Taufe

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Ich würde gern behaupten, dass ich es nicht wollte. Dass ich dazu gezwungen wurde. Aber das entspräche nicht der Wahrheit. Ich wollte mich mit vierzehn Jahren als ein Zeuge Jehovas taufen lassen.

In unserer Versammlung gab es nicht viele Kinder. Mein Geschwisterchen und ich, Gideon, ein paar andere. Die paar anderen, das waren zum Beispiel die Kinder einer alleinerziehenden Mutter, die ihr bestes tat, vorbildliche Zeugen Jehovas heranzuziehen. Sie scheiterte auf niedrigem Niveau. Ihre Jungs waren nett, ich erinnere mich gern an die beiden. Sie begleiteten ihre Mutter immer nur, weil sie das wollte. Richtig Lust hatten sie nicht auf die Zusammenkünfte im Königreichssaal. Das hatten wir gemeinsam, ich hätte es bloß nie zugegeben.

So galten sie nicht als die beste Gesellschaft für mich. Ich sollte mich lieber mit anderen vorbildlichen Zeugen Jehovas-Kindern umgeben, sagten meine Eltern. So wie Gideon, dessen Vater auch Ältester war. Gideon und mir war eine hervorragende Zukunft bei den Zeugen Jehovas beschieden. Wir sollten die typischen männlichen Karrierestationen durchlaufen: Ungetaufter Verkündiger (=Bibellehrer), Taufe, Dienstamtsgehilfe, die Vorstufe zum Ältestenamt, dann das Ältestenamt – der Himmel war die Begrenzung, uns stand die Welt des Wachtturms offen.

Im Nachhinein war der von mir gezeigte Eifer, mein Engagement bei den Zeugen Jehovas, weniger meinem Glauben geschuldet, als einem Wettbewerb zwischen Gideon und mir. Ich hatte im Prinzip nur Gideon als Maßstab, und es fühlt sich in Retrospektive wie ein Wettrüsten um die Gunst der Eltern, der Ältesten, der Versammlung, des Kreisaufsehers an. Das begann mit dem Krieg der Textmarker und setzte sich beim Erklimmen der Karriereleiter fort. Ja, mein Glaube war nur ein klitzekleiner Teil des Ansporns. Denn auch, wenn ich lange Zeit an die Lehren der Zeugen Jehovas glaubte, so war es weniger aus Überzeugung und Hingabe, als aus ängstlicher Unterwerfung. Ich war nicht gläubig, nicht im eigentlichen Sinn – ich war abergläubisch. Gleichermaßen hatte der Eifer, den ich an den Tag legte, weniger mit meinem Aberglauben zu tun, als mit meinem Wunsch, die Bundeszeugenspiele in unserer Versammlung zu gewinnen.

Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst taufen ließ, Gideon oder ich, aber es passierte höchstwahrscheinlich kurz nacheinander. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich meinen Eltern mitteilte, dass ich gedachte, mich taufen zu lassen. Ich bekam die erwartete Reaktion: Feuchte Augen, Kloß im Hals, Umarmungen. Ich war zufrieden. Ich hatte die Erwartungen meiner Eltern erfüllt. Mehr wollte ich doch gar nicht.

Warum ich mich ausgerechnet mit vierzehn taufen ließ, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wie die Entscheidungsfindung genau aussah. Aber so wie ich mich kenne, habe ich vermutlich gedacht, dass mir das doch niemand abnähme, wenn ich mich früher taufen ließe, und wenn ich erst später getauft würde, hätte Gideon gewonnen. So etwas in der Richtung wird es wohl gewesen sein. Ach ja, meine Mutter hatte sich, wenn ich mich recht entsinne, auch mit vierzehn taufen lassen. Vielleicht spielte das auch eine Rolle.

Es lief folgendermaßen ab: Nachdem ich meinen Eltern meinen Wunsch mitgeteilt hatte, ging ich zu den anderen Ältesten und erzählte ihnen, dass ich mich taufen lassen wollte. Sie nahmen meinen Wunsch erfreut zur Kenntnis und machten einen Termin mit mir aus. An mehreren Abenden gingen sie eine Art Test mit mir durch. Die Testfragen waren dem Anhang des Buches Organisiert unseren Dienst durchzuführen entnommen. Im Prinzip ging es darum, zu prüfen, ob ich wusste, worauf ich mich einließ – mich Gott (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) hinzugeben und ihm (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) von ganzem Herzen zu dienen. Der Fragenkatalog umfasste Themen wie die Rolle von Kindern in der Familie (=Immer den Eltern gehorchen), ob es eine Ausnahme gibt, in der Zeugen Jehovas nicht auf das Gesetz achten sollten (=wenn es in Konflikt mit der Bibeltreue gerät), welchen biblischen Prinzipien Folge zu leisten war (=Hurerei sollte man tunlichst vermeiden) und dass man von der Umwelt unter Umständen gemobbt werden könnte, weil man ein Zeuge Jehovas war. Die meisten Antworten kannte ich ohnehin, schließlich war ich schon vierzehn Jahre dabei. Aber auch sonst hätte ich ohne Weiteres bestehen können. Ich hatte mich anhand meiner eigenen Ausgabe des Buches auf die Fragen vorbereiten können. Völlig sinnfrei, wie ich fand. Erst viel später begriff ich, dass diese Prüfung bloß eine Alibifunktion hatte: Niemand soll ernsthaft davon abgehalten werden, der Organisation beizutreteten. Wen man hat, den hat man.

Offenbar bestand ich die Eignungsprüfung, denn die Ältesten teilten mir mit, dass ich die Erlaubnis hätte, mich auf dem nächsten Kongress taufen zu lassen. Will man sich als Zeuge Jehovas taufen lassen, ist der nächste Kongress sehr wichtig. Auf Kongressen der Zeugen Jehovas, anlässlich derer sehr viele Versammlungen und Gäste zusammenkommen, um 1-3 Tage rhetorischer Bespaßung über sich ergehen zu lassen, steht ein Taufbecken. Es ist unter normalen Umständen die einzige Gelegenheit, sich taufen zu lassen. Schließlich sollen möglichst viele Menschen bezeugen, dass man sich der Wachtturm-Gesellschaft überantwortet hat. Die Massentaufen der Zeugen Jehovas sind der Höhepunkt eines jeden Kongresses.

