Schlechter Einfluss

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Beim Elternsprechtag in der siebten Klasse äußerte sich meine Deutschlehrerin besorgt. In einem Aufsatz, dessen Aufgabenstellung es war, eine Kurzgeschichte aus dem Deutschbuch fortzusetzen, hatte ich die Zielsetzung, zwei Seiten zu schreiben, mit knapp zehn Seiten zwar weit übertroffen; Anlass zur Sorge gab allerdings die Tatsache, dass ich die eigentlich doch recht harmlose Geschichte in einem Banküberfall samt Blutbad hatte enden lassen. Ob ich zu Hause unter Umständen Filmen ausgesetzt sei, die für mein Alter ungeeignet waren? Meine Mutter schüttelte den Kopf. Wir seien Zeugen Jehovas. Man habe ein Auge darauf, was im Kinderzimmer landete. Und das waren weder der Terminator noch Conan.

Ich bin in meiner Kindheit ohne Fernseher aufgewachsen. Das hatte nichts mit den Lehren der Zeugen Jehovas zu tun und war ausschließlich eine persönliche Entscheidung meiner Eltern. Ich beneidete meine Klassenkameraden, die einen Fernseher hatten. Also alle. Mit großen Ohren hörte ich zu, wenn sie von einem Roboter erzählten, der aus der Zukunft kam und gegen einen Roboter kämpfte, der aus flüssigem Metall bestand. Oder von einem mythischen Krieger, der sich an allen blutig rächte. Es klang wundervoll. Ohne Fernseher war ich gezwungen zu lesen. Die Bilder in meinem Kopf ersetzten den Fernseher. Ich entwickelte eine ausgeprägte Fantasie. Wenn wir mit der Familie die Bibel studierten, langweilte ich mich in der Regel und flüchtete mich in Tagträume. Doch ab und an erregte ein Bibeltext meine Aufmerksamkeit und löste ein fasziniertes, wohliges Schaudern in mir aus.

Was Amạsa betrifft, er war nicht auf der Hut vor dem Schwert, das in Jọabs Hand war, so daß er ihn damit in den Unterleib schlug, und seine Eingeweide ergossen sich auf die Erde, und er brauchte es ihm nicht noch einmal zu tun. (…) Die ganze Zeit wälzte sich Amạsa im Blut mitten auf der Landstraße.

– Die Bibel, 2. Samuel 20:10-12

Meine Schulfreunde hatten vielleicht Conan, den Barbaren. Ich hatte die Bibel. Ich malte mir die Szene in den schillerndsten Farben aus. Es war ein anderer Bibeltext, der mich noch ein bisschen mehr faszinierte.

Dann fuhr Ẹhud mit seiner linken Hand hinein und nahm das Schwert von seiner rechten Hüfte und stieß es ihm in den Bauch. Und auch der Griff fuhr nach der Klinge hinein, so daß sich das Fett um die Klinge schloß, denn er zog das Schwert nicht aus seinem Bauch heraus, und die Fäkalien begannen herauszukommen.

– Die Bibel, Richter 3:21, 22

Am nächsten Tag setzte ich mich mit meinen Buntstiften an den Küchentisch und zeichnete das Bild, das der Bibeltext in meinem Kopf ausgelöst hatte. Die Zeichnung hing noch viele Jahre in unserer Küche.

