Ich bin geistig krank

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Hallo, mein Name ist Misha Anouk, ich bin 32 Jahre alt und ich bin der Autor des Blogs Ich bin geistig krank.

Vorab ein wenig Kontext

Ich bin geistig krank ist ein Blog, das sich mit dem Aufwachsen in einer Zeugen Jehovas-Familie auseinandersetzt. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Episode und erzählt aus einem Leben in der Glaubensgemeinschaft, die durch das Verteilen der Zeitschriften Wachtturm und Erwachet! und der wiederholten Verschiebung von Harmagedon Berühmtheit erlangte. Der Autor verließ die Zeugen Jehovas mit Anfang 20. Über die Zeit davor und die Zeit danach schreibt er in diesem Blog. Das Blog heißt so, weil die Wachtturm-Gesellschaft, die Organisation der Zeugen Jehovas, andersdenkende Ehemalige in ihren Publikationen als „geistig krank“ bezeichnet. Der Autor des Blogs schrieb die Episoden seit September anonym, nannte sich in Interviews „Lars“ oder „Caleb“ und zeigte sich online höchstens unter einer Maske versteckt. Es ist nun Zeit, die Maske abzulegen.

Dieser Autor bin ich. Mein Name ist Misha Anouk.

Es ist witzig, wie sich manche Dinge entwickeln. Eigentlich schrieb ich im letzten und diesem Jahr an einem neuen Roman. Eine der Hauptfiguren bekam meine Biografie aufgesetzt: Er war Zeuge Jehovas, hatte kaum noch Kontakt zu seinen Eltern und machte die Gefühle und Erlebnisse durch, die auch ich nach meinem Ausschluss machte. Aber irgendwie war es nicht richtig. Und nach dem ersten Lektorat mit meiner Agentin wurde mir klar, dass das Zeugen Jehovas-Thema zu präsent war, die Geschichte und die anderen Figuren überstrahlte. Ich wusste, dass ich diesen Teil streichen musste. Ich wusste aber auch, dass ich es gebraucht hatte: Das Aufschreiben, das Aufarbeiten meines Lebens bei den Zeugen Jehovas. Und das Material, das sich angesammelt hatte, war mir zum Wegschmeißen zu schade.

Also beschloss ich, ein Blog zu schreiben. Ich hatte durch meine Notizen eine Grundlage. Ich musste nur noch die Verfremdungen entfernen, die ich für den Roman eingebaut hatte, so dass die Notizen wieder mehr meinen eigenen Erlebnissen entsprachen. So entstand das Blog „Ich bin geistig krank“. Die Ironie des Schicksals: Aus dem Abfallprodukt meines Romans wurde das wichtigste Projekt, an dem ich je gearbeitet habe.

Weshalb ich anonym bloggte und weshalb ich jetzt nicht mehr anonym blogge

Zum einen ist meine ganze Familie noch bei den Zeugen Jehovas. Ich hatte bislang den Eindruck, dass noch etwas im Raum stünde. Dass noch immer die Hoffnung seitens meiner Familie bestand, ich würde irgendwann wie der verlorene Sohn zurückkehren. Aber das werde ich nicht. Und ich fand es nur fair, dass meine Eltern diese Klarheit nicht über das Internet, sondern persönlich erhalten. Deshalb wollte ich diese Klarheit erstmal schaffen, bevor ich mich als Autor des Blogs geistigkrank.wordpress.com oute (weitere Infos zum Blog findest du hier).

link-zum-blogZum anderen war mir bei den Zeugen Jehovas zwei Jahrzehnte lang etwas eingebläut worden: Wer die Omertà der Zeugen Jehovas bricht und öffentlich von negativen Erlebnissen berichtet ist ein Abtrünniger. Ich habe lange gebraucht, um mir selbst eingestehen zu können, damit leben zu können, dass ich fortan so gesehen werde. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass nicht ich falsch liege, sondern die Zeugen Jehovas, wenn sie mich als „geistig krank“ und abtrünnig bezeichnen, nur weil ich nicht mehr dem Glauben angehören möchte und einer anderen Meinung bin. Ich kann mittlerweile bestens damit leben. Außerdem fiel es mir anfangs leichter, unter dem Deckmantel einer Maske zu bloggen. Ich glaube, das ist menschlich. Mir war von Anfang an klar, dass ich die Maske nicht für immer aufbehalten würde. Nur der Zeitpunkt stand nicht fest. Kurz vor Weihnachten habe ich dann den Entschluss gefasst, dass der rechte Zeitpunkt gekommen war.

Mein Blog ist keine Hetzschrift gegen die Zeugen Jehovas. Es ist mein ganz persönlicher Exorzismus einer Phase meines Lebens, die ich hinter mir lassen möchte. Ich bin der Ansicht, dass jede Bewegung, jede Religion Kritik vertragen muss. Vor allem sollte eine Religion sich immer die Aufgeschlossenheit bewahren, an Kritik wachsen zu wollen. Meine Erfahrung ist, dass die Zeugen Jehovas diese Aufgeschlossenheit nicht besitzen. Das Lesen von Texten von Abtrünnigen wird mehr oder weniger untersagt. Kritik ist nicht willkommen und wird als Abtrünnigkeit betrachtet. Es gibt nur eine Sichtweise, so habe ich es zumindest erlebt, und das ist die Sichtweise der Wachtturm-Gesellschaft. Ich weiß, ich werde weder meine Eltern noch die Zeugen Jehovas ändern können. Aber ich möchte trotzdem jedes Mitglieder Zeugen Jehovas auf meinem Blog herzlich willkommen heißen und einladen, an einer sachlichen, aufgeschlossenen Diskussion teilzunehmen.