Wir Jungs mochten die Taufe, weil es eine willkommene Gelegenheit war, nasse Glaubensschwestern in Badeanzügen zu bewundern, ohne, dass man als Spanner gebrandmarkt wurde. Im Gegenteil, wir wurden regelrecht dazu ermuntert, der Taufe beizuwohnen. Freilich hegten unsere Eltern die Hoffnung, das Erlebte würde uns ein Ansporn sein. Es kam ihnen wohl kaum in den Sinn, dass der Anblick halbnackter, nasser Mädchenkörper nur eins anspornte: unsere Hormone.

Ich wurde mit 14 Jahren in einem Kongresssaal getauft. Nach der sogenannten Taufansprache, in der hochemotional und mit viel Pathos an die neuen Segnungen (lies: Verpflichtungen) eines sogenannten Täuflings hingewiesen wurde, mussten sich alle Taufanwärter erheben. Das ist bei Kongressen immer die Stelle, in der entweder ein begeistertes Raunen oder ein enttäuschter Seufzer durch das Publikum geht, abhängig davon, wie viele Taufanwärter aufstehen.

Wir standen also auf. Bei dem Kongress war die Reaktion des Publikums eher verhalten, weder enttäuscht, noch begeistert. Das einzige, was ich hörte, waren die vor Stolz platzenden Brustkörbe meiner Eltern. Der Redner stellte zwei Fragen, die wir beide laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, was das Publikum mit Applaus quittierte. Danach wurden wir getauft. Ich hatte mir ein T-Shirt angezogen, ich war vierzehn Jahre alt, schwer pubertär und mir meiner körperlichen Unvollkommenheit sehr bewusst. Es war ganz einfach: Mit der rechten Hand sollte ich meine Nase zudrücken, mit der linken an meinen rechten Arm greifen. Der Täufer packte mich, tauchte mich kurz unter und der Spuk war vorbei. Ich war offiziell ein Zeuge Jehovas.

Die Fragen, die wir laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, lauteten:

Hast du auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehova hingegeben, um seinen Willen zu tun?

Bist du dir darüber im Klaren, dass du dich durch deine Hingabe und Taufe als ein Zeuge Jehovas zu erkennen gibst, der mit der vom Geist geleiteten Organisation Gottes verbunden ist?

Wie gesagt: Ich kann nicht behaupten, dass ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse. Ich hatte auf die Frage, ob ich mir darüber im Klaren war, dass ich mit der Organisation Gottes (lies: die Wachtturm-Gesellschaft) verbunden sei mit „Ja“ geantwortet. Ich war vierzehn Jahre alt, ein Alter, in dem Jugendliche das Recht haben, ihren Glauben selbst auszusuchen. Und das Recht hatte ich in Anspruch genommen. Ich hatte öffentlich einen Eid geleistet. Weil ich es wollte. Ich wollte mich taufen lassen. Ich werde nicht lügen und etwas anderes behaupten. Was ich jedoch heute mit Sicherheit sagen kann: Ich habe es aus den falschen Gründen getan. Nicht, um Gott näherzukommen. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus einer mir gegenüber an den Tag gelegten Erwartungshaltung, die zentnerschwer auf meinen Schultern lastete. Als ich die leuchtenden Augen meiner Eltern sah, als sie mich in ihre Arme schlossen, als ich Gideons so anerkennenden wie auch neidischen Blick sah, in dem Augenblick meinte ich zu wissen, dass es richtig gewesen war, mich taufen zu lassen. Mir brach ein Stein aus meinem Herzen und fiel.

Was die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit auszeichnete – also, wovon die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit glaubten, dass es sie auszeichnete –, war die Tatsache, dass es keine Kleinkindstaufe gab. Nur, wer einem Ältestenkomitee beweisen konnte, dass er oder sie aus freien Stücken und mit entsprechendem Wissen Jehovas Diener werden wollte, wurde zur Taufe zugelassen. Natürlich konnte da auch mal ein achtjähriges Kind dabei sein. Das war aber die Ausnahme.

Die Zeiten sind vorbei. Die Kleinkindstaufe gibt es nach wie vor nicht. Aber die Definition dessen, was einen mündigen Zeugen Jehovas ausmacht, wird immer mehr ausgeweitet und verklärt. Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas zieht die Zügel an und ermuntert Eltern in Ansprachen dazu, ihre Kinder mehr und früher unter Druck zu setzen. So gibt es Aufzeichnungen von Reden von Mitgliedern der LK, in denen sie mit Aussagen zitiert werden, wie (ich gebe die englischen Zitate im Wortlaut wieder):

„Wir zwingen sie nie, aber das lassen wir uns nicht gefallen“ – Anthony Morris III, Mitglied der Leitenden Körperschaft (in Bezug auf berechtigte Zweifel eines als Beispiel angeführten Jugendlichen, der sich zu jung für eine Taufe fühlte, aber sofort einwilligte, nachdem seine Eltern gedroht hatten, ihn nicht den Führerschein machen zu lassen. Wenn Kinder alt genug sind, nachdenken zu können, so der Tenor der Ansprache und die latente Drohung, sollten sie zur Taufe geführt werden, weil sie Harmagedon nicht allein aufgrund der Tatsache überleben werden, dass sie im Schlepptau der Eltern durch die Endzeit gelotst werden. Was ich heraushöre: Kinder, die selbstständig reden und denken können, werden nicht ins Paradies kommen, wenn sie ungetauft sind.)

