Ismen

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In unserer Stadt gab es eigentlich keine Ausrede, kein Zeuge Jehovas zu sein. Zumindest, was die Nachwehen der babylonischen Sprachverwirrung betraf. Es gab fünf oder sechs deutschsprachige Versammlungen, eine spanisch-portugiesische Versammlung, eine jugoslawische, eine russische sowie eine eine chinesische und eine tamilische Gruppe.

Wir waren in der englischen Versammlung. In unserer Versammlung gab es überwiegend deutsche Glaubensgeschwister, die sich in im englischsprachigen Gebiet engagierten, weil sie das Predigtwerk unterstützen wollten, wo Hilfe dringend benötigt wurde, wie es so schön hieß. Der Rest setzte sich aus Briten, Amerikanern und People of Color aus aller Herren Länder zusammen. Unsere Versammlung war für alle Sprachen zuständig, die nicht durch eine eigene Versammlung oder Gruppe abgedeckt wurden. Im Predigtdienst besuchten wir deshalb oft die Asylantenheime, wie die Asylbewerberheime bei uns umgangssprachlich hießen. Hauptsächlich versuchten wir Menschen vom afrikanischen Kontinent sowie aus Asien zu finden, die der englischen Sprache mächtig waren: Nigeria, Ghana, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Kenia und Indien, Sri Lanka, Bangladesh, Pakistan, Nepal, Thailand, die Philippinen, das waren die gängigen Zielgruppenländer. Wir hofften, dass sie wenigstens ein paar Brocken Englisch sprachen, ansonsten hatten wir Publikationen in so gut wie jeder möglichen Sprache dabei.

Die Sekte wirbt vermehrt um Entwurzelte und Randständige der deutschen Gesellschaft. In Asylbewerberheimen wird der Wachtturm, das Zentralorgan der Zeugen Jehovas, in der Muttersprache der Ankömmlinge durch den Zaun geschoben. In Aussiedlerunterkünften werden Insassen auf den Zimmern umworben. – Der Spiegel

Rassismus habe ich bei den Zeugen Jehovas nie erlebt. Ich habe meine Versammlung sowie die meisten ehemaligen Glaubensgeschwister als sehr weltoffene Gemeinschaft erlebt, in der Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft willkommen waren. Natürlich gab es immer wieder mal Personen, die negativ auffielen. Aber Spinner gibt es nun mal überall. Einen Nebengeschmack hat das Ganze trotzdem: Das Predigtwerk der Zeugen Jehovas hat etwas kolonialistisches an sich. Es ist der Glaube eines weißen Mannes. So sehr man dazu ermutigt wurde, im Predigtdienst die Kultur und die Ansichten der Zielpersonen zu respektieren, so unmissverständlich war das Ziel nun mal: Die Person zu einem Bibelstudium und im Anschluss zur Taufe als Zeuge Jehovas zu bewegen.

On multiple occasions over the last 30 years, members of some Christian churches and Jehovah’s Witnesses have “harassed” Hindus both inside and outside of their temples with fliers, informational CDs and unannounced visits at local temples, Patel said.

“They’ve found that Hindus are more gullible,” Patel said.

Patel said that Jehovah’s Witnesses have waited outside of temples, which are private property, to speak with worshipers as they walk to their cars. – Triblive.com

Schließlich gibt es nur eine wahre Religion: Die der Zeugen Jehovas.

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Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft waren also willkommen. Auch jeder sexuellen Orientierung. Solange diese vor der Tür blieb oder spätestens mit dem Mantel an der Garderobe abgegeben wurde. Ich habe nie einen homosexuellen Menschen bei den Zeugen Jehovas kennengelernt. Es gibt sie, natürlich, rein statistisch gesehen muss es sie ja geben. Aber wer Zeuge Jehovas ist, und gleichzeitig homosexuell, redet nicht darüber. Wobei die Zeugen Jehovas auch kein Geheimnis darüber machen, dass es homosexuelle Zeugen gibt. Schließlich lehnen sie nicht den homosexuellen Menschen ab, sondern seine Homosexualität.

Auch wenn die Bibel homosexuelle Handlungen missbilligt, liefert sie keine Grundlage für Homophobie oder dafür, Homosexuellen mit Verachtung zu begegnen. Christen werden vielmehr dazu angehalten: „Begegnet allen Menschen mit Respekt“ (1. Petrus 2:17, Das Buch) – jw.org

Es gibt offiziell keine praktizierenden Homosexuellen bei den Zeugen Jehovas. Sollte man einen Zeugen Jehovas kennenlernen, der von sich aus zugibt, eine homosexuelle Neigung zu haben, so wird er einem sagen, dass er seiner Neigung nicht nachgeht. Mithilfe des Gebetes, des Bibelstudiums und seiner Glaubensgeschwister findet er die Kraft, nicht schwule Dinge treiben zu müssen.

Falsche Wünsche führen zu falschem Verhalten. Will man sich von ihnen lösen, ist es wichtig, seine Gedanken zu kontrollieren. Beschäftigt man sich dagegen viel mit Gedanken, die einen in die richtige Richtung lenken, dann wird es einem leichter fallen, falsche Wünsche zu verscheuchen (Philipper 4:8; Jakobus 1:14, 15). Das kann am Anfang noch ein großer Kampf sein, aber mit der Zeit wird er leichter werden. (…) Den gleichen Kampf führen auch Millionen von Menschen, die heterosexuell sind und sich an biblische Maßstäbe halten möchten. Zum Beispiel Singles, die keinen Ehepartner finden, oder Verheiratete, deren Partner aus irgendeinem Grund nicht zum Geschlechtsverkehr in der Lage ist. Sie führen trotzdem ein glückliches Leben — und das ist auch Menschen mit homosexueller Neigung möglich, wenn sie Gott wirklich gefallen möchten (5. Mose 30:19). – jw.org

Natürlich tratschte man. Dieser Bruder wirke schwul oder jene Schwester sei doch mit Sicherheit lesbisch. Man wusste es natürlich nicht, aber man tuschelte trotzdem. Es müsse doch einen Grund geben, dass sie oder er noch immer single war, die Person sah doch viel zu gut aus, um noch single zu sein, weder arbeitete sie im Bethel noch war sie Pionier. Das musste doch was heißen. Solche Gespräche gab es immer wieder. Und dann gab es natürlich die Horrorstories: Irgendein Ältester habe seine Frau für einen Mann verlassen! Für einen Mann! Ehebruch an sich war ja schon schlimm, aber Ehebruch gepaart mit Homosexualität! Oh mein Gott!

Zuhause haben wir in der Familie Filme vermieden, es denen es „homosexuelle Propaganda“ gab. Philadelphia oder Der bewegte Mann, beispielsweise, die gingen gar nicht, genausowenig wie In&Out. Selbst Mrs Doubtfire lief bei uns auf Bewährung, da diese beiden Männer eindeutig schwul waren, aber wir schauten ihn trotzdem, irgendwie waren sie so tuntig, dass es wieder witzig war. Außerdem stand die Homosexualität nicht im Vordergrund, sie war nicht das Thema des Films, die Homosexualität wurde nicht ausschließlich positiv dargestellt, die Hauptfiguren waren nicht homosexuell, sondern nur unwichtige Nebenfiguren, Homosexualität ist eine gesellschaftliche Realität, es bringt nichts, sie zu verdrängen, in zahllosen Filmen kommt ja auch heterosexueller zügelloser Wandel vor, allerdings ist das ja auch natürlich, man darf nur nicht vergessen, das ganze kritisch zu betrachten, bla bla bla, etc. pp. So versuchte man sich eben eine heile Filmwelt zurechtzureden.

Homosexualität wurde bei uns zu Hause als abstoßend bezeichnet. Unter Zeugen Jehovas machte ma Witze auf Kosten von Schwulen, man unterhielt sich verächtlich über sie, tat angeekelt. Ich habe mich auch daran beteiligt. Heute schäme ich mich dafür.

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Mein Vater erzählte gern folgenden Witz: »Ich bin der Herr im Haus. Mit der Erlaubnis meiner Frau.« Alle lachten. Und alle wussten: Egal, wie selbstbestimmt meine Mutter war, am Ende des Tages würde mein Vater die Entscheidung fällen. Er war das Haupt der Familie und meine Mutter akzeptierte das. Weil es so in der Bibel steht.

