckte tote Ehefrau. Mit der du dich am Totenbett noch über die Auferstehungshoffnung unterhalten hattest; du sagtest, dass sie sich nicht grämen solle, sie käme ja wieder, und sie sagte, dass die Auferstehung das war, was ihr in der ganzen Zeit Kraft gegeben hätte, bevor sie die Augen geschlossen hatte. In Vorfreude darauf, ihren geliebten Ehemann in die Arme zu schließen, kämpft sie sich durch die Ruinen der Erde, beseelt davon, endlich im Paradies zu sein, belohnt für ihre Gottestreue und den Verzicht auf eine lebensrettende Bluttransfusion, aber was müssen ihre wachen Augen sehen? Ihr Mann in den Armen dieser blöden Glaubensschwester, die auch schon zu Lebzeiten ein wenig zu oft mit ihrem Mann in den Predigtdienst hatte gehen wollen. Blöde Situation, irgendwie. Ich fragte mich immer: Wie wird das geregelt? Hat der wiederauferstandene Partner einfach Pech? Muss sich der Partner zwischen der alten und der neuen Frau entscheiden? Kann er beide nehmen? Heiratet man überhaupt noch oder wird der Sexualtrieb und die Fortpflanzung abgeschafft, weil jetzt eh alle ewig leben, und die Erde sonst zu voll würde? Und: Was ist mit Tieren? Würde mein Haustier auch zurückkommen?

Abgesehen davon, dass ich mich auch als Kind stets schon gewundert habe, dass Jehovas Zeugen überhaupt nochmal heiraten, wenn Harmagedon doch vor der Tür steht, waren das im Prinzip meine Fragen zum Thema Auferstehungshoffnung. Niemand konnte sie mir zufriedenstellend beantworten. Meine Eltern nicht, die Ältesten nicht, der Wachtturm nicht. Konsens unter vielen Zeugen Jehovas war aber: Gott wird die toten Ehepartner blitzdingsen. Somit wäre allen gedient. Wenn das mal kein Deus Ex Machina ist.

Böses Blut

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Als ich noch ein Kind war, noch nicht getauft, trug ich den Kinderausweis1 neben dem Milchgeld im Brustbeutel mit mir herum. Später, nach meiner Taufe, erhielt ich den Ausweis für Erwachsene. Eigentlich musste der noch notariell beglaubigt werden, das ging aber erst mit 18. Ich ließ mich mit 14 taufen. Im Erwachsenen-Ausweis stand viel mehr, die Botschaft beider Ausweise war allerdings identisch: Kein Blut. Wir nannten diese Karte den Blutausweis. So wie alle vorbildlichen Zeugen Jehovas trug ich ihn jedes Mal, wenn ich das Haus verließ. Ich kann nur für mich sprechen, aber für mich stellte er eine Art Talisman dar. Ohne ihn fühlte ich mich nackt. Man hatte mir schließlich suggeriert, meine Eintrittskarte ins Paradies verlöre ihre Gültigkeit, wenn ich Blut zu mir nähme. Egal wie.

Bei uns zu Hause gab es keine Blutwurst. Bei jedem Einkauf wurde darauf geachtet, dass das Fleisch kein Blut enthielt. Auf der Kirmes wurde keine Bratwurst gegessen, weil man nie wissen konnte, von welchem Fleischer sie war. Eine bestimmte Schokoladenmarke wurde boykottiert, weil irgendeine Glaubensschwester irgendwo gelesen hatte, dass Tierblut bei der Herstellung verwendet worden war.

1994 sollten mir die Mandeln entfernt werden. Eigentlich ein Routine-Eingriff, aber theoretisch hätte etwas schief gehen können. Dass bei einer Operation etwas „schief geht“, bedeutet bei Zeugen Jehovas in erster Linie, dass die Blutfrage tangiert wird. In unserer Stadt war kein Arzt bereit, meinen Eltern das Versprechen zu geben, bei Komplikationen auf Blut zu verzichten. Deshalb wurde ich in der Nachbarstadt operiert. Ich wusste, dass meine Eltern mich lieben. Ich wusste auch, dass sie mich sterben lassen würden, wenn es hart auf hart käme. Es gab keine Komplikationen, ich starb nicht.

Im selben Monat veröffentlichte die Wachtturm-Gesellschaft eine Ausgabe der Zeitschrift Erwachet!, auf deren Cover 26 lächelnde Kinder abgebildet waren. Titel der Ausgabe: „Jugendliche, die Gott den Vorrang geben“. Alle 26 abgebildeten Kinder waren tot. Gestorben, weil sie Gott den Vorrang gegeben und eine Bluttransfusion abgelehnt hatten3. Als würde die amerikanische Waffenlobby mit den toten Columbine-Kindern eine Imagekampagne betreiben.

An den Gesetzen und Grundsätzen der Bibel sieht man, was für ein weiser Gesetzgeber und liebender Vater Jehova ist und wie viel ihm daran liegt, dass es seinen Kindern gut geht (Psalm 19:7-11).

