Ich bin geistig krank

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gkgestaendnis

Hallo, mein Name ist Misha Anouk, ich bin 32 Jahre alt und ich bin der Autor des Blogs Ich bin geistig krank.

Vorab ein wenig Kontext

Ich bin geistig krank ist ein Blog, das sich mit dem Aufwachsen in einer Zeugen Jehovas-Familie auseinandersetzt. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Episode und erzählt aus einem Leben in der Glaubensgemeinschaft, die durch das Verteilen der Zeitschriften Wachtturm und Erwachet! und der wiederholten Verschiebung von Harmagedon Berühmtheit erlangte. Der Autor verließ die Zeugen Jehovas mit Anfang 20. Über die Zeit davor und die Zeit danach schreibt er in diesem Blog. Das Blog heißt so, weil die Wachtturm-Gesellschaft, die Organisation der Zeugen Jehovas, andersdenkende Ehemalige in ihren Publikationen als „geistig krank“ bezeichnet. Der Autor des Blogs schrieb die Episoden seit September anonym, nannte sich in Interviews „Lars“ oder „Caleb“ und zeigte sich online höchstens unter einer Maske versteckt. Es ist nun Zeit, die Maske abzulegen.

Dieser Autor bin ich. Mein Name ist Misha Anouk.

Es ist witzig, wie sich manche Dinge entwickeln. Eigentlich schrieb ich im letzten und diesem Jahr an einem neuen Roman. Eine der Hauptfiguren bekam meine Biografie aufgesetzt: Er war Zeuge Jehovas, hatte kaum noch Kontakt zu seinen Eltern und machte die Gefühle und Erlebnisse durch, die auch ich nach meinem Ausschluss machte. Aber irgendwie war es nicht richtig. Und nach dem ersten Lektorat mit meiner Agentin wurde mir klar, dass das Zeugen Jehovas-Thema zu präsent war, die Geschichte und die anderen Figuren überstrahlte. Ich wusste, dass ich diesen Teil streichen musste. Ich wusste aber auch, dass ich es gebraucht hatte: Das Aufschreiben, das Aufarbeiten meines Lebens bei den Zeugen Jehovas. Und das Material, das sich angesammelt hatte, war mir zum Wegschmeißen zu schade.

Also beschloss ich, ein Blog zu schreiben. Ich hatte durch meine Notizen eine Grundlage. Ich musste nur noch die Verfremdungen entfernen, die ich für den Roman eingebaut hatte, so dass die Notizen wieder mehr meinen eigenen Erlebnissen entsprachen. So entstand das Blog „Ich bin geistig krank“. Die Ironie des Schicksals: Aus dem Abfallprodukt meines Romans wurde das wichtigste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe.

Weshalb ich anonym bloggte und weshalb ich jetzt nicht mehr anonym blogge

Zum einen ist meine ganze Familie noch bei den Zeugen Jehovas. Ich hatte bislang den Eindruck, dass noch etwas im Raum stünde. Dass noch immer die Hoffnung seitens meiner Familie bestand, ich würde irgendwann wie der verlorene Sohn zurückkehren. Aber das werde ich nicht. Und ich fand es nur fair, dass meine Eltern diese Klarheit nicht über das Internet, sondern persönlich erhalten. Deshalb wollte ich diese Klarheit erstmal schaffen, bevor ich mich als Autor des Blogs geistigkrank.wordpress.com oute (weitere Infos zum Blog findest du hier).

link-zum-blogZum anderen war mir bei den Zeugen Jehovas zwei Jahrzehnte lang etwas eingebläut worden: Wer die Omertà der Zeugen Jehovas bricht und öffentlich von negativen Erlebnissen berichtet ist ein Abtrünniger. Ich habe lange gebraucht, um mir selbst eingestehen zu können, damit leben zu können, dass ich fortan so gesehen werde. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass nicht ich falsch liege, sondern die Zeugen Jehovas, wenn sie mich als „geistig krank“ und abtrünnig bezeichnen, nur weil ich nicht mehr dem Glauben angehören möchte und einer anderen Meinung bin. Ich kann mittlerweile bestens damit leben. Außerdem fiel es mir anfangs leichter, unter dem Deckmantel einer Maske zu bloggen. Ich glaube, das ist menschlich. Mir war von Anfang an klar, dass ich die Maske nicht für immer aufbehalten würde. Nur der Zeitpunkt stand nicht fest. Kurz vor Weihnachten habe ich dann den Entschluss gefasst, dass der rechte Zeitpunkt gekommen war.

