Panem et circenses

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Auf der einen Seite der Straße war ein Park mit angrenzenden Schrebergärten. Der Park gehörte Sonntags den Mennoniten. Sie grillten und spielten Volleyball. Auf der anderen Straßenseite war ein riesiges Gelände mit Gras. Sonntags gehörte es uns. Jeden Sonntag trafen wir uns mit anderen Zeugen Jehovas aus allen Versammlungen in unserer Stadt und spielten Fußball. Die Erwachsenen unter sich, die Jugendlichen und Kinder unter sich. Wer als Jugendlicher die körperlichen und sportlichen Voraussetzungen mitbrachte, konnte auch bei

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den Großen mitspielen. Da kam man aber seltener an den Ball, vor allem, wenn man wie ich zwei linke Füße hatte. Ich blieb in der Regel bei den Jüngeren. Wir spielten zwei, manchmal drei Stunden, dann ging es nach Hause.

Alle paar Monate trafen wir uns mit der gesamten Versammlung im Garten einer Familie, oder, wenn es kalt war, in gemieteten Räumlichkeiten zu einem Versammlungsfest. Jede Familie beteiligte sich an den Vorbereitungen, brachte einen Salat mit, oder Frikadellen, oder Getränke. Meistens fand das Versammlungsfest an einem Samstag Nachmittag fest, damit jeder die Gelegenheit hatte, sich morgens noch am Predigtdienst zu beteiligen. Besonders Eifrige stießen erst später zum Fest dazu, weil sie so lange im Predigtdienst geblieben waren. Die Versammlungsfeste waren schöne Ereignisse, vor allem für uns Kinder. Es gab leckeres Essen in rauen Mengen, wir spielten Fußball, Völkerball, Volleyball, und wenn es dunkel wurde, saßen wir am Feuer. Wenn wir in einem Raum zusammenkamen, brachten wir unsere Instrumente mit und sangen Königreichslieder. Oder wir spielten Reise nach Jerusalem.

Wir trafen uns nicht immer mit der ganzen Versammlung. Manchmal waren es auch nur zwei oder drei Familien. Wir kochten gemeinsam und führten Gespräche oder schauten eine DVD oder gingen ins Kino. Hin und wieder schnappten wir uns unsere Fahrräder und machten eine Tour durch den Teutoburger Wald. Hinterher wurde bei einer Familie zu Hause gegrillt. Hochzeiten waren besonders beliebt. Es gab viel zu essen, man konnte ein bisschen Alkohol trinken und es wurde bis in die Puppen getanzt.

Wir haben viel mit unseren Glaubensgeschwistern unternommen. Auch an Silvester. Natürlich böllerten wir nicht, noch gossen wir Blei. Ansonsten gab es keinen großen Unterschied: Wir aßen Raclette, tranken ein Bier oder ein Gläschen Sekt, und um null Uhr beobachteten wir das Feuerwerk und hofften, dass es ein gutes Jahr werden würde.

Dass Zeugen Jehovas keinen Spaß haben dürfen und auch gar nicht haben wollen, ist ein Vorurteil, das mich immer geärgert hat und mich auch heute noch ärgert. Weil er in der Verallgemeinerung jeder Grundlage entbehrt. Natürlich gibt es Zeugen Jehovas, die zum Lachen in den Keller gehen und leidenschaftliche Griesgrame sind. Aber die meisten der Glaubensgeschwister, die ich während meiner Zeit bei den Jehovas Zeugen kennenlernte, waren auf ihre Art humorvoll, hatten alle gern ihren Spaß, gingen ins Kino, auf die Kirmes, tranken gelegentlich sogar Alkohol. Ich hatte auch Spaß, als ich noch Zeuge Jehovas war. Es war ja nicht alles schlecht. Alles andere wäre gelogen.

Natürlich hatte der Spaß seine Grenzen, denn, wie es im Buch Prediger so schön heißt, gibt es für alles eine bestimmte Zeit: „eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen; eine Zeit zum Klagen und eine Zeit zum Herumhüpfen.“ (Prediger 3:4, Neue Welt Übersetzung der Heiligen Schrift) Solange etwas in Maßen geschah, war es in Ordnung. Alkohol in Maßen war ok, genauso Kino, Musik und Sport. Sex vor der Ehe war auch in Maßen verboten, genauso Weihnachten, Geburtstage und Blutwurst.

