Aus „Ich bin geistig krank“ wird INDUB.IO

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Das Projekt „Ich bin geistig krank“ endet – aber nur hier, an dieser Stelle. Es hat sich evolviert und wird woanders und größer fortgesetzt. Und zwar hier, auf

>> www.indub.io <<

Alles über das „warum“, das „wieso“ und das „wie geht’s weiter“ kannst du in diesem Beitrag nachlesen.

Operation: Flächenbrand

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In regelmäßigen Abständen klingelte bei uns das Telefon. Am anderen Ende war dann häufig ein Glaubensbruder oder eine Glaubensschwester mit bahnbrechenden Neuigkeiten.

Manchmal hatten wir Post im Briefkasten. Hin und wieder war im Umschlag ein Brief von einem Glaubensbruder oder einer Glaubensschwester, der von bahnbrechenden Neuigkeiten berichtete.

Nach dem Gespräch, oder nachdem meine Eltern den Brief gelesen hatten, erzählten sie uns Kindern davon. Manchmal war es eine spannende Erfahrung, die irgendwelche Glaubensgeschwister in irgendeinem Land irgendwo auf der Welt im Predigtdienst gemacht hatten. Hin und wieder war es das neue Buch, das im Sommer auf den Bezirkskongressen veröffentlicht werden sollte, was man natürlich für sich behalten sollte.

Oft, jedoch, war es etwas, das ein Mitglied der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas in einem Vortrag gesagt hatte. Manchmal hieß es „neues Licht“. Neues Licht ist die Wachtturm-Bezeichnung für etwas, was man in der Filmbranche retcon nennt, kurz für retroactive continuity, zu deutsch rückwirkende Kontinuität:

Retroactive continuity, or retcon for short, is the alteration of previously established facts in the continuity of a fictional work. There are various motivations for retconning. The changes may occur to accommodate sequels or derivative works, allowing newer authors or creators to revise the diegetic (in-story) history to include a course of events that would not have been possible in the story’s original continuity. Retcons allow for authors to reintroduce popular characters and resolve errors in chronology.

Rückwirkende Kontinuität ist also ein Prozess, bei dem bislang als unumstößliche Fakten geltende Tatsachen über den Haufen geworfen werden, um ein neues Verständnis unterzubringen oder bislang übersehene Unstimmigkeiten, gar Fehler auszumerzen.

Nun bin ich ja grundsätzlich der Meinung, dass ein Glaube, eine Religion open source sein sollte. Sie sollte aufgeschlossen sein, sich der Kontroverse und der konstruktiven Kritik öffnen, bereit sein für Neues, für Innovationen, für Entwicklungen und Strömungen. Mein Verständnis von Glaube ist der, dass er Trost und Halt bieten sollte. Fertig. Nicht mehr, nicht weniger. Glaube endet und Religion beginnt, wo der persönliche Glaube den persönlichen Raum verlässt und öffentlich wird. Die Glaubensfreiheit ist ein Grundrecht. Die Religionsfreiheit ist ein Privileg, dessen sich jede Religion regelmäßig als würdig erweisen muss. Eine Religion muss um die Gunst der Gesellschaft buhlen, nicht andersherum. Leidet eine Gesellschaft unter einer Religion so hat sie ihre Freiheit verwirkt.

Glaube im Allgemeinen und Religion im Speziellen ist aber seit Jahrtausenden ein Machtinstrument. Die Religion an sich hat ihren Ursprung und ihre Aufgabe vergessen oder sogar verleugnet, je nach handelnder Person. Von Entwicklung ist nur selten etwas zu spüren, was auch immer die Gründe sein mögen.

Man sollte also meinen, dass „neues Licht“ bei den Zeugen Jehovas etwas erfreuliches ist. Jedoch führt das „neue Licht“, die rückwirkende Kontinuität, nur selten zu Fortschritt. Es ist also mehr eine rückschrittliche Kontinuität, denn allzuoft ist das „neue Licht“ bloß das Abschaffen einer bisher als unverrückbar geltenden Tatsache.

In meiner Kindheit und Jugend war das „neue Licht“ häufig bloß irgendetwas Neues, das die Leitende Körperschaft zu bemängeln gefunden hatten: Irgendeine Musik, irgendeine Mode, irgendeine Frisur.

Vor ein paar Tagen postete ich einen Artikel über einen Vortrag von Anthony Morris III, Mitglied der Leitenden Körperschaft. In einem äußerst homophoben Ton verurteilte er Röhrenjeans als unchristlich. Röhrenjeans. Ja.

Die Leitende Körperschaft muss in ihren Publikationen gar nicht so oft eindeutige Verbote oder Empfehlungen aussprechen. Denn sie hat eine viel mächtigere Waffe. Die Mundpropaganda, das Stille-Post-Prinzip, das es unter den Zeugen Jehovas gibt. Ich nenne es die Operation Flächenbrand. Im Wachtturm vom 15. August 2012 liest man:

Der Jünger Jakobus verglich die Zunge mit einem Feuer. (Lies Jakobus 3:6-8.) Haben wir unsere Zunge nicht unter Kontrolle, könnten wir in der Versammlung einen „Flächenbrand“ auslösen.

Ich habe den Eindruck, wenn es dem Zwecke dient, wird von der Leitenden Körperschaft ein Flächenbrand gern in Kauf genommen. Schließlich kennt die Leitende Körperschaft ihre Schäfchen.

Wie eine solche Operation Flächenbrand aussehen könnte, möchte ich einmal anhand eines Beispiels vorführen:

Irgendwann in den 90ern klingelt bei uns Zuhause das Telefon. Ein Glaubensbruder, ebenso wie meine Eltern ehemaliger Missionar, ist dran. Er fragt meinen Vater, ob er schon von diesem einen Vortrag gehört hat. Mein Vater verneint. Der Glaubensbruder erzählt, dass ein Mitglied der Leitenden Körperschaft in einem Vortrag das neue Album X der Band Y verurteilt hat, weil auf dem Cover, wenn man es schräg hält, in ungünstigem Licht, das Gesicht Satans zu sehen sei. Der Redner, immerhin Mitglied der Leitenden Körperschaft und damit Teil des Treuen und Verständigen Sklaven, das Sprachrohr Gottes, auf Erden, habe vehement darauf hingewiesen, dass wahre Christen keine Musik dieser Band, die dummerweise gerade unglaublich populär ist, besitzen würden. Mein Vater gibt diese Information zunächst an meine Mutter, dann an uns Kinder weiter. Ich ärgere mich. Schließlich wollte ich mir eine CD dieser Band kaufen. Das kann ich jetzt knicken.

