Ismen

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In unserer Stadt gab es eigentlich keine Ausrede, kein Zeuge Jehovas zu sein. Zumindest, was die Nachwehen der babylonischen Sprachverwirrung betraf. Es gab fünf oder sechs deutschsprachige Versammlungen, eine spanisch-portugiesische Versammlung, eine jugoslawische, eine russische sowie eine eine chinesische und eine tamilische Gruppe.

Wir waren in der englischen Versammlung. In unserer Versammlung gab es überwiegend deutsche Glaubensgeschwister, die sich in im englischsprachigen Gebiet engagierten, weil sie das Predigtwerk unterstützen wollten, wo Hilfe dringend benötigt wurde, wie es so schön hieß. Der Rest setzte sich aus Briten, Amerikanern und People of Color aus aller Herren Länder zusammen. Unsere Versammlung war für alle Sprachen zuständig, die nicht durch eine eigene Versammlung oder Gruppe abgedeckt wurden. Im Predigtdienst besuchten wir deshalb oft die Asylantenheime, wie die Asylbewerberheime bei uns umgangssprachlich hießen. Hauptsächlich versuchten wir Menschen vom afrikanischen Kontinent sowie aus Asien zu finden, die der englischen Sprache mächtig waren: Nigeria, Ghana, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Kenia und Indien, Sri Lanka, Bangladesh, Pakistan, Nepal, Thailand, die Philippinen, das waren die gängigen Zielgruppenländer. Wir hofften, dass sie wenigstens ein paar Brocken Englisch sprachen, ansonsten hatten wir Publikationen in so gut wie jeder möglichen Sprache dabei.

Die Sekte wirbt vermehrt um Entwurzelte und Randständige der deutschen Gesellschaft. In Asylbewerberheimen wird der Wachtturm, das Zentralorgan der Zeugen Jehovas, in der Muttersprache der Ankömmlinge durch den Zaun geschoben. In Aussiedlerunterkünften werden Insassen auf den Zimmern umworben. – Der Spiegel

Rassismus habe ich bei den Zeugen Jehovas nie erlebt. Ich habe meine Versammlung sowie die meisten ehemaligen Glaubensgeschwister als sehr weltoffene Gemeinschaft erlebt, in der Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft willkommen waren. Natürlich gab es immer wieder mal Personen, die negativ auffielen. Aber Spinner gibt es nun mal überall. Einen Nebengeschmack hat das Ganze trotzdem: Das Predigtwerk der Zeugen Jehovas hat etwas kolonialistisches an sich. Es ist der Glaube eines weißen Mannes. So sehr man dazu ermutigt wurde, im Predigtdienst die Kultur und die Ansichten der Zielpersonen zu respektieren, so unmissverständlich war das Ziel nun mal: Die Person zu einem Bibelstudium und im Anschluss zur Taufe als Zeuge Jehovas zu bewegen.

On multiple occasions over the last 30 years, members of some Christian churches and Jehovah’s Witnesses have “harassed” Hindus both inside and outside of their temples with fliers, informational CDs and unannounced visits at local temples, Patel said.

“They’ve found that Hindus are more gullible,” Patel said.

Patel said that Jehovah’s Witnesses have waited outside of temples, which are private property, to speak with worshipers as they walk to their cars. – Triblive.com

Schließlich gibt es nur eine wahre Religion: Die der Zeugen Jehovas.

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Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft waren also willkommen. Auch jeder sexuellen Orientierung. Solange diese vor der Tür blieb oder spätestens mit dem Mantel an der Garderobe abgegeben wurde. Ich habe nie einen homosexuellen Menschen bei den Zeugen Jehovas kennengelernt. Es gibt sie, natürlich, rein statistisch gesehen muss es sie ja geben. Aber wer Zeuge Jehovas ist, und gleichzeitig homosexuell, redet nicht darüber. Wobei die Zeugen Jehovas auch kein Geheimnis darüber machen, dass es homosexuelle Zeugen gibt. Schließlich lehnen sie nicht den homosexuellen Menschen ab, sondern seine Homosexualität.