„Es gibt Dinge im Leben, die getan werden müssen, egal, ob man möchte oder nicht“ – David Splane, Mitglied der Leitenden Körperschaft (der Redner erklärte den Anwesenden, dass man Kindern in Bezug auf die Taufe und ein Leben als Zeuge Jehovas nicht die Entscheidung darüber überlassen sollte, was gut für sie ist. Als Vergleich wird ausgerechnet ein Ferienjob bei McDonald’s angeführt, bei dem die Eltern es dem Kind auch nicht überlassen würden, ob er morgens aufsteht und zur Arbeit geht oder nicht. Das Fazit dieses Vergleichs, der beim Spielen mit Chinaböllern alle Gliedmaßen verloren hat und im Rollstuhl sitzt: „Wenn ihr das für einen Big Mac tun würdet, möchtet ihr es nicht erst recht tun, wenn das ewige Leben eures Kindes auf dem Spiel steht?“)

„Eltern, seid bitte nicht passiv – lenkt eure Kinder aktiv gen Taufe.“ – Gerrit Lösch, Mitglied der Leitenden Körperschaft

(Quelle: Cedar’s Blog)

Das dürfte niemanden verwundern, der die Organisation gut kennt. Nicht nur, dass der Zuwachs in der westlichen Hemisphäre stagniert oder gar nachlässt – in den USA haben die Zeugen Jehovas einer Studie des renommierten Pew-Forums zufolge neben den Buddhisten auch noch die niedrigste Nachhaltigkeitsrate aller Religionen: Nur 37 % derjenigen, die als Zeugen Jehovas aufwuchsen, identifizieren sich später noch mit dem Glauben. In Deutschland dürfte es kaum anders sein. Die Leitende Körperschaft ist sich dieser katastrophalen Zahlen mit Sicherheit bewusst. Sie müssen reagieren. Je früher man die Kinder einfängt, desto besser, scheint da die neue Strategie zu sein.

Im Wachtturm vom 15. Juni 2011 schreiben die Zeugen Jehovas:

Viele Eltern sehen die Taufe ihrer Kinder als wichtigen Schritt, der aber ein gewisses Risiko birgt — vergleichbar damit, den Führerschein zu machen. Doch geht man mit der Taufe und dem heiligen Dienst wirklich ein Risiko ein? Die Bibel antwortet mit Nein, denn in Sprüche 10:22 heißt es: „Der Segen Jehovas — er macht reich, und keinen Schmerz fügt er ihm hinzu.“ (…) Dem wahren Gott zu dienen bringt jede Menge Zufriedenheit und Glück. Satans Welt dagegen hält jede Menge Sorgen und Probleme parat. Diesen Gegensatz sollten Eltern ihren Kindern deutlich vor Augen führen (Jer. 1:19).

Ja, meine Taufe war freiwillig, mir hat niemand eine Pistole an den Kopf gehalten, das ist eine Tatsache. Eine Tatsache ist es aber auch, dass mich niemand objektiv über meine Optionen aufgeklärt hat. Es war keine informierte Entscheidung auf Basis eines Kenntnisstandes, der alle Möglichkeiten umfasste. Es war eine Entscheidung, die ich traf, weil es das war, was man machte, wenn man in dem Leben aufgewachsen ist und nichts anderes kennt. Ich war vierzehn. Ich wollte meinen Eltern gefallen. Sie hatten mir den oben zitierten Gegensatz vor Augen geführt. Aber ich kannte nur die eine, ihre Seite. Ich kannte nur die Geschichte der Zeugen Jehovas, wie sie mir vorgekaut worden war. Ich kannte nur die Sicht auf die Welt, die mir die Brille bot, die man mir aufgesetzt hatte. Ich hätte genauso gut in den Kulissen von Fox News aufwachsen können. Und des gewissen Risikos, dass ich aufgrund meiner Taufe irgendwann meine Familie verlieren würde und alle, die mir nahestanden, war ich mir mit vierzehn Jahren einfach nicht bewusst. Kennt man zu einem Medikament keine Alternative, glaubt man, leiden zu müssen, wenn man darauf verzichtet, verschwendet man keine Zeit an einen Beipackzettel. Man überfliegt ihn höchstens. Vielleicht muss ich anhand eines kurzes Exkurses erklären, was ich meine:

Wie ein Zeuge Jehovas entsteht

  1. Er oder sie wird hineingeboren.
  2. Ein Zeuge Jehovas steht an deiner Tür. Du nimmst einen Wachtturm und einen Erwachet! entgegen. Bei einem seiner erneuten Besuche stimmst du einem Heimbibelstudium zu. Du studierst ein Buch der Wachtturm-Gesellschaft mit ihm, dann noch ein zweites. Du beginnst, regelmäßig die Zusammenkünfte zu besuchen. Meine Güte, sind die Brüder und Schwestern in der Versammlung nett. Sie nehmen sich Zeit für dich und du wirst sogar zu den Versammlungsfesten eingeladen – obwohl du noch gar nicht offiziell dazugehörst! Langsam aber sicher gelangst du zur Überzeugung, dass du das richtige machst, und weil du weißt, dass es von einem Zeugen Jehovas erwartet wird (und weil du auch in dieses Paradies willst, von dem alle reden), beginnst du, auch in den Predigtdienst zu gehen. Du wirst ein ungetaufter Verkündiger, und nachdem eine angemessene Zeit vergangen ist, lässt du dich taufen. Du bist offiziell ein Zeuge Jehovas.

Der Unterschied zwischen dir und mir? Man hat in meinem Fall nur halb so viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Wenn man jemanden überzeugen möchte, der die Alternativen kennt, muss man sich sehr viel Mühe geben. Wenn man die unerwünschten Möglichkeiten in den prägenden Jahren von Anfang an verteufeln oder gar ausschließen kann, ist es nicht besonders schwierig. Zumal ich immer nur mit halbem Ohr hingehört habe und erfolgreich auf Drohbegriffe wie Harmagedon, Sünde oder Dämonen konditioniert worden war. Ich habe den Beipackzettel bloß überflogen. Mit dir ist man ihn Punkt für Punkt durchgegangen. Zugegeben, es war kein objektiver Arzt, der dir zur Seite stand, sondern der Pressesprecher des Pharma-Unternehmens. Aber dennoch. Ich hatte nicht so recht einen Überblick über die Risiken und Nebenwirkungen dessen, worauf ich mich einließ.