Ich weiß aber, dass ein anderer Jugendlicher in der Versammlung besagte CD besitzt. Zwar steht nirgendwo etwas offizielles und Musik ist in der Regel Gegenstand einer persönlichen Entscheidung; aber die Leitende Körperschaft hat gesprochen und ich will nicht der einzige Leidtragende in der Versammlung sein. Also erzähle ich in der nächsten Zusammenkunft von der Ansprache. Mein Kumpel will es mir nicht glauben, muss aber am nächsten Tag die CD wegwerfen, weil meine Eltern nach der Zusammenkunft mit anderen Mitgliedern unserer Versammlung, unter anderem seinen Eltern, über die Ansprache gesprochen haben. Spätestens beim nächsten Kongress ist eine Empfehlung, die wir nur vom Hörensagen kannten, fester Bestandteil der Zeugen Jehovas Folklore. Mehr als das: Diese Empfehlung eines einzelnen Mitglieds der Leitenden Körperschaft ist jetzt eine Regeln. Andere Zeugen Jehovas, die diese Regel nicht befolgen, werden mit Argwohn betrachtet. Womöglich werden sie als schlechte Gesellschaft gebrandmarkt und landen eine Zeit im sozialen Abseits. Jugendliche, die bislang kein schlechtes Gewissen hatten, hören nur noch mit schlechtem Gewissen eine Musik, die aufgrund der Ansprache eines Mitglieds der Leitenden Körperschaft jetzt auf der Blacklist der Zeugen Jehovas steht.

Klingt verrückt, habe ich aber so und ähnlich immer wieder persönlich erlebt. Eine Mehrheit der Zeugen Jehovas nimmt alles, was die Leitende Körperschaft sagt, für bare Münze und hält sich dran.

Und man kann davon ausgehen, dass in nächster Zeit eine Menge Röhrenjeans im Müll landen werden. Denn wie heißt es so schön im Wachtturm vom 15. November über die Anweisungen vom Treuen und Verständigen Sklaven:

Wir alle müssen bereit sein, jede Anweisung zu befolgen, ob sie nun vom strategischen oder menschlichen Standpunkt aus vernünftig erscheint oder nicht.

Studie: Menschen sind Kreativität gegenüber voreingenommen

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Einer amerikanischen Studie zufolge (pdf ansehen) pflegen Menschen Vorurteile gegenüber Kreativität und kreativen Ideen. Sie legt den Schluss nahe, dass nicht die Aufgeschlossenheit einer Gesellschaft ihre Entwicklung bedingt und zulässt, sondern der Grad der Verunsicherung.

In der Zusammenfassung der Studie heißt es:

People often reject creative ideas even when espousing creativity as a desired goal. To explain this paradox, we propose that people can hold a bias against creativity that is not necessarily overt, and which is activated when people experience a motivation to reduce uncertainty. In two studies, we measure and manipulate uncertainty using different methods including: discrete uncertainty feelings, and an uncertainty reduction prime. The results of both studies demonstrated a negative bias toward creativity (relative to practicality) when participants experienced uncertainty. Furthermore, the bias against creativity interfered with participants’ ability to recognize a creative idea. These results reveal a concealed barrier that creative actors may face as they attempt to gain acceptance for their novel ideas.

Deutsche Zusammenfassung des Abrisses: Obwohl Kreativität grundsätzlich erwünscht ist, lehnen viele Menschen kreative Ideen ab. Die Studie ergab ein negatives Vorurteil gegenüber Kreativität wenn sie mit Ungewissheit / Unsicherheit einherging. Ferner fiel es ihnen schwer eine kreative Idee überhaupt wahrzunehmen. Diese Ergebnisse offenbaren den Widerstand, auf den Kreative treffen, wenn sie um Akzeptanz für ihre neuen Ideen werben.

In einem Artikel auf Slate gibt ein Forscher der University of California-Berkeley Business School an, dass die meisten Menschen risikoscheu sind. Er bezeichnet sie als „Zufriedensteller“. Es gebe in der westlichen Kultur einen Konformitätsdruck, der dazu führt, dass jene Zufriedensteller Aufregung vermeiden, selbst wenn es bedeutet, die Wahrheit zu verleugnen oder eine gute Idee abzulehnen.

Ich werde mir diese Studie anschauen und nach einer Korrelation zwischen der Abneigung von Kreativität und die Schwierigkeiten, die Gesellschaften haben, Entwicklung und Veränderung zum Guten zuzulassen. Und schaut man sich die Studie genauer an, hat man eine leise Ahnung, wie es zum Entstehen von Religionen kommen konnte: Egal, wie aufgeschlossen Menschen sind, fühlen sie sich verunsichert, neigen sie dazu, Kreativität in einem negativen Licht zu sehen.

Our results show that regardless of how open minded people are, when they feel motivated to reduce uncertainty either because they have an immediate goal of reducing uncertainty, or feel uncertain generally, this may bring negative associations with creativity to mind which result in lower evaluations of a creative idea. Our findings imply a deep irony. Prior research shows that uncertainty spurs the search for and generation of creative ideas (Audia & Goncalo, 2007; Tiedens & Linton, 2001), yet our findings reveal that uncertainty also makes us less able to recognize creativity, perhaps when we need it most.

Artikelbild: Fey Ilyas via Compfight cc

Bill Maher und das Evangelium des Nichtwissens

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Je nachdem, wen man fragt, ist Bill Maher entweder eine der Speerspitzen der globalen Atheismusbewegung oder ein ein sexistischer Spinner. Leider lassen viele seiner Zitate darauf schließen, dass die Wahrheit anscheinend irgendwo in der Mitte liegt. Deshalb bin ich immer etwas hin und hergerissen, wenn es um ihn geht.