Mein Blog ist keine Hetzschrift gegen die Zeugen Jehovas. Es ist mein ganz persönlicher Exorzismus einer Phase meines Lebens, die ich hinter mir lassen möchte. Ich bin der Ansicht, dass jede Bewegung, jede Religion Kritik vertragen muss. Vor allem sollte eine Religion sich immer die Aufgeschlossenheit bewahren, an Kritik wachsen zu wollen. Meine Erfahrung ist, dass die Zeugen Jehovas diese Aufgeschlossenheit nicht besitzen. Das Lesen von Texten von Abtrünnigen wird mehr oder weniger untersagt. Kritik ist nicht willkommen und wird als Abtrünnigkeit betrachtet. Es gibt nur eine Sichtweise, so habe ich es zumindest erlebt, und das ist die Sichtweise der Wachtturm-Gesellschaft. Ich weiß, ich werde weder meine Eltern noch die Zeugen Jehovas ändern können. Aber ich möchte trotzdem jedes Mitglieder Zeugen Jehovas auf meinem Blog herzlich willkommen heißen und einladen, an einer sachlichen, aufgeschlossenen Diskussion teilzunehmen.

Die letzten Monate mit meinen LeserInnen waren wundervoll. Aus einem persönlichen Blog ist eine Diskussionsplattform geworden, auf der sich bereits viele Menschen gefunden haben, die ebenfalls mit den Zeugen Jehovas zu tun hat oder haben. Es haben sich einige tolle und bewegende Kontakte ergeben. Der Austausch in den Kommentaren und per E-Mail hat mir sehr viel gebracht und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog auch etwas zurückgeben konnte und ich will es weiterhin tun. Aber ab jetzt unter meinem richtigen Namen und auf dieser Seite.

Den letzten Anstoß gab mir ein Tweet des XZJ-Bloggers John Cedars, der die weltbekannte Seite jwsurvey.org betreibt. Gestern teilte er mit, dass er vor ein Rechtskomitee der Zeugen Jehovas zitiert wird. Inhalt der Anklage: Abtrünnigkeit wegen Betreibens des Blogs. Ja, Zeugen Jehovas dulden keine zweite Meinung. Wer nicht auf Linie ist, ist ein Abtrünniger. Die treue Arbeit von Kollegenbloggern wie John Cedars, ihr Mut und ihr Eifer sind Motivation für mich, ebenfalls den Schutz der Anonymität aufzugeben. Ach ja, was meinen Namen betrifft: Der eine oder die andere wird mich vielleicht noch als Mischa-Sarim Vérollet kennen. Ich habe vor kurzem den Namen meiner Frau angenommen und heiße jetzt Misha Anouk.

Danke!

Ich möchte auch die Gelegenheit ergreifen und mich ausdrücklich bei allen bedanken, die mich mit Mails, Kommentaren, Verlinkungen, Werbung, netten Worten, Hinweisen, Lob, Kritik, Händchen halten etc. unterstützt haben. Es war ein schwieriger, erster Schritt, mit dem Bloggen über meine Zeit bei den Zeugen Jehovas anzufangen. Dagegen ist es ein Leichtes, meine Anonymität aufzugeben.

Wie geht es weiter?

Der Blog geistigkrank.wordpress.com bleibt erhalten – weiterbloggen und weiter erzählen aus dieser Zeit werde ich aber dort auf meiner Homepage. Ich würde mich freuen, wenn mir alle meine bisherigen LeserInnen auch an dieser neuen Stelle erhalten bleiben, und vielleicht kommt der eine oder die andere noch hinzu. Wenn ihr keine Episode verpassen möchtet, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass wir uns im Blog wiederlesen.

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Ich bin geistig krank: Das Blog. Jetzt klicken und lesen!

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Bildgrundlage: Hobson Street Wall von Simon WebsterBestimmte Rechte vorbehalten | Misha Anouk-Logo: © 2013 by Misha Anouk | „Misha“-Cartoonfigur by: © 2013 Artur Fast

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12 Gedanken zu “Ich bin geistig krank

  1. Rabea

    Ein sehr sehr mutiger Schritt von dir! Ich bewundere deine Stärke, mach weiter so! Freue mich schon auf weitere Artikel von dir! Einen guten Rutsch ins neue Jahr wünsche ich dir und deiner Frau! 🙂

  2. russenkind

    Mutige Website, Danke !