Damit die Frau ins Dasein kommen konnte, mußte zuerst der Mann dasein, denn sie wurde aus ihm erschaffen. Als ein Bestandteil des Mannes, als „e i n Fleisch“ mit ihm und als sein Gegenstück und seine Gehilfin war sie ihm als ihrem Haupt untertan. – Einsichten-Buch, Seite 766

Es gibt bei den Zeugen Jehovas ein »Ordnungsgefüge«, wie es im Wachtturm vom 15. Mai 2010 heißt. Die Hierarchie lautet absteigend: Jehova > Jesus Christus > Mann > Frau. Das entnehmen die Zeugen Jehovas dem ersten Korintherbrief im Kapitel 11, Vers 3. Diese Bibelstelle wird von der Wachtturm-Gesellschaft wörtlich ausgelegt.

In unserer Versammlung gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Kreis gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Bezirk gab es keine weiblichen Ältesten. In keiner verantwortlichen Position habe ich jemals eine Frau gesehen. Es gab keine weiblichen Redner, keine weiblichen Dienstamtgehilfen, keine weiblichen Kreisaufseher, keine weiblichen Bezirksaufseher, kein einziges weibliches Mitglied der Leitenden Körperschaft. Auf die Bühne durften sie zwar – aber nur in sketchartigen Darbietungen von Predigtdienstsituationen. Die biblische Belehrung von der Bühne war und ist bis heute den Männern vorbehalten.

Frauen waren mit Respekt zu behandeln. Sie sollten nicht angeschrien werden, sie sollten nicht geschlagen werden. Man half ihnen in den Mantel, man hielt ihnen die Tür auf, man hielt ihnen den Arm, wenn es ein Hindernis zu überwinden gab. Frauen verdienten Anerkennung.

Wodurch verdient sich eine Frau so viel Anerkennung? „Anmut mag Trug sein, und Schönheit mag nichtig sein“, heißt es in Sprüche 31:30, „doch die Frau, die Jehova fürchtet, ist es, die sich Lobpreis schafft.“ Wer also Ehrfurcht vor Jehova hat, wird sich auch gern in die von ihm geschaffenen Autoritätsstrukturen einordnen — und das bedeutet: „Das Haupt einer Frau . . . ist der Mann“, genauso wie „das Haupt jedes Mannes der Christus ist“ und „das Haupt des Christus . . . Gott“ ist (1. Kor. 11:3). – Wachtturm, 15. Mai 2010

Auch ich hatte mich dem Ordnungsgefüge anzupassen. Ich lernte, dass ich als Mann später Verantwortung für meine Familie und für die Versammlung übernehmen sollte. Mein Ziel sollte es sein, Ältester zu werden, und ich sollte mir eine Frau suchen, die mich bei diesen Zielen unterstützt. Eine gottgefällige, demütige Frau, das sollte das Objekt meiner Begierde sein. Natürlich hatte auch meine zukünftige Frau eine Verantwortung:

Gibt seine Frau (wenn getauft) ein gutes Beispiel? Wie sich eine Frau verhält, wirft entweder ein gutes oder ein schlechtes Licht auf ihren Mann (1. Tim. 3:ll). – Ältestenbuch (2010-Version), Seite 31.

Wenn sie eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

11. Wird eine verheiratete Schwester einer Missetat beschuldigt, sollte am besten ihr Mann (wenn er ein Bruder ist) der Verhandlung beiwohnen. Er ist ihr Haupt, und seine Bemühungen, ihr wieder aufzuhelfen und den richtigen Weg zu zeigen, können sehr nützlich sein (1. Kor. 11:3). Falls ungewöhnliche Umstände eine Rolle spielen oder die Ältesten meinen, es sei im Interesse der Sicherheit der Frau besser, den Mann nicht dabei zu haben, sollten sie im Zweigbüro anrufen.

Wenn ich eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

12. Handelt es sich bei dem Beschuldigten um einen verheirateten Bruder, ist seine Frau normalerweise nicht bei der Verhandlung anwesend. Wünscht der Mann jedoch, dass sie dabei ist, kann sie bei einem Teil der Verhandlung zugegen sein. Allerdings sollte das Rechtskomitee die Vertraulichkeit wahren. – Beide aus: Ältestenbuch (2010-Version), Seite 84, Hervorhebungen durch mich

Alle Menschen sind gleich. Männer sind gleicher. Aber es ist mitnichten so, dass Frauen nur stille Teilhaber wären, wie man oben genanntem Wachtturm entnehmen kann:

Frauen haben genauso wie Männer von Jehova viele schöne Aufgaben erhalten. Denken wir nur daran, was für eine große Ehre es für die 144 000 ist, Könige und Priester mit Christus zu sein, wenn er über die Erde regiert! Diese Berufung haben auch Frauen erhalten (Gal. 3:26-29). Es liegt auf der Hand: Jehova hat Frauen in dem von ihm vorgegebenen Gefüge eine durchaus aktive Rolle zugewiesen.

Wenn sie also das Glück haben, in den Himmel zu kommen, werden sie dort gleichberechtigt sein. Bis dahin, oder, wenn sie das Pech haben, auf der Erde bleiben zu müssen, haben sie sich unterzuordnen und zu schweigen. Außer im Predigtdienst natürlich. Dort dürfen sie sich so viel austoben wie sie möchten. Eine dieser „vielen schönen Aufgaben“.

Einige Glaubensschwestern waren zu meiner Zeit mächtiger, als es der Leitenden Körperschaft hätte lieb sein können. Ehefrauen von Ältesten zum Beispiel hatten oft starken Einfluss auf ihre Ehemänner und waren im Hintergrund an Entscheidungen beteiligt, die ihnen eigentlich nichts angingen. Das habe ich zu Hause häufig erlebt. Offiziell war die Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas folgende:

 Es gab Zusammenkünfte, bei denen die Frauen beten oder prophezeien durften, sofern sie eine Kopfbedeckung trugen (1Ko 11:3-16; siehe KOPFBEDECKUNG). Doch bei regelrecht öffentlichen Zusammenkünften, wenn die „ganze Versammlung“ sowie „Ungläubige“ an einem Ort versammelt waren (1Ko 14:23-25), sollten Frauen „schweigen“. Wenn sie etwas lernen wollten, konnten „sie zu Hause ihre eigenen Männer befragen, denn es ist schändlich für eine Frau, in einer Versammlung zu reden“ (1Ko 14:31-35).

Während es Frauen nicht erlaubt war, in einer Zusammenkunft der Versammlung zu lehren, konnten sie Personen außerhalb der Versammlung belehren, die die Wahrheit der Bibel und die gute Botschaft über Jesus Christus kennenlernen wollten (vgl. Ps 68:11), und sie durften sich auch gegenüber jüngeren Frauen (und Kindern) innerhalb der Versammlung als „Lehrerinnen des Guten“ betätigen (Tit 2:3-5). Sie sollten aber nicht über Männer Gewalt ausüben oder, beispielsweise in den Zusammenkünften der Versammlung, mit Männern debattieren. Sie sollten sich an das erinnern, was mit Eva geschah, und an das, was Gott nach der Sünde Adams und Evas über die Stellung der Frau gesagt hatte (1Ti 2:11-14; 1Mo 3:16).

Männer dienen als Aufseher und Dienstamtgehilfen. In der Erörterung über die „Gaben in Form von Menschen“, die Christus der Versammlung gibt, werden keine Frauen erwähnt. Die Worte für „Apostel“, „Propheten“, „Evangeliumsverkündiger“, „Hirten“ und „Lehrer“ haben alle männliches Geschlecht (Eph 4:8, 11). Epheser 4:11 wird in der American Translation wie folgt wiedergegeben: „Und er hat uns einige Männer als Apostel gegeben, einige als Propheten, einige als Missionare, einige als Hirten und Lehrer.“ (Vgl. NW; ferner Ps 68:18.) – Einsichten-Buch, Seite 767

Soweit ich weiß, hat sich an der Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas bis heute nicht großartig etwas geändert.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Übrigens – nicht verpassen: Heute Abend bin ich im 1Live Talk zu Gast und rede über dieses Blog und meine Zeugen Jehovas-Vergangenheit.

Artikelvorschaubild: Sexism abounds von Ianqui DoodleBestimmte Rechte vorbehalten

Klassenfahrt

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Es gab gute und es gab schlechte Gesellschaft. Schlechte Gesellschaft waren zum Beispiel weltliche Menschen, also Menschen, die keine Zeugen Jehovas waren. Meine Eltern brachten mir bei, dass nicht alle weltliche Menschen schlechte Menschen waren. Schlechte Gesellschaft zu sein bedeutete nämlich nicht, dass man ein schlechter Mensch war. Man war bloß kein geeigneter Umgang für ein christliches Kind. Und auch, wenn es eine Menge guter Menschen unter den Weltlichen gab, so waren sie nicht unbedingt gute Gesellschaft. Wir Zeugen Jehovas-Kinder wurden dazu angespornt, uns ein Zeugen Jehovas-Umfeld zu suchen.

