Zeugen Jehovas deuten an, dass die Möglichkeit besteht, dass Harmagedon unter Umständen noch dieses Jahr kommen könnte. Wieder mal.

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Es sind bloß zwei Zeilen im internen monatlichen Memo Unser Königreichsdienst vom März 2014 – aber sie dürften aufmerksame Zeugen Jehovas in Wallung bringen. Denn sie deuten an, dass Harmagedon aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft noch dieses Jahr kommen könnte.

Im Königreichsdienst liest man auf Seite 2 in der Ankündigung für das Gedächtnismahl der Zeugen Jehovas am 14. April:

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Übersetzt lautet die Passage auf deutsch: „Wird dieses Gedächtnismahl unser letztes sein? Wir wissen es nicht.“ Im aufgeführten Bibelvers im 1. Korintherbrief 11:26 liest man:

26 Denn sooft ihr dieses Brot eßt und diesen Becher trinkt, verkündigt ihr immer wieder den Tod des Herrn, bis er gekommen ist.

Was passieren soll, wenn der Herr kommt, ist klar. Im Königreichsdienst sagt die Wachtturm-Gesellschaft, dass sie nicht wissen, ob es das letzte Gedächtnismahl sein wird. Logisch. Der Knackpunkt:

Es gibt überhaupt keinen Grund, diese rhetorische Frage zu stellen und zu erwähnen, dass man nicht weiß, ob dieses Gedächtnismahl das letzte sein wird.

Alles, was die Wachtturm-Gesellschaft damit erreicht ist, dass die wildesten Spekulationen aufblühen werden. Es wird Panik geschürt, es werden unter Umständen Menschen, die ihr ganzes Leben diesem Glauben gewidmet haben, falsche Hoffnungen gemacht. Und das in dem Jahr, in dem sich der Anfang der Endzeit zum 100. Mal jährt. Ironie: Noch vor ein paar Monaten wies die Wachtturm-Gesellschaft ihre Jünger an, das Spekulieren zu unterlassen. Glaubensgeschwister, die über das Ende spekulierten, wären gar „falsche Apostel“ (eine milde Form der Abtrünnigkeit, wie jwsurvey.org kommentiert). Die Frage muss erlaubt sein, ob sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas mit diesen Zeilen nicht selbst zum falschen Apostel macht, vor dem sie warnen.

Dass die Wachtturm-Gesellschaft mit diesen zwei Zeilen subtil impliziert, dass Harmagedon in diesem Jahr möglich ist, ist bemerkenswert. Nicht nur nimmt sie damit einen neuerlichen Hype bewusst in Kauf; meines Wissens ist das seitens der Zeugen Jehovas seit Jahren die konkreteste Äußerung zum möglichen Zeitpunkt Harmagedons.

Jeder kennt die Fabel vom Hirtenjungen und dem Wolf. Die Kurzfassung:

Die Hauptperson der Fabel ist ein Hirtenjunge, der aus Langeweile laut „Wolf!“ brüllt. Als ihm daraufhin Dorfbewohner aus der Nähe zu Hilfe eilen, finden sie heraus, dass falscher Alarm gegeben wurde und sie ihre Zeit verschwendet haben. Als der Junge kurz darauf wirklich dem Wolf begegnet, nehmen die Dorfbewohner die Hilferufe nicht mehr ernst und der Wolf frisst die ganze Herde (und in manchen Versionen auch den Jungen).

Seit ihren Anfängen brüllt die Wachtturm-Gesellschaft immer wieder „Wolf!“ bzw. Harmagedon. Zuletzt 1925 und 1975. Immer wieder vertrauten treue Mitglieder auf die Mahnungen der Wachtturm-Gesellschaft, verkauften teilweise Hab und Gut, gaben alles auf für die Zeugen Jehovas. Natürlich kam Harmagedon nicht und die Gläubigen guckten dumm aus der Wäsche.