Bewahrt euch in Gottes Liebe, Seite 79

Versucht man die Logik hinter dem Standpunkt der Zeugen nachzuvollziehen, riskiert man einen Schlaganfall. In keinem der von der Wachtturm-Gesellschaft als Beleg angeführten Bibeltexte geht es um medizinische Eingriffe, es geht ausschließlich um die orale Zufuhr bluthaltiger Nahrung. Auch ein weiterer Bibeltext wird stolz zweckentfremdet, um zur Feststellung gelangen zu können, dass Blut in Gottes Augen für Leben steht, als beweise das irgendwas. Daraus schließen die Zeugen Jehovas auf ihrer offiziellen Homepage jw.org: „Wir haben also zwei Gründe dafür, dass wir Blut ablehnen: Gehorsam gegenüber Gott und Respekt vor ihm als Lebengeber.“

Zeugen Jehovas wollen nicht sterben. Sie wollen leben. Mein Vater war als Ältester Mitglied im Krankenhausverbindungskomitee. Das KVK wurde gegründet, um Zeugen Jehovas, die einer medizinischen Versorgung bedürfen, beizustehen. Und um aufzupassen, dass sie keine Bluttransfusion erhalten. Zur Not wachen Mitglieder des KVK 24 Stunden am Krankenbett, stellen sicher, dass die Patientenverfügung beachtet wird und reden den Medizinern in ihre Arbeit rein. Die Ältesten im KVK mussten rund um die Uhr erreichbar sein. Hin und wieder kam es vor, dass mein Vater mitten in der Nacht einen Anruf erhielt und in ein Krankenhaus gerufen wurde. Am folgenden Morgen ging er trotzdem zur Arbeit.

Ein Großteil des Auftrags des KVK besteht aber auch darin, die Forschung bezüglich Blutalternativen voranzutreiben. Dazu arbeitet das Komitee weltweit mit Medizinern zusammen. Tatsache ist: Die moderne Medizin verzichtet bei Routineeingriffen immer öfter auf Fremdblut. Niemand zweifelt daran, dass Fremdblut ein (überschaubares) Gesundheitsrisiko darstellt. Jehovas Zeugen sehen dies als Bestätigung dafür, dass sie im Recht sind und Gottes Segen haben. Mit Gottes Segen hat das nichts zu tun. Im 19. Jahrhundert wurde Kokain als Lokalanästhetikum eingesetzt. Zeugen Jehovas dürfen keine Drogen konsumieren. Es ist nicht Gottes Segen, dass Kokain aus der Anästhesie verschwunden ist. Man nennt das medizinischen Fortschritt.

Trotz allen Fortschritts: In Notfällen gibt es nach wie vor keine Alternative zu einer Bluttransfusion. Egal, wie die Zeugen Jehovas es drehen und wenden, Blut rettet in vielen Fällen Leben. Es ist eine Sache, den Wunsch zu äußern, aufgrund religiöser Gründe bei einem Routineeingriff nach Möglichkeit auf eine Bluttransfusion zu verzichten. Eine ganze andere ist es, als Ehepartner, als Vater, als Ältester einer Versammlung auf Ärzte einzuwirken und mit Blutausweisen und Patientenverfügungen herumzuwedeln, während der Ehepartner, das Kind, das Versammlungsmitglied auf dem OP-Tisch verblutet. Wenn eine Glaubensgemeinschaft Millionen investiert, um Beratung zu leisten und Behandlungsalternativen zu erforschen, kann man ihr schwerlich unterstellen, dass sie den Tod dem Leben vorzieht. Man kann ihr aber unterstellen, dass sie ihren Glauben und ihre Prinzipientreue über das Leben stellt.

Zu meiner Zeit wurde man wegen einer freiwilligen Bluttransfusion, die man nicht bereut, ausgeschlossen. Aus rechtlicher Sicht ist das mittlerweile schwierig. Die entsprechende Formulierung wurde im neuen ÄltestenbuchG angepasst: „Willigte jemand in eine Bluttransfusion ein, weil er eventuell unter großem Druck stand, ermittelt das Komitee den Tatbestand und versucht herauszufinden, wie der Betreffende eingestellt ist. (…) Stellt das Komitee jedoch fest, dass der Betreffende reuelos ist, lässt es bekannt geben, dass er die Gemeinschaft verlassen hat.“4 Man wird nicht mehr ausgeschlossen, man wird gegangen.

Dass die Wachtturm-Gesellschaft ihren Standpunkt in der Blutfrage ändern wird, ist letztlich nur eine Frage der Zeit. Bereits heute dürfen Zeugen Jehovas bestimmte Blutbestandteile verabreicht bekommen (aber nur hochgradig verdünnt und niemals Blut als Ganzes). In meiner Kindheit war das noch anders. Der Leitenden Körperschaft bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Die Berichte von meuternden Interessengruppen innerhalb der Organisation, die die Blutfrage abschaffen wollen, mehren sich. Mit Ausschlussverfahren allein wird man diesem Problem nicht beikommen können. Letztendlich hat die Wachtturm-Gesellschaft in ihrer Trial-and-Error-Mentalität in medizinischen Fragen bislang immer eingelenkt.

