Valar Morghulis

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Hades war sauer. Äskulap hatte seine Kompetenzen überschritten. Er war zwar der Gott der Heilkunst, aber zu seinen Aufgaben zählte nicht, Menschen von den Toten aufzuerwecken. Hades, der Totengott, sah seine eigene Geschäftsidee gefährdet. Also verpetzte Hades den Missetäter bei Zeus, der keine Sekunde zögerte, Äskulap zu töten. Zeus hatte Angst, der Mensch könnte an der Unsterblichkeit gefallen finden. Dass sich eine Familie womöglich einfach über die Rückkehr eines geliebten Menschen gefreut und an etwaige Unsterblichkeiten keinen Gedanken verschwendet hatte, kam ihm nicht in den Sinn.

Ich weiß nicht, ob das eine wahre Geschichte ist. Wenn sie es ist: Krass. Wenn sie ein von Menschen geschaffenes Märchen ist, dann taugt sie mindestens als weiteres Glied in einer endlosen Beweiskette für das urmenschliche Streben nach ewigem Leben und der Überwindung des Todes.

Es ist ein schöner Gedanke, dass die Menschen, die von uns gegangen sind, zurückkehren. Keine Erinnerung kann einen Menschen ersetzen, auch wenn der Mensch überzeichneter wird, je mehr die Erinnerung verblasst, egal, ob im Guten oder im Schlechten. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod ist ein Teil des Lebens, genau wie der Wunsch, ihn zu überwinden. Genau wie der Wunsch, den geliebten Mensch zu behalten.

Niemals geht man so ganz, sang schon Trude Herr, irgendwas von mir bleibt hier. Die Unsterblichkeit der Seele ist längst nicht nur das Steckenpferd der Religionen; selbst die Wissenschaft, speziell die Quantenphysik, geht der Frage nach, was mit der Seele passiert, wenn der Körper, und die Redewendung kommt offenbar nicht von ungefähr, seinen Geist aufgibt. Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr zum Beispiel, oder sein amerikanischer Kollege Jack Sarfatti, der seine umstrittene Theorie auf dem Prinzip der Quantenverschränkung aufbaut: Zwei Teilchen, die zusammengehörten, bleiben auch nach der Trennung verbunden und kommunizieren miteinander, egal, wie weit und wie lang sie voneinander getrennt sind. Das betrachtet Sarfatti als Indiz dafür, dass die Seele nach dem Tod weiterexistiert.

Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert. – Jack Sarfatti

Das ist, wenn man die Wachtturm-Gesellschaft fragt, Quatsch. Jehovas Zeugen glauben nicht an die unsterbliche Seele. Was tot ist, ist tot. Ihrer Ansicht nach hat der Mensch keine Seele, er ist eine Seele. Folglich stirbt die Seele, wenn der Mensch stirbt. Das muss es aber nicht gewesen sein. Ihr Gott hat vorgesorgt. Jehova wird Menschen vom Tod auferwecken, behaupten die Zeugen, und stützen sich dabei auf Apostelgeschichte 24:15:

Und ich habe die Hoffnung zu Gott, welche diese [Männer] auch selbst hegen, daß es eine Auferstehung sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten geben wird.

Jehovas Zeugen wissen, dass Menschen Angehörige, die sie verloren haben, vermissen. Die Aussicht, von den Toten in ein irdisches Paradies aufgeweckt zu werden, die sogenannte Auferstehungshoffnung ist die Unique Selling Proposition der Zeugen Jehovas und gleichzeitig das Haupt-Incentive ihres Bonusprogramms. Im Paradies, nach Harmagedon, wird Jehova alle Menschen, die gestorben sind, von den Toten auferwecken.

Natürlich nicht alle. Jehova wird schon ganz genau gucken, wer eine zweite Chance erhält. Hitler? Eher nicht. Wobei, wer weiß das schon. Die Zeugen Jehovas sagen selbst, dass sie nicht mit Sicherheit wissen, wer das Glück haben wird.