Nichtsdestotrotz: Ohne seinen fragwürdigen Charakter auszublenden, lässt sich dennoch nicht leugnen, dass an seinem Zitat aus dem Interview mit The Atlantic eine Menge dran ist. In Bezug auf den beliebten Non Sequitur-Fehlschluss religiöser Menschen hinsichtlich der Existenz Gottes – nämlich: dass es einen Gott geben muss, weil Atheisten nicht das Gegenteil beweisen können –, sagt Bill Maher:

As far as the question of how do we know? No, we don’t know. Am I a billion percent sure? Nobody is a billion percent sure of anything. (…) So you know we don’t know the answers but the answer to that is not to make up stories. If you don’t know something, just say, I don’t know. That’s your gospel right there. The gospel of “I don’t know.”

Übersetzt in etwa:

Wissen wir über das „wie“ Bescheid? Nein. Bin ich mir eine Milliarden Prozent sicher? Niemand ist sich eine Milliarden Prozent sicher. Also wissen wir, dass wir die Antwort nicht kennen, aber mit Sicherheit besteht die Antwort nicht darin, sich Geschichten auszudenken. Wenn du etwas nicht sagst, gib es einfach zu. Da hast du dein Evangelium. Das Evangelium des Nichtwissens.

Man stelle sich vor, ein Schulkind würde die Antwort auf eine Matheaufgabe nicht kennen. Stattdessen zeichnet es ein Einhorn. Das, im Prinzip, ist die Schöpfungsgeschichte. Eine willkürliche Antwort auf Fragen, deren Antworten wir (noch) nicht belegen können.

Religionen würde mehr Demut und das Eingeständnis des Nichtwissens gut zu Gesicht stehen. In der Geschichte der Menschheit war es zumeist die Religion / die Kirche, die den Fortschritt aufhalten wollte. Natürlich gibt es auch dogmatische, unbelehrbare Wissenschaftler. Aber im Großen und Ganzen betrachtet, besteht der Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft in ihren Prämissen: Religion sagt „Ich weiß es“. Wissenschaft sagt „Ich weiß es nicht“. Und forscht weiter. Um bei umstrittenen Quellen zu bleiben: Eckart von Hirschhausen sagt richtigerweise:

Die Wissenschaft ist der aktuelle Stand des Irrtums.

Nicht umsonst kennt man in der Wissenschaft das Prinzip des Peer Review. Wohingegen sich die Bibel aus sich selbst heraus legitimiert, was mindestens fragwürdig ist. Als kritischer Mensch würde ich mir hinsichtlich der Bibel mehr „peer review“ wünschen. Was meinst du?

Artikelbild: Question Mark in EsbjergAlexander Henning DrachmannBestimmte Rechte vorbehalten

Röhrenjeans sind Teil einer weltweiten homosexuellen Verschwörung, sagt Mitglied der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas

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Zu meiner ohnehin schon langen Liste an Verfehlungen, die ich aus Sicht der Zeugen Jehovas begangen habe, gesellt sich jetzt anscheinend das Tragen von “tight Pants” – oder Röhrenjeans, wie sie auch heißen. Mehr dazu auf meiner Homepage:

Röhrenjeans sind Teil einer weltweiten homosexuellen Verschwörung, sagt ein Mitglied der Leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas bei einer Ansprache in Rom.

Zeugen Jehovas deuten an, dass die Möglichkeit besteht, dass Harmagedon unter Umständen noch dieses Jahr kommen könnte. Wieder mal.

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Es sind bloß zwei Zeilen im internen monatlichen Memo Unser Königreichsdienst vom März 2014 – aber sie dürften aufmerksame Zeugen Jehovas in Wallung bringen. Denn sie deuten an, dass Harmagedon aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft noch dieses Jahr kommen könnte.

Im Königreichsdienst liest man auf Seite 2 in der Ankündigung für das Gedächtnismahl der Zeugen Jehovas am 14. April:

Bildschirmfoto 2014-01-22 um 15.16.59

Übersetzt lautet die Passage auf deutsch: „Wird dieses Gedächtnismahl unser letztes sein? Wir wissen es nicht.“ Im aufgeführten Bibelvers im 1. Korintherbrief 11:26 liest man:

26 Denn sooft ihr dieses Brot eßt und diesen Becher trinkt, verkündigt ihr immer wieder den Tod des Herrn, bis er gekommen ist.

Was passieren soll, wenn der Herr kommt, ist klar. Im Königreichsdienst sagt die Wachtturm-Gesellschaft, dass sie nicht wissen, ob es das letzte Gedächtnismahl sein wird. Logisch. Der Knackpunkt:

Es gibt überhaupt keinen Grund, diese rhetorische Frage zu stellen und zu erwähnen, dass man nicht weiß, ob dieses Gedächtnismahl das letzte sein wird.

Alles, was die Wachtturm-Gesellschaft damit erreicht ist, dass die wildesten Spekulationen aufblühen werden. Es wird Panik geschürt, es werden unter Umständen Menschen, die ihr ganzes Leben diesem Glauben gewidmet haben, falsche Hoffnungen gemacht. Und das in dem Jahr, in dem sich der Anfang der Endzeit zum 100. Mal jährt. Ironie: Noch vor ein paar Monaten wies die Wachtturm-Gesellschaft ihre Jünger an, das Spekulieren zu unterlassen. Glaubensgeschwister, die über das Ende spekulierten, wären gar „falsche Apostel“ (eine milde Form der Abtrünnigkeit, wie jwsurvey.org kommentiert). Die Frage muss erlaubt sein, ob sich die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas mit diesen Zeilen nicht selbst zum falschen Apostel macht, vor dem sie warnen.

