Panem et circenses

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Auf der einen Seite der Straße war ein Park mit angrenzenden Schrebergärten. Der Park gehörte Sonntags den Mennoniten. Sie grillten und spielten Volleyball. Auf der anderen Straßenseite war ein riesiges Gelände mit Gras. Sonntags gehörte es uns. Jeden Sonntag trafen wir uns mit anderen Zeugen Jehovas aus allen Versammlungen in unserer Stadt und spielten Fußball. Die Erwachsenen unter sich, die Jugendlichen und Kinder unter sich. Wer als Jugendlicher die körperlichen und sportlichen Voraussetzungen mitbrachte, konnte auch bei

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den Großen mitspielen. Da kam man aber seltener an den Ball, vor allem, wenn man wie ich zwei linke Füße hatte. Ich blieb in der Regel bei den Jüngeren. Wir spielten zwei, manchmal drei Stunden, dann ging es nach Hause.

Alle paar Monate trafen wir uns mit der gesamten Versammlung im Garten einer Familie, oder, wenn es kalt war, in gemieteten Räumlichkeiten zu einem Versammlungsfest. Jede Familie beteiligte sich an den Vorbereitungen, brachte einen Salat mit, oder Frikadellen, oder Getränke. Meistens fand das Versammlungsfest an einem Samstag Nachmittag fest, damit jeder die Gelegenheit hatte, sich morgens noch am Predigtdienst zu beteiligen. Besonders Eifrige stießen erst später zum Fest dazu, weil sie so lange im Predigtdienst geblieben waren. Die Versammlungsfeste waren schöne Ereignisse, vor allem für uns Kinder. Es gab leckeres Essen in rauen Mengen, wir spielten Fußball, Völkerball, Volleyball, und wenn es dunkel wurde, saßen wir am Feuer. Wenn wir in einem Raum zusammenkamen, brachten wir unsere Instrumente mit und sangen Königreichslieder. Oder wir spielten Reise nach Jerusalem.

Wir trafen uns nicht immer mit der ganzen Versammlung. Manchmal waren es auch nur zwei oder drei Familien. Wir kochten gemeinsam und führten Gespräche oder schauten eine DVD oder gingen ins Kino. Hin und wieder schnappten wir uns unsere Fahrräder und machten eine Tour durch den Teutoburger Wald. Hinterher wurde bei einer Familie zu Hause gegrillt. Hochzeiten waren besonders beliebt. Es gab viel zu essen, man konnte ein bisschen Alkohol trinken und es wurde bis in die Puppen getanzt.

Wir haben viel mit unseren Glaubensgeschwistern unternommen. Auch an Silvester. Natürlich böllerten wir nicht, noch gossen wir Blei. Ansonsten gab es keinen großen Unterschied: Wir aßen Raclette, tranken ein Bier oder ein Gläschen Sekt, und um null Uhr beobachteten wir das Feuerwerk und hofften, dass es ein gutes Jahr werden würde.

Dass Zeugen Jehovas keinen Spaß haben dürfen und auch gar nicht haben wollen, ist ein Vorurteil, das mich immer geärgert hat und mich auch heute noch ärgert. Weil er in der Verallgemeinerung jeder Grundlage entbehrt. Natürlich gibt es Zeugen Jehovas, die zum Lachen in den Keller gehen und leidenschaftliche Griesgrame sind. Aber die meisten der Glaubensgeschwister, die ich während meiner Zeit bei den Jehovas Zeugen kennenlernte, waren auf ihre Art humorvoll, hatten alle gern ihren Spaß, gingen ins Kino, auf die Kirmes, tranken gelegentlich sogar Alkohol. Ich hatte auch Spaß, als ich noch Zeuge Jehovas war. Es war ja nicht alles schlecht. Alles andere wäre gelogen.

Natürlich hatte der Spaß seine Grenzen, denn, wie es im Buch Prediger so schön heißt, gibt es für alles eine bestimmte Zeit: „eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen; eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Herumhüpfen.“ (Prediger 3:4, Neue Welt Übersetzung der Heiligen Schrift) Solange etwas in Maßen geschah, war es in Ordnung. Alkohol in Maßen war ok, genauso Kino, Musik und Sport. Sex vor der Ehe war auch in Maßen verboten, genauso Weihnachten, Geburtstage und Blutwurst.