Sollten diese verantwortungslosen Zeilen Spekulationen innerhalb der Organisation auslösen, darf sich die Wachtturm-Gesellschaft nicht wundern. Der Hirtenjunge hat nicht dazugelernt. Gut, natürlich wissen wir nicht mit letzter Sicherheit, ob die eingangs erwähnten Zeilen genau so gemeint waren. Mir fallen so gut wie keine anderen Gründe ein. Was wir jedoch wissen: Den Wolf gibt es nicht. Er wird nicht kommen. Egal, wie lange der Hirtenjunge „Wolf!“ brüllt.

Misha Anouk bei Twitter, Ich bin geistig krank bei Facebook.

Vorschaubildnachweis: Against all Odds

Valar Morghulis

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Hades war sauer. Äskulap hatte seine Kompetenzen überschritten. Er war zwar der Gott der Heilkunst, aber zu seinen Aufgaben zählte nicht, Menschen von den Toten aufzuerwecken. Hades, der Totengott, sah seine eigene Geschäftsidee gefährdet. Also verpetzte Hades den Missetäter bei Zeus, der keine Sekunde zögerte, Äskulap zu töten. Zeus hatte Angst, der Mensch könnte an der Unsterblichkeit gefallen finden. Dass sich eine Familie womöglich einfach über die Rückkehr eines geliebten Menschen gefreut und an etwaige Unsterblichkeiten keinen Gedanken verschwendet hatte, kam ihm nicht in den Sinn.

Ich weiß nicht, ob das eine wahre Geschichte ist. Wenn sie es ist: Krass. Wenn sie ein von Menschen geschaffenes Märchen ist, dann taugt sie mindestens als weiteres Glied in einer endlosen Beweiskette für das urmenschliche Streben nach ewigem Leben und der Überwindung des Todes.

Es ist ein schöner Gedanke, dass die Menschen, die von uns gegangen sind, zurückkehren. Keine Erinnerung kann einen Menschen ersetzen, auch wenn der Mensch überzeichneter wird, je mehr die Erinnerung verblasst, egal, ob im Guten oder im Schlechten. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod ist ein Teil des Lebens, genau wie der Wunsch, ihn zu überwinden. Genau wie der Wunsch, den geliebten Mensch zu behalten.

Niemals geht man so ganz, sang schon Trude Herr, irgendwas von mir bleibt hier. Die Unsterblichkeit der Seele ist längst nicht nur das Steckenpferd der Religionen; selbst die Wissenschaft, speziell die Quantenphysik, geht der Frage nach, was mit der Seele passiert, wenn der Körper, und die Redewendung kommt offenbar nicht von ungefähr, seinen Geist aufgibt. Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr zum Beispiel, oder sein amerikanischer Kollege Jack Sarfatti, der seine umstrittene Theorie auf dem Prinzip der Quantenverschränkung aufbaut: Zwei Teilchen, die zusammengehörten, bleiben auch nach der Trennung verbunden und kommunizieren miteinander, egal, wie weit und wie lang sie voneinander getrennt sind. Das betrachtet Sarfatti als Indiz dafür, dass die Seele nach dem Tod weiterexistiert.

Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert. – Jack Sarfatti

Das ist, wenn man die Wachtturm-Gesellschaft fragt, Quatsch. Jehovas Zeugen glauben nicht an die unsterbliche Seele. Was tot ist, ist tot. Ihrer Ansicht nach hat der Mensch keine Seele, er ist eine Seele. Folglich stirbt die Seele, wenn der Mensch stirbt. Das muss es aber nicht gewesen sein. Ihr Gott hat vorgesorgt. Jehova wird Menschen vom Tod auferwecken, behaupten die Zeugen, und stützen sich dabei auf Apostelgeschichte 24:15:

Und ich habe die Hoffnung zu Gott, welche diese [Männer] auch selbst hegen, daß es eine Auferstehung sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten geben wird.