In den 30er und 40er Jahren waren Zeugen Jehovas Impfungen untersagt, weil irgendwas mit Noah, Gott und die Flut. Dieses Verbot wurde in den 50ern aufgehoben. 1967 veröffentlichten die Zeugen Jehovas ein Verbot von Organtransplantationen als lebensrettende Maßnahme, weil die Transplantation einen Akt des Kannibalismus… Entschuldigung, ich konnte den Satz nicht mehr vollenden, mein Kopf war kurzzeitig geplatzt. Dieses Verbot wurde im Wachtturm vom 15. März 1980 aufgehoben5. Man möchte gar nicht wissen, wie viele treue Mitglieder der Zeugen Jehovas aufgrund dieser willkürlichen Glaubensexperimente unnötig sterben mussten. Sie sind Kollateralschäden des theologischen Blindekuh-Spiels ihrer Leitenden Körperschaft. Eine konservative Schätzung des amerikanischen Bloggers Marvin Shilmer6 geht von mindestens 50.000 Toten seit 1961 aus – allein durch das Verweigern einer Bluttransfusion. Das klingt so abstrakt. Betrachtet man das Titelbild des berüchtigten Mai 1994-Erwachets, bekommt das tragische Ausmaß der Blutfrage 26 Gesichter7.

Manchmal waren das Gesichter, die ich persönlich kannte. Als Ältester wurde mein Vater häufig in andere Versammlungen eingeladen, um Sonntags eine öffentliche Ansprache zu halten. In einer Versammlung beobachtete ich, wie einer der örtlichen Ältesten während der Ansprache meines Vaters eine Nachricht erhielt und hastig aufbrach. Nach der Zusammenkunft erfuhren wir, dass ein Glaubensbruder aus der Nachbarversammlung in einen schweren Unfall verwickelt worden war. Er, Vater von vier oder fünf Kindern, hatte schwerste Verletzungen davongetragen, die Ärzte wollten ihm Blut geben, das KVK hatte eingreifen müssen. Er erhielt keine Bluttransfusion und überlebte.

Einige Jahre später machte sich seine älteste Tochter nach einem Nachmittag im Predigtdienst auf den Nachhauseweg. Aus ungeklärten Gründen kam sie von der Straße ab und fuhr gegen einen Baum. Sie wurde schwerstverletzt geborgen. Ihre Familie und Älteste aus dem KVK begleiteten sie ins Krankenhaus und stellten sicher, dass ihre Gewissensentscheidung, kein Blut zu erhalten, respektiert wurde. Sie starb im Operationssaal.

Diese Geschichte hat keine Pointe.

ANHANG:

1) Abbildung des Kinderausweises (weiter im Text)

2) Abbildung des Erwachsenen-Ausweises (weiter im Text)

3) Zitat aus der Ausgabe: „In alter Zeit waren Tausende von Jugendlichen bereit zu sterben, weil sie Gott den Vorrang gegeben haben. Heute ist es nicht anders, nur spielt sich das Drama in Krankenhäusern und Gerichtssälen ab – es geht um Bluttransfusionen.“ Erwachet!, 22. Mai 1994, englische Ausgabe (weiter im Text)

4) vgl. Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, 1991, Seite 95; Hütet die Herde Gottes, 2010, Seite 111 (weiter im Text)

5) vgl. Das Goldene Zeitalter, 4. Februar 1931, Seite 293; Der Wachtturm, 15. November 1967, Seite 702 (weiter im Text)

6) „A newly published medical study offers opportunity to make a very conservative extrapolation of the number of Jehovah’s Witnesses who have suffered premature death abiding by Watchtower’s blood doctrine.“ (weiter im Text)

6) Anmerkung zu dem Erwachet!-Cover: Gesichert ist, dass die drei groß abgebildeten Jugendlichen an den Folgen einer verweigerten Bluttransfusion starben – ihre Geschichte wird im Magazin erzählt. Ob die im Hintergrund abgebildeten Kinder ebenfalls tot sind oder Stockmaterial entspringen ist mir unbekannt – ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Wachtturm-Gesellschaft mit dem Nutzen der Fotos implizieren möchte, dass sie heldenhaft an den Folgen einer verweigerten Bluttransfusion gestorben sind. So oder so ist das meiner Meinung nach moralisch mindestens fragwürdig. (weiter im Text)

Battle Royale

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Das sonntägliche, öffentliche Studium der Zeitschrift Wachtturm im örtlichen Königreichssaal war zu meiner Zeit eine der eigenartigeren ZusammenkünfteG der Zeugen Jehovas. In Vorbereitung las man zu Hause den aktuellen Studienartikel Absatz für Absatz und strich die Stellen an, die die jeweilige Frage beantworteten. Am Sonntag dann las ein Glaubensbruder auf der Bühne einen Absatz vor. Danach stellte der Studienleiter die vorgegebene Frage ans Publikum. Und ein Zuhörer zitierte dann die entsprechende Stelle im Absatz, die buchstäblich keine 30 Sekunden zuvor grad erst vorgelesen worden war. Ein theologischer Idiotentest.

In jedem Absatz wurde dann noch mindestens eine erwähnte Bibelstelle abgefragt, bevor sich der ganze Zirkus im nächsten Absatz wiederholte, bis man alle 20-25 Absätze durchgekaut hatte. Am Schluss wurden die wichtigsten Lektionen nocheinmal zusammengefasst wiederholt. Dann durften wir nach Hause. Das machten wir jeden Sonntag. Der wenigste Spaß, den man mit mehreren Menschen haben konnte.