Die Bibel beantwortet uns nicht alle Fragen, die wir in bezug auf die Auferstehung bestimmter verstorbener Personen haben mögen. Wir können aber überzeugt sein, daß Gott, der alle Tatsachen kennt, unparteiisch vorgeht, daß er Recht walten läßt, gemildert durch Barmherzigkeit, die seinen gerechten Maßstäben entspricht. – Unterredungen anhand der Schriften, Seite 50

Jehovas Zeugen gehen davon aus, dass sie zu den glücklichen Auserwählten gehören, die nicht nur Harmagedon überleben werden, sondern die Aussicht genießen, ihre toten Verwandten in der Auferstehung in die Arme schließen zu dürfen. Deshalb folgen sie auch gern der strengen Empfehlung der Leitenden Körperschaft, auf Bluttransfusionen zu verzichten. Halb so schlimm, das Kind zu opfern, wenn man weiß, dass es ohnehin wieder von den Toten auferweckt wird.

Die Lehre von der Auferstehung begleitete die Zeugen Jehovas von Anfang an. Bloß über den Zeitpunkt dieses Wunders war man sich nie so einig. Judge Rutherford, der zweite Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, war so sehr davon überzeugt, die Auferstehung noch zu erleben, dass er sein Haus, Beth Sarim genannt (ie. Das Haus der Fürsten), unter anderem David, Gideon, Barak, Simson, Joseph und Samuel überschrieb – ja, genau den Davids, Gideons, Baraks, Simsons, Josephs und Samuels. John Cedar, der Herausgeber der Seite jwsurvey.org, entdeckte die Namen der alttestamentarischen Fürsten in der Besitzurkunde des Hauses, das bis zum heutigen Tage in San Diego steht. Judge Rutherford glaubte wirklich, die verstorbenen Herren würden zu seinen Lebzeiten irgendwann durch die Haustür gestolpert kommen.

Es gab bei uns zu Hause ein Spiel, bei dem jeder reihum sagen sollte, welche biblische Figur er in der Auferstehung treffen und was er sie fragen wolle. Ich kann mich nicht erinnern, wen ich genannt habe, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann auf Elisa gekommen bin, der Prophet, der einen Haufen frecher Blagen zur Strafe von Bären verspeisen ließ. Ich hätte mich gerne über diese Episode ausgetauscht. Es gab da in der Nachbarklasse so ein Arschlochkind.

Was ich mich persönlich immer gefragt habe, ist Folgendes. Es ist ja so: Zeugen Jehovas dürfen erneut heiraten, wenn a) ihr Partner Ehebruch begeht und sie sich scheiden lassen, b) sie Ehebruch begehen, bereuen, nicht ausgeschlossen werden, ihr Partner sich aber von ihnen scheiden lässt oder c) ihr Partner stirbt. Das ist also die Prämisse: Du bist Zeuge Jehovas. Deine Frau ist gestorben. Du heiratest erneut. Harmagedon. Die Auferstehung geht los. Während du mit deiner neuen Frau an der Hand zwischen den Leichenbergen der Ungläubigen flanierst, triffst du plötzlich auf deine wiederauferweckte tote Ehefrau. Mit der du dich am Totenbett noch über die Auferstehungshoffnung unterhalten hattest; du sagtest, dass sie sich nicht grämen solle, sie käme ja wieder, und sie sagte, dass die Auferstehung das war, was ihr in der ganzen Zeit Kraft gegeben hätte, bevor sie die Augen geschlossen hatte. In Vorfreude darauf, ihren geliebten Ehemann in die Arme zu schließen, kämpft sie sich durch die Ruinen der Erde, beseelt davon, endlich im Paradies zu sein, belohnt für ihre Gottestreue und den Verzicht auf eine lebensrettende Bluttransfusion, aber was müssen ihre wachen Augen sehen? Ihr Mann in den Armen dieser blöden Glaubensschwester, die auch schon zu Lebzeiten ein wenig zu oft mit ihrem Mann in den Predigtdienst hatte gehen wollen. Blöde Situation, irgendwie. Ich fragte mich immer: Wie wird das geregelt? Hat der wiederauferstandene Partner einfach Pech? Muss sich der Partner zwischen der alten und der neuen Frau entscheiden? Kann er beide nehmen? Heiratet man überhaupt noch oder wird der Sexualtrieb und die Fortpflanzung abgeschafft, weil jetzt eh alle ewig leben, und die Erde sonst zu voll würde? Und: Was ist mit Tieren? Würde mein Haustier auch zurückkommen?