Die letzten Monate mit meinen LeserInnen waren wundervoll. Aus einem persönlichen Blog ist eine Diskussionsplattform geworden, auf der sich bereits viele Menschen gefunden haben, die ebenfalls mit den Zeugen Jehovas zu tun hat oder haben. Es haben sich einige tolle und bewegende Kontakte ergeben. Der Austausch in den Kommentaren und per E-Mail hat mir sehr viel gebracht und ich hoffe, dass ich mit diesem Blog auch etwas zurückgeben konnte und ich will es weiterhin tun. Aber ab jetzt unter meinem richtigen Namen und auf dieser Seite.

Den letzten Anstoß gab mir ein Tweet des XZJ-Bloggers John Cedars, der die weltbekannte Seite jwsurvey.org betreibt. Gestern teilte er mit, dass er vor ein Rechtskomitee der Zeugen Jehovas zitiert wird. Inhalt der Anklage: Abtrünnigkeit wegen Betreibens des Blogs. Ja, Zeugen Jehovas dulden keine zweite Meinung. Wer nicht auf Linie ist, ist ein Abtrünniger. Die treue Arbeit von Kollegenbloggern wie John Cedars, ihr Mut und ihr Eifer sind Motivation für mich, ebenfalls den Schutz der Anonymität aufzugeben. Ach ja, was meinen Namen betrifft: Der eine oder die andere wird mich vielleicht noch als Mischa-Sarim Vérollet kennen. Ich habe vor kurzem den Namen meiner Frau angenommen und heiße jetzt Misha Anouk.

Danke!

Ich möchte auch die Gelegenheit ergreifen und mich ausdrücklich bei allen bedanken, die mich mit Mails, Kommentaren, Verlinkungen, Werbung, netten Worten, Hinweisen, Lob, Kritik, Händchen halten etc. unterstützt haben. Es war ein schwieriger, erster Schritt, mit dem Bloggen über meine Zeit bei den Zeugen Jehovas anzufangen. Dagegen ist es ein Leichtes, meine Anonymität aufzugeben.

Wie geht es weiter?

Der Blog geistigkrank.wordpress.com bleibt erhalten – weiterbloggen und weiter erzählen aus dieser Zeit werde ich aber dort auf meiner Homepage. Ich würde mich freuen, wenn mir alle meine bisherigen LeserInnen auch an dieser neuen Stelle erhalten bleiben, und vielleicht kommt der eine oder die andere noch hinzu. Wenn ihr keine Episode verpassen möchtet, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit. Ich hoffe, dass wir uns im Blog wiederlesen.

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Ich bin geistig krank: Das Blog. Jetzt klicken und lesen!

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Bildgrundlage: Hobson Street Wall von Simon WebsterBestimmte Rechte vorbehalten | Misha Anouk-Logo: © 2013 by Misha Anouk | „Misha“-Cartoonfigur by: © 2013 Artur Fast

Weihnachten

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Weihnachten war eine schöne Zeit. Die Stadt erstrahlte im Lichterglanz. Die Häuser waren fein geschmückt. Alles sah märchenhaft aus. Die Spielwarenhandlungen hatten die wunderbarsten Dinge im Sortiment. Die Eltern luden einen in den neuesten Disney-Zeichentrickfilm ein. Es wurde schneller dunkel, so dass man Abends komisch angezogen im Predigtdienst nicht so leicht von weltlichen Bekannten erspäht werden konnte.

Weihnachten war auch eine blöde Zeit. Alle feierten Weihnachten, nur wir nicht. Na ja, wir und die anderen Zeugen Jehovas. Man fand die Weihnachtsdeko schön, schmückte aber selber das Haus nicht. Man betrachtete die Spielsachen im Laden und wusste, dass sie in allen Kinderzimmern außer dem eigenen landen würden. Und in der Schule stand man stumm und einsam inmitten der Weihnachtslieder singenden Klassenkameraden und fühlte sich wie der letzte Vollidiot. Ja, Weihnachten war die ambivalenteste Zeit des Jahres.

Einen Vorteil hatte es natürlich, in einer Familie von Zeugen Jehovas aufzuwachsen: Was den Weihnachtsmann oder das Christkind betraf, wurde ich nie angelogen. Das rieben mir meine Eltern auch immer wieder unter die Nase: „Schau mal, Schatz“, sagten sie, „die anderen Eltern belügen ihre Kinder und behaupten, dass es einen Weihnachtsmann gibt.“ Das imponierte mir. Und so kam es, dass ich meinen Eltern vertraute. Warum sollte ich es auch nicht tun, hatten sie mich doch in eines der größten Geheimnisse unserer Welt eingeweiht: Den Weihnachtsmann gab es nicht. Es gibt das Sprichwort: Wer einmal lügt, den glaubt man nicht. Ich wandelte es in meiner kindlichen Naivität um: Wer einmal die Wahrheit sagt, dem glaubt man. Und so, unter dem Deckmantel dieser einen Wahrheit, glaubte ich meinen Eltern alle anderen Lügen: Dass es einen Teufel gab, der mir Böses wollte, wenn ich böses tat; dass es einen Gott gab, der mir Böses wollte, wenn ich Böses tat; dass ich in Harmagedon sterben würde, wenn ich Böses tat; dass ich nicht ins Paradies käme, wenn ich Böses tat. All das glaubte ich, weil meine Eltern mir bezüglich des Weihnachtsmannes die Wahrheit gesagt hatten. Allerdings hatte diese Wahrheit auch ihren Preis: Weder gab es den Weihnachtsmann noch seine Geschenke. Ich hätte die Lüge bevorzugt.