Zunächst änderte sich nach meiner Taufe ja auch nicht viel. Kleinigkeiten: Ich wurde von der Bühne mit „Bruder Nachname“ angesprochen, ich durfte als Vertreter des männlichen Geschlechts in der Versammlung Vorrechte übernehmen – und wenn mein Vater nicht da war, ergab sich die wunderliche Situation, dass ich noch zu jung war, ein Familienbibelstudium zu leiten, und meine Mutter zu Frau, um es in meiner Anwesenheit ohne Kopfbedeckung zu tun.

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21 Gedanken zu “Taufe

  1. Sandra

    Ich bin heilfroh, dass ich mich nicht habe taufen lassen. Es gab da mal einen Moment, einen Kongress, als ich 14 war. Ich bin selbst hingefahren, meine Eltern konnten nicht. Da habe ich mich im Geiste hingegeben. Das war wohl ein verzweifeltes Festklammern an eine zunehmend zerrüttete Familie. Mehr ist daraus nie geworden.
    Ich kenne aber dieses „reinrutschen“. Andere rutschen über Haschisch in die Drogen ab, andere über die Kindheit in die ZJ. Abgründe tun sich auf 🙂
    Dass die Kindstaufe wieder aktuell wird, finde ich furchtbar, aber bei sinkenden Mitgliederzahlen kein Wunder. Da kommt keiner auf die Idee zu argumentieren, dass sich Jesus erst mit 30 hat taufen lassen? Schade, das würde einige Familien weniger belasten, wenn ihre Kinder nicht zu Abschaum werden, wenn sie ihre „gottgegebene“ Freiheit nutzen und Entscheidungen treffen, die ihren Eltern nicht gefallen.

  2. Rabea

    Perfekte Schilderung der Beweggründe eines Kindes, sich bei den ZJ taufen zu lassen. Die Zitate der leitenden Körperschaft lassen mich gerade schon wieder platzen vor Wut…Danke für den Artikel!

  3. Anira

    Mal wieder ein sehr lesenswerter Beitrag von dir. Als Uneingeweihte frage ich mich jetzt jedoch, ob die ZJ-Kinder, die sich nicht taufen lassen, bessergestellt sind als solche, die sich taufen lassen und dies später bereuen. Wenn jemand mit – sagen wir – Anfang 20 noch nicht getauft ist und auch nicht mehr zu den Versammlungen geht, ist ja eigentlich auch klar, daß dieser mit den ZJ gebrochen hat. Oder gilt da noch die Hoffnung auf eine späte Einsicht?

    • Wiebke

      Naja, die die sich nicht taufen lassen sind (elternabhängig) einem großen Druck ausgesetzt sich zu beugen. So richtig total freiwillig ist das alles ja nicht. Bei meinen Eltern wars schon so, dass ihre Anerkennung und ihr stolz-sein fast ausschließlich von allem abhing, was ich für die Organisation getan habe und wie gehorsam ich war. Alles andere wird mit Enttäuschung quittiert. Vielen ist die Entscheidung in die Versammlung zu kommen bis zu einem gewissen Alter auch nicht freigesetzt. Ich glaube ganz so einfach ist das nicht. Zumal die Ungetauften ja häufig nicht weniger indoktriniert sind, ihnen somit schon unter Umständen die automatische Gewissensalarmanlage losgeht, wenn sie sich einen Schritt zu weit rausgewagt haben. Dafür haben sie nicht den harten Bruch, was den Kontakt zur Familie und Freunden angeht, den Getaufte haben, die austreten. Und die Hoffnung auf Einsicht stirbt nie!

      • Heike Rose

        Hallo Wiebke,
        ich habe gerade den Beitrag auf youtube gesehen, wo Du über Deine Zeit bei den Zeugen Jehovas sprichst, wenn Du dieselbe bist !?
        Ich bin total betroffen, bin ich doch selbst aus der Gemeinschaft raus seit 2007, bin aber nicht ausgeschlossen. Kann sehr gut nachempfinden wie es Dir damals gegangen bist und hätte Dir sehr gerne beigestanden, weiß wie schwer der Neustart ist. Falls Du Lust hast und die Wiebke aus dem TV Beitrag bist, würde ich mir über eine Nachricht sehr freuen, schreib doch an meine e-mail heiro55@web.de, ich wünsche Dir von ganzem Herzen ein selbstbestimmtes, glückliches und zufriedenes Leben, Heike von der Nordsee 😉

    • Sparlock

      Nun, ich weiß nicht was du unter genau „bessergestellt“ verstehst. Wer sich taufen lässt und das letztlich bereut, ist ja i.d.R. dann auch rausgeflogen, sprich ausgeschlossen und gilt als Feind der Organisation und wird mit einem Kontaktverbot belegt.
      Ich z.B. habe mich nicht taufen lassen, bin als ich Erwachsen war gegangen. Mit mir darf man noch sprechen, ich bin also nicht als Verräter an der Sache abgestempelt, das machen sie nur mit Menschen die sich durch ihre Taufe (selbst im Kindesalter) einst zu der Sache bekannt haben und dann gegangen sind. Ich bin quasi nur ein „Weltmensch“ (Wort mit negativer Bedeutung bei den Zeugen) sowie du, aber kein „Abtrünniger“ (echtes Angstwort bei den Zeugen).