Was nicht bedeutete, dass jeder Zeuge Jehovas auch gute Gesellschaft war. Auch innerhalb der Versammlung wurde unterschieden. Kinder, die einen Ältesten zum Vater hatten waren meistens über jeden Zweifel erhaben. Auch Kinder, deren Eltern für ihren Predigtdiensteifer bekannt waren, galten als

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gute Gesellschaft. Aber auch Kinder, deren Eltern vorbildlich waren, konnten schlechte Gesellschaft sein. Weil sie sich danebenbenahmen. Weil sie selten in die Zusammenkunft kamen. Weil sie dafür bekannt waren, rebellisch zu sein. Weil sie komisch waren.

Einmal war eine Familie bei uns zu Besuch, die einen Sohn hatten. Meine Eltern hatten bereits zuvor angedeutet, dass der Sohn komisch sei, ich solle mich in Acht nehmen. Das fand ich spannend. Und so war ich zwar nicht sonderlich überrascht, aber dafür umso entzückter, als ich ihn dabei erwischte, wie er unterm Küchentisch saß und Nivea-Creme aß. Das gefiel mir. Ich mochte sonderbare Dinge schon immer. Seinen Eltern war es furchtbar peinlich, meine Eltern freuten sich nach der Verabschiedung, dass ihre Kinder nicht so waren. Ich sah ihn nie wieder. Dabei hatte ich selber so meine Macken. Meine halbe Kindheit ging ich aus unerfindlichen Gründen auf Zehenspitzen. Wenn ich nervös war, fingen meine Augen abwechselnd an zu blinzeln. Saß ich irgendwo beschäftigungslos herum, wie beispielsweise während einer Zusammenkunft, klemmte ich meinen Daumen unter meine Finger, wo er dann bis zum Ende der Zusammenkunft blieb. Oder ich legte meinen Mittel- und meinen Ringfinger auf meine Nasenöffnungen. Die Frau eines Ältesten sprach mich nach einer Zusammenkunft auf Letzteres an. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Ich solle doch bitte meine Finger von meiner Nase entfernen. Ich solle mich doch bitte fragen, ob Jesus im Königreichssaal ständig seine Finger an der Nase gehabt hätte. Wozu das überhaupt gut sei. Ich sagte nichts. Es beruhige mich einfach, dachte ich innerlich. Ich fühlte mich sicher, wenn ich das machte.

Das mit der schlechten Gesellschaft, das stammt aus der Bibel.

Schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten. – 1. Korinther 15:33

Wir hatten als Kinder und Jugendliche ein Buch, Fragen junger Leute – Praktische Antworten. Wenn man nicht wusste, wie man sich als Zeugen Jehovas-Kind zu benehmen hatte, konnte man in diesem Buch nachschlagen. Dr. Sommer für Zeugen Jehovas. Es gab zu jeder Fragestellung Erfahrungsberichte von Jugendlichen ohne Nachnamen, die zufälligerweise genau das erlebt hatten, von dem das Buch meinte, es wäre ein Nein-Nein. Die Jugendlichen hatten meist die Erfahrung gemacht, dass sie davon profitierten, wenn irgendwas mit Jehova. In dem Buch wurde das auch mit der schlechten Gesellschaft erklärt. Vor allem wurde erklärt, mit was für Menschen man befreundet sein sollte. So heißt es im Kapitel Wie finde ich gute Freunde?:

Fakt ist: Wenn man langsam erwachsen wird, braucht man Freunde, die . . .

1. anziehende Eigenschaften besitzen,

2. hohe Prinzipien haben,

3. einen positiven Einfluss ausüben.

Es gab wie in der BRAVO auch einen kleinen Test, mit dem man herausfinden konnte, was gute Gesellschaft ausmachte.

Ziehe ich mich anders an als sonst, rede ich anders oder mache ich etwas Verbotenes, nur damit ich meinen Freunden gefalle?

□ Ja

□ Nein

Halte ich mich nur wegen meiner Freunde an Orten auf, wo ich als Christ eigentlich nichts zu suchen habe?

□ Ja

□ Nein

Tipp: Wenn du die Fragen mit Ja beantwortet hast, dann sprich mit deinen Eltern oder einem anderen erfahrenen Erwachsenen darüber. Als Zeuge Jehovas kannst du natürlich auch einen Ältesten um Tipps bitten, wie du Freunde findest, die dich positiv beeinflussen.

Wenn man sich drauf einließ, war es echt einfach, ein Zeuge Jehovas zu sein

Mit manchen Schulkameraden durfte ich mich trotzdem treffen, obwohl sie schlechte Gesellschaft waren. Das war ein wenig aus der Not geboren. In unserer Versammlung gab es nicht so viele Kinder. Ein Kind wohnte dreißig Kilometer entfernt in der Nachbarstadt, die anderen waren schlechte Gesellschaft. Und vielen Kinder aus den anderen Versammlungen in unserer Stadt trauten meine Eltern nicht über den Weg, den Eindruck hatte ich zumindest, vielleicht irre ich mich auch. Es lag womöglich an mir. Ich lernte nicht so gern neue Menschen kennen, auch schon als Kind nicht. Ich war eigentlich immer recht zufrieden mit den Menschen, die ich kannte.

In meiner Kindheit waren meine besten Freunde alle bei den Zeugen Jehovas. Und sie waren wirklich gute Freunde. Menschen, die ich manchmal vermisse. Menschen, die den Kontakt in dem Moment abbrachen, in dem ich mich gegen ein Leben bei den Zeugen Jehovas entschied. Bis zu dem Zeitpunkt waren es gute, sehr gute Freunde gewesen. Was nach dem Ereignishorizont meines Ausstiegs mit unserer Freundschaft passierte, nun, das lag womöglich weder in meiner noch in ihrer Macht. Sie können vielleicht genauso wenig dafür wie ich.

Auf Klassenfahrt durfte ich aber nie mit. Weil zwei Wochen schlechte Gesellschaft in einem Schullandheim, nein, das ging nicht. Das wäre ja wie wenn man einen Haufen Kinder zusammensteckt, von denen eins die Masern hat. Da muss nur eins die Masern haben und schon haben sie sie alle. Da reicht ein Kind, da ist völlig egal, wie gesund die anderen sind. Nein, das Risiko war zu groß, dass ich mich auf Klassenfahrt mit schlechter Gesellschaft ansteckte. Ich glaube, meine Eltern stellten sich Klassenfahrt als eine Art Spring Break im Laufhaus vor. Misha gone wild, das war ihr Albtraum. In der Zeit, in der meine Klassenkameraden auf Langeoog oder Spiekeroog oder in den Bergen waren, kam ich in eine andere Klasse. Die Kinder in der anderen Klasse waren immer nett zu mir, das fand ich gut. Doof fand ich das Ganze trotzdem. Ich kam mir vor, wie der letzte Idiot. Erst als ich 16 war und eine Ausbildung machte, da durfte ich mit der Berufschule auf Klassenfahrt. Waren ja nur vier Tage in Dresden. Was sollte da schon großartig passieren. Es war wie Spring Break im Laufhaus. Es war großartig. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Aschenbecher getrunken.

Eines Tage wurde in meiner Klasse eine Zeltparty im Garten einer Klassenkameradin organisiert. Es muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Natürlich durfte ich nicht mitmachen. Eine ganze Nacht, ich bitte dich! In Zelten! Und MÄDCHEN würden auch da sein! Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Stattdessen organisierten meine und andere Zeugen-Jehovas-Eltern eine Konkurrenz-Zeltparty mit Zeugen Jehovas-Kindern. Die war auch schön, aber ich war trotzdem traurig, weil ich ein kleines bisschen in ein Mädchen aus meiner Klasse verknallt war.