Dass die Wachtturm-Gesellschaft mit diesen zwei Zeilen subtil impliziert, dass Harmagedon in diesem Jahr möglich ist, ist bemerkenswert. Nicht nur nimmt sie damit einen neuerlichen Hype bewusst in Kauf; meines Wissens ist das seitens der Zeugen Jehovas seit Jahren die konkreteste Äußerung zum möglichen Zeitpunkt Harmagedons.

Jeder kennt die Fabel vom Hirtenjungen und dem Wolf. Die Kurzfassung:

Die Hauptperson der Fabel ist ein Hirtenjunge, der aus Langeweile laut „Wolf!“ brüllt. Als ihm daraufhin Dorfbewohner aus der Nähe zu Hilfe eilen, finden sie heraus, dass falscher Alarm gegeben wurde und sie ihre Zeit verschwendet haben. Als der Junge kurz darauf wirklich dem Wolf begegnet, nehmen die Dorfbewohner die Hilferufe nicht mehr ernst und der Wolf frisst die ganze Herde (und in manchen Versionen auch den Jungen).

Seit ihren Anfängen brüllt die Wachtturm-Gesellschaft immer wieder „Wolf!“ bzw. Harmagedon. Zuletzt 1925 und 1975. Immer wieder vertrauten treue Mitglieder auf die Mahnungen der Wachtturm-Gesellschaft, verkauften teilweise Hab und Gut, gaben alles auf für die Zeugen Jehovas. Natürlich kam Harmagedon nicht und die Gläubigen guckten dumm aus der Wäsche.

Sollten diese verantwortungslosen Zeilen Spekulationen innerhalb der Organisation auslösen, darf sich die Wachtturm-Gesellschaft nicht wundern. Der Hirtenjunge hat nicht dazugelernt. Gut, natürlich wissen wir nicht mit letzter Sicherheit, ob die eingangs erwähnten Zeilen genau so gemeint waren. Mir fallen so gut wie keine anderen Gründe ein. Was wir jedoch wissen: Den Wolf gibt es nicht. Er wird nicht kommen. Egal, wie lange der Hirtenjunge „Wolf!“ brüllt.

Misha Anouk bei Twitter, Ich bin geistig krank bei Facebook.

Vorschaubildnachweis: Against all Odds

3 Wahrheiten über Zeugen Jehovas

Video

Glauben Zeugen Jehovas, dass sie die einzig wahre Religion sind? Dürfen Frauen bei den Zeugen Jehovas Pfarrer sein? Warum meinen Zeugen Jehovas, dass Jesus Christus nicht am Kreuz gestorben ist?

3 Fragen – 3 Antworten. #3WÜZJ – Der Zeugen Jehovas-Faktencheck.

Hier geht es zum Video bei YouTube.

Ismen

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In unserer Stadt gab es eigentlich keine Ausrede, kein Zeuge Jehovas zu sein. Zumindest, was die Nachwehen der babylonischen Sprachverwirrung betraf. Es gab fünf oder sechs deutschsprachige Versammlungen, eine spanisch-portugiesische Versammlung, eine jugoslawische, eine russische sowie eine eine chinesische und eine tamilische Gruppe.

Wir waren in der englischen Versammlung. In unserer Versammlung gab es überwiegend deutsche Glaubensgeschwister, die sich in im englischsprachigen Gebiet engagierten, weil sie das Predigtwerk unterstützen wollten, wo Hilfe dringend benötigt wurde, wie es so schön hieß. Der Rest setzte sich aus Briten, Amerikanern und People of Color aus aller Herren Länder zusammen. Unsere Versammlung war für alle Sprachen zuständig, die nicht durch eine eigene Versammlung oder Gruppe abgedeckt wurden. Im Predigtdienst besuchten wir deshalb oft die Asylantenheime, wie die Asylbewerberheime bei uns umgangssprachlich hießen. Hauptsächlich versuchten wir Menschen vom afrikanischen Kontinent sowie aus Asien zu finden, die der englischen Sprache mächtig waren: Nigeria, Ghana, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Kenia und Indien, Sri Lanka, Bangladesh, Pakistan, Nepal, Thailand, die Philippinen, das waren die gängigen Zielgruppenländer. Wir hofften, dass sie wenigstens ein paar Brocken Englisch sprachen, ansonsten hatten wir Publikationen in so gut wie jeder möglichen Sprache dabei.

Die Sekte wirbt vermehrt um Entwurzelte und Randständige der deutschen Gesellschaft. In Asylbewerberheimen wird der Wachtturm, das Zentralorgan der Zeugen Jehovas, in der Muttersprache der Ankömmlinge durch den Zaun geschoben. In Aussiedlerunterkünften werden Insassen auf den Zimmern umworben. – Der Spiegel

Rassismus habe ich bei den Zeugen Jehovas nie erlebt. Ich habe meine Versammlung sowie die meisten ehemaligen Glaubensgeschwister als sehr weltoffene Gemeinschaft erlebt, in der Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft willkommen waren. Natürlich gab es immer wieder mal Personen, die negativ auffielen. Aber Spinner gibt es nun mal überall. Einen Nebengeschmack hat das Ganze trotzdem: Das Predigtwerk der Zeugen Jehovas hat etwas kolonialistisches an sich. Es ist der Glaube eines weißen Mannes. So sehr man dazu ermutigt wurde, im Predigtdienst die Kultur und die Ansichten der Zielpersonen zu respektieren, so unmissverständlich war das Ziel nun mal: Die Person zu einem Bibelstudium und im Anschluss zur Taufe als Zeuge Jehovas zu bewegen.

On multiple occasions over the last 30 years, members of some Christian churches and Jehovah’s Witnesses have “harassed” Hindus both inside and outside of their temples with fliers, informational CDs and unannounced visits at local temples, Patel said.

“They’ve found that Hindus are more gullible,” Patel said.

Patel said that Jehovah’s Witnesses have waited outside of temples, which are private property, to speak with worshipers as they walk to their cars. – Triblive.com

Schließlich gibt es nur eine wahre Religion: Die der Zeugen Jehovas.