Auch wenn die Bibel homosexuelle Handlungen missbilligt, liefert sie keine Grundlage für Homophobie oder dafür, Homosexuellen mit Verachtung zu begegnen. Christen werden vielmehr dazu angehalten: „Begegnet allen Menschen mit Respekt“ (1. Petrus 2:17, Das Buch) – jw.org

Es gibt offiziell keine praktizierenden Homosexuellen bei den Zeugen Jehovas. Sollte man einen Zeugen Jehovas kennenlernen, der von sich aus zugibt, eine homosexuelle Neigung zu haben, so wird er einem sagen, dass er seiner Neigung nicht nachgeht. Mithilfe des Gebetes, des Bibelstudiums und seiner Glaubensgeschwister findet er die Kraft, nicht schwule Dinge treiben zu müssen.

Falsche Wünsche führen zu falschem Verhalten. Will man sich von ihnen lösen, ist es wichtig, seine Gedanken zu kontrollieren. Beschäftigt man sich dagegen viel mit Gedanken, die einen in die richtige Richtung lenken, dann wird es einem leichter fallen, falsche Wünsche zu verscheuchen (Philipper 4:8; Jakobus 1:14, 15). Das kann am Anfang noch ein großer Kampf sein, aber mit der Zeit wird er leichter werden. (…) Den gleichen Kampf führen auch Millionen von Menschen, die heterosexuell sind und sich an biblische Maßstäbe halten möchten. Zum Beispiel Singles, die keinen Ehepartner finden, oder Verheiratete, deren Partner aus irgendeinem Grund nicht zum Geschlechtsverkehr in der Lage ist. Sie führen trotzdem ein glückliches Leben — und das ist auch Menschen mit homosexueller Neigung möglich, wenn sie Gott wirklich gefallen möchten (5. Mose 30:19). – jw.org

Natürlich tratschte man. Dieser Bruder wirke schwul oder jene Schwester sei doch mit Sicherheit lesbisch. Man wusste es natürlich nicht, aber man tuschelte trotzdem. Es müsse doch einen Grund geben, dass sie oder er noch immer single war, die Person sah doch viel zu gut aus, um noch single zu sein, weder arbeitete sie im Bethel noch war sie Pionier. Das musste doch was heißen. Solche Gespräche gab es immer wieder. Und dann gab es natürlich die Horrorstories: Irgendein Ältester habe seine Frau für einen Mann verlassen! Für einen Mann! Ehebruch an sich war ja schon schlimm, aber Ehebruch gepaart mit Homosexualität! Oh mein Gott!

Zuhause haben wir in der Familie Filme vermieden, es denen es „homosexuelle Propaganda“ gab. Philadelphia oder Der bewegte Mann, beispielsweise, die gingen gar nicht, genausowenig wie In&Out. Selbst Mrs Doubtfire lief bei uns auf Bewährung, da diese beiden Männer eindeutig schwul waren, aber wir schauten ihn trotzdem, irgendwie waren sie so tuntig, dass es wieder witzig war. Außerdem stand die Homosexualität nicht im Vordergrund, sie war nicht das Thema des Films, die Homosexualität wurde nicht ausschließlich positiv dargestellt, die Hauptfiguren waren nicht homosexuell, sondern nur unwichtige Nebenfiguren, Homosexualität ist eine gesellschaftliche Realität, es bringt nichts, sie zu verdrängen, in zahllosen Filmen kommt ja auch heterosexueller zügelloser Wandel vor, allerdings ist das ja auch natürlich, man darf nur nicht vergessen, das ganze kritisch zu betrachten, bla bla bla, etc. pp. So versuchte man sich eben eine heile Filmwelt zurechtzureden.

Homosexualität wurde bei uns zu Hause als abstoßend bezeichnet. Unter Zeugen Jehovas machte ma Witze auf Kosten von Schwulen, man unterhielt sich verächtlich über sie, tat angeekelt. Ich habe mich auch daran beteiligt. Heute schäme ich mich dafür.

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Mein Vater erzählte gern folgenden Witz: »Ich bin der Herr im Haus. Mit der Erlaubnis meiner Frau.« Alle lachten. Und alle wussten: Egal, wie selbstbestimmt meine Mutter war, am Ende des Tages würde mein Vater die Entscheidung fällen. Er war das Haupt der Familie und meine Mutter akzeptierte das. Weil es so in der Bibel steht.

Damit die Frau ins Dasein kommen konnte, mußte zuerst der Mann dasein, denn sie wurde aus ihm erschaffen. Als ein Bestandteil des Mannes, als „e i n Fleisch“ mit ihm und als sein Gegenstück und seine Gehilfin war sie ihm als ihrem Haupt untertan. – Einsichten-Buch, Seite 766

Es gibt bei den Zeugen Jehovas ein »Ordnungsgefüge«, wie es im Wachtturm vom 15. Mai 2010 heißt. Die Hierarchie lautet absteigend: Jehova > Jesus Christus > Mann > Frau. Das entnehmen die Zeugen Jehovas dem ersten Korintherbrief im Kapitel 11, Vers 3. Diese Bibelstelle wird von der Wachtturm-Gesellschaft wörtlich ausgelegt.