Ein Jahr später gab es erneut eine Zeltparty. Ich war immer noch oder wieder verknallt, das weiß ich nicht mehr genau. Diesmal wollte ich dabei sein. Ich fasste mir ein Herz und fragte meine Eltern. Ich hatte mich auf das Gespräch vorbereitet. Ich hatte mir die Worte zurechtgelegt, von denen ich hoffte, dass sie meine Eltern überzeugen würden. So gut es ging, mit einem Kloß im Hals, trug ich mein Plädoyer vor. Meine Eltern hörten mir geduldig zu. Als ich fertig war, teilten sie mir mit, dass sie kurz darüber reden wollten. Mit Tränen in den Augen zog ich mich in mein Zimmer zurück. Nach einer halben Ewigkeit riefen sie mich. Zitternd ging ich in die Küche. Sie sagten mir, dass sie eine Ausnahme machen würden und ich diesmal auf die Zeltparty dürfte. Ich fing umgehend an zu weinen. Ich heulte vor Freude, weil ich eine Nacht mit meinen Klassenkameraden verbringen durfte.

Als mein Bruder auf das Gymnasium kam, gab es keine großen Diskussionen. Er durfte von Anfang an auf Klassenfahrten mit.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

In eigener Sache: Kritik

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Was dieses Blog betrifft, sehe ich mich im Wesentlichen seitens Zeugen Jehovas mit zwei Kritikpunkten konfrontiert:

  1. Angeblich reiße ich Zitate aus dem Zusammenhang
  2. Angeblich verbreite ich negative Dinge über die Zeugen Jehovas

Ich habe mir mal erlaubt, auf die Vorwürfe seitens der Zeugen Jehovas in einem eigenen Blogbeitrag einzugehen, der hier gelesen werden kann:

Mein früheres Ich hätte mein Blog nie gelesen, was mein heutiges Ich sehr schade findet

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Panem et circenses

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Auf der einen Seite der Straße war ein Park mit angrenzenden Schrebergärten. Der Park gehörte Sonntags den Mennoniten. Sie grillten und spielten Volleyball. Auf der anderen Straßenseite war ein riesiges Gelände mit Gras. Sonntags gehörte es uns. Jeden Sonntag trafen wir uns mit anderen Zeugen Jehovas aus allen Versammlungen in unserer Stadt und spielten Fußball. Die Erwachsenen unter sich, die Jugendlichen und Kinder unter sich. Wer als Jugendlicher die körperlichen und sportlichen Voraussetzungen mitbrachte, konnte auch bei

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den Großen mitspielen. Da kam man aber seltener an den Ball, vor allem, wenn man wie ich zwei linke Füße hatte. Ich blieb in der Regel bei den Jüngeren. Wir spielten zwei, manchmal drei Stunden, dann ging es nach Hause.

Alle paar Monate trafen wir uns mit der gesamten Versammlung im Garten einer Familie, oder, wenn es kalt war, in gemieteten Räumlichkeiten zu einem Versammlungsfest. Jede Familie beteiligte sich an den Vorbereitungen, brachte einen Salat mit, oder Frikadellen, oder Getränke. Meistens fand das Versammlungsfest an einem Samstag Nachmittag fest, damit jeder die Gelegenheit hatte, sich morgens noch am Predigtdienst zu beteiligen. Besonders Eifrige stießen erst später zum Fest dazu, weil sie so lange im Predigtdienst geblieben waren. Die Versammlungsfeste waren schöne Ereignisse, vor allem für uns Kinder. Es gab leckeres Essen in rauen Mengen, wir spielten Fußball, Völkerball, Volleyball, und wenn es dunkel wurde, saßen wir am Feuer. Wenn wir in einem Raum zusammenkamen, brachten wir unsere Instrumente mit und sangen Königreichslieder. Oder wir spielten Reise nach Jerusalem.

Wir trafen uns nicht immer mit der ganzen Versammlung. Manchmal waren es auch nur zwei oder drei Familien. Wir kochten gemeinsam und führten Gespräche oder schauten eine DVD oder gingen ins Kino. Hin und wieder schnappten wir uns unsere Fahrräder und machten eine Tour durch den Teutoburger Wald. Hinterher wurde bei einer Familie zu Hause gegrillt. Hochzeiten waren besonders beliebt. Es gab viel zu essen, man konnte ein bisschen Alkohol trinken und es wurde bis in die Puppen getanzt.

Wir haben viel mit unseren Glaubensgeschwistern unternommen. Auch an Silvester. Natürlich böllerten wir nicht, noch gossen wir Blei. Ansonsten gab es keinen großen Unterschied: Wir aßen Raclette, tranken ein Bier oder ein Gläschen Sekt, und um null Uhr beobachteten wir das Feuerwerk und hofften, dass es ein gutes Jahr werden würde.

Dass Zeugen Jehovas keinen Spaß haben dürfen und auch gar nicht haben wollen, ist ein Vorurteil, das mich immer geärgert hat und mich auch heute noch ärgert. Weil er in der Verallgemeinerung jeder Grundlage entbehrt. Natürlich gibt es Zeugen Jehovas, die zum Lachen in den Keller gehen und leidenschaftliche Griesgrame sind. Aber die meisten der Glaubensgeschwister, die ich während meiner Zeit bei den Jehovas Zeugen kennenlernte, waren auf ihre Art humorvoll, hatten alle gern ihren Spaß, gingen ins Kino, auf die Kirmes, tranken gelegentlich sogar Alkohol. Ich hatte auch Spaß, als ich noch Zeuge Jehovas war. Es war ja nicht alles schlecht. Alles andere wäre gelogen.

Natürlich hatte der Spaß seine Grenzen, denn, wie es im Buch Prediger so schön heißt, gibt es für alles eine bestimmte Zeit: „eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen; eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Herumhüpfen.“ (Prediger 3:4, Neue Welt Übersetzung der Heiligen Schrift) Solange etwas in Maßen geschah, war es in Ordnung. Alkohol in Maßen war ok, genauso Kino, Musik und Sport. Sex vor der Ehe war auch in Maßen verboten, genauso Weihnachten, Geburtstage und Blutwurst.

Spaß bei den Zeugen Jehovas war ein umzäunter Abenteuerspielplatz mit bunt angemalten Wachttürmen, auf denen Glaubensbrüder mit Fernglas saßen. Je älter ich wurde, desto schmerzlicher wurde mir das bewusst. Maßstab in Sachen Spaß war immer seltener Gottes Wort, immer öfter war es der Grad der Empörung, den die gewünschte Aktivität bei den Glaubensgeschwistern vermutlich auslösen würde. Offiziell war das meiste bis auf einige Ausnahmen Inhalt einer persönlichen Gewissensentscheidung, aber man lernte schnell, dass man vom Versammlungsumfeld an dieser Entscheidung gemessen wurde. Mindestens konnte eine persönliche Entscheidung soziale Konsequenzen zur Folge haben. Im schlimmsten Falle ruinierte man sich als Mann seine theokratischen Karrierechancen, als Frau den Ruf und somit die Aussicht auf einen Ehemann in verlockender hierarchischer Position. Durch das Hinabdelegieren vieler Entscheidungen entband sich die Wachtturm-Gesellschaft der Verantwortung, ihren Schäfchen Sicherheit zu geben. Diese Verunsicherung war bestimmt gewollt, denn sie brütete ohne viel Zutun in jedem Mitglied einen potentiellen Spitzel aus. Man brauchte gar nicht so viel verbieten, denn durch Suggestion und Implikation in den Publikationen, gepaart mit dem persönlichen Gewissen, das jeder Einzelne wie ein Exoskelett um sich herumtrug, war gewährleistet, dass nur die Wenigsten wesentlich aus der Reihe tanzten. Und wenn es einer tat, dann konnte man davon ausgehen, dass die Ältesten irgendwie davon erfahren würden. Bis zu meinem Ausschluss hatte ich nur einen Hirtenbesuch – wegen eines Hobbys. Mein Hirtenbesuch, wie der Vor- und Nachsorgebesuch der Ältesten genannt wird, wurde nach dem obligatorischen Gebet und einer aufmunternden Bibelstelle mit den Worten eingeleitet: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass…“ Die Wachttürme bei den Zeugen Jehovas waren bunt, nicht grau. Manchmal vergaß man, dass man beobachtet wurde.

Es ist ein Vorurteil, dass Zeugen Jehovas nicht gerne Spaß haben. In unserer Versammlung hatten wir eine Menge Spaß. Die Ältesten, die Eltern, die Familien sorgten dafür, dass wir Kinder und Jugendliche regelmäßig beschäftigt wurden. Erst später verstand ich, dass ihnen nicht nur unsere Freude am Herzen lag. Es gab eine Welt da draußen, hinter dem Zaun mit den bunten Wachttürmen. Solange wir Spaß hatten, würde uns nicht auffallen, dass das Gras auf der anderen Seite grüner war.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Ich bin geistig krank

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gkgestaendnis

Hallo, mein Name ist Misha Anouk, ich bin 32 Jahre alt und ich bin der Autor des Blogs Ich bin geistig krank.

