Weihnachten

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Weihnachten war eine schöne Zeit. Die Stadt erstrahlte im Lichterglanz. Die Häuser waren fein geschmückt. Alles sah märchenhaft aus. Die Spielwarenhandlungen hatten die wunderbarsten Dinge im Sortiment. Die Eltern luden einen in den neuesten Disney-Zeichentrickfilm ein. Es wurde schneller dunkel, so dass man Abends komisch angezogen im Predigtdienst nicht so leicht von weltlichen Bekannten erspäht werden konnte.

Weihnachten war auch eine blöde Zeit. Alle feierten Weihnachten, nur wir nicht. Na ja, wir und die anderen Zeugen Jehovas. Man fand die Weihnachtsdeko schön, schmückte aber selber das Haus nicht. Man betrachtete die Spielsachen im Laden und wusste, dass sie in allen Kinderzimmern außer dem eigenen landen würden. Und in der Schule stand man stumm und einsam inmitten der Weihnachtslieder singenden Klassenkameraden und fühlte sich wie der letzte Vollidiot. Ja, Weihnachten war die ambivalenteste Zeit des Jahres.

Einen Vorteil hatte es natürlich, in einer Familie von Zeugen Jehovas aufzuwachsen: Was den Weihnachtsmann oder das Christkind betraf, wurde ich nie angelogen. Das rieben mir meine Eltern auch immer wieder unter die Nase: „Schau mal, Schatz“, sagten sie, „die anderen Eltern belügen ihre Kinder und behaupten, dass es einen Weihnachtsmann gibt.“ Das imponierte mir. Und so kam es, dass ich meinen Eltern vertraute. Warum sollte ich es auch nicht tun, hatten sie mich doch in eines der größten Geheimnisse unserer Welt eingeweiht: Den Weihnachtsmann gab es nicht. Es gibt das Sprichwort: Wer einmal lügt, den glaubt man nicht. Ich wandelte es in meiner kindlichen Naivität um: Wer einmal die Wahrheit sagt, dem glaubt man. Und so, unter dem Deckmantel dieser einen Wahrheit, glaubte ich meinen Eltern alle anderen Lügen: Dass es einen Teufel gab, der mir Böses wollte, wenn ich böses tat; dass es einen Gott gab, der mir Böses wollte, wenn ich Böses tat; dass ich in Harmagedon sterben würde, wenn ich Böses tat; dass ich nicht ins Paradies käme, wenn ich Böses tat. All das glaubte ich, weil meine Eltern mir bezüglich des Weihnachtsmannes die Wahrheit gesagt hatten. Allerdings hatte diese Wahrheit auch ihren Preis: Weder gab es den Weihnachtsmann noch seine Geschenke. Ich hätte die Lüge bevorzugt.

Zeugen Jehovas feiern Weihnachten nicht, weil das Fest einen heidnischen Ursprung hat. Eheringe haben auch einen heidnischen Ursprung. Gegen Eheringe hat niemand etwas bei den Zeugen Jehovas. Ich habe als Kind immer verstanden, dass Jesus Christus nicht wirklich am 24. Dezember geboren wurde und das Weihnachtsbäume nicht in der Bibel vorkommen. Ich hatte gelernt, dass israelische Winter besonders hart waren und kein Schafhirte dieser Welt seine Schäfchen im Dezember draußen gelassen hätte. Auch hätten die Römer, die ohnehin einen Aufstand der Juden fürchteten, wohl kaum bei Minusgraden eine Volkszählung angesetzt. Nein, Heiligabend, die Geburt Jesu, wurde am 24. Dezember gefeiert, weil Kaiser Konstantin den Geburt des Sonnengottes mit Christi Geburt zusammenlegte, um möglichst viele Heiden in die christliche Falle zu locken. Oder so. Dieses Wissen wurde mir von Kindesbeinen an eingebläut. Es war durchaus logisch. Es wollte mir nur nicht einläuten, inwiefern irgendetwas davon ein Argument gegen das Feiern eines so schönen Festes wie Weihnachten war. Das war doch das Fest der Liebe. Gott war Liebe, stand in der Bibel, was war das denn für ein unlogischer Quatsch?!

Meine Eltern versuchten es mit einem anderen Argument: „Schau mal“, sagten sie, „Weihnachten soll Jesus’ Geburtstag sein. Aber er ist der einzige, der kein Geschenk bekommt.“ Anscheinend sollte das Mitleid bei mir wecken. 1.: Das war kein Argument. 2.: Das war kein Argument. Ich war vielleicht ein Kind, aber nicht dumm. Jesus war die Nummer 2 im Universum. Er war ein lebender 3D-Drucker. Wenn er sich etwas wünschte, konnte er es einfach erschaffen. Er war ganz bestimmt nicht auf irgendein blödes Geschenk eines Menschen angewiesen.

Aber es half nichts. Wir feierten kein Weihnachten. Und keine Geburtstage. Und kein Ostern. Keines der schönen Feste feiern Zeugen Jehovas. Weil sie entweder heidnisch sind oder irgendjemand im Rahmen solcher Feierlichkeiten geköpft wurde. Stattdessen beten sie einen Gott an, der Abraham auf die Probe stellte, indem er von ihm verlangte, seinen geliebten Sohn zu opfern.

Als ich jung war, verbrachten wir Heiligabend mit der Familie zu Hause. Es wurde etwas Neutrales gekocht, vielleicht ein Gesellschaftsspiel gespielt, vielleicht eine DVD geschaut. In manchen Jahren kam eine andere Familie vorbei und die Eltern versuchten uns Kinder tunlichst davon abzulenken, dass da draußen, in den anderen Wohnungen, in den anderen Häusern, ein wundervoll geschmückter Weihnachtsbaum stand, unter dem schon bald Geschenke getauscht würden. Es war furchtbar deprimierend. Es waren nicht zwingend die Geschenke, die ich vermisste. Ich vermisste das Gesamtpaket: Den Trubel, das Besinnliche, den Baum, die Weihnachtsfarben, die Kerzen, einfach alles an Weihnachten. Mir war nicht klar, dass es eine Illusion war und ich eine Coca-Cola-Vorstellung vom Weihnachtsfest hatte. Aber das war egal. Je mehr Weihnachten verteufelt wurde, desto sehnlicher wünschte ich mir, es feiern zu dürfen. Da half es auch nicht, dass meine Eltern einen Familientag als Ersatz einführten, an dem es Geschenke gab. Es war gut gemeint, keine Frage. Aber es war einfach nicht das Gleiche. Ich verstehe das mit Weihnachten bis heute nicht.

Als ich älter wurde, verbrachten wir Zeugen Jehovas-Jugendliche die Heilig Abende immer öfter zusammen, Bier trinkend, eine DVD schauend, im Zweifel knutschend. Wir hatten ja sonst nichts. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft. Und wenn wir sicher waren, unter uns zu sein, sangen wir auch mal Weihnachtslieder. Natürlich völlig ironisch. Wir religiösen Hipster, wir.