In unserer Versammlung gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Kreis gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Bezirk gab es keine weiblichen Ältesten. In keiner verantwortlichen Position habe ich jemals eine Frau gesehen. Es gab keine weiblichen Redner, keine weiblichen Dienstamtgehilfen, keine weiblichen Kreisaufseher, keine weiblichen Bezirksaufseher, kein einziges weibliches Mitglied der Leitenden Körperschaft. Auf die Bühne durften sie zwar – aber nur in sketchartigen Darbietungen von Predigtdienstsituationen. Die biblische Belehrung von der Bühne war und ist bis heute den Männern vorbehalten.

Frauen waren mit Respekt zu behandeln. Sie sollten nicht angeschrien werden, sie sollten nicht geschlagen werden. Man half ihnen in den Mantel, man hielt ihnen die Tür auf, man hielt ihnen den Arm, wenn es ein Hindernis zu überwinden gab. Frauen verdienten Anerkennung.

Wodurch verdient sich eine Frau so viel Anerkennung? „Anmut mag Trug sein, und Schönheit mag nichtig sein“, heißt es in Sprüche 31:30, „doch die Frau, die Jehova fürchtet, ist es, die sich Lobpreis schafft.“ Wer also Ehrfurcht vor Jehova hat, wird sich auch gern in die von ihm geschaffenen Autoritätsstrukturen einordnen — und das bedeutet: „Das Haupt einer Frau . . . ist der Mann“, genauso wie „das Haupt jedes Mannes der Christus ist“ und „das Haupt des Christus . . . Gott“ ist (1. Kor. 11:3). – Wachtturm, 15. Mai 2010

Auch ich hatte mich dem Ordnungsgefüge anzupassen. Ich lernte, dass ich als Mann später Verantwortung für meine Familie und für die Versammlung übernehmen sollte. Mein Ziel sollte es sein, Ältester zu werden, und ich sollte mir eine Frau suchen, die mich bei diesen Zielen unterstützt. Eine gottgefällige, demütige Frau, das sollte das Objekt meiner Begierde sein. Natürlich hatte auch meine zukünftige Frau eine Verantwortung:

Gibt seine Frau (wenn getauft) ein gutes Beispiel? Wie sich eine Frau verhält, wirft entweder ein gutes oder ein schlechtes Licht auf ihren Mann (1. Tim. 3:ll). – Ältestenbuch (2010-Version), Seite 31.

Wenn sie eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

11. Wird eine verheiratete Schwester einer Missetat beschuldigt, sollte am besten ihr Mann (wenn er ein Bruder ist) der Verhandlung beiwohnen. Er ist ihr Haupt, und seine Bemühungen, ihr wieder aufzuhelfen und den richtigen Weg zu zeigen, können sehr nützlich sein (1. Kor. 11:3). Falls ungewöhnliche Umstände eine Rolle spielen oder die Ältesten meinen, es sei im Interesse der Sicherheit der Frau besser, den Mann nicht dabei zu haben, sollten sie im Zweigbüro anrufen.

Wenn ich eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

12. Handelt es sich bei dem Beschuldigten um einen verheirateten Bruder, ist seine Frau normalerweise nicht bei der Verhandlung anwesend. Wünscht der Mann jedoch, dass sie dabei ist, kann sie bei einem Teil der Verhandlung zugegen sein. Allerdings sollte das Rechtskomitee die Vertraulichkeit wahren. – Beide aus: Ältestenbuch (2010-Version), Seite 84, Hervorhebungen durch mich

Alle Menschen sind gleich. Männer sind gleicher. Aber es ist mitnichten so, dass Frauen nur stille Teilhaber wären, wie man oben genanntem Wachtturm entnehmen kann:

Frauen haben genauso wie Männer von Jehova viele schöne Aufgaben erhalten. Denken wir nur daran, was für eine große Ehre es für die 144 000 ist, Könige und Priester mit Christus zu sein, wenn er über die Erde regiert! Diese Berufung haben auch Frauen erhalten (Gal. 3:26-29). Es liegt auf der Hand: Jehova hat Frauen in dem von ihm vorgegebenen Gefüge eine durchaus aktive Rolle zugewiesen.