Vorab ein wenig Kontext

Ich bin geistig krank ist ein Blog, das sich mit dem Aufwachsen in einer Zeugen Jehovas-Familie auseinandersetzt. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Episode und erzählt aus einem Leben in der Glaubensgemeinschaft, die durch das Verteilen der Zeitschriften Wachtturm und Erwachet! und der wiederholten Verschiebung von Harmagedon Berühmtheit erlangte. Der Autor verließ die Zeugen Jehovas mit Anfang 20. Über die Zeit davor und die Zeit danach schreibt er in diesem Blog. Das Blog heißt so, weil die Wachtturm-Gesellschaft, die Organisation der Zeugen Jehovas, andersdenkende Ehemalige in ihren Publikationen als „geistig krank“ bezeichnet. Der Autor des Blogs schrieb die Episoden seit September anonym, nannte sich in Interviews „Lars“ oder „Caleb“ und zeigte sich online höchstens unter einer Maske versteckt. Es ist nun Zeit, die Maske abzulegen.

Dieser Autor bin ich. Mein Name ist Misha Anouk.

Es ist witzig, wie sich manche Dinge entwickeln. Eigentlich schrieb ich im letzten und diesem Jahr an einem neuen Roman. Eine der Hauptfiguren bekam meine Biografie aufgesetzt: Er war Zeuge Jehovas, hatte kaum noch Kontakt zu seinen Eltern und machte die Gefühle und Erlebnisse durch, die auch ich nach meinem Ausschluss machte. Aber irgendwie war es nicht richtig. Und nach dem ersten Lektorat mit meiner Agentin wurde mir klar, dass das Zeugen Jehovas-Thema zu präsent war, die Geschichte und die anderen Figuren überstrahlte. Ich wusste, dass ich diesen Teil streichen musste. Ich wusste aber auch, dass ich es gebraucht hatte: Das Aufschreiben, das Aufarbeiten meines Lebens bei den Zeugen Jehovas. Und das Material, das sich angesammelt hatte, war mir zum Wegschmeißen zu schade.

Also beschloss ich, ein Blog zu schreiben. Ich hatte durch meine Notizen eine Grundlage. Ich musste nur noch die Verfremdungen entfernen, die ich für den Roman eingebaut hatte, so dass die Notizen wieder mehr meinen eigenen Erlebnissen entsprachen. So entstand das Blog „Ich bin geistig krank“. Die Ironie des Schicksals: Aus dem Abfallprodukt meines Romans wurde das wichtigste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe.

Weshalb ich anonym bloggte und weshalb ich jetzt nicht mehr anonym blogge

Zum einen ist meine ganze Familie noch bei den Zeugen Jehovas. Ich hatte bislang den Eindruck, dass noch etwas im Raum stünde. Dass noch immer die Hoffnung seitens meiner Familie bestand, ich würde irgendwann wie der verlorene Sohn zurückkehren. Aber das werde ich nicht. Und ich fand es nur fair, dass meine Eltern diese Klarheit nicht über das Internet, sondern persönlich erhalten. Deshalb wollte ich diese Klarheit erstmal schaffen, bevor ich mich als Autor des Blogs geistigkrank.wordpress.com oute (weitere Infos zum Blog findest du hier).

link-zum-blogZum anderen war mir bei den Zeugen Jehovas zwei Jahrzehnte lang etwas eingebläut worden: Wer die Omertà der Zeugen Jehovas bricht und öffentlich von negativen Erlebnissen berichtet ist ein Abtrünniger. Ich habe lange gebraucht, um mir selbst eingestehen zu können, damit leben zu können, dass ich fortan so gesehen werde. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass nicht ich falsch liege, sondern die Zeugen Jehovas, wenn sie mich als „geistig krank“ und abtrünnig bezeichnen, nur weil ich nicht mehr dem Glauben angehören möchte und einer anderen Meinung bin. Ich kann mittlerweile bestens damit leben. Außerdem fiel es mir anfangs leichter, unter dem Deckmantel einer Maske zu bloggen. Ich glaube, das ist menschlich. Mir war von Anfang an klar, dass ich die Maske nicht für immer aufbehalten würde. Nur der Zeitpunkt stand nicht fest. Kurz vor Weihnachten habe ich dann den Entschluss gefasst, dass der rechte Zeitpunkt gekommen war.

Mein Blog ist keine Hetzschrift gegen die Zeugen Jehovas. Es ist mein ganz persönlicher Exorzismus einer Phase meines Lebens, die ich hinter mir lassen möchte. Ich bin der Ansicht, dass jede Bewegung, jede Religion Kritik vertragen muss. Vor allem sollte eine Religion sich immer die Aufgeschlossenheit bewahren, an Kritik wachsen zu wollen. Meine Erfahrung ist, dass die Zeugen Jehovas diese Aufgeschlossenheit nicht besitzen. Das Lesen von Texten von Abtrünnigen wird mehr oder weniger untersagt. Kritik ist nicht willkommen und wird als Abtrünnigkeit betrachtet. Es gibt nur eine Sichtweise, so habe ich es zumindest erlebt, und das ist die Sichtweise der Wachtturm-Gesellschaft. Ich weiß, ich werde weder meine Eltern noch die Zeugen Jehovas ändern können. Aber ich möchte trotzdem jedes Mitglieder Zeugen Jehovas auf meinem Blog herzlich willkommen heißen und einladen, an einer sachlichen, aufgeschlossenen Diskussion teilzunehmen.

Die letzten Monate mit meinen LeserInnen waren wundervoll. Aus einem persönlichen Blog ist eine Diskussionsplattform geworden, auf der sich bereits viele Menschen gefunden haben, die ebenfalls mit den Zeugen Jehovas zu tun hat oder haben. Es haben sich einige tolle und bewegende Kontakte ergeben. Der Austausch in den Kommentaren und per E-Mail hat mir sehr viel gebracht und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog auch etwas zurückgeben konnte und ich will es weiterhin tun. Aber ab jetzt unter meinem richtigen Namen und auf dieser Seite.

Den letzten Anstoß gab mir ein Tweet des XZJ-Bloggers John Cedars, der die weltbekannte Seite jwsurvey.org betreibt. Gestern teilte er mit, dass er vor ein Rechtskomitee der Zeugen Jehovas zitiert wird. Inhalt der Anklage: Abtrünnigkeit wegen Betreibens des Blogs. Ja, Zeugen Jehovas dulden keine zweite Meinung. Wer nicht auf Linie ist, ist ein Abtrünniger. Die treue Arbeit von Kollegenbloggern wie John Cedars, ihr Mut und ihr Eifer sind Motivation für mich, ebenfalls den Schutz der Anonymität aufzugeben. Ach ja, was meinen Namen betrifft: Der eine oder die andere wird mich vielleicht noch als Mischa-Sarim Vérollet kennen. Ich habe vor kurzem den Namen meiner Frau angenommen und heiße jetzt Misha Anouk.

Danke!

Ich möchte auch die Gelegenheit ergreifen und mich ausdrücklich bei allen bedanken, die mich mit Mails, Kommentaren, Verlinkungen, Werbung, netten Worten, Hinweisen, Lob, Kritik, Händchen halten etc. unterstützt haben. Es war ein schwieriger, erster Schritt, mit dem Bloggen über meine Zeit bei den Zeugen Jehovas anzufangen. Dagegen ist es ein Leichtes, meine Anonymität aufzugeben.

Wie geht es weiter?

Der Blog geistigkrank.wordpress.com bleibt erhalten – weiterbloggen und weiter erzählen aus dieser Zeit werde ich aber dort auf meiner Homepage. Ich würde mich freuen, wenn mir alle meine bisherigen LeserInnen auch an dieser neuen Stelle erhalten bleiben, und vielleicht kommt der eine oder die andere noch hinzu. Wenn ihr keine Episode verpassen möchtet, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass wir uns im Blog wiederlesen.

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Ich bin geistig krank: Das Blog. Jetzt klicken und lesen!