Zeugen Jehovas feiern Weihnachten nicht, weil das Fest einen heidnischen Ursprung hat. Eheringe haben auch einen heidnischen Ursprung. Gegen Eheringe hat niemand etwas bei den Zeugen Jehovas. Ich habe als Kind immer verstanden, dass Jesus Christus nicht wirklich am 24. Dezember geboren wurde und das Weihnachtsbäume nicht in der Bibel vorkommen. Ich hatte gelernt, dass israelische Winter besonders hart waren und kein Schafhirte dieser Welt seine Schäfchen im Dezember draußen gelassen hätte. Auch hätten die Römer, die ohnehin einen Aufstand der Juden fürchteten, wohl kaum bei Minusgraden eine Volkszählung angesetzt. Nein, Heiligabend, die Geburt Jesu, wurde am 24. Dezember gefeiert, weil Kaiser Konstantin den Geburt des Sonnengottes mit Christi Geburt zusammenlegte, um möglichst viele Heiden in die christliche Falle zu locken. Oder so. Dieses Wissen wurde mir von Kindesbeinen an eingebläut. Es war durchaus logisch. Es wollte mir nur nicht einläuten, inwiefern irgendetwas davon ein Argument gegen das Feiern eines so schönen Festes wie Weihnachten war. Das war doch das Fest der Liebe. Gott war Liebe, stand in der Bibel, was war das denn für ein unlogischer Quatsch?!

Meine Eltern versuchten es mit einem anderen Argument: „Schau mal“, sagten sie, „Weihnachten soll Jesus’ Geburtstag sein. Aber er ist der einzige, der kein Geschenk bekommt.“ Anscheinend sollte das Mitleid bei mir wecken. 1.: Das war kein Argument. 2.: Das war kein Argument. Ich war vielleicht ein Kind, aber nicht dumm. Jesus war die Nummer 2 im Universum. Er war ein lebender 3D-Drucker. Wenn er sich etwas wünschte, konnte er es einfach erschaffen. Er war ganz bestimmt nicht auf irgendein blödes Geschenk eines Menschen angewiesen.

Aber es half nichts. Wir feierten kein Weihnachten. Und keine Geburtstage. Und kein Ostern. Keines der schönen Feste feiern Zeugen Jehovas. Weil sie entweder heidnisch sind oder irgendjemand im Rahmen solcher Feierlichkeiten geköpft wurde. Stattdessen beten sie einen Gott an, der Abraham auf die Probe stellte, indem er von ihm verlangte, seinen geliebten Sohn zu opfern.

Als ich jung war, verbrachten wir Heiligabend mit der Familie zu Hause. Es wurde etwas Neutrales gekocht, vielleicht ein Gesellschaftsspiel gespielt, vielleicht eine DVD geschaut. In manchen Jahren kam eine andere Familie vorbei und die Eltern versuchten uns Kinder tunlichst davon abzulenken, dass da draußen, in den anderen Wohnungen, in den anderen Häusern, ein wundervoll geschmückter Weihnachtsbaum stand, unter dem schon bald Geschenke getauscht würden. Es war furchtbar deprimierend. Es waren nicht zwingend die Geschenke, die ich vermisste. Ich vermisste das Gesamtpaket: Den Trubel, das Besinnliche, den Baum, die Weihnachtsfarben, die Kerzen, einfach alles an Weihnachten. Mir war nicht klar, dass es eine Illusion war und ich eine Coca-Cola-Vorstellung vom Weihnachtsfest hatte. Aber das war egal. Je mehr Weihnachten verteufelt wurde, desto sehnlicher wünschte ich mir, es feiern zu dürfen. Da half es auch nicht, dass meine Eltern einen Familientag als Ersatz einführten, an dem es Geschenke gab. Es war gut gemeint, keine Frage. Aber es war einfach nicht das Gleiche. Ich verstehe das mit Weihnachten bis heute nicht.

Als ich älter wurde, verbrachten wir Zeugen Jehovas-Jugendliche die Heilig Abende immer öfter zusammen, Bier trinkend, eine DVD schauend, im Zweifel knutschend. Wir hatten ja sonst nichts. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft. Und wenn wir sicher waren, unter uns zu sein, sangen wir auch mal Weihnachtslieder. Natürlich völlig ironisch. Wir religiösen Hipster, wir.

Taufe

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Ich würde gern behaupten, dass ich es nicht wollte. Dass ich dazu gezwungen wurde. Aber das entspräche nicht der Wahrheit. Ich wollte mich mit vierzehn Jahren als ein Zeuge Jehovas taufen lassen.

In unserer Versammlung gab es nicht viele Kinder. Mein Geschwisterchen und ich, Gideon, ein paar andere. Die paar anderen, das waren zum Beispiel die Kinder einer alleinerziehenden Mutter, die ihr bestes tat, vorbildliche Zeugen Jehovas heranzuziehen. Sie scheiterte auf niedrigem Niveau. Ihre Jungs waren nett, ich erinnere mich gern an die beiden. Sie begleiteten ihre Mutter immer nur, weil sie das wollte. Richtig Lust hatten sie nicht auf die Zusammenkünfte im Königreichssaal. Das hatten wir gemeinsam, ich hätte es bloß nie zugegeben.