Wenn sie also das Glück haben, in den Himmel zu kommen, werden sie dort gleichberechtigt sein. Bis dahin, oder, wenn sie das Pech haben, auf der Erde bleiben zu müssen, haben sie sich unterzuordnen und zu schweigen. Außer im Predigtdienst natürlich. Dort dürfen sie sich so viel austoben wie sie möchten. Eine dieser „vielen schönen Aufgaben“.

Einige Glaubensschwestern waren zu meiner Zeit mächtiger, als es der Leitenden Körperschaft hätte lieb sein können. Ehefrauen von Ältesten zum Beispiel hatten oft starken Einfluss auf ihre Ehemänner und waren im Hintergrund an Entscheidungen beteiligt, die ihnen eigentlich nichts angingen. Das habe ich zu Hause häufig erlebt. Offiziell war die Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas folgende:

 Es gab Zusammenkünfte, bei denen die Frauen beten oder prophezeien durften, sofern sie eine Kopfbedeckung trugen (1Ko 11:3-16; siehe KOPFBEDECKUNG). Doch bei regelrecht öffentlichen Zusammenkünften, wenn die „ganze Versammlung“ sowie „Ungläubige“ an einem Ort versammelt waren (1Ko 14:23-25), sollten Frauen „schweigen“. Wenn sie etwas lernen wollten, konnten „sie zu Hause ihre eigenen Männer befragen, denn es ist schändlich für eine Frau, in einer Versammlung zu reden“ (1Ko 14:31-35).

Während es Frauen nicht erlaubt war, in einer Zusammenkunft der Versammlung zu lehren, konnten sie Personen außerhalb der Versammlung belehren, die die Wahrheit der Bibel und die gute Botschaft über Jesus Christus kennenlernen wollten (vgl. Ps 68:11), und sie durften sich auch gegenüber jüngeren Frauen (und Kindern) innerhalb der Versammlung als „Lehrerinnen des Guten“ betätigen (Tit 2:3-5). Sie sollten aber nicht über Männer Gewalt ausüben oder, beispielsweise in den Zusammenkünften der Versammlung, mit Männern debattieren. Sie sollten sich an das erinnern, was mit Eva geschah, und an das, was Gott nach der Sünde Adams und Evas über die Stellung der Frau gesagt hatte (1Ti 2:11-14; 1Mo 3:16).

Männer dienen als Aufseher und Dienstamtgehilfen. In der Erörterung über die „Gaben in Form von Menschen“, die Christus der Versammlung gibt, werden keine Frauen erwähnt. Die Worte für „Apostel“, „Propheten“, „Evangeliumsverkündiger“, „Hirten“ und „Lehrer“ haben alle männliches Geschlecht (Eph 4:8, 11). Epheser 4:11 wird in der American Translation wie folgt wiedergegeben: „Und er hat uns einige Männer als Apostel gegeben, einige als Propheten, einige als Missionare, einige als Hirten und Lehrer.“ (Vgl. NW; ferner Ps 68:18.) – Einsichten-Buch, Seite 767

Soweit ich weiß, hat sich an der Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas bis heute nicht großartig etwas geändert.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Übrigens – nicht verpassen: Heute Abend bin ich im 1Live Talk zu Gast und rede über dieses Blog und meine Zeugen Jehovas-Vergangenheit.

Artikelvorschaubild: Sexism abounds von Ianqui DoodleBestimmte Rechte vorbehalten

Klassenfahrt

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Es gab gute und es gab schlechte Gesellschaft. Schlechte Gesellschaft waren zum Beispiel weltliche Menschen, also Menschen, die keine Zeugen Jehovas waren. Meine Eltern brachten mir bei, dass nicht alle weltliche Menschen schlechte Menschen waren. Schlechte Gesellschaft zu sein bedeutete nämlich nicht, dass man ein schlechter Mensch war. Man war bloß kein geeigneter Umgang für ein christliches Kind. Und auch, wenn es eine Menge guter Menschen unter den Weltlichen gab, so waren sie nicht unbedingt gute Gesellschaft. Wir Zeugen Jehovas-Kinder wurden dazu angespornt, uns ein Zeugen Jehovas-Umfeld zu suchen.