Jehovas Zeugen wissen, dass Menschen Angehörige, die sie verloren haben, vermissen. Die Aussicht, von den Toten in ein irdisches Paradies aufgeweckt zu werden, die sogenannte Auferstehungshoffnung ist die Unique Selling Proposition der Zeugen Jehovas und gleichzeitig das Haupt-Incentive ihres Bonusprogramms. Im Paradies, nach Harmagedon, wird Jehova alle Menschen, die gestorben sind, von den Toten auferwecken.

Natürlich nicht alle. Jehova wird schon ganz genau gucken, wer eine zweite Chance erhält. Hitler? Eher nicht. Wobei, wer weiß das schon. Die Zeugen Jehovas sagen selbst, dass sie nicht mit Sicherheit wissen, wer das Glück haben wird.

Die Bibel beantwortet uns nicht alle Fragen, die wir in bezug auf die Auferstehung bestimmter verstorbener Personen haben mögen. Wir können aber überzeugt sein, daß Gott, der alle Tatsachen kennt, unparteiisch vorgeht, daß er Recht walten läßt, gemildert durch Barmherzigkeit, die seinen gerechten Maßstäben entspricht. – Unterredungen anhand der Schriften, Seite 50

Jehovas Zeugen gehen davon aus, dass sie zu den glücklichen Auserwählten gehören, die nicht nur Harmagedon überleben werden, sondern die Aussicht genießen, ihre toten Verwandten in der Auferstehung in die Arme schließen zu dürfen. Deshalb folgen sie auch gern der strengen Empfehlung der Leitenden Körperschaft, auf Bluttransfusionen zu verzichten. Halb so schlimm, das Kind zu opfern, wenn man weiß, dass es ohnehin wieder von den Toten auferweckt wird.

Die Lehre von der Auferstehung begleitete die Zeugen Jehovas von Anfang an. Bloß über den Zeitpunkt dieses Wunders war man sich nie so einig. Judge Rutherford, der zweite Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, war so sehr davon überzeugt, die Auferstehung noch zu erleben, dass er sein Haus, Beth Sarim genannt (ie. Das Haus der Fürsten), unter anderem David, Gideon, Barak, Simson, Joseph und Samuel überschrieb – ja, genau den Davids, Gideons, Baraks, Simsons, Josephs und Samuels. John Cedar, der Herausgeber der Seite jwsurvey.org, entdeckte die Namen der alttestamentarischen Fürsten in der Besitzurkunde des Hauses, das bis zum heutigen Tage in San Diego steht. Judge Rutherford glaubte wirklich, die verstorbenen Herren würden zu seinen Lebzeiten irgendwann durch die Haustür gestolpert kommen.

Es gab bei uns zu Hause ein Spiel, bei dem jeder reihum sagen sollte, welche biblische Figur er in der Auferstehung treffen und was er sie fragen wolle. Ich kann mich nicht erinnern, wen ich genannt habe, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann auf Elisa gekommen bin, der Prophet, der einen Haufen frecher Blagen zur Strafe von Bären verspeisen ließ. Ich hätte mich gerne über diese Episode ausgetauscht. Es gab da in der Nachbarklasse so ein Arschlochkind.