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Bildgrundlage: Hobson Street Wall von Simon WebsterBestimmte Rechte vorbehalten | Misha Anouk-Logo: © 2013 by Misha Anouk | „Misha“-Cartoonfigur by: © 2013 Artur Fast

Weihnachten

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Weihnachten war eine schöne Zeit. Die Stadt erstrahlte im Lichterglanz. Die Häuser waren fein geschmückt. Alles sah märchenhaft aus. Die Spielwarenhandlungen hatten die wunderbarsten Dinge im Sortiment. Die Eltern luden einen in den neuesten Disney-Zeichentrickfilm ein. Es wurde schneller dunkel, so dass man Abends komisch angezogen im Predigtdienst nicht so leicht von weltlichen Bekannten erspäht werden konnte.

Weihnachten war auch eine blöde Zeit. Alle feierten Weihnachten, nur wir nicht. Na ja, wir und die anderen Zeugen Jehovas. Man fand die Weihnachtsdeko schön, schmückte aber selber das Haus nicht. Man betrachtete die Spielsachen im Laden und wusste, dass sie in allen Kinderzimmern außer dem eigenen landen würden. Und in der Schule stand man stumm und einsam inmitten der Weihnachtslieder singenden Klassenkameraden und fühlte sich wie der letzte Vollidiot. Ja, Weihnachten war die ambivalenteste Zeit des Jahres.

Einen Vorteil hatte es natürlich, in einer Familie von Zeugen Jehovas aufzuwachsen: Was den Weihnachtsmann oder das Christkind betraf, wurde ich nie angelogen. Das rieben mir meine Eltern auch immer wieder unter die Nase: „Schau mal, Schatz“, sagten sie, „die anderen Eltern belügen ihre Kinder und behaupten, dass es einen Weihnachtsmann gibt.“ Das imponierte mir. Und so kam es, dass ich meinen Eltern vertraute. Warum sollte ich es auch nicht tun, hatten sie mich doch in eines der größten Geheimnisse unserer Welt eingeweiht: Den Weihnachtsmann gab es nicht. Es gibt das Sprichwort: Wer einmal lügt, den glaubt man nicht. Ich wandelte es in meiner kindlichen Naivität um: Wer einmal die Wahrheit sagt, dem glaubt man. Und so, unter dem Deckmantel dieser einen Wahrheit, glaubte ich meinen Eltern alle anderen Lügen: Dass es einen Teufel gab, der mir Böses wollte, wenn ich böses tat; dass es einen Gott gab, der mir Böses wollte, wenn ich Böses tat; dass ich in Harmagedon sterben würde, wenn ich Böses tat; dass ich nicht ins Paradies käme, wenn ich Böses tat. All das glaubte ich, weil meine Eltern mir bezüglich des Weihnachtsmannes die Wahrheit gesagt hatten. Allerdings hatte diese Wahrheit auch ihren Preis: Weder gab es den Weihnachtsmann noch seine Geschenke. Ich hätte die Lüge bevorzugt.

Zeugen Jehovas feiern Weihnachten nicht, weil das Fest einen heidnischen Ursprung hat. Eheringe haben auch einen heidnischen Ursprung. Gegen Eheringe hat niemand etwas bei den Zeugen Jehovas. Ich habe als Kind immer verstanden, dass Jesus Christus nicht wirklich am 24. Dezember geboren wurde und das Weihnachtsbäume nicht in der Bibel vorkommen. Ich hatte gelernt, dass israelische Winter besonders hart waren und kein Schafhirte dieser Welt seine Schäfchen im Dezember draußen gelassen hätte. Auch hätten die Römer, die ohnehin einen Aufstand der Juden fürchteten, wohl kaum bei Minusgraden eine Volkszählung angesetzt. Nein, Heiligabend, die Geburt Jesu, wurde am 24. Dezember gefeiert, weil Kaiser Konstantin den Geburt des Sonnengottes mit Christi Geburt zusammenlegte, um möglichst viele Heiden in die christliche Falle zu locken. Oder so. Dieses Wissen wurde mir von Kindesbeinen an eingebläut. Es war durchaus logisch. Es wollte mir nur nicht einläuten, inwiefern irgendetwas davon ein Argument gegen das Feiern eines so schönen Festes wie Weihnachten war. Das war doch das Fest der Liebe. Gott war Liebe, stand in der Bibel, was war das denn für ein unlogischer Quatsch?!

Meine Eltern versuchten es mit einem anderen Argument: „Schau mal“, sagten sie, „Weihnachten soll Jesus’ Geburtstag sein. Aber er ist der einzige, der kein Geschenk bekommt.“ Anscheinend sollte das Mitleid bei mir wecken. 1.: Das war kein Argument. 2.: Das war kein Argument. Ich war vielleicht ein Kind, aber nicht dumm. Jesus war die Nummer 2 im Universum. Er war ein lebender 3D-Drucker. Wenn er sich etwas wünschte, konnte er es einfach erschaffen. Er war ganz bestimmt nicht auf irgendein blödes Geschenk eines Menschen angewiesen.

Aber es half nichts. Wir feierten kein Weihnachten. Und keine Geburtstage. Und kein Ostern. Keines der schönen Feste feiern Zeugen Jehovas. Weil sie entweder heidnisch sind oder irgendjemand im Rahmen solcher Feierlichkeiten geköpft wurde. Stattdessen beten sie einen Gott an, der Abraham auf die Probe stellte, indem er von ihm verlangte, seinen geliebten Sohn zu opfern.

Als ich jung war, verbrachten wir Heiligabend mit der Familie zu Hause. Es wurde etwas Neutrales gekocht, vielleicht ein Gesellschaftsspiel gespielt, vielleicht eine DVD geschaut. In manchen Jahren kam eine andere Familie vorbei und die Eltern versuchten uns Kinder tunlichst davon abzulenken, dass da draußen, in den anderen Wohnungen, in den anderen Häusern, ein wundervoll geschmückter Weihnachtsbaum stand, unter dem schon bald Geschenke getauscht würden. Es war furchtbar deprimierend. Es waren nicht zwingend die Geschenke, die ich vermisste. Ich vermisste das Gesamtpaket: Den Trubel, das Besinnliche, den Baum, die Weihnachtsfarben, die Kerzen, einfach alles an Weihnachten. Mir war nicht klar, dass es eine Illusion war und ich eine Coca-Cola-Vorstellung vom Weihnachtsfest hatte. Aber das war egal. Je mehr Weihnachten verteufelt wurde, desto sehnlicher wünschte ich mir, es feiern zu dürfen. Da half es auch nicht, dass meine Eltern einen Familientag als Ersatz einführten, an dem es Geschenke gab. Es war gut gemeint, keine Frage. Aber es war einfach nicht das Gleiche. Ich verstehe das mit Weihnachten bis heute nicht.

Als ich älter wurde, verbrachten wir Zeugen Jehovas-Jugendliche die Heilig Abende immer öfter zusammen, Bier trinkend, eine DVD schauend, im Zweifel knutschend. Wir hatten ja sonst nichts. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft. Und wenn wir sicher waren, unter uns zu sein, sangen wir auch mal Weihnachtslieder. Natürlich völlig ironisch. Wir religiösen Hipster, wir.

Taufe

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Ich würde gern behaupten, dass ich es nicht wollte. Dass ich dazu gezwungen wurde. Aber das entspräche nicht der Wahrheit. Ich wollte mich mit vierzehn Jahren als ein Zeuge Jehovas taufen lassen.

In unserer Versammlung gab es nicht viele Kinder. Mein Geschwisterchen und ich, Gideon, ein paar andere. Die paar anderen, das waren zum Beispiel die Kinder einer alleinerziehenden Mutter, die ihr bestes tat, vorbildliche Zeugen Jehovas heranzuziehen. Sie scheiterte auf niedrigem Niveau. Ihre Jungs waren nett, ich erinnere mich gern an die beiden. Sie begleiteten ihre Mutter immer nur, weil sie das wollte. Richtig Lust hatten sie nicht auf die Zusammenkünfte im Königreichssaal. Das hatten wir gemeinsam, ich hätte es bloß nie zugegeben.

So galten sie nicht als die beste Gesellschaft für mich. Ich sollte mich lieber mit anderen vorbildlichen Zeugen Jehovas-Kindern umgeben, sagten meine Eltern. So wie Gideon, dessen Vater auch Ältester war. Gideon und mir war eine hervorragende Zukunft bei den Zeugen Jehovas beschieden. Wir sollten die typischen männlichen Karrierestationen durchlaufen: Ungetaufter Verkündiger (=Bibellehrer), Taufe, Dienstamtsgehilfe, die Vorstufe zum Ältestenamt, dann das Ältestenamt – der Himmel war die Begrenzung, uns stand die Welt des Wachtturms offen.