Was nicht bedeutete, dass jeder Zeuge Jehovas auch gute Gesellschaft war. Auch innerhalb der Versammlung wurde unterschieden. Kinder, die einen Ältesten zum Vater hatten waren meistens über jeden Zweifel erhaben. Auch Kinder, deren Eltern für ihren Predigtdiensteifer bekannt waren, galten als

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gute Gesellschaft. Aber auch Kinder, deren Eltern vorbildlich waren, konnten schlechte Gesellschaft sein. Weil sie sich danebenbenahmen. Weil sie selten in die Zusammenkunft kamen. Weil sie dafür bekannt waren, rebellisch zu sein. Weil sie komisch waren.

Einmal war eine Familie bei uns zu Besuch, die einen Sohn hatten. Meine Eltern hatten bereits zuvor angedeutet, dass der Sohn komisch sei, ich solle mich in Acht nehmen. Das fand ich spannend. Und so war ich zwar nicht sonderlich überrascht, aber dafür umso entzückter, als ich ihn dabei erwischte, wie er unterm Küchentisch saß und Nivea-Creme aß. Das gefiel mir. Ich mochte sonderbare Dinge schon immer. Seinen Eltern war es furchtbar peinlich, meine Eltern freuten sich nach der Verabschiedung, dass ihre Kinder nicht so waren. Ich sah ihn nie wieder. Dabei hatte ich selber so meine Macken. Meine halbe Kindheit ging ich aus unerfindlichen Gründen auf Zehenspitzen. Wenn ich nervös war, fingen meine Augen abwechselnd an zu blinzeln. Saß ich irgendwo beschäftigungslos herum, wie beispielsweise während einer Zusammenkunft, klemmte ich meinen Daumen unter meine Finger, wo er dann bis zum Ende der Zusammenkunft blieb. Oder ich legte meinen Mittel- und meinen Ringfinger auf meine Nasenöffnungen. Die Frau eines Ältesten sprach mich nach einer Zusammenkunft auf Letzteres an. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Ich solle doch bitte meine Finger von meiner Nase entfernen. Ich solle mich doch bitte fragen, ob Jesus im Königreichssaal ständig seine Finger an der Nase gehabt hätte. Wozu das überhaupt gut sei. Ich sagte nichts. Es beruhige mich einfach, dachte ich innerlich. Ich fühlte mich sicher, wenn ich das machte.

Das mit der schlechten Gesellschaft, das stammt aus der Bibel.

Schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten. – 1. Korinther 15:33

Wir hatten als Kinder und Jugendliche ein Buch, Fragen junger Leute – Praktische Antworten. Wenn man nicht wusste, wie man sich als Zeugen Jehovas-Kind zu benehmen hatte, konnte man in diesem Buch nachschlagen. Dr. Sommer für Zeugen Jehovas. Es gab zu jeder Fragestellung Erfahrungsberichte von Jugendlichen ohne Nachnamen, die zufälligerweise genau das erlebt hatten, von dem das Buch meinte, es wäre ein Nein-Nein. Die Jugendlichen hatten meist die Erfahrung gemacht, dass sie davon profitierten, wenn irgendwas mit Jehova. In dem Buch wurde das auch mit der schlechten Gesellschaft erklärt. Vor allem wurde erklärt, mit was für Menschen man befreundet sein sollte. So heißt es im Kapitel Wie finde ich gute Freunde?:

Fakt ist: Wenn man langsam erwachsen wird, braucht man Freunde, die . . .

1. anziehende Eigenschaften besitzen,

2. hohe Prinzipien haben,

3. einen positiven Einfluss ausüben.

Es gab wie in der BRAVO auch einen kleinen Test, mit dem man herausfinden konnte, was gute Gesellschaft ausmachte.

Ziehe ich mich anders an als sonst, rede ich anders oder mache ich etwas Verbotenes, nur damit ich meinen Freunden gefalle?

□ Ja

□ Nein

Halte ich mich nur wegen meiner Freunde an Orten auf, wo ich als Christ eigentlich nichts zu suchen habe?

□ Ja

□ Nein

Tipp: Wenn du die Fragen mit Ja beantwortet hast, dann sprich mit deinen Eltern oder einem anderen erfahrenen Erwachsenen darüber. Als Zeuge Jehovas kannst du natürlich auch einen Ältesten um Tipps bitten, wie du Freunde findest, die dich positiv beeinflussen.

