Klassenfahrt

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Es gab gute und es gab schlechte Gesellschaft. Schlechte Gesellschaft waren zum Beispiel weltliche Menschen, also Menschen, die keine Zeugen Jehovas waren. Meine Eltern brachten mir bei, dass nicht alle weltliche Menschen schlechte Menschen waren. Schlechte Gesellschaft zu sein bedeutete nämlich nicht, dass man ein schlechter Mensch war. Man war bloß kein geeigneter Umgang für ein christliches Kind. Und auch, wenn es eine Menge guter Menschen unter den Weltlichen gab, so waren sie nicht unbedingt gute Gesellschaft. Wir Zeugen Jehovas-Kinder wurden dazu angespornt, uns ein Zeugen Jehovas-Umfeld zu suchen.

Was nicht bedeutete, dass jeder Zeuge Jehovas auch gute Gesellschaft war. Auch innerhalb der Versammlung wurde unterschieden. Kinder, die einen Ältesten zum Vater hatten waren meistens über jeden Zweifel erhaben. Auch Kinder, deren Eltern für ihren Predigtdiensteifer bekannt waren, galten als

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gute Gesellschaft. Aber auch Kinder, deren Eltern vorbildlich waren, konnten schlechte Gesellschaft sein. Weil sie sich danebenbenahmen. Weil sie selten in die Zusammenkunft kamen. Weil sie dafür bekannt waren, rebellisch zu sein. Weil sie komisch waren.

Einmal war eine Familie bei uns zu Besuch, die einen Sohn hatten. Meine Eltern hatten bereits zuvor angedeutet, dass der Sohn komisch sei, ich solle mich in Acht nehmen. Das fand ich spannend. Und so war ich zwar nicht sonderlich überrascht, aber dafür umso entzückter, als ich ihn dabei erwischte, wie er unterm Küchentisch saß und Nivea-Creme aß. Das gefiel mir. Ich mochte sonderbare Dinge schon immer. Seinen Eltern war es furchtbar peinlich, meine Eltern freuten sich nach der Verabschiedung, dass ihre Kinder nicht so waren. Ich sah ihn nie wieder. Dabei hatte ich selber so meine Macken. Meine halbe Kindheit ging ich aus unerfindlichen Gründen auf Zehenspitzen. Wenn ich nervös war, fingen meine Augen abwechselnd an zu blinzeln. Saß ich irgendwo beschäftigungslos herum, wie beispielsweise während einer Zusammenkunft, klemmte ich meinen Daumen unter meine Finger, wo er dann bis zum Ende der Zusammenkunft blieb. Oder ich legte meinen Mittel- und meinen Ringfinger auf meine Nasenöffnungen. Die Frau eines Ältesten sprach mich nach einer Zusammenkunft auf Letzteres an. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Ich solle doch bitte meine Finger von meiner Nase entfernen. Ich solle mich doch bitte fragen, ob Jesus im Königreichssaal ständig seine Finger an der Nase gehabt hätte. Wozu das überhaupt gut sei. Ich sagte nichts. Es beruhige mich einfach, dachte ich innerlich. Ich fühlte mich sicher, wenn ich das machte.

Das mit der schlechten Gesellschaft, das stammt aus der Bibel.

Schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten. – 1. Korinther 15:33

Wir hatten als Kinder und Jugendliche ein Buch, Fragen junger Leute – Praktische Antworten. Wenn man nicht wusste, wie man sich als Zeugen Jehovas-Kind zu benehmen hatte, konnte man in diesem Buch nachschlagen. Dr. Sommer für Zeugen Jehovas. Es gab zu jeder Fragestellung Erfahrungsberichte von Jugendlichen ohne Nachnamen, die zufälligerweise genau das erlebt hatten, von dem das Buch meinte, es wäre ein Nein-Nein. Die Jugendlichen hatten meist die Erfahrung gemacht, dass sie davon profitierten, wenn irgendwas mit Jehova. In dem Buch wurde das auch mit der schlechten Gesellschaft erklärt. Vor allem wurde erklärt, mit was für Menschen man befreundet sein sollte. So heißt es im Kapitel Wie finde ich gute Freunde?:

Fakt ist: Wenn man langsam erwachsen wird, braucht man Freunde, die . . .

1. anziehende Eigenschaften besitzen,

2. hohe Prinzipien haben,

3. einen positiven Einfluss ausüben.

Es gab wie in der BRAVO auch einen kleinen Test, mit dem man herausfinden konnte, was gute Gesellschaft ausmachte.