Das Wachtturm-Studium war ein fester Teil unseres Familienlebens. Zum einen, weil wir jeden Sonntag in den KönigreichssaalG gingen. Zum anderen, weil wir uns selbstverständlich als Familie auf das Wachtturm-Studium vorbereiteten. Bis in meine späte Jugend nahm ich so jeden Studienartikel mindestens zwei Mal durch. „Mindestens“ deshalb, weil selbstverständlich erwartet wurde, dass man die komplette Wachtturm-Ausgabe bei Erscheinen bereits einmal durchgelesen hatte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das je gemacht hätte.

Wenn Familienstudienabend war, setzten wir uns ins Wohnzimmer. Mein Vater sprach ein Gebet (Frauen durften in Anwesenheit eines getauften Mannes nicht öffentlich beten, weil sonst das Universum hart explodiert wäre), dann ging der oben beschriebene Wahnsinn im kleinen Rahmen los. Sobald mein Geschwisterchen und ich das Lesen gelernt hatten, durfte jedes Familienmitglied reihum einen Absatz vortragen. Mein Vater stellte die Frage, einer von uns antwortete. Anfangs genügte es meinen Eltern, wenn wir einfach die richtige Stelle Wort für Wort vorlasen. Je älter wir wurden, desto mehr wurde von uns jedoch erwartet, dass wir die Lösung in eigenen Worten wiedergaben. Was nichts anderes hieß, als dass man mit der Zeit wohl oder übel zum menschlichen Thesaurus wurde; man ersetzte hier ein Wort, ließ da eins aus oder würfelte kreativ den Satzbau durcheinanander, gerne bis zur völligen Sinnentstellung. Im Anschluss dann strich man die entsprechende Stelle an. Fertig war die Laube.

Als ich noch klein war, strich ich einfach irgendetwas an. Meistens spickte ich bei meinen Eltern. Oder ich unterstrich eines der Wörter, das ich am schönsten fand. Hauptsache bunt. Wir waren eine Stabilo-Familie. Mein Vater besaß ein ganzes Arsenal an Stabilo-Produkten, vom Stabilo Boss bis zum Stabilo Point. Mit dem Stabilo Boss strich er die Stellen im Absatz an, gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Mit einem schwarzen Stabilo Point notierte er dann noch die Bibeltexte am Seitenrand. Gideons Familie hingegen vertraute in der Regel auf Faber-Castell Textliner 48 in Rot und Gelb zum Unterstreichen der Antworten und Rotring Fineliner für die Bibeltexte.

Ich war schon immer sehr faul. In der Schule wie im Alltag. Zum Zimmeraufräumen musste ich genötigt werden, das Hausaufgabenmachen ließ ich irgendwann gänzlich bleiben und von meiner anfänglichen Euphorie, meinen Wachtturm bunt anzumalen, blieb mit dem Älterwerden nicht mehr viel übrig. Bis ich eines Tages während des Wachtturm-Studiums neben Gideon saß.

Ich schaute nach links. Gideon hatte fein säuberlich mit einem Lineal und seinem Fineliner alle Zeilen unterstrichen und einzelne Stichpunkte zu den Bibeltexten in den Rand geschrieben. Ich schaute auf meinen Wachtturm. Er war in meiner Tasche durch die hektisch drauf geworfene Bibel zerknickt worden; überall an den Rändern waren Spuren meiner Fettfinger zu sehen. Und in einem Anflug akuter Indisponiertheit während des Familienstudiums hatte ich relativ lieblos mit einem Bleistift Linien unter die Textstellen gemalt. Nicht nur schienen die Linien direkt dem Lügendetektortest eines Baron Münchhausens entnommen worden zu sein, sie waren auch noch an den falschen Stellen. Ich hatte einfach irgendetwas markiert. Der Jesus-Zeichnung hatte ich eine Sonnenbrille gespendet. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich noch anmerken, dass ich immerhin so viel LangeweileMotivation besessen hatte, jede einzelne Buchstabenpunze schwarz auszumalen. Meine Zeugen-Jehovas-Laufbahn war schon immer mehr Schein als Sein gewesen.

Hämisch grinste Gideon zu mir rüber. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. In der nächsten Woche hatte ich analog zu meinem Vater alle Antworten mit einem Stabilo Boss markiert – gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Außerdem hatte ich jeden Bibeltext Wort für Wort in den Seitenrand geschrieben.

Kleinlaut biss Gideon sich auf die Lippen. Das hatte er nicht erwartet. Ich wusste, die Replik würde nicht lange auf sich warten lassen. Bereits am folgenden Sonntag schlug er zurück. Seine Antworten waren jetzt auch farblich hinterlegt. Zusätzlich hatte er die farbigen Balken mit einem Fineliner umrandet, alle Bibeltexte in den Seitenrand geschrieben und Zitate aus Sekundärliteratur der Zeugen recherchiert. Mein Kampfgeist war geweckt.

Am Montag darauf klaute ich meinem Vater einen blauen Stabilo Boss. Ergänzend zu den richtigen Antworten hinterlegte ich nun in jedem Absatz auch ein paar weitere Zeilen mit Stellen farbig, die ich bemerkenswert fand. Die aufgeschriebenen Bibeltexte verband ich mit Pfeilen mit ihrer Quelle im Absatz, als hätte ein Kaugummi-Automat eine Mindmap entworfen. Auch die Fragen kennzeichnete ich farbig, um sie besser zuordnen zu können. Ich konnte so gut wie nichts mehr erkennen, zumal ich die Farben so dick aufgetragen hatte, dass sie auf der Rückseite durchschimmerten, so dass mein Wachtturm wie ein Monet aussah. Aus seiner blinden Phase. Aber das war nebensächlich. Es gab eine Schlacht zu gewinnen.