So galten sie nicht als die beste Gesellschaft für mich. Ich sollte mich lieber mit anderen vorbildlichen Zeugen Jehovas-Kindern umgeben, sagten meine Eltern. So wie Gideon, dessen Vater auch Ältester war. Gideon und mir war eine hervorragende Zukunft bei den Zeugen Jehovas beschieden. Wir sollten die typischen männlichen Karrierestationen durchlaufen: Ungetaufter Verkündiger (=Bibellehrer), Taufe, Dienstamtsgehilfe, die Vorstufe zum Ältestenamt, dann das Ältestenamt – der Himmel war die Begrenzung, uns stand die Welt des Wachtturms offen.

Im Nachhinein war der von mir gezeigte Eifer, mein Engagement bei den Zeugen Jehovas, weniger meinem Glauben geschuldet, als einem Wettbewerb zwischen Gideon und mir. Ich hatte im Prinzip nur Gideon als Maßstab, und es fühlt sich in Retrospektive wie ein Wettrüsten um die Gunst der Eltern, der Ältesten, der Versammlung, des Kreisaufsehers an. Das begann mit dem Krieg der Textmarker und setzte sich beim Erklimmen der Karriereleiter fort. Ja, mein Glaube war nur ein klitzekleiner Teil des Ansporns. Denn auch, wenn ich lange Zeit an die Lehren der Zeugen Jehovas glaubte, so war es weniger aus Überzeugung und Hingabe, als aus ängstlicher Unterwerfung. Ich war nicht gläubig, nicht im eigentlichen Sinn – ich war abergläubisch. Gleichermaßen hatte der Eifer, den ich an den Tag legte, weniger mit meinem Aberglauben zu tun, als mit meinem Wunsch, die Bundeszeugenspiele in unserer Versammlung zu gewinnen.

Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst taufen ließ, Gideon oder ich, aber es passierte höchstwahrscheinlich kurz nacheinander. Ich war vierzehn Jahre alt, als ich meinen Eltern mitteilte, dass ich gedachte, mich taufen zu lassen. Ich bekam die erwartete Reaktion: Feuchte Augen, Kloß im Hals, Umarmungen. Ich war zufrieden. Ich hatte die Erwartungen meiner Eltern erfüllt. Mehr wollte ich doch gar nicht.

Warum ich mich ausgerechnet mit vierzehn taufen ließ, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern, wie die Entscheidungsfindung genau aussah. Aber so wie ich mich kenne, habe ich vermutlich gedacht, dass mir das doch niemand abnähme, wenn ich mich früher taufen ließe, und wenn ich erst später getauft würde, hätte Gideon gewonnen. So etwas in der Richtung wird es wohl gewesen sein. Ach ja, meine Mutter hatte sich, wenn ich mich recht entsinne, auch mit vierzehn taufen lassen. Vielleicht spielte das auch eine Rolle.

Es lief folgendermaßen ab: Nachdem ich meinen Eltern meinen Wunsch mitgeteilt hatte, ging ich zu den anderen Ältesten und erzählte ihnen, dass ich mich taufen lassen wollte. Sie nahmen meinen Wunsch erfreut zur Kenntnis und machten einen Termin mit mir aus. An mehreren Abenden gingen sie eine Art Test mit mir durch. Die Testfragen waren dem Anhang des Buches Organisiert unseren Dienst durchzuführen entnommen. Im Prinzip ging es darum, zu prüfen, ob ich wusste, worauf ich mich einließ – mich Gott (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) hinzugeben und ihm (lies: der Wachtturm-Gesellschaft) von ganzem Herzen zu dienen. Der Fragenkatalog umfasste Themen wie die Rolle von Kindern in der Familie (=Immer den Eltern gehorchen), ob es eine Ausnahme gibt, in der Zeugen Jehovas nicht auf das Gesetz achten sollten (=wenn es in Konflikt mit der Bibeltreue gerät), welchen biblischen Prinzipien Folge zu leisten war (=Hurerei sollte man tunlichst vermeiden) und dass man von der Umwelt unter Umständen gemobbt werden könnte, weil man ein Zeuge Jehovas war. Die meisten Antworten kannte ich ohnehin, schließlich war ich schon vierzehn Jahre dabei. Aber auch sonst hätte ich ohne Weiteres bestehen können. Ich hatte mich anhand meiner eigenen Ausgabe des Buches auf die Fragen vorbereiten können. Völlig sinnfrei, wie ich fand. Erst viel später begriff ich, dass diese Prüfung bloß eine Alibifunktion hatte: Niemand soll ernsthaft davon abgehalten werden, der Organisation beizutreteten. Wen man hat, den hat man.

Offenbar bestand ich die Eignungsprüfung, denn die Ältesten teilten mir mit, dass ich die Erlaubnis hätte, mich auf dem nächsten Kongress taufen zu lassen. Will man sich als Zeuge Jehovas taufen lassen, ist der nächste Kongress sehr wichtig. Auf Kongressen der Zeugen Jehovas, anlässlich derer sehr viele Versammlungen und Gäste zusammenkommen, um 1-3 Tage rhetorischer Bespaßung über sich ergehen zu lassen, steht ein Taufbecken. Es ist unter normalen Umständen die einzige Gelegenheit, sich taufen zu lassen. Schließlich sollen möglichst viele Menschen bezeugen, dass man sich der Wachtturm-Gesellschaft überantwortet hat. Die Massentaufen der Zeugen Jehovas sind der Höhepunkt eines jeden Kongresses.