    Ludwig Börne (1786-1837) meinte mal:
    « Einen Wahn [zu] verlieren macht weiser als eine Wahrheit [zu] finden! »
    (Losing an illusion makes you wiser than finding a truth!)

    Gut finde ich auch dies (richtet sich an alle religiösen und sonstigen ideologisch verrannten Fanatiker – denen zumeist die Fähigkeit zur Selbstreflexion abhanden gekommen ist):
    « Sobald Menschen anfangen, ihre außerhalb rationaler Erkenntnis befindlichen Glaubenssätze absolut zu setzen und auch noch mit Strafnormen zu versehen, wird es gefährlich. »

    Kennst Du die „Sekten-Checkliste“ ? Bitte gern weiterempfehlen.
    http://www.ebi-sachsen.de/sekten/checkliste.html

    • Sparlock

      Ich persönlich finde das B.I.T.E.-Model von Steven Hassan besser, da etwas tiefer auf die Psychologie hinter Sekten eingeht. Leider erkennen Mitglieder, in solchen Checklisten oder Modellen, die eigene Gruppe nicht wieder. Selbst wenn man ihnen zeigt wie sie dort hinein passen, wollen sie es nicht wahr haben. Alle anderen Gruppen auf die die Punkte zutreffen können ja Sekten sein, aber sie doch nicht … sie sind in „DER WAHRHEIT, es ist zum Verzweifeln. EX-Mitglieder dagegen sind schon eher in der Lage die Zusammenhänge zu erkennen.

  3. Sparlock

    Hi Misha,
    hoffe mal das du jetzt nach deiner Offenbarung noch immer gelegentlichen Kontakt zu deiner Familie haben kannst, sofern du darauf Wert legst. Andernfalls hoffe ich, dass sie vielleicht doch irgendwann nochmal die Wahrheit über „DIE WAHRHEIT“ erkennen werden, was ich mir persönlich für jedes Mitglied einer Sekte wünsche (einschließlich meiner Eltern). In diesen Zeiten stehen die Chancen besser denn je, sofern sie mal den Mut aufbringen die „richtigen“ Internetseiten zu besuchen, die Fakten überprüfen und wieder beginnen selbständig zu denken und nicht ewig brav nur auf jw.org surfen.

  4. Tobi W

    Herzlichen Glückwunsch zu dem Schritt!
    Der einzige Nachteil für Leser: Dieser Blog ist sehr aufgeräumt und dadurch angenehm zu lesen, auf die Website trifft das leider nicht zu.

      • Ich habe mir das zu Herzen genommen und beschlossen, dass die Episoden parallel zu meiner Homepage auch weiterhin hier veröffentlicht werden, ihr habt dann also die Wahl 🙂

  5. Tousjours

    @ Russenkind und Sparlock

    Danke für den Link. Klar ist das nicht so tiefgreifend wie das BITE-Model aber gerade für Junge Leute oder welche die nicht so darüber nachdenken ist es gut gemacht. Für zukünftige potenzielle Opfer ist das perfekt, wenn man über genug Wissen verfügt und eventuell mit einer Sekte zu tun hatte dann versteht man auch das BITE-Modell besser.

  6. russenkind

    Zielrichtung sind nicht nur (religiöse) Sekten, sondern auch politisch orientierte Gruppierungen oder Parteien, die mit einfachen Rezepten daherkommen und einen Überlegensheitsdünkel pflegen. Diese sind bisweilen gefährlicher, da deren Mitglieder manchmal auch vor Gewalt gegen Unbeteiligte nicht zurückschrecken, auf Kritik aber oft sehr allergisch reagieren.

  7. Dilara

    Lieber Misha,
    ich lese deinen Blog von Beginn an und war von Anfang an, ohne Übertreibung, begeistert. Endlich mal jemand, der intelligent, fair und nicht zuletzt äußerst lustig über seine Erfahrungen mit den ZJ schreibt. Ich erkenne mich in so vielem, von dem du berichtest, wieder – ich selbst habe vor 10 Jahren mit 15 Jahren die Gemeinschaft verlassen.
    Ich war in den letzten Jahren übrigens häufig bei LMBN im domicil in Dortmund, wäre aber nie auf die Idee gekommen, dass du es bist, der diese Seite betreibt (wie auch?!). Kleine Welt! 🙂
    Weiter so, lieber Misha. Es ist bestimmt nicht immer einfach, sich so intensiv mit seiner ZJ-Vergangenheit auseinanderzusetzen (spreche da aus Erfahrung). Aber was du hier schreibst, ist wirklich wahnsinnig on point und sehr toll zu lesen!