Gideon sagte nichts. Aber innerlich tobte er, das spürte ich. Und ich, ich genoss den Triumph.

Der Wahnsinn ging noch ein paar Monate weiter, bis mit der Zeit alles farblich markiert und auführlich notiert war, was einem Buchstaben auch nur annähernd ähnlich sah. Wir hätten auch einfach das Fernseh-Testbild ausdrucken können, den Unterschied hätte niemand bemerkt. Das war kein Wachtturm-Studium mehr, das war ein Holi-Festival.

Irgendwann ließ mein Enthusiasmus nach. Unsere Farbenschlacht langweilte mich. Zuerst verschwanden die Pfeile, dann die notierten Bibeltexte, dann die Farben, bis ich irgendwann zum Bleistift zurückkehrte – wenn ich mich überhaupt vorbereitete. Gideon jedoch machte weiter. Gideon hatte gewonnen. Nichts hätte mir egaler sein können.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass es eine Korrelation gab zwischen meinem steigenden Desinteresse und meinen ersten, wachsenden Zweifeln an einem Leben bei den Zeugen Jehovas.

Darth Vader vs. Captain Kirk

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In unserer VersammlungG gab es einen Bruder, der sich großer Beliebtheit bei uns Kindern erfreute. Nach den ZusammenkünftenG scharten wir uns um ihn und beobachteten fasziniert, wie er Bilder zeichnete. Egal, was wir uns wünschten, er zeichnete es uns. Außerdem hatte er die größte Videocassetten-Sammlung, die ich je gesehen hatte. Chuck Norris, Michael Dudikoff, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Silvester Stallone, Dolph Lundgren, Jean-Claude Van Damme – die Helden der 80er und 90er hatten einen festen Wohnsitz in seinem Zuhause. Wenn wir einen bestimmten Film haben wollten, er konnte ihn besorgen, natürlich heimlich, ohne, dass unsere Eltern etwas erfuhren. Das gleiche galt für Musik. Die geliebte Kassette, auf der „The final Countdown“ von Europe drauf war, die hatte ich von ihm. Irgendwann war er nicht mehr in unserer Versammlung. Bei den Eltern und bei den ÄltestenG war er nicht ganz so beliebt. Ich weiß bis heute nicht, was eigentlich aus ihm geworden ist.

In einer Vertretungsstunde an meiner Schule schob meine Lehrerin einen Fernseher samt Videorecorder in den Klassenraum und zeigte uns den Kassenerfolg des vergangenen Jahres, „Der bewegte Mann“. Als meine Eltern davon erfuhren, beschwerten sie sich erbost bei meiner Klassenlehrerin, weil ihr Sohn homosexueller Propaganda ausgesetzt worden war. Sie waren übrigens nicht die einzigen Eltern, die sich beschwerten. Es waren die 90er in der deutschen Provinz.

Das sagenumwobene ÄltestenbuchG der Zeugen Jehovas zählt auch in der aktualisierten Ausgabe von 2010 zahlreiche Missetaten auf, die absolute No-Gos sind und die Bildung eines Rechtskomitees erfordern. Dazu zählen Trunkenheit, Totschlag, den natürlichen sowie den widernatürlichen unsittlichen Gebrauch der Genitalien in unzüchtiger Absicht, Bluttransfusionen, das Begehen von Feiertagen der falschen Religion, extreme Unsauberkeit, Tabakmissbrauch, Umgang mit einem Ausgeschlossenen, mit dem man nicht verwandt ist, etc.

Alles andere ist die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Die Zeugen Jehovas nennen diesen persönlichen Ermessensspielraum das „biblisch geschulte Gewissen“. Dieses Gewissen kommt immer dann zum Tragen, wenn es sich beim Sachverhalt um eine Grauzone handelt. Bei den Zeugen Jehovas gibt es unzählige Grauzonen. Die vermutlich größte ist die Frage, wie man seine Freizeit gestalten darf. Die Frage, welche Filme man schauen, welche Musik man hören und welche Hobbies man haben darf, ist Inhalt endloser Diskussionen.

Es gibt keinen offiziellen Index. Die Leitende KörperschaftG schreibt niemandem vor, welche Filme man schauen, welche Musik man hören und welche Hobbies man haben darf. Das müssen sie auch nicht, weil der durchschnittliche Zeuge Jehovas entsprechend konditioniert ist. Diese Konditionierung nennt man das „biblisch geschulte Gewissen“. Als ZJ weiß man, was geht und was nicht. Geschult wird das persönliche Gewissen von der Leitenden Körperschaft, die es selten an dann doch recht eindeutigen Zweideutigkeiten mangeln lässt.