Was ich mich persönlich immer gefragt habe, ist Folgendes. Es ist ja so: Zeugen Jehovas dürfen erneut heiraten, wenn a) ihr Partner Ehebruch begeht und sie sich scheiden lassen, b) sie Ehebruch begehen, bereuen, nicht ausgeschlossen werden, ihr Partner sich aber von ihnen scheiden lässt oder c) ihr Partner stirbt. Das ist also die Prämisse: Du bist Zeuge Jehovas. Deine Frau ist gestorben. Du heiratest erneut. Harmagedon. Die Auferstehung geht los. Während du mit deiner neuen Frau an der Hand zwischen den Leichenbergen der Ungläubigen flanierst, triffst du plötzlich auf deine wiederauferweckte tote Ehefrau. Mit der du dich am Totenbett noch über die Auferstehungshoffnung unterhalten hattest; du sagtest, dass sie sich nicht grämen solle, sie käme ja wieder, und sie sagte, dass die Auferstehung das war, was ihr in der ganzen Zeit Kraft gegeben hätte, bevor sie die Augen geschlossen hatte. In Vorfreude darauf, ihren geliebten Ehemann in die Arme zu schließen, kämpft sie sich durch die Ruinen der Erde, beseelt davon, endlich im Paradies zu sein, belohnt für ihre Gottestreue und den Verzicht auf eine lebensrettende Bluttransfusion, aber was müssen ihre wachen Augen sehen? Ihr Mann in den Armen dieser blöden Glaubensschwester, die auch schon zu Lebzeiten ein wenig zu oft mit ihrem Mann in den Predigtdienst hatte gehen wollen. Blöde Situation, irgendwie. Ich fragte mich immer: Wie wird das geregelt? Hat der wiederauferstandene Partner einfach Pech? Muss sich der Partner zwischen der alten und der neuen Frau entscheiden? Kann er beide nehmen? Heiratet man überhaupt noch oder wird der Sexualtrieb und die Fortpflanzung abgeschafft, weil jetzt eh alle ewig leben, und die Erde sonst zu voll würde? Und: Was ist mit Tieren? Würde mein Haustier auch zurückkommen?

Abgesehen davon, dass ich mich auch als Kind stets schon gewundert habe, dass Jehovas Zeugen überhaupt nochmal heiraten, wenn Harmagedon doch vor der Tür steht, waren das im Prinzip meine Fragen zum Thema Auferstehungshoffnung. Niemand konnte sie mir zufriedenstellend beantworten. Meine Eltern nicht, die Ältesten nicht, der Wachtturm nicht. Konsens unter vielen Zeugen Jehovas war aber: Gott wird die toten Ehepartner blitzdingsen. Somit wäre allen gedient. Wenn das mal kein Deus Ex Machina ist.

Moriah

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Wir hatten keinen Bunker im Keller. Keinen Bunker und keine Vorräte darin, kein eingelegtes Obst und kein Gemüse, keine Dosen für drei Monate, keine Marmelade, kein Zwieback, keine Kerzen, keine Matratze, kein Radio, kein Funkgerät, keine Comics und keine Bücher, keinen Campingkocher und auch keinen Dosenöffner. Im Keller stand Gerümpel, mein Fahrrad, ein altes Möbel. Da war kein Platz, um Schutz zu suchen.

„Warum haben wir keinen Bunker?“, fragte ich meinen Vater.

„Warum sollten wir einen Bunker haben?“, entgegnete er verblüfft.

„Für HarmagedonG„, antwortete ich. Er lachte.

„So funktioniert das nicht.“

„Aber, was wird denn jetzt genau in Harmagedon passieren?“

„Wir müssen einfach auf Jehova vertrauen. Du musst auf Jehova vertrauen.“

„Aber wo gehen wir hin, wenn Harmagedon kommt?“

„JehovaG wird auf sein Volk aufpassen. Vermutlich treffen wir uns mit den anderen Brüdern und Schwestern im Königreichssaal. Und dann wird uns der Treue Und Verständige SklaveG wissen lassen, was Jehova mit uns vorhat.“

Ich kannte den KönigreichssaalG in und auswendig. Da gab es keine Dosen, keinen Zwieback, keinen Campingkocher. Auch keine Comics. Nur Bibeln, Wachttürme und Erwachets. Und Backsteine. Überhaupt nicht so wie ein Bunker. Ich hatte so meine Zweifel.

Als ich ein Kind war, fürchtete ich mich noch nicht so recht vor den Konsequenzen eines Harmagedons. Meine Eltern versicherten mir, dass wir auf der guten Seite waren. Ich glaubte ihnen. Für mich war das ein Spiel. Welches Kind findet einen Bunker voller Vorräte nicht spannend?