Wir Jungs mochten die Taufe, weil es eine willkommene Gelegenheit war, nasse Glaubensschwestern in Badeanzügen zu bewundern, ohne, dass man als Spanner gebrandmarkt wurde. Im Gegenteil, wir wurden regelrecht dazu ermuntert, der Taufe beizuwohnen. Freilich hegten unsere Eltern die Hoffnung, das Erlebte würde uns ein Ansporn sein. Es kam ihnen wohl kaum in den Sinn, dass der Anblick halbnackter, nasser Mädchenkörper nur eins anspornte: unsere Hormone.

Ich wurde mit 14 Jahren in einem Kongresssaal getauft. Nach der sogenannten Taufansprache, in der hochemotional und mit viel Pathos an die neuen Segnungen (lies: Verpflichtungen) eines sogenannten Täuflings hingewiesen wurde, mussten sich alle Taufanwärter erheben. Das ist bei Kongressen immer die Stelle, in der entweder ein begeistertes Raunen oder ein enttäuschter Seufzer durch das Publikum geht, abhängig davon, wie viele Taufanwärter aufstehen.

Wir standen also auf. Bei dem Kongress war die Reaktion des Publikums eher verhalten, weder enttäuscht, noch begeistert. Das einzige, was ich hörte, waren die vor Stolz platzenden Brustkörbe meiner Eltern. Der Redner stellte zwei Fragen, die wir beide laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, was das Publikum mit Applaus quittierte. Danach wurden wir getauft. Ich hatte mir ein T-Shirt angezogen, ich war vierzehn Jahre alt, schwer pubertär und mir meiner körperlichen Unvollkommenheit sehr bewusst. Es war ganz einfach: Mit der rechten Hand sollte ich meine Nase zudrücken, mit der linken an meinen rechten Arm greifen. Der Täufer packte mich, tauchte mich kurz unter und der Spuk war vorbei. Ich war offiziell ein Zeuge Jehovas.

Die Fragen, die wir laut und deutlich mit „Ja“ beantworteten, lauteten:

Hast du auf der Grundlage des Opfers Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehova hingegeben, um seinen Willen zu tun?

Bist du dir darüber im Klaren, dass du dich durch deine Hingabe und Taufe als ein Zeuge Jehovas zu erkennen gibst, der mit der vom Geist geleiteten Organisation Gottes verbunden ist?

Wie gesagt: Ich kann nicht behaupten, dass ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse. Ich hatte auf die Frage, ob ich mir darüber im Klaren war, dass ich mit der Organisation Gottes (lies: die Wachtturm-Gesellschaft) verbunden sei mit „Ja“ geantwortet. Ich war vierzehn Jahre alt, ein Alter, in dem Jugendliche das Recht haben, ihren Glauben selbst auszusuchen. Und das Recht hatte ich in Anspruch genommen. Ich hatte öffentlich einen Eid geleistet. Weil ich es wollte. Ich wollte mich taufen lassen. Ich werde nicht lügen und etwas anderes behaupten. Was ich jedoch heute mit Sicherheit sagen kann: Ich habe es aus den falschen Gründen getan. Nicht, um Gott näherzukommen. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus einer mir gegenüber an den Tag gelegten Erwartungshaltung, die zentnerschwer auf meinen Schultern lastete. Als ich die leuchtenden Augen meiner Eltern sah, als sie mich in ihre Arme schlossen, als ich Gideons so anerkennenden wie auch neidischen Blick sah, in dem Augenblick meinte ich zu wissen, dass es richtig gewesen war, mich taufen zu lassen. Mir brach ein Stein aus meinem Herzen und fiel.

Was die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit auszeichnete – also, wovon die Zeugen Jehovas zu meiner Zeit glaubten, dass es sie auszeichnete –, war die Tatsache, dass es keine Kleinkindstaufe gab. Nur, wer einem Ältestenkomitee beweisen konnte, dass er oder sie aus freien Stücken und mit entsprechendem Wissen Jehovas Diener werden wollte, wurde zur Taufe zugelassen. Natürlich konnte da auch mal ein achtjähriges Kind dabei sein. Das war aber die Ausnahme.

Die Zeiten sind vorbei. Die Kleinkindstaufe gibt es nach wie vor nicht. Aber die Definition dessen, was einen mündigen Zeugen Jehovas ausmacht, wird immer mehr ausgeweitet und verklärt. Die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas zieht die Zügel an und ermuntert Eltern in Ansprachen dazu, ihre Kinder mehr und früher unter Druck zu setzen. So gibt es Aufzeichnungen von Reden von Mitgliedern der LK, in denen sie mit Aussagen zitiert werden, wie (ich gebe die englischen Zitate im Wortlaut wieder):

„Wir zwingen sie nie, aber das lassen wir uns nicht gefallen“ – Anthony Morris III, Mitglied der Leitenden Körperschaft (in Bezug auf berechtigte Zweifel eines als Beispiel angeführten Jugendlichen, der sich zu jung für eine Taufe fühlte, aber sofort einwilligte, nachdem seine Eltern gedroht hatten, ihn nicht den Führerschein machen zu lassen. Wenn Kinder alt genug sind, nachdenken zu können, so der Tenor der Ansprache und die latente Drohung, sollten sie zur Taufe geführt werden, weil sie Harmagedon nicht allein aufgrund der Tatsache überleben werden, dass sie im Schlepptau der Eltern durch die Endzeit gelotst werden. Was ich heraushöre: Kinder, die selbstständig reden und denken können, werden nicht ins Paradies kommen, wenn sie ungetauft sind.)