  4. Torsten

    Ich hatte es schon ziemlich weit geschafft, mich nicht taufen zu lassen. Aber dann hab ich mich mit 19 in die Tochter eines Ältesten verliebt. Da muss man natürlich sofort heiraten und das geht nur „richtig“, wenn beide getauft sind. Und es stimmt, dass die Befragungen nur formhalber sind: die Gesichter der Ältesten, die mit mir die Fragen durchgegangen sind waren völlig erschrocken über meine offensichtlich „falschen“ Antworten. Ein paar Älteste haben sich auch gegen meine Taufe ausgesprochen, aber das wollten die anderen meinen Eltern wohl nicht antun. Also durfte ich mir erst eine Badehose und dann meinen Hochzeitsanzug kaufen…

  5. Wiebke

    Sehr gut! Besonders mag ich den Satz „Mir brach ein Stein aus meinem Herzen und fiel.“. Schöne Formulierung! Ich hab mich mit 12 taufen lassen. Es stand auch keiner mit ner Pistole daneben. Trotzdem halte ich den Punkt „Freiwilligkeit“ in Sekten für sehr umstritten. Es wird einfach sehr darauf hingewirkt, dass der durch Schaffen von Abhängigkeit und dem natürlichen Streben nach Anerkennung, die gezielt nur für „theokratische“ Leistungen gezollt wird, entstehende Zwang gut hinter Floskeln wie „Gewissen“ kaschiert ist. Kein Risiko?? Das tut doch in der Seele und den Augen, die es lesen müssen weh!

  6. Tousjours

    Ja 14 war auch mein Taufalter und wie es der Zufall will heute vor 12 Jahren. Vor einem Jahr habe ich aufgehört die Zusammenkünfte zu besuchen und seitdem dem Gespräch mit meinen Eltern diese auch nicht wieder gesehen oder von ihnen gehört, ausgeschlossen seit knapp 3 Monaten. Im nachhinein ging es mir genauso wie dir… Meine Schwester die drei Jahre älter ist als ich, hatte sich mit 14 taufen lassen und man höre und staune mit 16 geheiratet, der Druck war wohl sehr groß bei meinem Schwager… egal. Mit 13 fragte mich meine Mutter mit recht forschem Ton wie ich damals schon fand, wann ich mich denn ENDLICH taufen lassen will. Und ja, was hatte ich für eine Wahl? Ich hatte auch keine Ausrede warum ich kein Pionier werden sollte, Filme gucken und Ballerspiele statt dessen zu spielen zog nicht, ergo Pionier geworden, weil meine Schwester war ja schließlich auch. Und ich staune bis heuten wie ich es geschafft habe bei meinem Doppelleben (Gewaltfilme, Pornos, Ballerspiele, gern mal Diebstahl) Dienstamtgehilfe zu werden, wo doch die Leitende Körperschaft oder zumindest die Dienstabteilung im Bethel unter Einfluss des heiligen Geistes direkt von Gott der alles sieht diese Entscheidung trifft.

    @ Anira: Wenn du dich nicht taufen lässt bist du fein raus. Ein Mädel aus unserer Versammlung, gleichaltrig, Tochter eines Ältesten, hat mit 14 keine Versammlung mehr besucht. Sie fahren gemeinsam in den Urlaub, essen regelmäßig zusammen und haben auch sonst ein nettes Leben zusammen, sie studiert, der aktuelle Freund wird regelmäßig vorgestellt und akzeptiert also eine ganz harmonische Familie, für alle beteiligten. Weiß nicht ob das überall so ist aber solange du nicht getauft warst bist du safe, naja außer in Harmagedon und da entscheidet ja sowiso Gott nochmal wie es in deinem Herzen aussieht..

  7. Sparlock

    Ich kann das mit der falschen Motivation gewisse Dinge zu tun gut nachvollziehen. Ich habe mich zwar nicht Taufen lassen, bin auch kein ungetaufter Verkündiger geworden, aber ich hab mich damals zur theokratischen Predigtdienstschule angemeldet, weil ich meinen Eltern eine Freude bereiten wollte. Meine Eltern freuten sich zwar, aber es war im Nachhinein eine schlechte Entscheidung. Die Panik vor der Rede, Blut und Wasser schwitzen während Rede und dann auch versuchen Dinge mit Überzeugung vorzutragen, die einem eigentlich am Arsch vorbei gehen. Aber letztlich war es mein Fehler gezwungen hat man mich nicht.

    Zum Glück habe ich nie den Druck verspürt weitere Fortschritte auf der ZJ-Karriereleiter zu machen, auch wenn meine Eltern mich vielleicht ein paar mal darauf angesprochen haben, ob ich nicht ungetaufter Verkündiger werden wolle. Letztlich haben sie wohl deutlich gemerkt, dass ich nicht Feuer und Flamme fürs Zeuge sein war. Sie konnten es sicher daran sehen, dass man mich zum Predigtdienst „zwingen“ musste und ich auch dort nie an den Türen vorgesprochen habe und auch nur widerwillig und unglücklich mit ihnen zusammen daheim studiert habe (Wachturm, Bücher, Bibel lesen etc).

    Ich glaube ich habe mir selbst auch nie wirklich Druck gemacht, auch wenn ich in der Versammlung sah, wie viele Gleichaltrige und sogar Jüngere „geistige Fortschritte“ machen.
    Ich kann mir vorstellen, dass für viele der Druck als „geistig erwachsen“ zu gelten sehr groß ist. Ich blieb quasi „geistig“ ein Kind geblieben, bei mir herrsche Stillstand während mich die anderen überrundeten; irgendwie muss es mir schon unbewusst klar gewesen sein, dass ich nie ein Zeuge werde, ich hatte nie „geistige Ziele“. Wenn mein Mutter mich fragte, ob ich denn überhaupt vor hätte ein Zeuge zu werden, sagte „ja“, schließlich wusste, dass ich ihr keine größere Enttäuschung bereiten könnte als diese Frage mit „Nein“ zu beantworten. Der Druck für mich war, die Gefühle meiner Eltern nicht zu verletzen, aber ich war nicht bereit dazu jeden Preis zu zahlen und mich einem Leben zu verschreiben, welches nichts mit mir zutun hat.