*

Menschen jeder Hautfarbe und Herkunft waren also willkommen. Auch jeder sexuellen Orientierung. Solange diese vor der Tür blieb oder spätestens mit dem Mantel an der Garderobe abgegeben wurde. Ich habe nie einen homosexuellen Menschen bei den Zeugen Jehovas kennengelernt. Es gibt sie, natürlich, rein statistisch gesehen muss es sie ja geben. Aber wer Zeuge Jehovas ist, und gleichzeitig homosexuell, redet nicht darüber. Wobei die Zeugen Jehovas auch kein Geheimnis darüber machen, dass es homosexuelle Zeugen gibt. Schließlich lehnen sie nicht den homosexuellen Menschen ab, sondern seine Homosexualität.

Auch wenn die Bibel homosexuelle Handlungen missbilligt, liefert sie keine Grundlage für Homophobie oder dafür, Homosexuellen mit Verachtung zu begegnen. Christen werden vielmehr dazu angehalten: „Begegnet allen Menschen mit Respekt“ (1. Petrus 2:17, Das Buch) – jw.org

Es gibt offiziell keine praktizierenden Homosexuellen bei den Zeugen Jehovas. Sollte man einen Zeugen Jehovas kennenlernen, der von sich aus zugibt, eine homosexuelle Neigung zu haben, so wird er einem sagen, dass er seiner Neigung nicht nachgeht. Mithilfe des Gebetes, des Bibelstudiums und seiner Glaubensgeschwister findet er die Kraft, nicht schwule Dinge treiben zu müssen.

Falsche Wünsche führen zu falschem Verhalten. Will man sich von ihnen lösen, ist es wichtig, seine Gedanken zu kontrollieren. Beschäftigt man sich dagegen viel mit Gedanken, die einen in die richtige Richtung lenken, dann wird es einem leichter fallen, falsche Wünsche zu verscheuchen (Philipper 4:8; Jakobus 1:14, 15). Das kann am Anfang noch ein großer Kampf sein, aber mit der Zeit wird er leichter werden. (…) Den gleichen Kampf führen auch Millionen von Menschen, die heterosexuell sind und sich an biblische Maßstäbe halten möchten. Zum Beispiel Singles, die keinen Ehepartner finden, oder Verheiratete, deren Partner aus irgendeinem Grund nicht zum Geschlechtsverkehr in der Lage ist. Sie führen trotzdem ein glückliches Leben — und das ist auch Menschen mit homosexueller Neigung möglich, wenn sie Gott wirklich gefallen möchten (5. Mose 30:19). – jw.org

Natürlich tratschte man. Dieser Bruder wirke schwul oder jene Schwester sei doch mit Sicherheit lesbisch. Man wusste es natürlich nicht, aber man tuschelte trotzdem. Es müsse doch einen Grund geben, dass sie oder er noch immer single war, die Person sah doch viel zu gut aus, um noch single zu sein, weder arbeitete sie im Bethel noch war sie Pionier. Das musste doch was heißen. Solche Gespräche gab es immer wieder. Und dann gab es natürlich die Horrorstories: Irgendein Ältester habe seine Frau für einen Mann verlassen! Für einen Mann! Ehebruch an sich war ja schon schlimm, aber Ehebruch gepaart mit Homosexualität! Oh mein Gott!

Zuhause haben wir in der Familie Filme vermieden, es denen es „homosexuelle Propaganda“ gab. Philadelphia oder Der bewegte Mann, beispielsweise, die gingen gar nicht, genausowenig wie In&Out. Selbst Mrs Doubtfire lief bei uns auf Bewährung, da diese beiden Männer eindeutig schwul waren, aber wir schauten ihn trotzdem, irgendwie waren sie so tuntig, dass es wieder witzig war. Außerdem stand die Homosexualität nicht im Vordergrund, sie war nicht das Thema des Films, die Homosexualität wurde nicht ausschließlich positiv dargestellt, die Hauptfiguren waren nicht homosexuell, sondern nur unwichtige Nebenfiguren, Homosexualität ist eine gesellschaftliche Realität, es bringt nichts, sie zu verdrängen, in zahllosen Filmen kommt ja auch heterosexueller zügelloser Wandel vor, allerdings ist das ja auch natürlich, man darf nur nicht vergessen, das ganze kritisch zu betrachten, bla bla bla, etc. pp. So versuchte man sich eben eine heile Filmwelt zurechtzureden.

Homosexualität wurde bei uns zu Hause als abstoßend bezeichnet. Unter Zeugen Jehovas machte ma Witze auf Kosten von Schwulen, man unterhielt sich verächtlich über sie, tat angeekelt. Ich habe mich auch daran beteiligt. Heute schäme ich mich dafür.

*

Mein Vater erzählte gern folgenden Witz: »Ich bin der Herr im Haus. Mit der Erlaubnis meiner Frau.« Alle lachten. Und alle wussten: Egal, wie selbstbestimmt meine Mutter war, am Ende des Tages würde mein Vater die Entscheidung fällen. Er war das Haupt der Familie und meine Mutter akzeptierte das. Weil es so in der Bibel steht.

Damit die Frau ins Dasein kommen konnte, mußte zuerst der Mann dasein, denn sie wurde aus ihm erschaffen. Als ein Bestandteil des Mannes, als „e i n Fleisch“ mit ihm und als sein Gegenstück und seine Gehilfin war sie ihm als ihrem Haupt untertan. – Einsichten-Buch, Seite 766

Es gibt bei den Zeugen Jehovas ein »Ordnungsgefüge«, wie es im Wachtturm vom 15. Mai 2010 heißt. Die Hierarchie lautet absteigend: Jehova > Jesus Christus > Mann > Frau. Das entnehmen die Zeugen Jehovas dem ersten Korintherbrief im Kapitel 11, Vers 3. Diese Bibelstelle wird von der Wachtturm-Gesellschaft wörtlich ausgelegt.