„Es gibt Dinge im Leben, die getan werden müssen, egal, ob man möchte oder nicht“ – David Splane, Mitglied der Leitenden Körperschaft (der Redner erklärte den Anwesenden, dass man Kindern in Bezug auf die Taufe und ein Leben als Zeuge Jehovas nicht die Entscheidung darüber überlassen sollte, was gut für sie ist. Als Vergleich wird ausgerechnet ein Ferienjob bei McDonald’s angeführt, bei dem die Eltern es dem Kind auch nicht überlassen würden, ob er morgens aufsteht und zur Arbeit geht oder nicht. Das Fazit dieses Vergleichs, der beim Spielen mit Chinaböllern alle Gliedmaßen verloren hat und im Rollstuhl sitzt: „Wenn ihr das für einen Big Mac tun würdet, möchtet ihr es nicht erst recht tun, wenn das ewige Leben eures Kindes auf dem Spiel steht?“)

„Eltern, seid bitte nicht passiv – lenkt eure Kinder aktiv gen Taufe.“ – Gerrit Lösch, Mitglied der Leitenden Körperschaft

(Quelle: Cedar’s Blog)

Das dürfte niemanden verwundern, der die Organisation gut kennt. Nicht nur, dass der Zuwachs in der westlichen Hemisphäre stagniert oder gar nachlässt – in den USA haben die Zeugen Jehovas einer Studie des renommierten Pew-Forums zufolge neben den Buddhisten auch noch die niedrigste Nachhaltigkeitsrate aller Religionen: Nur 37 % derjenigen, die als Zeugen Jehovas aufwuchsen, identifizieren sich später noch mit dem Glauben. In Deutschland dürfte es kaum anders sein. Die Leitende Körperschaft ist sich dieser katastrophalen Zahlen mit Sicherheit bewusst. Sie müssen reagieren. Je früher man die Kinder einfängt, desto besser, scheint da die neue Strategie zu sein.

Im Wachtturm vom 15. Juni 2011 schreiben die Zeugen Jehovas:

Viele Eltern sehen die Taufe ihrer Kinder als wichtigen Schritt, der aber ein gewisses Risiko birgt — vergleichbar damit, den Führerschein zu machen. Doch geht man mit der Taufe und dem heiligen Dienst wirklich ein Risiko ein? Die Bibel antwortet mit Nein, denn in Sprüche 10:22 heißt es: „Der Segen Jehovas — er macht reich, und keinen Schmerz fügt er ihm hinzu.“ (…) Dem wahren Gott zu dienen bringt jede Menge Zufriedenheit und Glück. Satans Welt dagegen hält jede Menge Sorgen und Probleme parat. Diesen Gegensatz sollten Eltern ihren Kindern deutlich vor Augen führen (Jer. 1:19).

Ja, meine Taufe war freiwillig, mir hat niemand eine Pistole an den Kopf gehalten, das ist eine Tatsache. Eine Tatsache ist es aber auch, dass mich niemand objektiv über meine Optionen aufgeklärt hat. Es war keine informierte Entscheidung auf Basis eines Kenntnisstandes, der alle Möglichkeiten umfasste. Es war eine Entscheidung, die ich traf, weil es das war, was man machte, wenn man in dem Leben aufgewachsen ist und nichts anderes kennt. Ich war vierzehn. Ich wollte meinen Eltern gefallen. Sie hatten mir den oben zitierten Gegensatz vor Augen geführt. Aber ich kannte nur die eine, ihre Seite. Ich kannte nur die Geschichte der Zeugen Jehovas, wie sie mir vorgekaut worden war. Ich kannte nur die Sicht auf die Welt, die mir die Brille bot, die man mir aufgesetzt hatte. Ich hätte genauso gut in den Kulissen von Fox News aufwachsen können. Und des gewissen Risikos, dass ich aufgrund meiner Taufe irgendwann meine Familie verlieren würde und alle, die mir nahestanden, war ich mir mit vierzehn Jahren einfach nicht bewusst. Kennt man zu einem Medikament keine Alternative, glaubt man, leiden zu müssen, wenn man darauf verzichtet, verschwendet man keine Zeit an einen Beipackzettel. Man überfliegt ihn höchstens. Vielleicht muss ich anhand eines kurzes Exkurses erklären, was ich meine:

Wie ein Zeuge Jehovas entsteht

  1. Er oder sie wird hineingeboren.
  2. Ein Zeuge Jehovas steht an deiner Tür. Du nimmst einen Wachtturm und einen Erwachet! entgegen. Bei einem seiner erneuten Besuche stimmst du einem Heimbibelstudium zu. Du studierst ein Buch der Wachtturm-Gesellschaft mit ihm, dann noch ein zweites. Du beginnst, regelmäßig die Zusammenkünfte zu besuchen. Meine Güte, sind die Brüder und Schwestern in der Versammlung nett. Sie nehmen sich Zeit für dich und du wirst sogar zu den Versammlungsfesten eingeladen – obwohl du noch gar nicht offiziell dazugehörst! Langsam aber sicher gelangst du zur Überzeugung, dass du das richtige machst, und weil du weißt, dass es von einem Zeugen Jehovas erwartet wird (und weil du auch in dieses Paradies willst, von dem alle reden), beginnst du, auch in den Predigtdienst zu gehen. Du wirst ein ungetaufter Verkündiger, und nachdem eine angemessene Zeit vergangen ist, lässt du dich taufen. Du bist offiziell ein Zeuge Jehovas.