    Letztlich führte mein Stillstand wohl auch dazu, dass die Freunde die ich bei den Zeugen hatte sich langsam von mir zurückzogen und ich mich im Königreichsaal noch unwohler fühlte als sonst schon. Wenn Freunde mit denen du viel Spaß hattest keine Unterhaltungen mehr mit dir führen, sondern dich nur noch kurz im vorbeigehen grüßen, dann weist du, du bist hier endgültig fehl am Platz. Anfangs mag mich ihr Verhalten ein wenig traurig gestimmt haben, heute bin ich ihnen dankbar, denn eigentlich blieb ich doch nur noch wegen unserer „Freundschaft“. Es keinen guten Grund mehr das Ganze zu ertragen und ich verschwand.

  8. Als Ex-Baptistin finde ich das alles hoch interessant. Vor allem verblüfft mich immer wieder, wie ähnlich sich das alles in diesen Zusammenhängen abspielte, trotz aller theologischen und inhaltlichen Unterschiede.

    Ich weiß nicht, wie das bei den Zeugen Jehovahs war, aber bei uns wurde [hinter vorgehaltener Hand – alles andere wäre hochmütig gewesen] doch immer wieder betont, dass „wir“ den „einzig wahren Glauben“ hätten. Alles andere sei Irrlehre.
    Ja. Logisch. Nur dass es ungefähr 1000.000 andere Gruppierungen gibt, die genau dasselbe von sich behaupten. Wie kann das sein?

    Naja. Auch ich hab mich mit 14-15 taufen lassen. Scheint in solchen Kreisen ein entscheidendes Alter zu sein. Vielleicht spielt auch der Wunsch eine Rolle, dass man als „erwachsen“ wahrgenommen werden möchte…

    Den Schritt ins Wasser habe ich (rückblickend) dann doch eher getan, um Erwartungen zu erfüllen. Als Pastorentochter stellte sich für mich damals nicht die Frage, ob überhaupt, sondern einfach nur wann. Und da konnte ich es genausogut auch hinter mich bringen. Auch um meine Ruhe zu haben. Aber damals habe ich das alles schon auch richtig ernsthaft geglaubt bzw. wollte es auch glauben. Eine andere Möglichkeit gab es für mich einfach nicht.

    Ach ja: So im Kindergartenalter war ich fest überzeugt dass Täuflinge in enger Beziehung zum Teufel stehen müssten. Klingt ja ähnlich, auch wenn es mir irgendwie nicht so richtig logisch erschien… 😛

  9. Marcel

    Bei mir kam zu dem gesellschaftlichen Druck noch ein anderer hinzu. So lange ich mich nicht taufen lasse gewinnt satan. Wow. Was fuer eine belastung es fuer mich war und vielleicht noch immer ist ein teil der universellen streitfrage zu sein. Da musste man sich ja taufen lassen als kind. Sonst steht man als wissender ja schon auf der falschen seite. Hab mich mit 16 taufen lassen. Aber niemals jehova hingegen. Am morgen als wir zum kongress fuhren dachte ich dann ich musse das auch noch endlich machen. Aber dann doch nicht gewusst was ich jehova versprechen solle. Ich machte doch schon den ganzen kram den er will. Und irgendwie liebte ich ihn nicht. Heute ist gott fuer mich ein eingebildeter, unfaehig seine probleme zu lösender, rachegott. Leider bin ich kein atheist.
    Ausgeschlossen seit 7 jahren mit allen konsequenzen. Und am anfang war ich sogar stolz auf meine eltern das sie ihren glauben so weiter verfolgen und wollte ihnen da bloss keine steine in den weg legen und mich fern halten. Seit ca. Einem jahr kippen meine gedanken und ich wuerde sie am liebsten weg holen davon. Kennt jemand dieses gefuehl? Am anfang habe ich alles verdraengt. Es kommt so lsngsam alles hoch. Das macht mich momentan wirklich geistig krank.

    • Sparlock

      @Marcel
      Ja es scheint typisch zu sein, dass man sich nach dem Verlassen der Zeugen (oder auch jeder anderen Sekte) erst gar nicht mehr damit beschäftigen und alles verdrängen will. Vor allem dann, wenn man die Sekte nicht bewusst verlassen, weil man erkannt hat, dass sie falsch liegt, sondern einfach gegangen ist, weil man einfach nur raus wollte oder rausgeworfen wurde. Ich habe nach meinem Weggang über 10 Jahre nicht mehr über Religion, Gott und die Zeugen nachdenken wollen, im Hinterkopf war trotzdem noch der Gedanke sie wären vielleicht „die wahre Religion“ aber irgendwann holt es einen wieder ein. Es gibt im englischen die schönen Spruch „You can leave the cult, but the cult won’t leave you.“

      Als ich dann mal im Internet anfing zu recherchieren und wirklich viele gut belegte Fakten über die dunkle Seite und die Unehrlichkeit der Wachturm-Gesellschaft fand ( ihre Geschichte, ihre Führer, UNO-NGO, Kindesmissbrauchskandale, Hedgefonds, falsche Bibellehren wie 1914, die Menge an falschen Prophezeiungen, bewusste Falschzitate bzw. Lügen in Publikationen, Manipulation von Menschen nach B.I.T.E.-Model). Meine Eltern sind Zeugen und ich kann nur verzweifelt dabei zusehen wie kostenlos für die Organisation viele Stunden jeden Monat arbeiten und ich weiß auch wie viel Geld sie monatlich nach Selters überweisen, es ist nicht gerade wenig. Ich befürchte meine Eltern gehören zu den völlig Verblendeten, egal was die Organisation anstellt, sie würden weiter durch die Gegend laufen und sagen „Wir sind in der Wahrheit“… dabei ist die Wahrheit wohl das Letzte was sie interessiert.
      Die Wahrheit ist für sie nichts, was auf Fakten beruhen muss, die Wahrheit ist eine Organisation … die Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania.