Bloß, dass es kein Spiel war. Es war blutiger, verdammt blutiger Ernst. Ich habe es zu meinem Spiel gemacht. Mir sind Pläne wichtig. Schon immer wollte ich in jeder erdenklichen Situation wissen, woran ich bin. Das Ungewisse ist das, was mir am meisten Sorge bereitet. Deshalb hatte ich nie Angst vor dem Tod. Die Zeugen Jehovas glauben nicht an die Hölle. Tot ist tot. Das war, keine Frage, beruhigend.

Ich hatte eine ungefähre Vorstellung, wie dieses Harmagedon aussehen könnte. Ein Bunker, da war ich mir sicher, wäre hilfreich.

Ich weiß jetzt, dass es nicht etwa der Umstand ist, dass ich im Wasser nicht sehen kann, was unter mir ist, der mir Beklemmungen bereitet. Es ist das unumstößliche Wissen, dass ich in diesem Medium im Nachteil bin, was auch passiert.

Meike Lobo

Harmagedon lernte ich erstmals bewusst kennen, als meine Eltern mir Mein Buch mit biblischen Geschichten schenkten, dass die Wachtturm-Gesellschaft und die Zeugen Jehovas für Kinder herausgegeben hat. In Geschichte 114 las ich, dass Gott eines Tages alles Schlimme vernichten wird, alle seine Feinde und alle bösen Menschen. So wie er es bereits, das wurde zur Sicherheit wiederholt, falls man es vergessen hatte, mit der gesamten Menschheit in der Sintflut, mit Sodom und Gomorrah, mit den Ägyptern im Roten Meer und sogar mit seinem eigenen Volk durch die Babylonier gemacht hatte. Dieser Gott kannte keinen Spaß und sein Tag würde kommen. Dieser Tag heißt Harmagedon. Auf einer Zeichnung war Jesus Christus zu sehen, der samt seiner Kavallerie aus einer rot leuchtenden Gewitterwolke heraus in die Schlacht reitet.

Jedes Kind hat Angst vor Gewitter. Die meisten, die ich kannte, fürchteten den Blitz. Ich fürchtete das Donnergrollen. Das war die Stimme Gottes. So wie sie die Menschheit in Harmagedon zu hören bekommen sollte. Nur mal tausend. Ich hoffte, dass meine Eltern recht hatten. Dass wir wirklich auf der guten Seite waren. Ich war mir nicht sicher, ob es in Harmagedon sonst reichen würde, zu meinen Eltern in die Besucherritze zu schlüpfen.

Es würde krass werden, soviel war klar. Ein Gewitter würde dabei sein, logisch, und viele Blitze und Feuer und Explosionen. Häuser würden brennen, und der Himmel auch. Menschen würden weinen und schreien und fluchen. Die Erde würde sich auftun und alles verschlucken. Und mitten durch das ganze Chaos würden wir Zeugen Jehovas laufen, beschützt, unberührt von dem Ganzen, auf dem Weg ins Paradies, Königreichslieder singend. Das wusste ich, weil ich das in den Bildern gesehen hatte, in den Bildern1 in den ZJ-Büchern für Erwachsene, die wir Kinder aber auch studieren sollten. Da war viel Grausliches zu sehen, sterbende Menschen, brennende Horizonte, aufbrechende Erdböden, und mittendrin immer: Stumpf grinsende, wohlfrisierte, gutgekleidete Menschen.

Ganz schnell wird man euphorisch… Gefügig… Akzeptiert sein Schicksal… Steht alles hier… Ausdruckslose Gesichter! Gelassen wie Hindu-Kühe…

– Tyler Durden in Fight Club

Wenn ich meine Eltern darauf ansprach, sagten sie mir: Das ist bloß eine Künstlervorstellung von Harmagedon. Niemand weiß, wie es wirklich wird. Und wieder: Ungewissheit. Mit einem Bunker weiß man, woran man ist. Mit Königreichsliedern nicht.

Die Zeugen Jehovas glauben nicht an den Weltuntergang. Sie glauben an Weltoptimierung. Die Erde wird nicht untergehen, sie erhält bloß ein Update. Die Zeugen Jehovas glauben aufgrund der Bibel, dass Jehova Gott sehr bald die Welt durch einen theokratischenG Holocaust befrieden wird. Alles, was böse ist, wird Gott vernichten. Dieser Sanierungsprozess heißt Harmagedon.