Spaß bei den Zeugen Jehovas war ein umzäunter Abenteuerspielplatz mit bunt angemalten Wachttürmen, auf denen Glaubensbrüder mit Fernglas saßen. Je älter ich wurde, desto schmerzlicher wurde mir das bewusst. Maßstab in Sachen Spaß war immer seltener Gottes Wort, immer öfter war es der Grad der Empörung, den die gewünschte Aktivität bei den Glaubensgeschwistern vermutlich auslösen würde. Offiziell war das meiste bis auf einige Ausnahmen Inhalt einer persönlichen Gewissensentscheidung, aber man lernte schnell, dass man vom Versammlungsumfeld an dieser Entscheidung gemessen wurde. Mindestens konnte eine persönliche Entscheidung soziale Konsequenzen zur Folge haben. Im schlimmsten Falle ruinierte man sich als Mann seine theokratischen Karrierechancen, als Frau den Ruf und somit die Aussicht auf einen Ehemann in verlockender hierarchischer Position. Durch das Hinabdelegieren vieler Entscheidungen entband sich die Wachtturm-Gesellschaft der Verantwortung, ihren Schäfchen Sicherheit zu geben. Diese Verunsicherung war bestimmt gewollt, denn sie brütete ohne viel Zutun in jedem Mitglied einen potentiellen Spitzel aus. Man brauchte gar nicht so viel verbieten, denn durch Suggestion und Implikation in den Publikationen, gepaart mit dem persönlichen Gewissen, das jeder Einzelne wie ein Exoskelett um sich herumtrug, war gewährleistet, dass nur die Wenigsten wesentlich aus der Reihe tanzten. Und wenn es einer tat, dann konnte man davon ausgehen, dass die Ältesten irgendwie davon erfahren würden. Bis zu meinem Ausschluss hatte ich nur einen Hirtenbesuch – wegen eines Hobbys. Mein Hirtenbesuch, wie der Vor- und Nachsorgebesuch der Ältesten genannt wird, wurde nach dem obligatorischen Gebet und einer aufmunternden Bibelstelle mit den Worten eingeleitet: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass…“ Die Wachttürme bei den Zeugen Jehovas waren bunt, nicht grau. Manchmal vergaß man, dass man beobachtet wurde.

Es ist ein Vorurteil, dass Zeugen Jehovas nicht gerne Spaß haben. In unserer Versammlung hatten wir eine Menge Spaß. Die Ältesten, die Eltern, die Familien sorgten dafür, dass wir Kinder und Jugendliche regelmäßig beschäftigt wurden. Erst später verstand ich, dass ihnen nicht nur unsere Freude am Herzen lag. Es gab eine Welt da draußen, hinter dem Zaun mit den bunten Wachttürmen. Solange wir Spaß hatten, würde uns nicht auffallen, dass das Gras auf der anderen Seite grüner war.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Weihnachten

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Weihnachten war eine schöne Zeit. Die Stadt erstrahlte im Lichterglanz. Die Häuser waren fein geschmückt. Alles sah märchenhaft aus. Die Spielwarenhandlungen hatten die wunderbarsten Dinge im Sortiment. Die Eltern luden einen in den neuesten Disney-Zeichentrickfilm ein. Es wurde schneller dunkel, so dass man Abends komisch angezogen im Predigtdienst nicht so leicht von weltlichen Bekannten erspäht werden konnte.

Weihnachten war auch eine blöde Zeit. Alle feierten Weihnachten, nur wir nicht. Na ja, wir und die anderen Zeugen Jehovas. Man fand die Weihnachtsdeko schön, schmückte aber selber das Haus nicht. Man betrachtete die Spielsachen im Laden und wusste, dass sie in allen Kinderzimmern außer dem eigenen landen würden. Und in der Schule stand man stumm und einsam inmitten der Weihnachtslieder singenden Klassenkameraden und fühlte sich wie der letzte Vollidiot. Ja, Weihnachten war die ambivalenteste Zeit des Jahres.

Einen Vorteil hatte es natürlich, in einer Familie von Zeugen Jehovas aufzuwachsen: Was den Weihnachtsmann oder das Christkind betraf, wurde ich nie angelogen. Das rieben mir meine Eltern auch immer wieder unter die Nase: „Schau mal, Schatz“, sagten sie, „die anderen Eltern belügen ihre Kinder und behaupten, dass es einen Weihnachtsmann gibt.“ Das imponierte mir. Und so kam es, dass ich meinen Eltern vertraute. Warum sollte ich es auch nicht tun, hatten sie mich doch in eines der größten Geheimnisse unserer Welt eingeweiht: Den Weihnachtsmann gab es nicht. Es gibt das Sprichwort: Wer einmal lügt, den glaubt man nicht. Ich wandelte es in meiner kindlichen Naivität um: Wer einmal die Wahrheit sagt, dem glaubt man. Und so, unter dem Deckmantel dieser einen Wahrheit, glaubte ich meinen Eltern alle anderen Lügen: Dass es einen Teufel gab, der mir Böses wollte, wenn ich böses tat; dass es einen Gott gab, der mir Böses wollte, wenn ich Böses tat; dass ich in Harmagedon sterben würde, wenn ich Böses tat; dass ich nicht ins Paradies käme, wenn ich Böses tat. All das glaubte ich, weil meine Eltern mir bezüglich des Weihnachtsmannes die Wahrheit gesagt hatten. Allerdings hatte diese Wahrheit auch ihren Preis: Weder gab es den Weihnachtsmann noch seine Geschenke. Ich hätte die Lüge bevorzugt.

Zeugen Jehovas feiern Weihnachten nicht, weil das Fest einen heidnischen Ursprung hat. Eheringe haben auch einen heidnischen Ursprung. Gegen Eheringe hat niemand etwas bei den Zeugen Jehovas. Ich habe als Kind immer verstanden, dass Jesus Christus nicht wirklich am 24. Dezember geboren wurde und das Weihnachtsbäume nicht in der Bibel vorkommen. Ich hatte gelernt, dass israelische Winter besonders hart waren und kein Schafhirte dieser Welt seine Schäfchen im Dezember draußen gelassen hätte. Auch hätten die Römer, die ohnehin einen Aufstand der Juden fürchteten, wohl kaum bei Minusgraden eine Volkszählung angesetzt. Nein, Heiligabend, die Geburt Jesu, wurde am 24. Dezember gefeiert, weil Kaiser Konstantin den Geburt des Sonnengottes mit Christi Geburt zusammenlegte, um möglichst viele Heiden in die christliche Falle zu locken. Oder so. Dieses Wissen wurde mir von Kindesbeinen an eingebläut. Es war durchaus logisch. Es wollte mir nur nicht einläuten, inwiefern irgendetwas davon ein Argument gegen das Feiern eines so schönen Festes wie Weihnachten war. Das war doch das Fest der Liebe. Gott war Liebe, stand in der Bibel, was war das denn für ein unlogischer Quatsch?!