In der Bibel wird uns nicht ausdrücklich untersagt, Filme oder Sendungen anzusehen, in denen brutale Gewalt oder Unmoral gezeigt wird. Aber brauchen wir dafür wirklich eigens ein Verbot? Wir wissen auch so, wie Jehova darüber denkt, denn in seinem Wort heißt es klipp und klar: „Jeden, der Gewalttat liebt, hasst SEINE [Jehovas] Seele gewiss“ (Psalm 11:5). Und: „Gott wird Hurer und Ehebrecher richten“ (Hebräer 13:4). Wenn wir uns über diese Worte Gedanken machen, wird uns deutlich bewusst, „was der Wille Jehovas ist“. Deshalb kommt es für uns gar nicht infrage, Filme anzuschauen, in denen plastisch dargestellt wird, was Gott hasst. Und wir wissen: Jehova freut sich, wenn wir uns von dem Morast der Unmoral fernhalten, den uns die Welt als harmlose Unterhaltung verkaufen will.

– Bewahrt euch in Gottes Liebe, Wachtturm-Gesellschaft, Seite 9

Denk nicht, es würde keine große Rolle spielen, was für Spielfilme oder Fernsehsendungen du dir anschaust. Warum ist das nicht egal? Weil die Wahl der Unterhaltung ein Fenster zu deinem Herzen ist. Man erkennt daran, welche Werte dir wichtig sind (Lukas 6:45). Deine Wahl verrät viel darüber, was für Freunde du dir wünschst und was für eine Sprache oder Moral du tolerierst. Sei also wählerisch!

– Fragen junger Leute – Praktische Antworten, Band 2, Wachtturm-Gesellschaft, Seite 269

Wählerisch sein zu sollen, bedeutet ja auch, dass man eine Wahl hat. Das ist gut. Wer jetzt also als junger Zeuge Jehovas dachte: „Mensch, ist ja halb so schlimm, ist ja relativ entspannt, das Ganze, solange mein Gewissen das erlaubt, ist alles paletti“, nun, der sah sich dann mit dieser Belehrung konfrontiert:

Vor allem müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir uns nicht immer auf unser Gewissen verlassen können. (…) Wenn wir also bei einer bestimmten Art der Unterhaltung kein schlechtes Gewissen haben, ist das nicht unbedingt eine Garantie dafür, dass wir richtig handeln. Sicher führen kann uns nur ein durch Gottes Wort richtig geschultes Gewissen.

– Wachtturm, 15. Februar 2004, Seiten 19-20

Das sind sehr gute Beispiele für die eigenartige Rhetorik der Zeugen Jehovas. Ich nenne sie den vereinnahmenden Imperativ. Das „wir“ gewinnt. Die Leitende Körperschaft muss gar nicht alles bis ins kleinste Detail festlegen – der gute Zeuge Jehovas weiß, was Gott (lies: die Leitende Körperschaft) von ihm erwartet. Der Diplompsychologe Manfred Neumann sagt dazu:

Das Perfide an dieser Vorgehensweise ist, daß (…) nicht direkt gesagt wird, wie er sich verhalten soll… Das Stichwort „biblisch geschultes Gewissen“ ist ein Codewort für die Regeln der Gruppe. Auf diese Weise vermeidet sie es, das gewünschte Handlungsmuster zu benennen, vielmehr überläßt sie dies dem Einsteiger selber. So bekommt er das Gefühl, selbstverantwortlich zu handeln, und die Gruppe kann im Konfliktfall immer sagen, sie habe ein derartiges Handeln nicht gemeint und nicht gefordert.

Dieses vorgetäuschte selbstverantwortliche Handeln ist nicht immer einfach. Im Erwachet stand einmal etwas über die New Age-Bewegung. Neben der Behauptung, mit New Age hole man sich Dämonen ins Haus, lieferte die Zeitschrifte noch eine Liste der wichtigsten Merkmale, an denen man New-Age-ifizierte Dinge erkennen konnte. Und so wurde aus einem Video-Nachmittag mit einer befreundeten Zeugen Jehovas-Familie kein Video-Nachmittag mit einer befreundeten Zeugen Jehovas-Familie, weil nach Ansicht meiner Eltern der Disney Film Hook ein New Age-Propagandastreifen war. Der Film Perfect World löste in unserer Versammlung hitzige Debatten aus. Die einen meinten, man dürfe ihn nicht sehen, weil er die Zeugen Jehovas in einem schlechten Licht darstelle. Ebendrum müsse man ihn sehen, meinten die anderen, um im Predigtdienst entsprechend reagieren zu können.

Natürlich gibt es Bands oder Filme, bei denen keinerlei Zweifel bestehen, das sie für Zeugen Jehovas nicht geeignet sind. Diese schaffen es dann sogar auch mal in die Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft, sei es durch die eindeutige Beschreibung von Szenen oder Songtexten, oder gar durch eine namentliche Erwähnung. Basic Instinct und Harry Potter sind sehr prominente Beispiele. Dann wird vermieden, was das Zeug hält. Zuletzt erlebte der Film Krabat dank der Zeugen Jehovas eine mediale Renaissance1.

Ansonsten ist natürlich alles Gewissenssache. Das Problem daran ist, dass man als junger Zeuge Jehovas nie so wirklich wusste, woran man war. Dieses Rumgeeiere führte dazu, dass man, wenn man nicht aufpasste, innerhalb seiner Versammlung blitzschnell wahlweise als unerträglicher Eiferer und Spießer oder als Schlechte GesellschaftG gebrandmarkt war, weil das persönliche Gewissen mit dem der anderen kollidierte. Grauzonen habe ich bei den Zeugen Jehovas immer als sehr relativ erlebt. Es gab ein spürbares globales Gewissen, was den Einzelnen im Streitfall zur kollektiven Verfügungsmasse machte. Da konnte man gar nicht so schnell gucken wie man einen Hirtenbesuch an der Backe hatte.