Neben den Bilderbüchern, und später den Comics und Karl-May-Büchern, die mein Geschwisterchen und ich verschlangen, besaßen wir natürlich auch eine Ausgabe von Mein Buch mit biblischen Geschichten, ein Buch mit knallgelbem Einband und metallisch-roter Beschriftung. Die Wachtturm-GesellschaftG hatte das Buch speziell für Kinder entwickelt, um ihnen die Bibel kindgerecht näherzubringen. Wie jede Bill-Cosby-Show-Folge hatten auch hier alle Kapitel eine Lektion. Ich habe das Buch nie ganz gelesen, denn als ich endlich lesen konnte, interessierte ich mich für spannendere, weltlichereG Bücher. Aber die Bilder habe ich mir angeschaut. Jedes einzelne. Zum Beispiel das Bild mit dem flüchtenden Kain und dem in einer Blutlache liegenden Abel. Das Bild in der Geschichte über die Sintflut, auf dem verzweifelte, ertrinkende Menschen zu sehen sind. Das Bild, auf dem Abraham ein Messer über seinen Sohn hält. Das Bild, auf dem eine Stadt mit einem Feuerregen bestraft und eine Frau unter Schmerzen in eine Salzsäule verwandelt wird. Das Bild von Jesus mit schmerzverzerrtem Gesicht, dem das Blut aus den Händen fließt. Das Bild, auf dem Stephanus zu Tode gesteinigt wird. Wenn ich mich in den ZusammenkünftenG langweilte, schaute ich mir diese Bilder an. Es war das einzige Bilderbuch, das ich in den KönigreichssaalG mitnehmen durfte.

Einmal im Jahr gibt die Wachtturm-Gesellschaft das sogenannte Jahrbuch heraus, in dem die jährlichen PredigtdiensterfolgeG gefeiert werden. In jeder Ausgabe wird zudem das Werk der Zeugen Jehovas in einem bestimmten Land beleuchtet. Ganz besonders beliebt waren die Reportagen aus Ländern, in denen die Zeugen Jehovas verboten waren. Der mutige Kampf der örtlichen Zeugen angesichts der brutalen Verfolgung wurde besonders hervorgehoben. Damit es keine Zweifel geben konnte, welche Qual sie in ihrem Kampf für Jehova erlitten hatten, ging man in den Berichten bis ins kleinste grausame Detail.

Many were the reports of rape, mutilation, and beating of Christian women. (…) The vicious attacks claimed many lives. In Cape Maclear, at the southern end of Lake Malawi, bundles of grass were tied around Zelphat Mbaiko. Petrol was poured on the grass and set alight. He was literally burned to death! Sisters also suffered terribly. Following their refusal to buy party cards, many were repeatedly raped by party officials. In Lilongwe, Sister Magola, along with many others, tried to flee the trouble. However, she was pregnant and could not run very fast. A mob, acting like a pack of wild dogs, caught up with her and beat her to death. At the campus of Bunda College of Agriculture, just outside of Lilongwe, six brothers and one sister were murdered and their bodies were horribly mutilated.

– Malawi, Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1999, Seiten 182, 189

Auch aus anderen Ländern gab es ähnliche Berichte. Die Jahrbücher lagen bei uns zu Hause offen herum. In den Zusammenkünften und von den Eltern wurde uns Kindern die Lektüre dieser Bücher ans Herz gelegt.

Für Jugendliche hat die Wachtturm-Gesellschaft das Buch Fragen Junger Leute – Praktische Antworten herausgebracht. Das Buch soll Jugendlichen helfen, perfekte Zeugen Jehovas zu werden. Dank dieser Bücher kann man als junger Mensch lernen, Sex zu vermeiden1, nicht schwul zu werden2 und weshalb es vorteilhaft ist, auf eine akademische Laufbahn zu verzichten3. Außerdem wird den Jugendlichen erklärt, was gute und was schlechte Unterhaltung ausmacht, egal, ob Film, Musik oder Computerspiel. In einem Kapitel stellt die Wachtturm-Gesellschaft als Fazit fest:

Wie Studien immer wieder zeigen, macht brutale Unterhaltung aggressiv. (…) Setzt man sich hohen Dosen erotischer Bilder oder brutaler Gewalt aus, wird „jedes sittliche Gefühl“ zerstört. So können unmoralische Wünsche ins Denken eindringen und beeinflussen, was man tut.

Hm.

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ANHANG:

1) Kapitel 5: Wieso ist es gut, mit Sex zu warten? (weiter im Text)

2) Kapitel 28: Was, wenn ich homosexuelle Gefühle habe? (weiter im Text)

3) Kapitel 38: Was mache ich aus meinem Leben? (weiter im Text)