Im Nachhinein war der von mir gezeigte Eifer, mein Engagement bei den Zeugen Jehovas, weniger meinem Glauben geschuldet, als einem Wettbewerb zwischen Gideon und mir. Ich hatte im Prinzip nur Gideon als Maßstab, und es fühlt sich in Retrospektive wie ein Wettrüsten um die Gunst der Eltern, der Ältesten, der Versammlung, des Kreisaufsehers an. Das begann mit dem Krieg der Textmarker und setzte sich beim Erklimmen der Karriereleiter fort. Ja, mein Glaube war nur ein klitzekleiner Teil des Ansporns. Denn auch, wenn ich lange Zeit an die Lehren der Zeugen Jehovas glaubte, so war es weniger aus Überzeugung und Hingabe, als aus ängstlicher Unterwerfung. Ich war nicht gläubig, nicht im eigentlichen Sinn – ich war abergläubisch. Gleichermaßen hatte der Eifer, den ich an den Tag legte, weniger mit meinem Aberglauben zu tun, als mit meinem Wunsch, die Bundeszeugenspiele in unserer Versammlung zu gewinnen.

Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst taufen ließ, Gideon oder ich, aber es passierte höchstwahrscheinlich kurz nacheinander. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich meinen Eltern mitteilte, dass ich gedachte, mich taufen zu lassen. Ich bekam die erwartete Reaktion: Feuchte Augen, Kloß im Hals, Umarmungen. Ich war zufrieden. Ich hatte die Erwartungen meiner Eltern erfüllt. Mehr wollte ich doch gar nicht.

Warum ich mich ausgerechnet mit vierzehn taufen ließ, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wie die Entscheidungsfindung genau aussah. Aber so wie ich mich kenne, habe ich vermutlich gedacht, dass mir das doch niemand abnähme, wenn ich mich früher taufen ließe, und wenn ich erst später getauft würde, hätte Gideon gewonnen. So etwas in der Richtung wird es wohl gewesen sein. Ach ja, meine Mutter hatte sich, wenn ich mich recht entsinne, auch mit vierzehn taufen lassen. Vielleicht spielte das auch eine Rolle.

Es lief folgendermaßen ab: Nachdem ich meinen Eltern meinen Wunsch mitgeteilt hatte, ging ich zu den anderen Ältesten und erzählte ihnen, dass ich mich taufen lassen wollte. Sie nahmen meinen Wunsch erfreut zur Kenntnis und machten einen Termin mit mir aus. An mehreren Abenden gingen sie eine Art Test mit mir durch. Die Testfragen waren dem Anhang des Buches Organisiert unseren Dienst durchzuführen entnommen. Im Prinzip ging es darum, zu prüfen, ob ich wusste, worauf ich mich einließ – mich Gott (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) hinzugeben und ihm (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) von ganzem Herzen zu dienen. Der Fragenkatalog umfasste Themen wie die Rolle von Kindern in der Familie (=Immer den Eltern gehorchen), ob es eine Ausnahme gibt, in der Zeugen Jehovas nicht auf das Gesetz achten sollten (=wenn es in Konflikt mit der Bibeltreue gerät), welchen biblischen Prinzipien Folge zu leisten war (=Hurerei sollte man tunlichst vermeiden) und dass man von der Umwelt unter Umständen gemobbt werden könnte, weil man ein Zeuge Jehovas war. Die meisten Antworten kannte ich ohnehin, schließlich war ich schon vierzehn Jahre dabei. Aber auch sonst hätte ich ohne Weiteres bestehen können. Ich hatte mich anhand meiner eigenen Ausgabe des Buches auf die Fragen vorbereiten können. Völlig sinnfrei, wie ich fand. Erst viel später begriff ich, dass diese Prüfung bloß eine Alibifunktion hatte: Niemand soll ernsthaft davon abgehalten werden, der Organisation beizutreteten. Wen man hat, den hat man.

Offenbar bestand ich die Eignungsprüfung, denn die Ältesten teilten mir mit, dass ich die Erlaubnis hätte, mich auf dem nächsten Kongress taufen zu lassen. Will man sich als Zeuge Jehovas taufen lassen, ist der nächste Kongress sehr wichtig. Auf Kongressen der Zeugen Jehovas, anlässlich derer sehr viele Versammlungen und Gäste zusammenkommen, um 1-3 Tage rhetorischer Bespaßung über sich ergehen zu lassen, steht ein Taufbecken. Es ist unter normalen Umständen die einzige Gelegenheit, sich taufen zu lassen. Schließlich sollen möglichst viele Menschen bezeugen, dass man sich der Wachtturm-Gesellschaft überantwortet hat. Die Massentaufen der Zeugen Jehovas sind der Höhepunkt eines jeden Kongresses.

Wir Jungs mochten die Taufe, weil es eine willkommene Gelegenheit war, nasse Glaubensschwestern in Badeanzügen zu bewundern, ohne, dass man als Spanner gebrandmarkt wurde. Im Gegenteil, wir wurden regelrecht dazu ermuntert, der Taufe beizuwohnen. Freilich hegten unsere Eltern die Hoffnung, das Erlebte würde uns ein Ansporn sein. Es kam ihnen wohl kaum in den Sinn, dass der Anblick halbnackter, nasser Mädchenkörper nur eins anspornte: unsere Hormone.

Ich wurde mit 14 Jahren in einem Kongresssaal getauft. Nach der sogenannten Taufansprache, in der hochemotional und mit viel Pathos an die neuen Segnungen (lies: Verpflichtungen) eines sogenannten Täuflings hingewiesen wurde, mussten sich alle Taufanwärter erheben. Das ist bei Kongressen immer die Stelle, in der entweder ein begeistertes Raunen oder ein enttäuschter Seufzer durch das Publikum geht, abhängig davon, wie viele Taufanwärter aufstehen.

Wir standen also auf. Bei dem Kongress war die Reaktion des Publikums eher verhalten, weder enttäuscht, noch begeistert. Das einzige, was ich hörte, waren die vor Stolz platzenden Brustkörbe meiner Eltern. Der Redner stellte zwei Fragen, die wir beide laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, was das Publikum mit Applaus quittierte. Danach wurden wir getauft. Ich hatte mir ein T-Shirt angezogen, ich war vierzehn Jahre alt, schwer pubertär und mir meiner körperlichen Unvollkommenheit sehr bewusst. Es war ganz einfach: Mit der rechten Hand sollte ich meine Nase zudrücken, mit der linken an meinen rechten Arm greifen. Der Täufer packte mich, tauchte mich kurz unter und der Spuk war vorbei. Ich war offiziell ein Zeuge Jehovas.

Die Fragen, die wir laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, lauteten:

Hast du auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehova hingegeben, um seinen Willen zu tun?

Bist du dir darüber im Klaren, dass du dich durch deine Hingabe und Taufe als ein Zeuge Jehovas zu erkennen gibst, der mit der vom Geist geleiteten Organisation Gottes verbunden ist?

Wie gesagt: Ich kann nicht behaupten, dass ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse. Ich hatte auf die Frage, ob ich mir darüber im Klaren war, dass ich mit der Organisation Gottes (lies: die Wachtturm-Gesellschaft) verbunden sei mit „Ja“ geantwortet. Ich war vierzehn Jahre alt, ein Alter, in dem Jugendliche das Recht haben, ihren Glauben selbst auszusuchen. Und das Recht hatte ich in Anspruch genommen. Ich hatte öffentlich einen Eid geleistet. Weil ich es wollte. Ich wollte mich taufen lassen. Ich werde nicht lügen und etwas anderes behaupten. Was ich jedoch heute mit Sicherheit sagen kann: Ich habe es aus den falschen Gründen getan. Nicht, um Gott näherzukommen. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus einer mir gegenüber an den Tag gelegten Erwartungshaltung, die zentnerschwer auf meinen Schultern lastete. Als ich die leuchtenden Augen meiner Eltern sah, als sie mich in ihre Arme schlossen, als ich Gideons so anerkennenden wie auch neidischen Blick sah, in dem Augenblick meinte ich zu wissen, dass es richtig gewesen war, mich taufen zu lassen. Mir brach ein Stein aus meinem Herzen und fiel.

Was die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit auszeichnete – also, wovon die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit glaubten, dass es sie auszeichnete –, war die Tatsache, dass es keine Kleinkindstaufe gab. Nur, wer einem Ältestenkomitee beweisen konnte, dass er oder sie aus freien Stücken und mit entsprechendem Wissen Jehovas Diener werden wollte, wurde zur Taufe zugelassen. Natürlich konnte da auch mal ein achtjähriges Kind dabei sein. Das war aber die Ausnahme.