Meine Eltern versuchten es mit einem anderen Argument: „Schau mal“, sagten sie, „Weihnachten soll Jesus’ Geburtstag sein. Aber er ist der einzige, der kein Geschenk bekommt.“ Anscheinend sollte das Mitleid bei mir wecken. 1.: Das war kein Argument. 2.: Das war kein Argument. Ich war vielleicht ein Kind, aber nicht dumm. Jesus war die Nummer 2 im Universum. Er war ein lebender 3D-Drucker. Wenn er sich etwas wünschte, konnte er es einfach erschaffen. Er war ganz bestimmt nicht auf irgendein blödes Geschenk eines Menschen angewiesen.

Aber es half nichts. Wir feierten kein Weihnachten. Und keine Geburtstage. Und kein Ostern. Keines der schönen Feste feiern Zeugen Jehovas. Weil sie entweder heidnisch sind oder irgendjemand im Rahmen solcher Feierlichkeiten geköpft wurde. Stattdessen beten sie einen Gott an, der Abraham auf die Probe stellte, indem er von ihm verlangte, seinen geliebten Sohn zu opfern.

Als ich jung war, verbrachten wir Heiligabend mit der Familie zu Hause. Es wurde etwas Neutrales gekocht, vielleicht ein Gesellschaftsspiel gespielt, vielleicht eine DVD geschaut. In manchen Jahren kam eine andere Familie vorbei und die Eltern versuchten uns Kinder tunlichst davon abzulenken, dass da draußen, in den anderen Wohnungen, in den anderen Häusern, ein wundervoll geschmückter Weihnachtsbaum stand, unter dem schon bald Geschenke getauscht würden. Es war furchtbar deprimierend. Es waren nicht zwingend die Geschenke, die ich vermisste. Ich vermisste das Gesamtpaket: Den Trubel, das Besinnliche, den Baum, die Weihnachtsfarben, die Kerzen, einfach alles an Weihnachten. Mir war nicht klar, dass es eine Illusion war und ich eine Coca-Cola-Vorstellung vom Weihnachtsfest hatte. Aber das war egal. Je mehr Weihnachten verteufelt wurde, desto sehnlicher wünschte ich mir, es feiern zu dürfen. Da half es auch nicht, dass meine Eltern einen Familientag als Ersatz einführten, an dem es Geschenke gab. Es war gut gemeint, keine Frage. Aber es war einfach nicht das Gleiche. Ich verstehe das mit Weihnachten bis heute nicht.

Als ich älter wurde, verbrachten wir Zeugen Jehovas-Jugendliche die Heilig Abende immer öfter zusammen, Bier trinkend, eine DVD schauend, im Zweifel knutschend. Wir hatten ja sonst nichts. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft. Und wenn wir sicher waren, unter uns zu sein, sangen wir auch mal Weihnachtslieder. Natürlich völlig ironisch. Wir religiösen Hipster, wir.

Der menschliche Makel

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Im Nachhinein kann ich nicht mit Sicherheit sagen, weshalb ich mich als Kind immer so sehr auf den Besuch des KreisaufsehersG freute. Ich weiß aber, dass ich in den Tagen davor sehr aufgeregt war. Man sagte mir, dass sein Besuch etwas besonderes sei. Vielleicht war das der Grund. Wir hatten keinen Weihnachtsmann, kein Christkind. Auf das Kommen von irgendwem musste man sich ja freuen.

Der Kreisaufseher besuchte jede Woche eine andere VersammlungG der Zeugen Jehovas in seinem Kreis. Der Kreisaufseher kam allein oder mit seiner Ehefrau. Er übernachtete bei uns oder bei Gideon und seiner Familie. Wir Kinder wollten unbedingt mit dem Kreisaufseher in den PredigtdienstG gehen. Warum, weiß ich nicht mehr. Man sagte mir, dass es ein Vorrecht sei, mit dem Kreisaufseher in den Predigtdienst zu gehen. Vielleicht war das der Grund. Oder weil der Kreisaufseher meistens ein netter älterer Herr war, der lustige Witze kannte. Außerdem war er ein berühmter ZJ, ein Star. Der beste Termin war der Samstagstermin. Den wollte jeder haben, weil dann die ganze Versammlung sah, dass man mit dem Kreisaufseher in den Predigtdienst ging. Darauf konnte man schon stolz sein. Die Nachfrage überstieg das Angebot.