Abgesehen davon, dass ich mich auch als Kind stets schon gewundert habe, dass Jehovas Zeugen überhaupt nochmal heiraten, wenn Harmagedon doch vor der Tür steht, waren das im Prinzip meine Fragen zum Thema Auferstehungshoffnung. Niemand konnte sie mir zufriedenstellend beantworten. Meine Eltern nicht, die Ältesten nicht, der Wachtturm nicht. Konsens unter vielen Zeugen Jehovas war aber: Gott wird die toten Ehepartner blitzdingsen. Somit wäre allen gedient. Wenn das mal kein Deus Ex Machina ist.

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6 Gedanken zu “Valar Morghulis

  1. Rebekka

    Mal wieder ein genialer Wochenbeitrag von Dir – egal um was es geht, Du triffst es immer auf den Punkt und schreibst über fragen, die ich mir auch gestellt habe!!
    Genial!!! Mach weiter so…ich freue mich über Deinen nächsten Beitrag.

    P.S. Wenn das mit der Arschlochkindbeseitigung klappt, dann sag bitte Bescheid, ich wusste da auch noch ein paar aus meiner Kindheit 😉

  2. Sparlock

    Ich kann mich noch daran erinnern das das Thema damals glaube ich auch im Buchstudium angesprochen wurde, vermutlich bei irgendeinem Jesus-Buch. Denn es gibt ja die Geschichte in der Bibel wie die Sadduzäer Jesus prüfen wollten (Lukas, Kapitel 20, Vers 27-40)
    ————————————————————————————————————————-
    Es traten aber einige von den Sadduzạ̈ern herzu, von denen, die sagen, es gebe keine Auferstehung, und fragten ihn 28. und sprachen: „Lehrer, Moses hat uns geschrieben: ‚Wenn eines Mannes Bruder, der eine Frau hatte, stirbt, dieser aber kinderlos blieb, so sollte sein Bruder die Frau nehmen und Nachkommen von ihr für seinen Bruder erwecken.‘ 29. Nun waren da sieben Brüder; und der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. 30. Und der zweite 31. und der dritte nahm sie. Desgleichen auch die sieben: Sie hinterließen keine Kinder, sondern starben. 32. Zuletzt starb auch die Frau. 33 Welchem von ihnen wird sie nun in der Auferstehung zur Frau werden? Denn die sieben hatten sie zur Frau.“
    34. Jesus sprach zu ihnen: „Die Kinder dieses Systems der Dinge heiraten und werden verheiratet, 35. diejenigen aber, die für würdig erachtet worden sind, jenes System der Dinge und die Auferstehung von den Toten zu erlangen, heiraten nicht, noch werden sie verheiratet. 36 In der Tat, sie können auch nicht mehr sterben, denn sie sind den Engeln gleich, und sie sind Gottes Kinder, indem sie Kinder der Auferstehung sind.
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    Letztlich, so habe ich es in Erinnerung, kam man zu der gruseligen Annahme, dass die Auferstandenen wie die Engel geschlechtslos sein würden und daher auch keine Partnerschaft mehr eingehen würden.