Der Unterschied zwischen dir und mir? Man hat in meinem Fall nur halb so viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Wenn man jemanden überzeugen möchte, der die Alternativen kennt, muss man sich sehr viel Mühe geben. Wenn man die unerwünschten Möglichkeiten in den prägenden Jahren von Anfang an verteufeln oder gar ausschließen kann, ist es nicht besonders schwierig. Zumal ich immer nur mit halbem Ohr hingehört habe und erfolgreich auf Drohbegriffe wie Harmagedon, Sünde oder Dämonen konditioniert worden war. Ich habe den Beipackzettel bloß überflogen. Mit dir ist man ihn Punkt für Punkt durchgegangen. Zugegeben, es war kein objektiver Arzt, der dir zur Seite stand, sondern der Pressesprecher des Pharma-Unternehmens. Aber dennoch. Ich hatte nicht so recht einen Überblick über die Risiken und Nebenwirkungen dessen, worauf ich mich einließ.

Zunächst änderte sich nach meiner Taufe ja auch nicht viel. Kleinigkeiten: Ich wurde von der Bühne mit „Bruder Nachname“ angesprochen, ich durfte als Vertreter des männlichen Geschlechts in der Versammlung Vorrechte übernehmen – und wenn mein Vater nicht da war, ergab sich die wunderliche Situation, dass ich noch zu jung war, ein Familienbibelstudium zu leiten, und meine Mutter zu Frau, um es in meiner Anwesenheit ohne Kopfbedeckung zu tun.

Valar Morghulis

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Hades war sauer. Äskulap hatte seine Kompetenzen überschritten. Er war zwar der Gott der Heilkunst, aber zu seinen Aufgaben zählte nicht, Menschen von den Toten aufzuerwecken. Hades, der Totengott, sah seine eigene Geschäftsidee gefährdet. Also verpetzte Hades den Missetäter bei Zeus, der keine Sekunde zögerte, Äskulap zu töten. Zeus hatte Angst, der Mensch könnte an der Unsterblichkeit gefallen finden. Dass sich eine Familie womöglich einfach über die Rückkehr eines geliebten Menschen gefreut und an etwaige Unsterblichkeiten keinen Gedanken verschwendet hatte, kam ihm nicht in den Sinn.

Ich weiß nicht, ob das eine wahre Geschichte ist. Wenn sie es ist: Krass. Wenn sie ein von Menschen geschaffenes Märchen ist, dann taugt sie mindestens als weiteres Glied in einer endlosen Beweiskette für das urmenschliche Streben nach ewigem Leben und der Überwindung des Todes.

Es ist ein schöner Gedanke, dass die Menschen, die von uns gegangen sind, zurückkehren. Keine Erinnerung kann einen Menschen ersetzen, auch wenn der Mensch überzeichneter wird, je mehr die Erinnerung verblasst, egal, ob im Guten oder im Schlechten. Alle Menschen müssen sterben. Der Tod ist ein Teil des Lebens, genau wie der Wunsch, ihn zu überwinden. Genau wie der Wunsch, den geliebten Mensch zu behalten.

Niemals geht man so ganz, sang schon Trude Herr, irgendwas von mir bleibt hier. Die Unsterblichkeit der Seele ist längst nicht nur das Steckenpferd der Religionen; selbst die Wissenschaft, speziell die Quantenphysik, geht der Frage nach, was mit der Seele passiert, wenn der Körper, und die Redewendung kommt offenbar nicht von ungefähr, seinen Geist aufgibt. Der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr zum Beispiel, oder sein amerikanischer Kollege Jack Sarfatti, der seine umstrittene Theorie auf dem Prinzip der Quantenverschränkung aufbaut: Zwei Teilchen, die zusammengehörten, bleiben auch nach der Trennung verbunden und kommunizieren miteinander, egal, wie weit und wie lang sie voneinander getrennt sind. Das betrachtet Sarfatti als Indiz dafür, dass die Seele nach dem Tod weiterexistiert.

Nichts geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere eigene kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert. – Jack Sarfatti

Das ist, wenn man die Wachtturm-Gesellschaft fragt, Quatsch. Jehovas Zeugen glauben nicht an die unsterbliche Seele. Was tot ist, ist tot. Ihrer Ansicht nach hat der Mensch keine Seele, er ist eine Seele. Folglich stirbt die Seele, wenn der Mensch stirbt. Das muss es aber nicht gewesen sein. Ihr Gott hat vorgesorgt. Jehova wird Menschen vom Tod auferwecken, behaupten die Zeugen, und stützen sich dabei auf Apostelgeschichte 24:15:

Und ich habe die Hoffnung zu Gott, welche diese [Männer] auch selbst hegen, daß es eine Auferstehung sowohl der Gerechten als auch der Ungerechten geben wird.

Jehovas Zeugen wissen, dass Menschen Angehörige, die sie verloren haben, vermissen. Die Aussicht, von den Toten in ein irdisches Paradies aufgeweckt zu werden, die sogenannte Auferstehungshoffnung ist die Unique Selling Proposition der Zeugen Jehovas und gleichzeitig das Haupt-Incentive ihres Bonusprogramms. Im Paradies, nach Harmagedon, wird Jehova alle Menschen, die gestorben sind, von den Toten auferwecken.