Spaß bei den Zeugen Jehovas war ein umzäunter Abenteuerspielplatz mit bunt angemalten Wachttürmen, auf denen Glaubensbrüder mit Fernglas saßen. Je älter ich wurde, desto schmerzlicher wurde mir das bewusst. Maßstab in Sachen Spaß war immer seltener Gottes Wort, immer öfter war es der Grad der Empörung, den die gewünschte Aktivität bei den Glaubensgeschwistern vermutlich auslösen würde. Offiziell war das meiste bis auf einige Ausnahmen Inhalt einer persönlichen Gewissensentscheidung, aber man lernte schnell, dass man vom Versammlungsumfeld an dieser Entscheidung gemessen wurde. Mindestens konnte eine persönliche Entscheidung soziale Konsequenzen zur Folge haben. Im schlimmsten Falle ruinierte man sich als Mann seine theokratischen Karrierechancen, als Frau den Ruf und somit die Aussicht auf einen Ehemann in verlockender hierarchischer Position. Durch das Hinabdelegieren vieler Entscheidungen entband sich die Wachtturm-Gesellschaft der Verantwortung, ihren Schäfchen Sicherheit zu geben. Diese Verunsicherung war bestimmt gewollt, denn sie brütete ohne viel Zutun in jedem Mitglied einen potentiellen Spitzel aus. Man brauchte gar nicht so viel verbieten, denn durch Suggestion und Implikation in den Publikationen, gepaart mit dem persönlichen Gewissen, das jeder Einzelne wie ein Exoskelett um sich herumtrug, war gewährleistet, dass nur die Wenigsten wesentlich aus der Reihe tanzten. Und wenn es einer tat, dann konnte man davon ausgehen, dass die Ältesten irgendwie davon erfahren würden. Bis zu meinem Ausschluss hatte ich nur einen Hirtenbesuch – wegen eines Hobbys. Mein Hirtenbesuch, wie der Vor- und Nachsorgebesuch der Ältesten genannt wird, wurde nach dem obligatorischen Gebet und einer aufmunternden Bibelstelle mit den Worten eingeleitet: „Uns ist zu Ohren gekommen, dass…“ Die Wachttürme bei den Zeugen Jehovas waren bunt, nicht grau. Manchmal vergaß man, dass man beobachtet wurde.

Es ist ein Vorurteil, dass Zeugen Jehovas nicht gerne Spaß haben. In unserer Versammlung hatten wir eine Menge Spaß. Die Ältesten, die Eltern, die Familien sorgten dafür, dass wir Kinder und Jugendliche regelmäßig beschäftigt wurden. Erst später verstand ich, dass ihnen nicht nur unsere Freude am Herzen lag. Es gab eine Welt da draußen, hinter dem Zaun mit den bunten Wachttürmen. Solange wir Spaß hatten, würde uns nicht auffallen, dass das Gras auf der anderen Seite grüner war.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

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6 Gedanken zu “Panem et circenses

  1. Tabitha

    Sehr schön beschrieben! Diese Treffen fehlen mir heute noch, da sich mein Freundeskreis erst einmal aufgelöst hatte und es schwierig für mich war mit menschen außerhalb der ZJ ins Gespräch zu kommen ohne dass ich gleich wieder predigen würde. ….. heute, 5 Jahre später ist es schon viel besser, trotzdem denke ich gerne an diesen Part zurück!

  2. „Umzäunter Abenteuerspielplatz mit bunt angemalten Wachttürmen“ ist eine unglaublich treffende Charakterisierung, wie auch die Sache mit dem „Grad der Empörung, den die gewünschte Aktivität bei den Glaubensgeschwistern vermutlich auslösen würde“.

  3. Ruth / OnMyWay

    Das Leben der ZJ ist so vielfältig wie das Leben der Nicht ZJ. Vor allem aber ist jede Gegend und jede Versammlung anders. Bei uns inder einen Versammlung, der ich angehörte gab es auch eine Zeit lang solche Feiern. Eine Familie hatte ihren Wohnsitz in einem alten Bahnhof und da war auch viel Platz und Grün drumherum. Ich fand das auch sehr schön und toll, auch wenn ich mich da auch nie wirklich zugehörig fühlte, was aber wiederum andere Gründe hatte. Bei mir war nicht alles wie es sein sollte in der Familie und so.
    Fakt ist aber auch das diese Treffen irgendwann auf betreiben der Oberen in der Versammlung wieder aufgehört wurden. Es wurde als ungut angesehen sich so Freizeitmäßig zu geben. Kinder und Jugendliche sollten sich auch nicht allein treffen, denn die Gefahr bestand, das man als Junger Mensch auf dumme Ideen käme und sich gegenseitig quasi mit Blödsinn anstecken könnte.

    Du siehst also, es gibt keine allgemeigültigen Aussagen. Es gibt auch Versammlungen wo von oben herunter der Spaß und die Freude sogar reglementiert waren.
    Mit meiner Halbschwester hab ich wieder eine andere Erfahrung gemacht. Sie hat für ihre Söhne und deren Schulkameraden Kinderfeste ausgerichtet, damit die Jungs, die ja auch nicht auf Geburtstage und so durften, ihrerseits aber die Möglichkeit hatten mal einzuladen.
    Meine Mutter war zu sowas nicht in der Lage, das ist aber wieder ein für sie individuelles Problem und hat nix mit den ZJ zu tun.

  4. Sparlock

    Ja, an das Fußballspielen Sonntags erinnere ich mich auch noch, allerdings war das eher selten und fand nicht regelmäßig statt. Wirkliche Versammlungsfeste gabs bei uns nicht, aber gelegentlich größere Feiern zu Hochzeiten, Silberhochzeiten etc und natürlich das übliche Einladen Kaffee und Kuchen sowie Grillen unter Brüdern meist auf einem Samstagnachmittag.
    Und dann gab es da noch die jährlichen Versammlungsausflüge in die Natur mit sportlicher Betätigung und Grillen.
    Naja, wenn es bei den Zeugen nicht ab und an ein wenig Spaß gäbe, wären wohl noch mehr depressiv als so schon.

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