In unserer Versammlung gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Kreis gab es keine weiblichen Ältesten. In unserem Bezirk gab es keine weiblichen Ältesten. In keiner verantwortlichen Position habe ich jemals eine Frau gesehen. Es gab keine weiblichen Redner, keine weiblichen Dienstamtgehilfen, keine weiblichen Kreisaufseher, keine weiblichen Bezirksaufseher, kein einziges weibliches Mitglied der Leitenden Körperschaft. Auf die Bühne durften sie zwar – aber nur in sketchartigen Darbietungen von Predigtdienstsituationen. Die biblische Belehrung von der Bühne war und ist bis heute den Männern vorbehalten.

Frauen waren mit Respekt zu behandeln. Sie sollten nicht angeschrien werden, sie sollten nicht geschlagen werden. Man half ihnen in den Mantel, man hielt ihnen die Tür auf, man hielt ihnen den Arm, wenn es ein Hindernis zu überwinden gab. Frauen verdienten Anerkennung.

Wodurch verdient sich eine Frau so viel Anerkennung? „Anmut mag Trug sein, und Schönheit mag nichtig sein“, heißt es in Sprüche 31:30, „doch die Frau, die Jehova fürchtet, ist es, die sich Lobpreis schafft.“ Wer also Ehrfurcht vor Jehova hat, wird sich auch gern in die von ihm geschaffenen Autoritätsstrukturen einordnen — und das bedeutet: „Das Haupt einer Frau . . . ist der Mann“, genauso wie „das Haupt jedes Mannes der Christus ist“ und „das Haupt des Christus . . . Gott“ ist (1. Kor. 11:3). – Wachtturm, 15. Mai 2010

Auch ich hatte mich dem Ordnungsgefüge anzupassen. Ich lernte, dass ich als Mann später Verantwortung für meine Familie und für die Versammlung übernehmen sollte. Mein Ziel sollte es sein, Ältester zu werden, und ich sollte mir eine Frau suchen, die mich bei diesen Zielen unterstützt. Eine gottgefällige, demütige Frau, das sollte das Objekt meiner Begierde sein. Natürlich hatte auch meine zukünftige Frau eine Verantwortung:

Gibt seine Frau (wenn getauft) ein gutes Beispiel? Wie sich eine Frau verhält, wirft entweder ein gutes oder ein schlechtes Licht auf ihren Mann (1. Tim. 3:ll). – Ältestenbuch (2010-Version), Seite 31.

Wenn sie eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

11. Wird eine verheiratete Schwester einer Missetat beschuldigt, sollte am besten ihr Mann (wenn er ein Bruder ist) der Verhandlung beiwohnen. Er ist ihr Haupt, und seine Bemühungen, ihr wieder aufzuhelfen und den richtigen Weg zu zeigen, können sehr nützlich sein (1. Kor. 11:3). Falls ungewöhnliche Umstände eine Rolle spielen oder die Ältesten meinen, es sei im Interesse der Sicherheit der Frau besser, den Mann nicht dabei zu haben, sollten sie im Zweigbüro anrufen.

Wenn ich eine Missetat beginge, gäbe es eindeutige Regeln:

12. Handelt es sich bei dem Beschuldigten um einen verheirateten Bruder, ist seine Frau normalerweise nicht bei der Verhandlung anwesend. Wünscht der Mann jedoch, dass sie dabei ist, kann sie bei einem Teil der Verhandlung zugegen sein. Allerdings sollte das Rechtskomitee die Vertraulichkeit wahren. – Beide aus: Ältestenbuch (2010-Version), Seite 84, Hervorhebungen durch mich

Alle Menschen sind gleich. Männer sind gleicher. Aber es ist mitnichten so, dass Frauen nur stille Teilhaber wären, wie man oben genanntem Wachtturm entnehmen kann:

Frauen haben genauso wie Männer von Jehova viele schöne Aufgaben erhalten. Denken wir nur daran, was für eine große Ehre es für die 144 000 ist, Könige und Priester mit Christus zu sein, wenn er über die Erde regiert! Diese Berufung haben auch Frauen erhalten (Gal. 3:26-29). Es liegt auf der Hand: Jehova hat Frauen in dem von ihm vorgegebenen Gefüge eine durchaus aktive Rolle zugewiesen.

Wenn sie also das Glück haben, in den Himmel zu kommen, werden sie dort gleichberechtigt sein. Bis dahin, oder, wenn sie das Pech haben, auf der Erde bleiben zu müssen, haben sie sich unterzuordnen und zu schweigen. Außer im Predigtdienst natürlich. Dort dürfen sie sich so viel austoben wie sie möchten. Eine dieser „vielen schönen Aufgaben“.

Einige Glaubensschwestern waren zu meiner Zeit mächtiger, als es der Leitenden Körperschaft hätte lieb sein können. Ehefrauen von Ältesten zum Beispiel hatten oft starken Einfluss auf ihre Ehemänner und waren im Hintergrund an Entscheidungen beteiligt, die ihnen eigentlich nichts angingen. Das habe ich zu Hause häufig erlebt. Offiziell war die Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas folgende:

 Es gab Zusammenkünfte, bei denen die Frauen beten oder prophezeien durften, sofern sie eine Kopfbedeckung trugen (1Ko 11:3-16; siehe KOPFBEDECKUNG). Doch bei regelrecht öffentlichen Zusammenkünften, wenn die „ganze Versammlung“ sowie „Ungläubige“ an einem Ort versammelt waren (1Ko 14:23-25), sollten Frauen „schweigen“. Wenn sie etwas lernen wollten, konnten „sie zu Hause ihre eigenen Männer befragen, denn es ist schändlich für eine Frau, in einer Versammlung zu reden“ (1Ko 14:31-35).

Während es Frauen nicht erlaubt war, in einer Zusammenkunft der Versammlung zu lehren, konnten sie Personen außerhalb der Versammlung belehren, die die Wahrheit der Bibel und die gute Botschaft über Jesus Christus kennenlernen wollten (vgl. Ps 68:11), und sie durften sich auch gegenüber jüngeren Frauen (und Kindern) innerhalb der Versammlung als „Lehrerinnen des Guten“ betätigen (Tit 2:3-5). Sie sollten aber nicht über Männer Gewalt ausüben oder, beispielsweise in den Zusammenkünften der Versammlung, mit Männern debattieren. Sie sollten sich an das erinnern, was mit Eva geschah, und an das, was Gott nach der Sünde Adams und Evas über die Stellung der Frau gesagt hatte (1Ti 2:11-14; 1Mo 3:16).