Der Kreisaufseher und seine Frau blieben ungefähr eine Woche. In den ZusammenkünftenG hielt er Ansprachen, lobte oder tadelte die Versammlung, predigte eine ganze Menge und besuchte GlaubensbrüderG, die krank waren oder eine Durststrecke hatten und ein wenig barmherziger Ermahnung bedurften. Er sah nach dem Rechten und kontrollierte die Predigtdienst-Statistiken der Versammlungsmitglieder. Jeden Tag bekochte eine andere Familie das Kreisaufseherpaar. Nach den Essen, zu denen auch andere Glaubensbrüder und -schwestern aus der Versammlungen eingeladen waren, um die Gesellschaft des Kreisaufsehers genießen zu können, beobachtete ich mehrfach, wie ihm ein Umschlag zugesteckt wurde. Mein Vater erklärte mir, dass die Wachtturm-GesellschaftG seine Unkosten deckte. Die Brüder und Schwestern in den Versammlungen unterstützten den Kreisaufseher mit freiwilligen Spenden. Das wollte ich auch. Nach einer Zusammenkunft reichte ich dem Kreisaufseher ein Zwei-Mark-Stück. Pro Woche bekam ich fünf Mark Taschengeld. Der Kreisaufseher lachte und gab mir die zwei Mark zurück. Ich solle mir doch bitte was Schönes davon kaufen.

An einem Abend kamen alle ÄltestenG und der Kreisaufseher zu uns. Seine Frau setzte sich zu meiner Mutter in die Küche. Der Kreisaufseher und die Ältesten zogen sich in unser Wohnzimmer zurück und besprachen sich im Geheimen. Wenn ich wissen wollte, worüber sie redeten, wurde mir gesagt, dass es mich nichts anginge. Hin und wieder durfte ich klopfen und fragen, ob jemand noch einen Tee wolle. Danach schloss ich die Tür, presste mein Ohr an das Holz und versuchte zu lauschen.

Manchmal war es langweilig. Manchmal war es spannend. Dann sprachen sie über Bruder                 oder Schwester             und dass sie              begangen oder                               getan hatten. Die Ältesten fragten den Kreisaufseher, wie man jetzt verfahren wolle, was mit den Brüdern und Schwestern zu machen sei. Als ich ins Bett ging, mochte ich den Kreisaufseher immer noch, aber ich hatte auch ein kleines bisschen Angst. Der konnte machen, dass man kein Zeuge Jehovas mehr war.

Meine Freunde bei den ZJ und ich, wir waren eigentlich ganz normale Kinder. Wir bolzten, wir spielten, wir schauten Filme, wir machten Quatsch. Wir fuhren Skateboard, wir fuhren Fahrrad, wir kletterten auf Bäume und wir fielen herunter. Wir lachten und wir brüllten, wir knufften und wir prügelten uns, wir ärgerten den Hausmeister und klauten im Kaufhaus Hörspielkassetten. Und abends im Bett weinten wir uns in den Schlaf, weil wir Angst hatten, wegen des Diebstahls nicht ins Paradies zu kommen. Wir zogen uns die Decke über den Kopf und sprachen ganz oft hintereinander den Namen Gottes aus, weil der Name Gottes ein gutes Mittel gegen die Geister war, die wir gerufen hatten.

Es ist gar nicht so einfach, bei den ZJ bloß Mitläufer zu sein. Ein Mindestmaß an Geschick und Eifer ist erforderlich, nicht ins Fadenkreuz der Ältesten zu geraten; mit protestantischem oder gar katholischer Mittelmäßigkeit hat man ruckzuck einen HirtenbesuchG samt barmherziger Ermahnung am Hals, so schnell kann man gar nicht gucken. Zehn Stunden monatlich im Predigtdienst sollten es schon sein. Alle Zusammenkünfte wollen besucht werden. Auf den großen JahreskongressenG sitzt man immer auf dem gleichen Platz. Und beteiligt man sich zudem das eine oder andere Mal an den öffentlich Abfragerunden, fliegt man ohne Weiteres jahrelang unbehelligt unter dem Radar. Privat trinkt man da schon mal einen über den Durst. Im Schlafzimmer steht die eine oder andere CD oder DVD, auf die man angesprochen würde, stünde sie im Wohnzimmerregal. Und so richtig versteht man das mit dem Blut ja auch nicht. Man redet in der Versammlung bloß nicht darüber. Man zweifelt nicht, man nimmt hin. Alles oder nichts. Stellt man einen Baustein in Frage, übt man Verrat am Ganzen. Die Mitgliedschaft ein Kartenhaus. Der Mitläufer bekommt keine Vorrechte. Er will auch keine. Er will einfach seine Ruhe. Er drängt niemandem seine Überzeugung auf. In seiner Gesellschaft fühlt man sich wohl. Hat man keine großen Ansprüche an seinen Alltag, ans Leben generell, ist es gar nicht so schwer ein ZJ zu sein.

Der durchschnittliche ZJ jedoch ist nicht bloß ein Mitläufer. Er ist sehr eifrigG und sehr gläubig, er setzt sich Geistige Ziele. Der durchschnittliche ZJ ist ausgesprochen freundlich, ausreichend humorvoll, angemessen gebildet, ein durchaus angenehmer ZeitgenosseG. Vor allem ist er kein Idiot. Natürlich hat er seine Zweifel. Und er bespricht sie im passenden Rahmen mit anderen durchschnittlichen ZJ. Dann wird der Fehler gesucht, bis man ihn bei sich selbst findet und jemand erlösende Worte spricht, wie: „Am besten, wir vertrauen auf Jehova und den Treuen Und Verständigen Sklaven“, mit einer Selbstverständlichkeit, die ein psychologisches Gutachten nach sich ziehen sollte. Allen fällt ein Stein vom Herzen. Das Gleichgewicht des Universums ist wiederhergestellt.