Aber natürlich reizten wir Zeugen-Jehovas-Jugendlichen den uns gebotenen Spielraum so weit wie möglich aus. Wir lernten, die Grenzen unserer christlich geschulten Gewissen mit jedem Film, jedem Album neu auszuloten. Man entwickelte ein Gespür dafür, mit welchem Ältesten oder Bruder oder Schwester man über diesen Film sprechen oder jenen Film nicht sprechen durfte. Irgendwann wusste man, in welchen Gruppenkonstellationen man worüber reden konnte; mit wem es besser war, den eifrigen ZJ heraushängen zu lassen und wann man so sein konnte, wie man wirklich wollte.

Trotzdem kam es immer wieder zu völlig absurden Diskussionen wie dieser:

„Schaust du auch Star Trek?“, fragte der Bruder mich, als wir im Predigtdienst waren.

„Ich bin mehr so der Star Wars-Typ“, antwortete ich.

„Star Wars? Das ist dämonisch.“

„Quatsch.“

„Doch, doch. Die können doch zaubern. Mit der Macht. Dinge bewegen und so.“

„Star Wars ist ein Science Fiction-Märchen, das darf man nicht so ernst nehmen. Du hast doch als Kind auch Grimms Märchen gelesen.“

„Nee, durfte ich nicht. Das ist auch dämonisch.“

„Quatsch. Meine Eltern haben mir selber ein Buch der Gebrüder Grimm geschenkt. Mein Vater ist Ältester, der wird mir wohl nichts dämonisches schenken. Er findet Star Wars auch ok.“

„Hm.“

„Außerdem, bei Star Trek und so, da gibt’s auch so Monster und Aliens. Könnte auch dämonisch sein.“

„Nee! Star Trek ist hochwissenschaftlich. Der Warpantrieb zum Beispiel ist unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Ganz anders als die Macht. Das habe ich nachgelesen.“

„Wo hast du das bitte nachgelesen?“

„In der P.M.“

Und so weiter und so fort. Solche Unterhaltungen gab es ständig.

Ein bisschen ist das natürlich auch George Lucas‘ Schuld. Wäre er schon damals mit der Wahrheit über die Macht und die Midi-Chlorianer2 rausgerückt, dass die Macht letztendlich eine Art chemische Reaktion ist, wäre mir so manche Diskussion erspart geblieben.

ANHANG:
1) Die Zeugen Jehovas und der Film Krabat (weiter im Text)
2) Die Macht und die Midi-Chlorianer

Schlechter Einfluss

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Beim Elternsprechtag in der siebten Klasse äußerte sich meine Deutschlehrerin besorgt. In einem Aufsatz, dessen Aufgabenstellung es war, eine Kurzgeschichte aus dem Deutschbuch fortzusetzen, hatte ich die Zielsetzung, zwei Seiten zu schreiben, mit knapp zehn Seiten zwar weit übertroffen; Anlass zur Sorge gab allerdings die Tatsache, dass ich die eigentlich doch recht harmlose Geschichte in einem Banküberfall samt Blutbad hatte enden lassen. Ob ich zu Hause unter Umständen Filmen ausgesetzt sei, die für mein Alter ungeeignet waren? Meine Mutter schüttelte den Kopf. Wir seien Zeugen Jehovas. Man habe ein Auge darauf, was im Kinderzimmer landete. Und das waren weder der Terminator noch Conan.

Ich bin in meiner Kindheit ohne Fernseher aufgewachsen. Das hatte nichts mit den Lehren der Zeugen Jehovas zu tun und war ausschließlich eine persönliche Entscheidung meiner Eltern. Ich beneidete meine Klassenkameraden, die einen Fernseher hatten. Also alle. Mit großen Ohren hörte ich zu, wenn sie von einem Roboter erzählten, der aus der Zukunft kam und gegen einen Roboter kämpfte, der aus flüssigem Metall bestand. Oder von einem mythischen Krieger, der sich an allen blutig rächte. Es klang wundervoll. Ohne Fernseher war ich gezwungen zu lesen. Die Bilder in meinem Kopf ersetzten den Fernseher. Ich entwickelte eine ausgeprägte Fantasie. Wenn wir mit der Familie die Bibel studierten, langweilte ich mich in der Regel und flüchtete mich in Tagträume. Doch ab und an erregte ein Bibeltext meine Aufmerksamkeit und löste ein fasziniertes, wohliges Schaudern in mir aus.

Was Amạsa betrifft, er war nicht auf der Hut vor dem Schwert, das in Jọabs Hand war, so daß er ihn damit in den Unterleib schlug, und seine Eingeweide ergossen sich auf die Erde, und er brauchte es ihm nicht noch einmal zu tun. (…) Die ganze Zeit wälzte sich Amạsa im Blut mitten auf der Landstraße.

– Die Bibel, 2. Samuel 20:10-12

Meine Schulfreunde hatten vielleicht Conan, den Barbaren. Ich hatte die Bibel. Ich malte mir die Szene in den schillerndsten Farben aus. Es war ein anderer Bibeltext, der mich noch ein bisschen mehr faszinierte.