Männer dienen als Aufseher und Dienstamtgehilfen. In der Erörterung über die „Gaben in Form von Menschen“, die Christus der Versammlung gibt, werden keine Frauen erwähnt. Die Worte für „Apostel“, „Propheten“, „Evangeliumsverkündiger“, „Hirten“ und „Lehrer“ haben alle männliches Geschlecht (Eph 4:8, 11). Epheser 4:11 wird in der American Translation wie folgt wiedergegeben: „Und er hat uns einige Männer als Apostel gegeben, einige als Propheten, einige als Missionare, einige als Hirten und Lehrer.“ (Vgl. NW; ferner Ps 68:18.) – Einsichten-Buch, Seite 767

Soweit ich weiß, hat sich an der Rolle der Frau bei den Zeugen Jehovas bis heute nicht großartig etwas geändert.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

Übrigens – nicht verpassen: Heute Abend bin ich im 1Live Talk zu Gast und rede über dieses Blog und meine Zeugen Jehovas-Vergangenheit.

Artikelvorschaubild: Sexism abounds von Ianqui DoodleBestimmte Rechte vorbehalten

Klassenfahrt

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Es gab gute und es gab schlechte Gesellschaft. Schlechte Gesellschaft waren zum Beispiel weltliche Menschen, also Menschen, die keine Zeugen Jehovas waren. Meine Eltern brachten mir bei, dass nicht alle weltliche Menschen schlechte Menschen waren. Schlechte Gesellschaft zu sein bedeutete nämlich nicht, dass man ein schlechter Mensch war. Man war bloß kein geeigneter Umgang für ein christliches Kind. Und auch, wenn es eine Menge guter Menschen unter den Weltlichen gab, so waren sie nicht unbedingt gute Gesellschaft. Wir Zeugen Jehovas-Kinder wurden dazu angespornt, uns ein Zeugen Jehovas-Umfeld zu suchen.

Was nicht bedeutete, dass jeder Zeuge Jehovas auch gute Gesellschaft war. Auch innerhalb der Versammlung wurde unterschieden. Kinder, die einen Ältesten zum Vater hatten waren meistens über jeden Zweifel erhaben. Auch Kinder, deren Eltern für ihren Predigtdiensteifer bekannt waren, galten als

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gute Gesellschaft. Aber auch Kinder, deren Eltern vorbildlich waren, konnten schlechte Gesellschaft sein. Weil sie sich danebenbenahmen. Weil sie selten in die Zusammenkunft kamen. Weil sie dafür bekannt waren, rebellisch zu sein. Weil sie komisch waren.

Einmal war eine Familie bei uns zu Besuch, die einen Sohn hatten. Meine Eltern hatten bereits zuvor angedeutet, dass der Sohn komisch sei, ich solle mich in Acht nehmen. Das fand ich spannend. Und so war ich zwar nicht sonderlich überrascht, aber dafür umso entzückter, als ich ihn dabei erwischte, wie er unterm Küchentisch saß und Nivea-Creme aß. Das gefiel mir. Ich mochte sonderbare Dinge schon immer. Seinen Eltern war es furchtbar peinlich, meine Eltern freuten sich nach der Verabschiedung, dass ihre Kinder nicht so waren. Ich sah ihn nie wieder. Dabei hatte ich selber so meine Macken. Meine halbe Kindheit ging ich aus unerfindlichen Gründen auf Zehenspitzen. Wenn ich nervös war, fingen meine Augen abwechselnd an zu blinzeln. Saß ich irgendwo beschäftigungslos herum, wie beispielsweise während einer Zusammenkunft, klemmte ich meinen Daumen unter meine Finger, wo er dann bis zum Ende der Zusammenkunft blieb. Oder ich legte meinen Mittel- und meinen Ringfinger auf meine Nasenöffnungen. Die Frau eines Ältesten sprach mich nach einer Zusammenkunft auf Letzteres an. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein. Ich solle doch bitte meine Finger von meiner Nase entfernen. Ich solle mich doch bitte fragen, ob Jesus im Königreichssaal ständig seine Finger an der Nase gehabt hätte. Wozu das überhaupt gut sei. Ich sagte nichts. Es beruhige mich einfach, dachte ich innerlich. Ich fühlte mich sicher, wenn ich das machte.

Das mit der schlechten Gesellschaft, das stammt aus der Bibel.

Schlechte Gesellschaft verdirbt nützliche Gewohnheiten. – 1. Korinther 15:33

Wir hatten als Kinder und Jugendliche ein Buch, Fragen junger Leute – Praktische Antworten. Wenn man nicht wusste, wie man sich als Zeugen Jehovas-Kind zu benehmen hatte, konnte man in diesem Buch nachschlagen. Dr. Sommer für Zeugen Jehovas. Es gab zu jeder Fragestellung Erfahrungsberichte von Jugendlichen ohne Nachnamen, die zufälligerweise genau das erlebt hatten, von dem das Buch meinte, es wäre ein Nein-Nein. Die Jugendlichen hatten meist die Erfahrung gemacht, dass sie davon profitierten, wenn irgendwas mit Jehova. In dem Buch wurde das auch mit der schlechten Gesellschaft erklärt. Vor allem wurde erklärt, mit was für Menschen man befreundet sein sollte. So heißt es im Kapitel Wie finde ich gute Freunde?:

Fakt ist: Wenn man langsam erwachsen wird, braucht man Freunde, die . . .

1. anziehende Eigenschaften besitzen,

2. hohe Prinzipien haben,

3. einen positiven Einfluss ausüben.

Es gab wie in der BRAVO auch einen kleinen Test, mit dem man herausfinden konnte, was gute Gesellschaft ausmachte.

Ziehe ich mich anders an als sonst, rede ich anders oder mache ich etwas Verbotenes, nur damit ich meinen Freunden gefalle?