Ziehe ich mich anders an als sonst, rede ich anders oder mache ich etwas Verbotenes, nur damit ich meinen Freunden gefalle?

□ Ja

□ Nein

Halte ich mich nur wegen meiner Freunde an Orten auf, wo ich als Christ eigentlich nichts zu suchen habe?

□ Ja

□ Nein

Tipp: Wenn du die Fragen mit Ja beantwortet hast, dann sprich mit deinen Eltern oder einem anderen erfahrenen Erwachsenen darüber. Als Zeuge Jehovas kannst du natürlich auch einen Ältesten um Tipps bitten, wie du Freunde findest, die dich positiv beeinflussen.

Wenn man sich drauf einließ, war es echt einfach, ein Zeuge Jehovas zu sein

Mit manchen Schulkameraden durfte ich mich trotzdem treffen, obwohl sie schlechte Gesellschaft waren. Das war ein wenig aus der Not geboren. In unserer Versammlung gab es nicht so viele Kinder. Ein Kind wohnte dreißig Kilometer entfernt in der Nachbarstadt, die anderen waren schlechte Gesellschaft. Und vielen Kinder aus den anderen Versammlungen in unserer Stadt trauten meine Eltern nicht über den Weg, den Eindruck hatte ich zumindest, vielleicht irre ich mich auch. Es lag womöglich an mir. Ich lernte nicht so gern neue Menschen kennen, auch schon als Kind nicht. Ich war eigentlich immer recht zufrieden mit den Menschen, die ich kannte.

In meiner Kindheit waren meine besten Freunde alle bei den Zeugen Jehovas. Und sie waren wirklich gute Freunde. Menschen, die ich manchmal vermisse. Menschen, die den Kontakt in dem Moment abbrachen, in dem ich mich gegen ein Leben bei den Zeugen Jehovas entschied. Bis zu dem Zeitpunkt waren es gute, sehr gute Freunde gewesen. Was nach dem Ereignishorizont meines Ausstiegs mit unserer Freundschaft passierte, nun, das lag womöglich weder in meiner noch in ihrer Macht. Sie können vielleicht genauso wenig dafür wie ich.

Auf Klassenfahrt durfte ich aber nie mit. Weil zwei Wochen schlechte Gesellschaft in einem Schullandheim, nein, das ging nicht. Das wäre ja wie wenn man einen Haufen Kinder zusammensteckt, von denen eins die Masern hat. Da muss nur eins die Masern haben und schon haben sie sie alle. Da reicht ein Kind, da ist völlig egal, wie gesund die anderen sind. Nein, das Risiko war zu groß, dass ich mich auf Klassenfahrt mit schlechter Gesellschaft ansteckte. Ich glaube, meine Eltern stellten sich Klassenfahrt als eine Art Spring Break im Laufhaus vor. Misha gone wild, das war ihr Albtraum. In der Zeit, in der meine Klassenkameraden auf Langeoog oder Spiekeroog oder in den Bergen waren, kam ich in eine andere Klasse. Die Kinder in der anderen Klasse waren immer nett zu mir, das fand ich gut. Doof fand ich das Ganze trotzdem. Ich kam mir vor, wie der letzte Idiot. Erst als ich 16 war und eine Ausbildung machte, da durfte ich mit der Berufschule auf Klassenfahrt. Waren ja nur vier Tage in Dresden. Was sollte da schon großartig passieren. Es war wie Spring Break im Laufhaus. Es war großartig. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Aschenbecher getrunken.

Eines Tage wurde in meiner Klasse eine Zeltparty im Garten einer Klassenkameradin organisiert. Es muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Natürlich durfte ich nicht mitmachen. Eine ganze Nacht, ich bitte dich! In Zelten! Und MÄDCHEN würden auch da sein! Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Stattdessen organisierten meine und andere Zeugen-Jehovas-Eltern eine Konkurrenz-Zeltparty mit Zeugen Jehovas-Kindern. Die war auch schön, aber ich war trotzdem traurig, weil ich ein kleines bisschen in ein Mädchen aus meiner Klasse verknallt war.