Wer sein Leben einer Ideologie unterstellt, tendiert dazu, sich selbst nicht mehr als Individuum zu sehen, sondern als Beispiel. Was einem widerfährt, wird zum Symbol. Was man sagt, wird zum Signal.

– Yassin Musharbash, Zeit Online

Der durchschnittliche ZJ will einfach nur ins Paradies kommen. Er hat keine Motivation, seinen Glauben, der auf Zirkelschlüssen aufgebaut ist, großartig zu hinterfragen. Er ist heterosexuell und strebt ein Dienstamt an. Der weibliche durchschnittliche ZJ will später unbedingt einen Glaubensbruder mit Dienstamt heiraten. Vielleicht ist er sogar innerlich schwul oder lesbisch, aber niemals praktizierend homosexuell. Das Gebet und der Heilige GeistG helfen ihn, seine Triebe zu unterdrücken. Einmal im Jahr nimmt er ein paar Wochen Urlaub, um am HilfspionierdienstG teilzunehmen. Statt 10 Stunden müssen am Ende des Monats 50 auf der Uhr stehen. Dafür wird er öffentlich in den Zusammenkünften von der Bühne aus gelobt. Der durchschnittliche ZJ will sich in Gottes Gedächtnis einprägen. Er ist aufrichtig davon überzeugt, dass die Lehre der ZJ die Wahrheit ist. Oder er ist es nicht, aber er sagt es niemandem, weil er vom Gegenteil auch nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Und dann gibt es die Fraktion, mit der man niemals seine Zweifel besprechen sollte. In deren Anwesenheit man niemals man selbst sein sollte. Die auf keinen Fall von den Bierchen, den CDs, den DVDs, einfach gar nichts aus dem eigenen Privatleben wissen sollte. Die Fraktion, die keine Zweifel hat und keine Zweifel duldet. Für die die Wahrheit alles ist. Für die jeder einzelne Baustein zählt. Man findet sie auf jeder Hierarchieebene, in jedem Alter, in jedem Geschlecht. Die Unfehlbaren. Die Ultras. Die Dolores Umbridges.

Ich bedauere, Teuerste, aber Zweifel an meinen Praktiken sind Zweifel am Ministerium und infolgedessen auch am Minister höchstpersönlich. Ich bin eine tolerante Frau, aber es gibt eine Sache, die ich auf keinen Fall dulde, und das ist Illoyalität.

– Prof. Dolores Umbridge, Harry Potter und der Orden des Phönix

Das sind die Unerträglichsten.

Eine Dialektik sucht man bei den ZJ vergebens. Eine These ist eine These. Antithesen gibt es nicht. Und Synthesen werden immer nur von obenG nach unten durchgereicht. Ein Beitrag der Basis zu einer methodischen Wahrheitsfindung ist nicht vorgesehen. Wer Visionen hat soll zum Arzt gehen. Wer Ideen hat, wird ausgegrenzt, womöglich ausgeschlossen. Er ist ein Feind der Wahrheit. Ingeborg Bachmann sagte, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist. Sie meinte eine andere als die ZJ.

Der durchschnittliche ZJ hat keine Ideen und er braucht auch keine. Er ist dankbar für die Ideen des Treuen Und Verständigen SklavenG.

Wir hatten einen Sittich. Die meiste Zeit saß er in seinem Käfig. Wenn er wach war sang er oder lief auf seinen Stangen herum und aß. Hin und wieder holten wir ihn aus seinem Käfig. Dann setzte er sich oben drauf und stolzierte herum. Das reichte ihm völlig. Man hätte fast meinen können, dass er nicht mehr zum Leben brauchte, als hin und wieder auf seinem Käfig herumzustolzieren. Ganz selten breitete er die Flügel aus und drehte ein paar Runden durchs Zimmer. Danach landete er wieder auf seinem Käfig, das Herz am Pochen, die Aufregung in die Federn geschrieben. Er sang dann noch ein Lied, das Lied vom Fliegen, bevor er sich am Gitter hinab wieder ins Innere des Käfigs hangelte.

Manchmal wurde uns sein Gesang zuviel. Weil wir Hausaufgaben machten oder eine Hörspielkassette hörten. Dann störte es ungemein, dass er auf seiner Stange hin und her lief und ein Ständchen nach dem anderem zum Besten gab. Wir warfen das Tuch über den Käfig. Das Tuch war die Nacht, auch wenn im Zimmer noch Tag war. Wenn das Tuch den Käfig verdunkelte, war es Zeit zu schlafen, das wusste der Sittich. Nacht war, wenn wir es sagten. Nicht einmal stellte er es infrage.

Bäte man mich, die ersten zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre meines Lebens zu beschreiben, ich würde vom Sittich erzählen. Ich war ein Sittich. Ein völlig durchschnittlicher Zeuge Jehovas.

Geistige Ziele

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Wächst man unter Zeugen Jehovas auf, wird man schon als Kind dazu ermuntert, sich Geistige Ziele zu setzen. Geistige Ziele sind alle Ziele, die nichts mit der Realität zu tun haben. In den Schriften las man und von der Bühne hörte man immer wieder, dass es weniger wichtig war, ein Hochschulstudium oder eine Ausbildung anzustreben, als dass man gehörig Karmapunkte im Himmel sammelte. Diese Punkte sammelt man am besten, in dem man sehr eifrig ist und sich Geistige Ziele setzt. Um Gottes Hilfe zwecks Erreichen dieser Geistigen Ziele soll man beten. Und am besten man redet mit seinen Glaubensgeschwistern über diese geistigen Ziele, um auch diese ermuntern zu können, Geistige Ziele zu formulieren.