Natürlich nicht alle. Jehova wird schon ganz genau gucken, wer eine zweite Chance erhält. Hitler? Eher nicht. Wobei, wer weiß das schon. Die Zeugen Jehovas sagen selbst, dass sie nicht mit Sicherheit wissen, wer das Glück haben wird.

Die Bibel beantwortet uns nicht alle Fragen, die wir in bezug auf die Auferstehung bestimmter verstorbener Personen haben mögen. Wir können aber überzeugt sein, daß Gott, der alle Tatsachen kennt, unparteiisch vorgeht, daß er Recht walten läßt, gemildert durch Barmherzigkeit, die seinen gerechten Maßstäben entspricht. – Unterredungen anhand der Schriften, Seite 50

Jehovas Zeugen gehen davon aus, dass sie zu den glücklichen Auserwählten gehören, die nicht nur Harmagedon überleben werden, sondern die Aussicht genießen, ihre toten Verwandten in der Auferstehung in die Arme schließen zu dürfen. Deshalb folgen sie auch gern der strengen Empfehlung der Leitenden Körperschaft, auf Bluttransfusionen zu verzichten. Halb so schlimm, das Kind zu opfern, wenn man weiß, dass es ohnehin wieder von den Toten auferweckt wird.

Die Lehre von der Auferstehung begleitete die Zeugen Jehovas von Anfang an. Bloß über den Zeitpunkt dieses Wunders war man sich nie so einig. Judge Rutherford, der zweite Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, war so sehr davon überzeugt, die Auferstehung noch zu erleben, dass er sein Haus, Beth Sarim genannt (ie. Das Haus der Fürsten), unter anderem David, Gideon, Barak, Simson, Joseph und Samuel überschrieb – ja, genau den Davids, Gideons, Baraks, Simsons, Josephs und Samuels. John Cedar, der Herausgeber der Seite jwsurvey.org, entdeckte die Namen der alttestamentarischen Fürsten in der Besitzurkunde des Hauses, das bis zum heutigen Tage in San Diego steht. Judge Rutherford glaubte wirklich, die verstorbenen Herren würden zu seinen Lebzeiten irgendwann durch die Haustür gestolpert kommen.

Es gab bei uns zu Hause ein Spiel, bei dem jeder reihum sagen sollte, welche biblische Figur er in der Auferstehung treffen und was er sie fragen wolle. Ich kann mich nicht erinnern, wen ich genannt habe, aber ich kann mir gut vorstellen, dass ich irgendwann auf Elisa gekommen bin, der Prophet, der einen Haufen frecher Blagen zur Strafe von Bären verspeisen ließ. Ich hätte mich gerne über diese Episode ausgetauscht. Es gab da in der Nachbarklasse so ein Arschlochkind.

Was ich mich persönlich immer gefragt habe, ist Folgendes. Es ist ja so: Zeugen Jehovas dürfen erneut heiraten, wenn a) ihr Partner Ehebruch begeht und sie sich scheiden lassen, b) sie Ehebruch begehen, bereuen, nicht ausgeschlossen werden, ihr Partner sich aber von ihnen scheiden lässt oder c) ihr Partner stirbt. Das ist also die Prämisse: Du bist Zeuge Jehovas. Deine Frau ist gestorben. Du heiratest erneut. Harmagedon. Die Auferstehung geht los. Während du mit deiner neuen Frau an der Hand zwischen den Leichenbergen der Ungläubigen flanierst, triffst du plötzlich auf deine wiederauferweckte tote Ehefrau. Mit der du dich am Totenbett noch über die Auferstehungshoffnung unterhalten hattest; du sagtest, dass sie sich nicht grämen solle, sie käme ja wieder, und sie sagte, dass die Auferstehung das war, was ihr in der ganzen Zeit Kraft gegeben hätte, bevor sie die Augen geschlossen hatte. In Vorfreude darauf, ihren geliebten Ehemann in die Arme zu schließen, kämpft sie sich durch die Ruinen der Erde, beseelt davon, endlich im Paradies zu sein, belohnt für ihre Gottestreue und den Verzicht auf eine lebensrettende Bluttransfusion, aber was müssen ihre wachen Augen sehen? Ihr Mann in den Armen dieser blöden Glaubensschwester, die auch schon zu Lebzeiten ein wenig zu oft mit ihrem Mann in den Predigtdienst hatte gehen wollen. Blöde Situation, irgendwie. Ich fragte mich immer: Wie wird das geregelt? Hat der wiederauferstandene Partner einfach Pech? Muss sich der Partner zwischen der alten und der neuen Frau entscheiden? Kann er beide nehmen? Heiratet man überhaupt noch oder wird der Sexualtrieb und die Fortpflanzung abgeschafft, weil jetzt eh alle ewig leben, und die Erde sonst zu voll würde? Und: Was ist mit Tieren? Würde mein Haustier auch zurückkommen?

Abgesehen davon, dass ich mich auch als Kind stets schon gewundert habe, dass Jehovas Zeugen überhaupt nochmal heiraten, wenn Harmagedon doch vor der Tür steht, waren das im Prinzip meine Fragen zum Thema Auferstehungshoffnung. Niemand konnte sie mir zufriedenstellend beantworten. Meine Eltern nicht, die Ältesten nicht, der Wachtturm nicht. Konsens unter vielen Zeugen Jehovas war aber: Gott wird die toten Ehepartner blitzdingsen. Somit wäre allen gedient. Wenn das mal kein Deus Ex Machina ist.