  10. Tousjours

    @ Marcel Hey setz dich mit deiner Vergangenheit auseinander das tut manchmal weh, weil du nicht wahr haben kannst das du das alles geglaubt hast aber das wird schon. Ich kann http://www.sektenausstieg.net/ empfehlen. Sehr gut zusammengestelltes Material über Zeugen Jehovas und andere. Wenn gerade alles hochkommt empfiehlt sich eine Therapie und bis es soweit ist arbeite alles auf, schreib deine Storys so wie der Autor dieser Seite. Ich halte an meiner Schule demnächst Referate im Ethikuntericht, mach was um das ganze für dich richtig abzuschließen. Rede mit deinen Freunden darüber was du geschafft hast, du wirst sehen das beeindruckt viele, es ist besser zu sagen man war mal bei den zeugen als man ist bei den Zeugen, das brauchst du nicht wie in der Schule verstecken 😉 und es gibt einen positiven Egopush.
    Ich würde mir ja auch wünschen meine verbohrten Eltern da herauszuholen nur hätten sie keinen Vorteil davon. Beide über 50, von den Eltern als Zeugen erzogen worden haben sie nie gelernt Selbstständig zu leben. Nehmen wir an deine Eltern verlassen jetzt die Zeugen dann kennen sie niemanden außer dich, wissen auch nicht wie man Leute wirklich kennenlernt. Das ist leider die Realität, darum gehen auch so viele wieder zurück, weil sie mit der Realen Welt nicht klar kommen. Ich vergleich das gerne mit der Matrix. Wenn du drinne bist ist alles gut und du weist nichts von außerhalb, verlässt du die „Matrix“ musst du mit den Konsequenzen Leben, das eben nicht alles glatt geht, im Film wollte Cypher ja genau deswegen wieder zurück. Es gibt wirklich so viele Parallelen. Ein Vergleich der nicht ganz so nerdy ist, ist Nordkorea. Das Volk darf nicht wissen was außerhalb geschieht – keine Technik, kein Internet, die Zeugen dürfen keine Kritik oder etwas über andere Religion lesen. Der Feind: Südkorea, bei den zeugen die Welt. Und es gibt noch so viel mehr was man vergleichen kann Propaganda z.B. aber das wird hier sonst noch zu viel.
    Leider wirst du bei deinen Eltern, nie soweit kommen gut argumentieren zu können, sie werden dir nicht zuhören und man muss aufpassen das man daran nicht verzweifelt.

  11. Andrea

    Habe mit großem Interesse die Beiträge in diesem Blog gelesen, es spricht mir aus dem tiefsten Herzen
    Ich bin jetzt fast 53 Jahre alt und obwohl mir bereits 1986 zum zweiten Mal die Gemeinschaft entzogen wurde (ich wurde hineingeboren, Taufe mit 13, meine Eltern immer noch dabei), habe ich erst jetzt begonnen, mich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen. Bisher habe ich all die Jahre alles verdrängt und einfach versucht dem „verbleibenden Leben“ etwas Gutes abzugewinnen. Habe mich ganz tief drinnen aber immer „böse“ gefühlt. Die Gehirnwäsche von Beginn meines Lebens an, hat tief gewirkt. Über meine Vergangangenheit bei den ZJ konnte ich nie sprechen, völlig blockiert. Bin jetzt in therapeutischer Behandlung. Ich hoffe, es gelingt mir endlich, die ersten 26 Jahre meines Lebens zu begreifen und aufzuarbeiten.
    Momentan versuche ich, bislang erfolglos, in Berlin oder Umgebung eine Selbsthilfegruppe zu finden.

    • Tabitha

      Liebe Andrea, ich wünsche dir viel Kraft deiner Vergangenheit zu begegnen. Dieses Leben ist es wert gelebt zu werden mit aller Liebe zu uns selbst. Dass du dich in therapeutische Behandlung begeben hasst ist der Beweis dafür, dass du begonnen hast dich selbst zu lieben und dem Gedanken “ böse zu sein“ nicht mehr zu glauben.☺

  12. Ruth / OnMyWay

    Langsam treten mir Tränen in die Augen, die Erinnerung an das alles tut weh. Es tut verdammt weh.
    Meine Taufe war mit 15 (1983) und ich war damals wie in nem Rausch, ich wollte es einfach trotz aller innerer Zweifel daran je gut genug zu sein dafür. Vor allem das Predigen gehen war die Hölle, die ich nie gemeistert habe und auch mein Interesse an den Themen, der Literatur und so war viel zu gering. Meine Mutter hatte mir nicht umsonst immer vorgeworfen ich würde alles andere mehr lieben als Gott. Vor allem lesen…. als Kind hat mir meine Mutter noch vorgelesen, lange noch, und dafür sind wir sogar extra in Bibliotheken und haben da schöne Bücher rausgesucht. Aber irgendwann war das vorbei und sie machte Druck ich solle erst alles von den ZJ lesen bevor ich was anderes lesen sollte.
    Das hat Jahrelang mein Leseverhalten geprägt. Ich hatte total die Lust am Lesen verloren.
    Ich habe auch so vieles vergessen, verdrängt. Durfte ja auch kein Tagebuch schreiben, dh. hätte es schreiben dürfen, aber ich wollte eins zum Abschließen, und meine Mutter hat mich dann solang unter Druck gesetzt, denn ich musste ja böse Geheimnisse haben, wenn sie es nicht lesen durfte, bis ich die Seiten aus dem Tagebuch gerissen hatte und es ihr vor die Füße warf (natürlich hatte ich wirklich Geheimnisse).
    Äh ich schweife ab sorry…..
    Meine Mutter hat mir später mal gesagt sie sei von meiner Eignung zur Taufe nicht überzeugt gewesen, hatte aber keinen Mut mir das zu sagen. Ihr wäre im Nachhinein auch lieber gewesen ich wäre nie getauft gewesen. (Wie schon erwähnt hab ich, was ja ungewöhnlich ist, viel Kontakt mit meiner Mutter).
    Meine Taufe lief merkwürdig ab. Es war auch in nem Kongressaal mit integriertem Taufbecken. Ich war nicht grade die schlankste, aber auch nicht so dick wie heute. Jedenfalls hatte ich nen ganz normalen Badeanzug an. Taufe wie gehabt untertauchen und so alles normal. Nur als ich aus dem Wasser kam reichte mir jemand völlig fremder nen Bademantel, was ich eigentlich als sehr nett empfand, bis ich hinterher rausfand, dass sie das getan hatten um die anderen nicht mit meinem Anblick zu sehr zu belästigen. O_O
    Das hat der Sache im Nachhinein einen ganz schönen Dämpfer versetzt.
    Ich bin übrigens auch eine, die schon mal raus war, mit glaube ich 16 oder 17 das erste Mal und dann wieder zurück ist, also die ganze Wiederaufnahmeprozedur durch hat um dann 2001 entgültig raus zu sein. Ich hab es nie verdrängt hab immer offen drüber geredet, aber ich war dennoch innerlich mächtig verbastelt und am Anfang kein Gegner. Ich war einfach für mich nur klar ich war nicht gut genug dafür und hab eben den Tod freiwillig gewählt. Das war meine Intention. Das hier und jetzt leben wollen.