Wenn man sich drauf einließ, war es echt einfach, ein Zeuge Jehovas zu sein

Mit manchen Schulkameraden durfte ich mich trotzdem treffen, obwohl sie schlechte Gesellschaft waren. Das war ein wenig aus der Not geboren. In unserer Versammlung gab es nicht so viele Kinder. Ein Kind wohnte dreißig Kilometer entfernt in der Nachbarstadt, die anderen waren schlechte Gesellschaft. Und vielen Kinder aus den anderen Versammlungen in unserer Stadt trauten meine Eltern nicht über den Weg, den Eindruck hatte ich zumindest, vielleicht irre ich mich auch. Es lag womöglich an mir. Ich lernte nicht so gern neue Menschen kennen, auch schon als Kind nicht. Ich war eigentlich immer recht zufrieden mit den Menschen, die ich kannte.

In meiner Kindheit waren meine besten Freunde alle bei den Zeugen Jehovas. Und sie waren wirklich gute Freunde. Menschen, die ich manchmal vermisse. Menschen, die den Kontakt in dem Moment abbrachen, in dem ich mich gegen ein Leben bei den Zeugen Jehovas entschied. Bis zu dem Zeitpunkt waren es gute, sehr gute Freunde gewesen. Was nach dem Ereignishorizont meines Ausstiegs mit unserer Freundschaft passierte, nun, das lag womöglich weder in meiner noch in ihrer Macht. Sie können vielleicht genauso wenig dafür wie ich.

Auf Klassenfahrt durfte ich aber nie mit. Weil zwei Wochen schlechte Gesellschaft in einem Schullandheim, nein, das ging nicht. Das wäre ja wie wenn man einen Haufen Kinder zusammensteckt, von denen eins die Masern hat. Da muss nur eins die Masern haben und schon haben sie sie alle. Da reicht ein Kind, da ist völlig egal, wie gesund die anderen sind. Nein, das Risiko war zu groß, dass ich mich auf Klassenfahrt mit schlechter Gesellschaft ansteckte. Ich glaube, meine Eltern stellten sich Klassenfahrt als eine Art Spring Break im Laufhaus vor. Misha gone wild, das war ihr Albtraum. In der Zeit, in der meine Klassenkameraden auf Langeoog oder Spiekeroog oder in den Bergen waren, kam ich in eine andere Klasse. Die Kinder in der anderen Klasse waren immer nett zu mir, das fand ich gut. Doof fand ich das Ganze trotzdem. Ich kam mir vor, wie der letzte Idiot. Erst als ich 16 war und eine Ausbildung machte, da durfte ich mit der Berufschule auf Klassenfahrt. Waren ja nur vier Tage in Dresden. Was sollte da schon großartig passieren. Es war wie Spring Break im Laufhaus. Es war großartig. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Aschenbecher getrunken.

Eines Tage wurde in meiner Klasse eine Zeltparty im Garten einer Klassenkameradin organisiert. Es muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Natürlich durfte ich nicht mitmachen. Eine ganze Nacht, ich bitte dich! In Zelten! Und MÄDCHEN würden auch da sein! Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Stattdessen organisierten meine und andere Zeugen-Jehovas-Eltern eine Konkurrenz-Zeltparty mit Zeugen Jehovas-Kindern. Die war auch schön, aber ich war trotzdem traurig, weil ich ein kleines bisschen in ein Mädchen aus meiner Klasse verknallt war.

Ein Jahr später gab es erneut eine Zeltparty. Ich war immer noch oder wieder verknallt, das weiß ich nicht mehr genau. Diesmal wollte ich dabei sein. Ich fasste mir ein Herz und fragte meine Eltern. Ich hatte mich auf das Gespräch vorbereitet. Ich hatte mir die Worte zurechtgelegt, von denen ich hoffte, dass sie meine Eltern überzeugen würden. So gut es ging, mit einem Kloß im Hals, trug ich mein Plädoyer vor. Meine Eltern hörten mir geduldig zu. Als ich fertig war, teilten sie mir mit, dass sie kurz darüber reden wollten. Mit Tränen in den Augen zog ich mich in mein Zimmer zurück. Nach einer halben Ewigkeit riefen sie mich. Zitternd ging ich in die Küche. Sie sagten mir, dass sie eine Ausnahme machen würden und ich diesmal auf die Zeltparty dürfte. Ich fing umgehend an zu weinen. Ich heulte vor Freude, weil ich eine Nacht mit meinen Klassenkameraden verbringen durfte.

Als mein Bruder auf das Gymnasium kam, gab es keine großen Diskussionen. Er durfte von Anfang an auf Klassenfahrten mit.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!