Ein Geistiges Ziel, erzählte mir ein Ältester im Rahmen eines HirtenbesuchsG, könnte beispielsweise sein, um eine Ausbildungsstelle zu beten, die es mir ermöglichte, mehr Zeit im Predigtdienst zu verbringen. Ein Geistiges Ziel, erzählte mir meine Mutter einmal, könnte beispielsweise sein, mal wieder zum Friseur zu gehen, ich sehe schon ganz und gar weltlichG aus. Ein Geistiges Ziel, erzählte mir ein Ältester, nachdem er mir zur Einschulung gratuliert hatte, könnte beispielsweise sein, die ganze Schule wissen zu lassen, dass ich Zeuge Jehovas bin. Meine persönlichen Ziele verhielten sich diametral dazu.

Auf einem KongressG berichtete einmal ein vielleicht zehnjähriger ZJ-Musterknabe im Rahmen einer Vortragsreihe von einer Erfahrung, die er gemacht hatte. Erfahrungsberichte von echten ZJ sind ein ganz besonders wichtiger Bestandteil der Ansprachen auf einem Kongress, da man im Gegensatz zu den vage gehaltenen, vermutlich erfundenen in den Zeitschriften schlecht widersprechen kann. Meistens folgen sie auf den Teil einer Ansprache, der hervorhebt, wie man sich als ZJ (oder, wie es gern heißt: Wahrer ChristG) zu verhalten / zu predigen / Beziehungen zu führen / Freizeit zu gestalten / etc. hat. Um auch dem letzten Zuhörer deutlich zu machen, dass die Leitende KörperschaftG wirklich nicht zu viel von seinen Schäfchen verlangt, lotet der Redner im Vorfeld aus, ob es in seinem Versammlungskreis Glaubensbrüder gibt, die eine Erfahrung im Predigtdienst / Privatleben / in der Schule / auf der Arbeit / mit einem Mitglied des anderen Geschlechts / etc. gemacht haben, die ungefähr das veranschaulichte, was seine Ansprache zu vermitteln versucht. Diese werden dann eingeladen, auf der Bühne vor den tausenden gespannten Zuhörern zu berichten, was sie so erlebt haben. Meistens läuft es in diesen Erfahrungsberichten darauf hinaus, dass ein Kollege / Schulkamerad / ungläubiges Familienmitglied / irgendein Fremder / etc. eine Zeitschrift / klugscheißende Belehrung / ein Bibelstudium / etc. angenommen hat oder aber, viel, viel besser, der oder die Berichtende für seinen Glauben gehänselt / gefeuert / verprügelt / etc. wurde und deshalb ein ganz besonders beispielhafter MärtyrerZJ sei. Die Zuhörer nehmen alles für bare Münze, was berichtet wird, sind tief bewegt und klatschen im Anschluss Beifall.

Auf einem Kongress also erzählte ein vielleicht zähnjähriger ZJ im Rahmen einer Vortragsreihe von einer Erfahrung, die er gemacht hatte. Sein Erfahrungsbericht lief darauf hinaus, dass er damit prahlte, in so gut wie jeder Alltagssituation aufgrund seines Verhaltens, seiner guten Manieren und seiner Einstellung von Fremden als ZJ erkannt zu werden und so wunderbare Türöffner gehabt hatte, die Gute BotschaftG verbreiten zu können. Die Zuhörer klatschten begeistert Beifall. Ich hasste ihn.

Ich habe mich in solchen Erfahrungsberichten nie wiedererkannt. Ich habe mir nie besondere Mühe gegeben, als ein Mitglied der ZJ aus der Masse herauszustechen. Zum Glück sind ZJ keine Amish. Meine Eltern waren ziemlich liberal, was die Auswahl von Kleidung anging, und so war es mir im Alltag relativ gut möglich, nicht besonders aufzufallen. Kam ich in eine neue Klasse dauerte es in der Regel mehrere Wochen, bis ich mich als ZJ zu erkennen gab. Ohne eigenen Einfluss aufgeflogen bin ich nie. Das lag zum einen daran, dass ich sehr große Angst vor diesem Moment hatte und immer wartete, bis es kein Zurück mehr gab, bis ich aufgrund eines drohenden Ereignisses (Klassenfahrt, Geburtstag oder WeihnachtenG) gezwungen war, darüber zu reden; zum anderen daran, dass ich außerhalb meiner Familie und der Versammlung so gut es ging versuchte, die Grenzen von Gottes gutem Willen auszuloten.

Ich weiß nicht mehr, wie ich es jedes Mal geschafft habe, mich zu überwinden. Ich weiß nur, dass die Momente vor dem Moment sehr schlimm waren. Ich schwitzte und verkrampfte und fluchte und irgendwann platzten dann stammelnd und stotternd die gefürchteten Worte zwischen meinen zitternden Lippen hervor:

„Ich muss euch was erzählen. Ich feiere meinen Geburtstag nicht, weil ich ein Zeuge Jehovas bin.“

Innerlich schloss ich dann die Augen und wartete auf den Knall.