Dann fuhr Ẹhud mit seiner linken Hand hinein und nahm das Schwert von seiner rechten Hüfte und stieß es ihm in den Bauch. Und auch der Griff fuhr nach der Klinge hinein, so daß sich das Fett um die Klinge schloß, denn er zog das Schwert nicht aus seinem Bauch heraus, und die Fäkalien begannen herauszukommen.

– Die Bibel, Richter 3:21, 22

Am nächsten Tag setzte ich mich mit meinen Buntstiften an den Küchentisch und zeichnete das Bild, das der Bibeltext in meinem Kopf ausgelöst hatte. Die Zeichnung hing noch viele Jahre in unserer Küche.

Neben den Bilderbüchern, und später den Comics und Karl-May-Büchern, die mein Geschwisterchen und ich verschlangen, besaßen wir natürlich auch eine Ausgabe von Mein Buch mit biblischen Geschichten, ein Buch mit knallgelbem Einband und metallisch-roter Beschriftung. Die Wachtturm-GesellschaftG hatte das Buch speziell für Kinder entwickelt, um ihnen die Bibel kindgerecht näherzubringen. Wie jede Bill-Cosby-Show-Folge hatten auch hier alle Kapitel eine Lektion. Ich habe das Buch nie ganz gelesen, denn als ich endlich lesen konnte, interessierte ich mich für spannendere, weltlichereG Bücher. Aber die Bilder habe ich mir angeschaut. Jedes einzelne. Zum Beispiel das Bild mit dem flüchtenden Kain und dem in einer Blutlache liegenden Abel. Das Bild in der Geschichte über die Sintflut, auf dem verzweifelte, ertrinkende Menschen zu sehen sind. Das Bild, auf dem Abraham ein Messer über seinen Sohn hält. Das Bild, auf dem eine Stadt mit einem Feuerregen bestraft und eine Frau unter Schmerzen in eine Salzsäule verwandelt wird. Das Bild von Jesus mit schmerzverzerrtem Gesicht, dem das Blut aus den Händen fließt. Das Bild, auf dem Stephanus zu Tode gesteinigt wird. Wenn ich mich in den ZusammenkünftenG langweilte, schaute ich mir diese Bilder an. Es war das einzige Bilderbuch, das ich in den KönigreichssaalG mitnehmen durfte.

Einmal im Jahr gibt die Wachtturm-Gesellschaft das sogenannte Jahrbuch heraus, in dem die jährlichen PredigtdiensterfolgeG gefeiert werden. In jeder Ausgabe wird zudem das Werk der Zeugen Jehovas in einem bestimmten Land beleuchtet. Ganz besonders beliebt waren die Reportagen aus Ländern, in denen die Zeugen Jehovas verboten waren. Der mutige Kampf der örtlichen Zeugen angesichts der brutalen Verfolgung wurde besonders hervorgehoben. Damit es keine Zweifel geben konnte, welche Qual sie in ihrem Kampf für Jehova erlitten hatten, ging man in den Berichten bis ins kleinste grausame Detail.

Many were the reports of rape, mutilation, and beating of Christian women. (…) The vicious attacks claimed many lives. In Cape Maclear, at the southern end of Lake Malawi, bundles of grass were tied around Zelphat Mbaiko. Petrol was poured on the grass and set alight. He was literally burned to death! Sisters also suffered terribly. Following their refusal to buy party cards, many were repeatedly raped by party officials. In Lilongwe, Sister Magola, along with many others, tried to flee the trouble. However, she was pregnant and could not run very fast. A mob, acting like a pack of wild dogs, caught up with her and beat her to death. At the campus of Bunda College of Agriculture, just outside of Lilongwe, six brothers and one sister were murdered and their bodies were horribly mutilated.

– Malawi, Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1999, Seiten 182, 189

Auch aus anderen Ländern gab es ähnliche Berichte. Die Jahrbücher lagen bei uns zu Hause offen herum. In den Zusammenkünften und von den Eltern wurde uns Kindern die Lektüre dieser Bücher ans Herz gelegt.

Für Jugendliche hat die Wachtturm-Gesellschaft das Buch Fragen Junger Leute – Praktische Antworten herausgebracht. Das Buch soll Jugendlichen helfen, perfekte Zeugen Jehovas zu werden. Dank dieser Bücher kann man als junger Mensch lernen, Sex zu vermeiden1, nicht schwul zu werden2 und weshalb es vorteilhaft ist, auf eine akademische Laufbahn zu verzichten3. Außerdem wird den Jugendlichen erklärt, was gute und was schlechte Unterhaltung ausmacht, egal, ob Film, Musik oder Computerspiel. In einem Kapitel stellt die Wachtturm-Gesellschaft als Fazit fest:

Wie Studien immer wieder zeigen, macht brutale Unterhaltung aggressiv. (…) Setzt man sich hohen Dosen erotischer Bilder oder brutaler Gewalt aus, wird „jedes sittliche Gefühl“ zerstört. So können unmoralische Wünsche ins Denken eindringen und beeinflussen, was man tut.

Hm.

–––

ANHANG:

1) Kapitel 5: Wieso ist es gut, mit Sex zu warten? (weiter im Text)

2) Kapitel 28: Was, wenn ich homosexuelle Gefühle habe? (weiter im Text)

3) Kapitel 38: Was mache ich aus meinem Leben? (weiter im Text)