Die Zeiten sind vorbei. Die Kleinkindstaufe gibt es nach wie vor nicht. Aber die Definition dessen, was einen mündigen Zeugen Jehovas ausmacht, wird immer mehr ausgeweitet und verklärt. Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas zieht die Zügel an und ermuntert Eltern in Ansprachen dazu, ihre Kinder mehr und früher unter Druck zu setzen. So gibt es Aufzeichnungen von Reden von Mitgliedern der LK, in denen sie mit Aussagen zitiert werden, wie (ich gebe die englischen Zitate im Wortlaut wieder):

„Wir zwingen sie nie, aber das lassen wir uns nicht gefallen“ – Anthony Morris III, Mitglied der Leitenden Körperschaft (in Bezug auf berechtigte Zweifel eines als Beispiel angeführten Jugendlichen, der sich zu jung für eine Taufe fühlte, aber sofort einwilligte, nachdem seine Eltern gedroht hatten, ihn nicht den Führerschein machen zu lassen. Wenn Kinder alt genug sind, nachdenken zu können, so der Tenor der Ansprache und die latente Drohung, sollten sie zur Taufe geführt werden, weil sie Harmagedon nicht allein aufgrund der Tatsache überleben werden, dass sie im Schlepptau der Eltern durch die Endzeit gelotst werden. Was ich heraushöre: Kinder, die selbstständig reden und denken können, werden nicht ins Paradies kommen, wenn sie ungetauft sind.)

„Es gibt Dinge im Leben, die getan werden müssen, egal, ob man möchte oder nicht“ – David Splane, Mitglied der Leitenden Körperschaft (der Redner erklärte den Anwesenden, dass man Kindern in Bezug auf die Taufe und ein Leben als Zeuge Jehovas nicht die Entscheidung darüber überlassen sollte, was gut für sie ist. Als Vergleich wird ausgerechnet ein Ferienjob bei McDonald’s angeführt, bei dem die Eltern es dem Kind auch nicht überlassen würden, ob er morgens aufsteht und zur Arbeit geht oder nicht. Das Fazit dieses Vergleichs, der beim Spielen mit Chinaböllern alle Gliedmaßen verloren hat und im Rollstuhl sitzt: „Wenn ihr das für einen Big Mac tun würdet, möchtet ihr es nicht erst recht tun, wenn das ewige Leben eures Kindes auf dem Spiel steht?“)

„Eltern, seid bitte nicht passiv – lenkt eure Kinder aktiv gen Taufe.“ – Gerrit Lösch, Mitglied der Leitenden Körperschaft

(Quelle: Cedar’s Blog)

Das dürfte niemanden verwundern, der die Organisation gut kennt. Nicht nur, dass der Zuwachs in der westlichen Hemisphäre stagniert oder gar nachlässt – in den USA haben die Zeugen Jehovas einer Studie des renommierten Pew-Forums zufolge neben den Buddhisten auch noch die niedrigste Nachhaltigkeitsrate aller Religionen: Nur 37 % derjenigen, die als Zeugen Jehovas aufwuchsen, identifizieren sich später noch mit dem Glauben. In Deutschland dürfte es kaum anders sein. Die Leitende Körperschaft ist sich dieser katastrophalen Zahlen mit Sicherheit bewusst. Sie müssen reagieren. Je früher man die Kinder einfängt, desto besser, scheint da die neue Strategie zu sein.

Im Wachtturm vom 15. Juni 2011 schreiben die Zeugen Jehovas:

Viele Eltern sehen die Taufe ihrer Kinder als wichtigen Schritt, der aber ein gewisses Risiko birgt — vergleichbar damit, den Führerschein zu machen. Doch geht man mit der Taufe und dem heiligen Dienst wirklich ein Risiko ein? Die Bibel antwortet mit Nein, denn in Sprüche 10:22 heißt es: „Der Segen Jehovas — er macht reich, und keinen Schmerz fügt er ihm hinzu.“ (…) Dem wahren Gott zu dienen bringt jede Menge Zufriedenheit und Glück. Satans Welt dagegen hält jede Menge Sorgen und Probleme parat. Diesen Gegensatz sollten Eltern ihren Kindern deutlich vor Augen führen (Jer. 1:19).

Ja, meine Taufe war freiwillig, mir hat niemand eine Pistole an den Kopf gehalten, das ist eine Tatsache. Eine Tatsache ist es aber auch, dass mich niemand objektiv über meine Optionen aufgeklärt hat. Es war keine informierte Entscheidung auf Basis eines Kenntnisstandes, der alle Möglichkeiten umfasste. Es war eine Entscheidung, die ich traf, weil es das war, was man machte, wenn man in dem Leben aufgewachsen ist und nichts anderes kennt. Ich war vierzehn. Ich wollte meinen Eltern gefallen. Sie hatten mir den oben zitierten Gegensatz vor Augen geführt. Aber ich kannte nur die eine, ihre Seite. Ich kannte nur die Geschichte der Zeugen Jehovas, wie sie mir vorgekaut worden war. Ich kannte nur die Sicht auf die Welt, die mir die Brille bot, die man mir aufgesetzt hatte. Ich hätte genauso gut in den Kulissen von Fox News aufwachsen können. Und des gewissen Risikos, dass ich aufgrund meiner Taufe irgendwann meine Familie verlieren würde und alle, die mir nahestanden, war ich mir mit vierzehn Jahren einfach nicht bewusst. Kennt man zu einem Medikament keine Alternative, glaubt man, leiden zu müssen, wenn man darauf verzichtet, verschwendet man keine Zeit an einen Beipackzettel. Man überfliegt ihn höchstens. Vielleicht muss ich anhand eines kurzes Exkurses erklären, was ich meine:

Wie ein Zeuge Jehovas entsteht

  1. Er oder sie wird hineingeboren.
  2. Ein Zeuge Jehovas steht an deiner Tür. Du nimmst einen Wachtturm und einen Erwachet! entgegen. Bei einem seiner erneuten Besuche stimmst du einem Heimbibelstudium zu. Du studierst ein Buch der Wachtturm-Gesellschaft mit ihm, dann noch ein zweites. Du beginnst, regelmäßig die Zusammenkünfte zu besuchen. Meine Güte, sind die Brüder und Schwestern in der Versammlung nett. Sie nehmen sich Zeit für dich und du wirst sogar zu den Versammlungsfesten eingeladen – obwohl du noch gar nicht offiziell dazugehörst! Langsam aber sicher gelangst du zur Überzeugung, dass du das richtige machst, und weil du weißt, dass es von einem Zeugen Jehovas erwartet wird (und weil du auch in dieses Paradies willst, von dem alle reden), beginnst du, auch in den Predigtdienst zu gehen. Du wirst ein ungetaufter Verkündiger, und nachdem eine angemessene Zeit vergangen ist, lässt du dich taufen. Du bist offiziell ein Zeuge Jehovas.

Der Unterschied zwischen dir und mir? Man hat in meinem Fall nur halb so viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Wenn man jemanden überzeugen möchte, der die Alternativen kennt, muss man sich sehr viel Mühe geben. Wenn man die unerwünschten Möglichkeiten in den prägenden Jahren von Anfang an verteufeln oder gar ausschließen kann, ist es nicht besonders schwierig. Zumal ich immer nur mit halbem Ohr hingehört habe und erfolgreich auf Drohbegriffe wie Harmagedon, Sünde oder Dämonen konditioniert worden war. Ich habe den Beipackzettel bloß überflogen. Mit dir ist man ihn Punkt für Punkt durchgegangen. Zugegeben, es war kein objektiver Arzt, der dir zur Seite stand, sondern der Pressesprecher des Pharma-Unternehmens. Aber dennoch. Ich hatte nicht so recht einen Überblick über die Risiken und Nebenwirkungen dessen, worauf ich mich einließ.

Zunächst änderte sich nach meiner Taufe ja auch nicht viel. Kleinigkeiten: Ich wurde von der Bühne mit „Bruder Nachname“ angesprochen, ich durfte als Vertreter des männlichen Geschlechts in der Versammlung Vorrechte übernehmen – und wenn mein Vater nicht da war, ergab sich die wunderliche Situation, dass ich noch zu jung war, ein Familienbibelstudium zu leiten, und meine Mutter zu Frau, um es in meiner Anwesenheit ohne Kopfbedeckung zu tun.