Ich hatte diesbezüglich eigentlich immer Glück. Weder bei Klassenkameraden noch bei Arbeitskollegen bin ich, was meine Person betraf, aufgrund meiner Glaubenszugehörigkeit je auf gemeine Ablehnung gestoßen oder von gemeinsamen Aktivitäten ausgeschlossen worden. Im Gegenteil: Meine Weggefährten brachten häufig sehr viel Verständnis, fast schon Mitgefühl für meine Situation auf. Das hat es mir mit Sicherheit einfacher gemacht. Ich zahlte es dadurch zurück, dass ich nie versucht habe, zu predigen und immer für ein Bierchen oder zwei zu haben war.

Meine Eltern hatten davon lange keine Ahnung. Ich führte jahrelang ein Doppelleben. Zuhause der brave, eifrige, gottesfürchtige Sohn. In der Schule und auf der Arbeit der Kumpel, der nicht auffallen wollte und für jeden Scheiß zu haben war.

Eine Zeit lang nannte ich als Geistiges Ziel, Bethelit zu werden. Bethel, das ist ein Sammelbegriff für die Landeszentralen der ZJ. In Deutschland steht Bethel in Selters. Ein Kloster mit angeschlossener Druckerei, in der alle Bücher und Zeitschriften produziert werden. Betheliten widmen ihr Leben 24 Stunden am Tag dem Dienste Gottes.

Nicht, dass es je mein Geistiges Ziel gewesen wäre, Gott 24 Stunden am Tag zu dienen. Aber womöglich habe ich schon damals unbewusst gespürt, dass meine Zweifel so groß waren, dass ich ohne 24stündige Aufsicht nicht auf ewig dabei bleiben würde. Bethel schien der einzig logische Ausweg. Denn vor den Konsequenzen meiner Zweifel hatte ich, wie vor so vielen Dingen, die pure Angst.

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.

Familienleben

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Wir waren eine glückliche Familie. Vater, Mutter, Kinder. Mein Vater ging einer geregelten Beschäftigung nach, meine Mutter schmiss den Haushalt, wir zahlten pünktlich unsere Steuern. Wir wohnten in einem schönen Viertel, hatten ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn, wir mähten den Rasen und trennten den Müll. Wir hielten die Flurwoche ein und halfen unserer gebrechlichen Nachbarin, wenn sie ihren Pflichten nicht nachkommen konnte. Zwei Mal im Jahr fuhren wir in den Urlaub. Wenn der Zirkus oder die Kirmes in unsere Stadt kam, gingen wir hin und aßen Zuckerwatte. Meine Mutter besuchte alle Elternabende, und nach den Sprechtagen ermunterte sie mich, respektvoller zu meinen Lehrern zu sein. Unsere Kleidung war sauber und gebügelt. Mein Geschwisterchen und ich bekamen regelmäßig Taschengeld. Wir hatten eine Tageszeitung im Abonnement, einen Fernseher und eine HiFi-Anlage. Unsere Lieblings-Fernsehsendung war die Bill Cosby-Show und an Weihnachten schauten wir uns gemeinsam das neueste Walt Disney-Meisterwerk an. Wenn Nachbarn sagten, wie umgänglich und beispielhaft meine Familie war, wenn fremde Menschen lobten, wie wohlerzogen wir Kinder waren, wann immer es etwas Positives gab, versäumten es meine Eltern nie, darauf Wert zu legen, dass es einen guten Grund dafür gab: Wir waren Zeugen Jehovas.

Meine Familie definiert sich bis heute darüber, ZJ zu sein. So wie es viele Mitglieder der ZJ tun. Eifer, wie ZJ Frömmigkeit nennen, ist dabei ein ganz besonders wichtiges Merkmal. Unsere Eltern hielten mein Geschwisterchen und mich von Kindesbeinen dazu an, eifrig zu sein. Mit einem ÄltestenG als Familienoberhaupt hatten wir in der VersammlungG eine Vorbildfunktion. Meine Eltern stellten sicher, dass unsere Familie ihr nachkam.

Alles drehte sich um Jehova und seine Anbetung.

Montags war meistens das Familienbibelstudium. Gemeinsam bereiteten wir uns im Wohnzimmer auf die sonntägliche ZusammenkunftG vor. Reihum las einer von uns einen Absatz vor, mein Vater stellte die vorformulierte Frage und meine Mutter, mein Geschwisterchen oder ich wiederholten mündlich den Teil des gerade eben noch vorgetragenen Absatzes, der der Antwort auf die Frage entsprach. Dann hob man die Stelle mit einem Textmarker hervor. Im Anschluss schlug man die erwähnten Bibelstellen nach und schrieb sie mit einem Fineliner in den Seitenrand. Das ging in der Regel anderthalb Stunden.

Dienstags oder Mittwochs war das Gruppen-Bibelstudium. Die Versammlungsgemeinde wurde in kleinere Gruppen eingeteilt, die eine vorgeschriebe Lektüre der ZJ gemeinsam besprach. Das Prinzip war dasselbe wie das Familienbibelstudium, bloß wurde erwartet, dass man sich schon im Vorfeld darauf vorbereitete und die entsprechenden Textstellen bereits markiert hatte. Das ging in der Regel eine Stunde (ohne Vorbereitung).

Donnerstags oder Freitags fand die Theokratische PredigtdienstschuleG und die Dienstzusammenkunft statt. Auch hierauf sollte man sich natürlich vorbereitet haben (nach Vorbild des Familienbibelstudiums allein und in innerer Einkehr). Das ging in der Regel zwei Stunden (ohne Vorbereitung).