Und die von Jehova Erschlagenen werden schließlich an jenem Tag gewiß von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde sein. Sie werden nicht beklagt, noch werden sie zusammengesammelt, noch begraben werden. Zu Dünger auf der Oberfläche des Erdbodens werden sie werden.

– Die Bibel, Jeremiah 25:33

Jemandes Fleisch wird verwesen, während er auf seinen Füßen steht; und sogar jemandes Augen werden in ihren Höhlen verwesen, und selbst jemandes Zunge wird in seinem Mund verwesen.

– Die Bibel, Sacharja 14:12


Also im Prinzip der amerikanische Weg, Frieden und Demokratie in andere Länder zu bringen2. Wann Harmagedon kommen wird, ist unklar. Der Termin ist bereits mehrfach verschoben werden. Mittlerweile mag man sich nicht mehr auf ein Jahr festnageln lassen. Seit 1975, dem letzten großen terminlichen Missgriff, hat George Lucas die Prequels zu Star Wars produziert, Chinese Democracy und Duke Nukem Forever sind erschienen, ist Ozzy Osbourne Vater und Großvater geworden, und überhaupt, er lebt noch. Persönlich glaube ich, dass Jehova unbedingt noch den finalen Band von George RR Martins Lied von Eis und Feuer abwarten möchte.

Trotzdem: Die ZJ glauben fest daran, dass Harmagedon kommen wird. So wie manche Menschen der Meinung sind, dass Blüten Autismus behandeln können3, lassen sich auch die ZJ nicht beirren, egal, wie lange es dauert. Schöner scheitert die Vernunft nicht. Weil sie überzeugt sind, dass sie Gottes auserwähltes Volk sind, verbringen die ZJ sehr viel Zeit im Predigtdienst, um auch andere Menschen an ihrer Hoffnung teilhaben zu lassen. Damit nicht allzuviele herumliegende Leichen die paradiesische Idylle stören.

Ich werde es nicht erleben. So wie meine Eltern und die ZJ es sehen, sterbe ich in Harmagedon. Wenn ich nicht vorher bereue und in die Gemeinschaft der ZJ zurückkehre. Als abtrünnigesG Ex-Mitglied der ZJ bin ich todgeweiht.

Ich frage mich manchmal, wie das sein muss, als Eltern, zu glauben, dass dein Kind in Harmagedon sterben wird. Zu erleben, wie es ein selbstbestimmtes Leben führt, herumhurt, säuft, raucht, Drogen nimmt, oder eben nicht, sondern einfach bloß die Lehren der ZJ ablehnt. Ist das wie das eigene Kind in Zeitlupe bei einem Amoklauf zu beobachten, mit dem Wissen, dass am Ende des Flures das SEK wartet? Nur, dass man selbst für immer leben wird, in einem Paradies?

Wie ist das wohl, Ewigkeit, wenn das Kind tot ist?

In der Bibel gibt es die Geschichte von Abraham, dessen Gottesfürchtigkeit auf die Probe gestellt wurde. Jehova verlangte von Abraham, sein Kind zu opfern, um seine Liebe zu testen. Wenn Gott das Experiment im letzten Augenblick nicht abgebrochen hätte, Abrahams Sohn wäre gestorben. Abraham war zum Äußersten bereit.

Ich kann mir vorstellen, dass meine Eltern viel Trost aus dieser Geschichte ziehen.

ANHANG:

1) Eine Beispielauswahl an Harmagedon-Bildern, die wir Kinder in den Büchern der ZJ zu sehen bekamen: Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4, Bild 5, Bild 6, Bild 7 (weiter im Text)
2) Den Gag habe ich geklaut. (weiter im Text)
3) „Mit Bachblüten kann man Autismus bei Kindern behandeln.“ (weiter im Text)