    Jetzt besonders in letzter Zeit kocht viel hoch, will es nochmal durchgedacht werden. Ich werde immer wütender auf die Organisation, aber auch überhaupt auf das ganze wertende christliche Regelwerk. Ich habe das alles glaube ich noch nicht genug in meine Therapien einfließen lassen, meine ersten Therapien gingen immer nur darum das ich nicht richtig funktionierte und wie ich besser funktionieren könnte.
    Vor inzwischen 3 Jahren bin ich dann das zweite Mal zusammengeklappt weil Vergangenheit hochkochte. Da ging es aber dann erst mal um das kranke Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter und aller anderer Dinge die schief gelaufen waren. Die Religion zwar inklusive, aber es hatte noch nicht das Gewicht. Jetzt läuft meine Therapie leider grade wieder bald aus. Stunden sind alle, aber mir wird grade jetzt hier bewusst, das ich mit dem allem so überhaupt noch nicht durch bin. Leider hat mein aktueller Partner bisschen Probleme damit, dass ich mich so intensiv mit der Vergangenheit auseinander setzen will, er meint man muss das alles hinter sich lassen. Nur, allein damit hat man es ja nicht verarbeitet.
    Meine drei schwerwiegendsten Schäden sind wie ich finde der Selbsthass, der Gedanke oder das Wissen dass ich schelcht bin, ein übergroßer innerer Leistungsdruck, der aber nicht dazu führt das ich besser bin sondern meist eher total verweigere und die Unfähigkeit zu vertrauen. Liebe war ja immer an Bedingungen geknüpft, die ich nicht wirklich fähig war (oder willens) zu erfüllen. Ja, es wurde viel von Liebe geredet, aber es war immer urteilende Liebe, auch wenn das nie zugegeben worden wäre. Das übertrage ich leider auf alle Menschen, und je näher sie mir stehen desto mehr.
    Und ich bin ehrlich, ich fürchte, diese tiefen Schäden werde ich nicht mehr los werden. Ich glaube ich kann nur noch versuchen lernen wie mit ner Behinderung damit zu leben.

  13. Kerstin

    Danke! Sehr gut zu lesen. Und ich erkenne mich zu fast 100% wieder. Allerdings war ich diejenige die das Wettrüsten verlohren hatte und somit beim nächsten Kongress nachgezogen hat.

    Ach ja nach meiner Taufe gab es in meiner Versammlung einen mega Brüller. Denn in vorderster Front an der „Spanner-Scheibe“ stand ein Jugendlicher in Jeans (sprich wird wohl eher kein ZJ-KInd gewesen sein) und muss lautstark gemeint haben:“ Boh hat die ne geile Figur“

  14. Ich musste ganz oft nicken und ab und zu auch schmunzeln bei deiner Beschreibung. Ja ganz genauso war es bei mir auch, als ich mich mit 15 Jahren als Kind von ZJ taufen liess, weil es einfach erwartet wurde und dran war. Keine tiefere Bedeutung oder Herzensangelegenheit. 2006 schaffte ich den Ausstieg, und übergab 2007 Jesus mein Leben, fand heraus welch liebenden Vater ich im Himmel habe, und nach 8 Jahren voller Erlebnisse mit ihm, habe ich mich heute mit ganzem Herzen und voll Freude „richtig“ taufen lassen!!

    LG
    Jessi

  15. Verena

    Ich lese hier unter Tränen Dinge die ich vor Jahrzehnten schon hätte lesen sollen.! Meine Eltern wurden damals zum Glauben der ZJ überzeugt da war ich 10 Jahre alt. Heute bin ich 48 .und habe vor 3 Jahren die Kraft gefunden zu gehen mit allen unmenschlichen Massnahmen die einem den Rest geben. Spät fange ich an zu realisieren das man unter den Zeugen keine Freunde hat.Wenn du diese Käseglocke verlässt sind die Jahrzehntelangen „Freunde“ nicht mehr da,ja und die Elter sowieso nicht
    . Vertane Zeit ,die mit heute fehlt. ( Ich mache eine Ausbildung die ich ja nie machen konnte weil ja Harmagedon vor der Tür steht und Stunden auf dem Zettel stehen mussten ). Ja wir hatten ja alle unsern Nächsten lieb nur nicht wenn er ausgeschlossenen war.
    Meine Glaubensüberzeugung kamm zum wanken als mein damaliger Mann und Ältester 2 Selbstmordversuche hinter sich hatte . Ist wohl keine Seltenheit . Wenn man bedenkt das man vor 25 Jahren dafür auch ausgeschlossen wurde. ……. Ich lese ihr in diesem Block hat jeder sein Päckchen zu tragen, und jeder könnte ganze Bücher füllen mit Wahrheiten Konflikten ,Ängste, Trauma aber auch mit happy end. Alles liebe für euch LG Verena aus Niedersachsen

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