□ Ja

□ Nein

Halte ich mich nur wegen meiner Freunde an Orten auf, wo ich als Christ eigentlich nichts zu suchen habe?

□ Ja

□ Nein

Tipp: Wenn du die Fragen mit Ja beantwortet hast, dann sprich mit deinen Eltern oder einem anderen erfahrenen Erwachsenen darüber. Als Zeuge Jehovas kannst du natürlich auch einen Ältesten um Tipps bitten, wie du Freunde findest, die dich positiv beeinflussen.

Wenn man sich drauf einließ, war es echt einfach, ein Zeuge Jehovas zu sein

Mit manchen Schulkameraden durfte ich mich trotzdem treffen, obwohl sie schlechte Gesellschaft waren. Das war ein wenig aus der Not geboren. In unserer Versammlung gab es nicht so viele Kinder. Ein Kind wohnte dreißig Kilometer entfernt in der Nachbarstadt, die anderen waren schlechte Gesellschaft. Und vielen Kinder aus den anderen Versammlungen in unserer Stadt trauten meine Eltern nicht über den Weg, den Eindruck hatte ich zumindest, vielleicht irre ich mich auch. Es lag womöglich an mir. Ich lernte nicht so gern neue Menschen kennen, auch schon als Kind nicht. Ich war eigentlich immer recht zufrieden mit den Menschen, die ich kannte.

In meiner Kindheit waren meine besten Freunde alle bei den Zeugen Jehovas. Und sie waren wirklich gute Freunde. Menschen, die ich manchmal vermisse. Menschen, die den Kontakt in dem Moment abbrachen, in dem ich mich gegen ein Leben bei den Zeugen Jehovas entschied. Bis zu dem Zeitpunkt waren es gute, sehr gute Freunde gewesen. Was nach dem Ereignishorizont meines Ausstiegs mit unserer Freundschaft passierte, nun, das lag womöglich weder in meiner noch in ihrer Macht. Sie können vielleicht genauso wenig dafür wie ich.

Auf Klassenfahrt durfte ich aber nie mit. Weil zwei Wochen schlechte Gesellschaft in einem Schullandheim, nein, das ging nicht. Das wäre ja wie wenn man einen Haufen Kinder zusammensteckt, von denen eins die Masern hat. Da muss nur eins die Masern haben und schon haben sie sie alle. Da reicht ein Kind, da ist völlig egal, wie gesund die anderen sind. Nein, das Risiko war zu groß, dass ich mich auf Klassenfahrt mit schlechter Gesellschaft ansteckte. Ich glaube, meine Eltern stellten sich Klassenfahrt als eine Art Spring Break im Laufhaus vor. Misha gone wild, das war ihr Albtraum. In der Zeit, in der meine Klassenkameraden auf Langeoog oder Spiekeroog oder in den Bergen waren, kam ich in eine andere Klasse. Die Kinder in der anderen Klasse waren immer nett zu mir, das fand ich gut. Doof fand ich das Ganze trotzdem. Ich kam mir vor, wie der letzte Idiot. Erst als ich 16 war und eine Ausbildung machte, da durfte ich mit der Berufschule auf Klassenfahrt. Waren ja nur vier Tage in Dresden. Was sollte da schon großartig passieren. Es war wie Spring Break im Laufhaus. Es war großartig. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich einen Aschenbecher getrunken.

Eines Tage wurde in meiner Klasse eine Zeltparty im Garten einer Klassenkameradin organisiert. Es muss in der sechsten Klasse gewesen sein. Natürlich durfte ich nicht mitmachen. Eine ganze Nacht, ich bitte dich! In Zelten! Und MÄDCHEN würden auch da sein! Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Stattdessen organisierten meine und andere Zeugen-Jehovas-Eltern eine Konkurrenz-Zeltparty mit Zeugen Jehovas-Kindern. Die war auch schön, aber ich war trotzdem traurig, weil ich ein kleines bisschen in ein Mädchen aus meiner Klasse verknallt war.

Ein Jahr später gab es erneut eine Zeltparty. Ich war immer noch oder wieder verknallt, das weiß ich nicht mehr genau. Diesmal wollte ich dabei sein. Ich fasste mir ein Herz und fragte meine Eltern. Ich hatte mich auf das Gespräch vorbereitet. Ich hatte mir die Worte zurechtgelegt, von denen ich hoffte, dass sie meine Eltern überzeugen würden. So gut es ging, mit einem Kloß im Hals, trug ich mein Plädoyer vor. Meine Eltern hörten mir geduldig zu. Als ich fertig war, teilten sie mir mit, dass sie kurz darüber reden wollten. Mit Tränen in den Augen zog ich mich in mein Zimmer zurück. Nach einer halben Ewigkeit riefen sie mich. Zitternd ging ich in die Küche. Sie sagten mir, dass sie eine Ausnahme machen würden und ich diesmal auf die Zeltparty dürfte. Ich fing umgehend an zu weinen. Ich heulte vor Freude, weil ich eine Nacht mit meinen Klassenkameraden verbringen durfte.

Als mein Bruder auf das Gymnasium kam, gab es keine großen Diskussionen. Er durfte von Anfang an auf Klassenfahrten mit.

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs, war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!

In eigener Sache: Kritik

Standard

Was dieses Blog betrifft, sehe ich mich im Wesentlichen seitens Zeugen Jehovas mit zwei Kritikpunkten konfrontiert:

  1. Angeblich reiße ich Zitate aus dem Zusammenhang
  2. Angeblich verbreite ich negative Dinge über die Zeugen Jehovas

Ich habe mir mal erlaubt, auf die Vorwürfe seitens der Zeugen Jehovas in einem eigenen Blogbeitrag einzugehen, der hier gelesen werden kann:

Mein früheres Ich hätte mein Blog nie gelesen, was mein heutiges Ich sehr schade findet

Misha Anouk, der Autor dieses Blogs war bis 2003 bei den Zeugen Jehovas. In diesem Blog erzählt er aus seiner Zeit. Besuche ihn auf seiner Homepage, folge ihm bei Twitter oder werde Fan des Projektes bei Facebook!