Ein Jahr später gab es erneut eine Zeltparty. Ich war immer noch oder wieder verknallt, das weiß ich nicht mehr genau. Diesmal wollte ich dabei sein. Ich fasste mir ein Herz und fragte meine Eltern. Ich hatte mich auf das Gespräch vorbereitet. Ich hatte mir die Worte zurechtgelegt, von denen ich hoffte, dass sie meine Eltern überzeugen würden. So gut es ging, mit einem Kloß im Hals, trug ich mein Plädoyer vor. Meine Eltern hörten mir geduldig zu. Als ich fertig war, teilten sie mir mit, dass sie kurz darüber reden wollten. Mit Tränen in den Augen zog ich mich in mein Zimmer zurück. Nach einer halben Ewigkeit riefen sie mich. Zitternd ging ich in die Küche. Sie sagten mir, dass sie eine Ausnahme machen würden und ich diesmal auf die Zeltparty dürfte. Ich fing umgehend an zu weinen. Ich heulte vor Freude, weil ich eine Nacht mit meinen Klassenkameraden verbringen durfte.

Als mein Bruder auf das Gymnasium kam, gab es keine großen Diskussionen. Er durfte von Anfang an auf Klassenfahrten mit.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

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7 Gedanken zu “Klassenfahrt

  1. Sandra

    …irgendwas mit Jehova. Großartig.
    Ich durfte auf Klassenfahrt mit. Die ersten paar Jahre hat sich mein Vater dann als Aufsichtsperson freiwillig gemeldet. Wobei bei mir eh alle Freunde weltlich waren. Zu wenig Kinder, keins in meinem Dorf und die meisten haben mich von oben herab behandelt, weil sie ein Jahr älter waren und ich logischerweise in ihren Augen ein Kind. Egal, meine echten Freunde waren eh cooler. Wobei ich mich bei ihnen entschuldigen muss, weil ich im zarten Alter von 7 Jahren beschlossen habe, sie vor Harmageddon zu beschützen und ihnen die verstörendsten Passagen aus dem Offenbarungsbuch unter die Nase gehalten habe.
    Bei mir zog diese Angst vor „der Welt“ aber weitere Kreise. Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass die Welt ein böser Ort ist. Hinter jeder Ecke lauert ein Axtmörder/Vergewaltiger/Kinderschänder/Alkoholiker. Stimmt vielleicht sogar, macht das Leben aber unerträglich.
    Tut mir sehr leid, dass du gute Freunde verloren hast durch deinen Ausstieg. Aber sicher hast du aus der schlechten Gesellschaft ein paar Leute rausgefiltert, die dich nicht wegen einer Meinungsverschiedenheit (Stichwort Glaube) abschiessen würden.

  2. Ich hatte es schon wieder verdrängt – diese Frage: Was hätte Jesus wohl an deiner Stelle getan? ^^ Wie habe ich es doch gehasst.
    Klassenfahrten gab es bei uns NIE. Dazu waren meine Eltern mit die krassesten Eltern in unserer Vs.

  3. ich durfte auch nie mit auf klassenfahrten. auch eintägige ausflüge waren hochgefährlich…schliesslich lauerte die versuchung durch hurerei an jeder ecke. und..wie segensreich war es doch, stattdessen in einer anderen klasse..in der es keine zeugenkinder gab..zeugnis abzulegen für die wahrheit..während die kinder der drei arschges..ääh..ältesten auf klassenfahrt in amsterdam waren 3:)

  4. Torsten

    Mich würde mal interessieren, was passiert, wenn eine Gruppe von pubertierenden Zeugenkindern gemeinsam auf Klassenfahrt ginge…. wahrscheinlich „Spring break im Laufhaus – jetzt oder nie!“

  5. Sparlock

    In der Grundschule durfte ich noch mit auf Klassenfahrt, denn damals waren die 9 Jährigen noch nicht so hart drauf, dass sie auf Klassenfahrten permanent geraucht, gesoffen, gevögelt und Drogen genommen haben. 😉

    An weiterführenden Schulen war es dann aus, dafür wurde ich ausbezahlt, sprich das was sonst meine Eltern für die Klassenfahrt hätten zahlen müssen bekam ich (immerhin mehrere hundert D-Mark), quasi als Schmerzensgeld. Die andere Klasse, in die ich hätte gehen müssen, habe ich vielleicht einen Tag besucht, danach mit elterlicher Entschuldigung den Rest der Woche blau gemacht. Von daher konnte ich ganz gut damit leben daheim zu bleiben 🙂

  6. Rafael

    Haha, erinnerte mich wie ich meinen nichtgläubigen Vater überzeugen konnte den Elternzettel für die Klassenfahrt zu unterschreiben, das ich in Mai 2014 auf meiner ersten Klassenfahrt fahren kann. Als 15 alter Zeuge, der aussteigen möchte vllt. hilfreich irgende ne „Sünde“ zu begehen.

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