Samstags oder Sonntags gingen wir dann zur Öffentlichen Ansprache und zum Wachtturm-Studium in den KönigreichssaalG. Ein angereister Redner sprach 45 Minuten lang über ein bestimmtes Thema unter Berücksichtigung neuester biblischer Erkenntnisse der Leitenden KörperschaftG. Die Leitende Körperschaft ist das höchste Gremium und ideologische Führerschaft der ZJ. Im Anschluss wurde dann öffentlich abgefragt, was wir bereits Montags im Familienbibelstudium durchgekaut hatten.

Vor dem Frühstück, dem Mittagessen und dem Abendessen wurde gebetet. Wir schlossen unsere Augen und falteten unsere Hände. Anders als in anderen Kirchen sind die Gebete der ZJ ziemlich freestyle, was häufig dazu führt, dass sich die öffentlichen Vorbeter gegenseitig mit ganz besonders eifrigen und gottesfürchtigen Gebeten zu übertrumpfen versuchen. Im Familienkreis war das zum Glück weniger der Fall. Mein Vater hatte dennoch den Hang abzuschweifen. Was besonders ärgerlich war, wenn man gerade Hunger hatte. Durch halb geschlossene Augenlider starrte man den Topf Bolognese hinter den gefalteten Händen an und hoffte innigst, Papa würde nicht noch ein Land einfallen, in dem ZJ verfolgt wurden und für die er einen Segen erbat. Auch vor dem Schlafengehen wurde gebetet und wir Kinder sollten natürlich zu jedem denkbaren Zeitpunkt beten. Ich kam mir immer wie ein Vollidiot vor, wenn ich die Augen schloss und still vor mir in den leeren Raum hineinbetete. Viel zu oft wurde ich abgelenkt und zehn Minuten später fügte ich hastig ein „…durch Jesus Christus: Amen“ an die Star Wars-Szene an, der ich gerade nachgehangen hatte.

Im Frühjahr, im Sommer und im Herbst gab es dann die großen Zusammenkünfte: Die KongresseG. Sie waren immer ein großes Abenteuer. Vor dem großen Sommerkongress ging meine Mutter mit mir zu C&A, um einen neuen Anzug zu kaufen. Die Sommerkongresse gingen drei Tage, von Freitag bis Samstag. Meine Mutter schrieb einen Brief an die Schule, damit ich freitags frei bekam und wir schon am Donnerstag anreisen konnten. Jeden Tag gab es von zehn bis siebzehn Uhr Ansprachen, Ansprachen, Ansprachen. Manchmal war es schön, aber meistens langweilte ich mich und kritzelte in meinem Notizbuch herum. Das lange Sitzen war ätzend. Wenn ich unruhig wurde, gab es einen bösen Blick von meiner Mutter. Meinen Vater habe ich während der Kongresse nur Abends oder auf der Bühne gesehen. Er war ein hohes Tier und hatte immer etwas zu tun. Andere ZJ-Kinder bewunderten mein Geschwisterchen und mich, weil unser Vater so ein hohes Tier war. (Bericht der FAZ über einen Sommerkongress der ZJ)

Zusätzlich zu den erwähnten Zusammenkünften und den Gebeten, zusätzlich zur Schule und Arbeit wurde selbstverständlich erwartet, dass man am Predigtdienst teilnahm, um seinen EiferG zu bezeugen. Für Freizeit und Klassenkameraden blieb nicht viel Zeit, obgleich meine Eltern sehr viel Wert darauf legten, als Familie Spaß zu haben. Wir machten Ausflüge, besuchten Bekannte oder leihten uns einen Film aus der Videothek aus. Genauso viel Wert legten meine Eltern darauf, dass mein Geschwisterchen und ich den Predigtdienst ernst nahmen.

Mit Anbruch der Teenagerjahre wurde ich dazu ermuntert, im PredigtdienstG eine Krawatte zu tragen und eine eigene Tasche mitzuführen, in der ich den Wachtturm und den ErwachetG transportieren konnte. Warum, wollte ich wissen. Weil das ein heiliger Dienst ist, sagten meine Eltern. Ich habe es gehasst, Samstag morgens mit meiner auffallend hässlichen Schultertasche aus dem ZJ-Fanartikellladen und meiner Clip-On-Krawatte durch die Wohnviertel oder gar in der Fußgängerzone herumlaufen zu müssen. Meine größte Angst war, auf Klassenkameraden zu treffen. Ab und an traf ich welche. Meine Heimatstadt ist nicht so groß.

Eines Tages stieß ich zu meinem Leidwesen auf ein Mädchen aus meiner Klasse, das ich toll fand. Ich war zwölf oder dreizehn, mitten in der Pubertät und ohnehin sehr meiner tollpatschigen Selbst bewusst. Ich sah sie von weitem und versuchte meinen Predigtdienstpartner in eine andere Richtung zu drängen. Vergebens. Im letzten Augenblick erspähte sie mich und kam auf mich zu. Dann sah sie, wie ich aussah und fragte, so grinsend wie verwirrt: „Wie siehst du denn aus?“ Ich bin mir sicher, dass sie es nicht böse meinte. Ich bin mir sicher, an ihrer Stelle wäre mir etwas viel Böseres aus dem Mund gerutscht. In dem Augenblick brach eine Welt für mich zusammen. Ich wurde rot und wäre am liebsten im Boden versunken.

Bis auf den Teil mit den ZJ habe ich unterm Strich schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend mit meiner Familie.

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.