    Das stelle ich mir echt Grausam vor, du steht von den Toten auf und muss feststellen, dass dein Schniepie oder deine Mumu futsch ist und du von nun an untenherum so rumlaufen musst wie Barbie und Ken; und das für alle Ewigkeit. Das ist doch wohl der SuperGAU, bei den Zeugen kannste nur in der Beziehung nach dem Tod den Engeln gleich sein, dass dir die Organe fehlen, mit denen du den meisten Spaß hast, übernatürliche Kräfte gibts keine für dich ….
    (Ich frage mich allerdings warum die Engel, dann vor der Sinnflut die Menschenfrauen bumsen wollten, von wegen geschlechtsneutral, das ist ja wohl ein reiner Männerverein da oben 😀 )

    • Marcel

      Diese frage habe ich einigen aeltesten gestellt und derveinzige der sich traute eine anteort z7 geben meinte das frauen nun mal begehrenswerter sind als männer.
      Also engel = geschlechtslos. Sieht es aber eine frau findet es sie geil. Logisch!

  3. Tantal

    Ich les dein Blog ziemlich gerne, und such dieser Eintrag war wieder interessant. Trotzdem ein Wort der Kritik. Die Wissenschaft befasst sich nich mit der Unsterblichkeit oder Ähnlichem, auch nicht die Quantenphysik. Es gibt hier und da ein paar Spinner, die versuchen Quantenphänomene als Beleg für die eine oder andere esoterische These heranzuziehen, aber dabei werden bewusst die Grenzen der Quantenmechanik ignoriert. Das menschliche Bewusstsein ist genauso wenig mit dem Universum verschränkt wie der menschliche Körper in vielen Orten gleichzeitig existiert.

  4. Ruth / OnMyWay

    Tjaaa, die große Frage, was ist im Paradies, wie wird man sein. Und auch komm ich da überhaupt hin?

    Die Tatsache, dass ich mir aufgrund meiner besonderen Sündigkeit eh immer extrem unsicher war ins Paradies zu kommen, bewirkte auch einen geringeren Anreiz mich allem zu unterwerfen. Ich wollte irgendwann lieber das Leben im hier und jetzt genießen als auf etwas zu hoffen, was für mich vielleicht nie käme. Das ich es dann in echter Freiheit doch nicht so recht genießen kann, weil die innere Programierung immer wieder zuschlägt ist böse Ironie.
    Die Frage wer nachher noch Ehepartner wäre und wer nicht hat sich mir nie gestellt, denn die Regel Tod = Scheidung hab ich nie in Frage gestellt. Der Auferstehende hätte also pech, außer der Partner wäre dann allein geblieben und man wäre nachher wieder zusammengekommen.
    Was mir zu schaffen machte war auch die Frage, wie wäre es nachher, würde man noch Kinder bekommen oder wie wäre man so. Meine Mutter meinte mal wegen der Überfüllung der Erde, entweder es würde mal aufhören mit dem Kinder kriegen, oder da Gott ja allmächtig ist würde er vielleicht andere Erden einfach bevölkern. Die Idee fand ich dann eigentlich nicht so verkehrt.
    Der Gedanke vielleicht aber nie Kinder bekommen zu dürfen mal später, denn im realen Leben klappte das nicht, hat mich gequält. Das ist auch eine der wenigen Wunden, die mir das Leben im realen Leben zugefügt hat, das Kinder mir nicht vergönnt waren. Wobei ein Teil von mir klar sagt, dass es besser so war, denn so kaputt wie ich bin hätte ich meinen Kindern mit Sicherheit viel kaputtes weitergegeben.
    Dieses geschlechtslos werden bezog meine Mutter eigentlich immer nur auf die 144.000, die ja in den Himmel kommen sollten. Da passt es auch hin.
    So backt sich halt jeder doch wieder auch innerhalb der ZJ-Gemeinschaft seine eigene kleine Wahrheit.

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