  8. Hanna
    Lieber Misha
    Mit großem Interesse habe ich das Buch „Goodbye Jehovas“ gelesen. Auch ich wurde als 5. Kind in diese Religion hinein geboren und gedrillt. Meine Eltern wurden im März 1954, 2 Monate vor meiner Geburt auf üble Weise von einander getrennt. Mein Vater kam 8 Jahre im Osten ins Zuchthaus und meine Mutter begab sich auf Flucht mit ihren 4 Kindern. Ich wurde auf der Flucht geboren. Nach etlichen Monaten auf
    Flucht, sind wir in einem Lager in NRW gelandet. Dort waren sie ZJ, die sich sofort meiner Mutter annahmen. Sie war eine 1000%ige und drillte auch uns Kinder in diese Religion. Ich bekam oft Schläge, wenn ich als Kind in den Versammlungen eingeschlafen bin. Meine beiden ältesten Schwestern heirateten im „Herrn“ und ihre Männer waren beide Älreste und einer Sonderpionier. Meine Mutter hatte nicht viel Liebe für mich, die bekam ich weitgehend von meiner Schwester. Mit 6 Jahren begann mein Schwager mich zu missbrauchen. Ich hatte lange sehr große Angst das zu sagen. Als ich es endlich schaffte, bekam ich von meiner Mutter erst mal eine ordentliche Portion Schläge. Es wurden dann an die Ältesten weitergeleitet und nun trat das Komitee zusammen und über uns zu richten. Ich wurde von den 3 Ältesten eingehend und bis ins kleinste Detail aus gequetscht. Ich durfte diese Tortur nur mit denen alleine ertragen, ohne daß ich einen Beistand hatte. Mein Schwager durfte ein 1/2 Jahr sein Ältesteamt nicht ausüben und da er ja „b e r e u t e“, war danach für ihn alles wieder beim alten. Icha hatte mich damals meinem anderen Schwager anvertraut und er hat mich mt 16 betrunken gemacht und mich dann in sein Bett geholt. Wenn ich mich einmal weigern wollte, drohte er mir dann, daß er das dann mit meiner Mutter machen würde. Aus Angst ertrug und erlitt ich um meine Mutter zu schützen. Mit 16 machte ich den ersten Suizidversuch, wurde gerettet und bekam Schläge dafür. Mit 18 bin ich dann von zu Hause geflüchtet. Ich hatte zu Anfang noch h versucht, ein ZJ zu sein, aber mir ist immer mehr aufgegangen, das ich mit diesen schlimmen Sachen und Lügereien nichts mehr zu tun haben kann. Ich zog mich zurück. Meine beiden Brüder sind mit ihren Frauen seit Anbeginn in Selters im Betel. Also 1000%ige, wie der ganze Rest meiner großen Familie. Vor ein paar Jahren schickte mir man meinen älteren Bruder, der mich eine ganze Nacht in die Mangel nahm und mir morgens schmerzhaft auf die Schulter klopfte und mir sagte, ich habe die Blutschuld meiner Kinder auf mich geladen. Oberhaupt wurde nur mit Angst machen und Drohungen agiert, sodass ich bis heute immer noch große Probleme damit habe. Ich habe diverse Suizidversuch he hinter mir und bin seit vielen Jahren in psychiatrischer Behandlung. Und natürlich meidet man mich total, außer wenn jemand gestorben ist. Dann fällt denen ein mich zu Kontakten. Darauf kann ich auch verzichten. Trotzdem ich einen lieben Mann habe, der mir schon viel geholfen hat mein Trauma auszuhalten, leidenich immer noch sehr. Ich finde es schändlich, das man da so mit Kindern und Jugendlichen umgeht. Ich kann mir nicht vorstellen, das Jehovas als Gott der Liebe, dieses alles gut heißen kann. Wenn ich das als Argument anbringen, antwortet man mir, das diese schlimmen Dinge ja Menschen begehen und ich Jehovas dafür bestrafen kann. Ich kann nur raten, diese Menschen auf großen Abstand zu halten.

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