Battle Royale

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Das sonntägliche, öffentliche Studium der Zeitschrift Wachtturm im örtlichen Königreichssaal war zu meiner Zeit eine der eigenartigeren ZusammenkünfteG der Zeugen Jehovas. In Vorbereitung las man zu Hause den aktuellen Studienartikel Absatz für Absatz und strich die Stellen an, die die jeweilige Frage beantworteten. Am Sonntag dann las ein Glaubensbruder auf der Bühne einen Absatz vor. Danach stellte der Studienleiter die vorgegebene Frage ans Publikum. Und ein Zuhörer zitierte dann die entsprechende Stelle im Absatz, die buchstäblich keine 30 Sekunden zuvor grad erst vorgelesen worden war. Ein theologischer Idiotentest.

In jedem Absatz wurde dann noch mindestens eine erwähnte Bibelstelle abgefragt, bevor sich der ganze Zirkus im nächsten Absatz wiederholte, bis man alle 20-25 Absätze durchgekaut hatte. Am Schluss wurden die wichtigsten Lektionen nocheinmal zusammengefasst wiederholt. Dann durften wir nach Hause. Das machten wir jeden Sonntag. Der wenigste Spaß, den man mit mehreren Menschen haben konnte.

Das Wachtturm-Studium war ein fester Teil unseres Familienlebens. Zum einen, weil wir jeden Sonntag in den KönigreichssaalG gingen. Zum anderen, weil wir uns selbstverständlich als Familie auf das Wachtturm-Studium vorbereiteten. Bis in meine späte Jugend nahm ich so jeden Studienartikel mindestens zwei Mal durch. „Mindestens“ deshalb, weil selbstverständlich erwartet wurde, dass man die komplette Wachtturm-Ausgabe bei Erscheinen bereits einmal durchgelesen hatte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das je gemacht hätte.

Wenn Familienstudienabend war, setzten wir uns ins Wohnzimmer. Mein Vater sprach ein Gebet (Frauen durften in Anwesenheit eines getauften Mannes nicht öffentlich beten, weil sonst das Universum hart explodiert wäre), dann ging der oben beschriebene Wahnsinn im kleinen Rahmen los. Sobald mein Geschwisterchen und ich das Lesen gelernt hatten, durfte jedes Familienmitglied reihum einen Absatz vortragen. Mein Vater stellte die Frage, einer von uns antwortete. Anfangs genügte es meinen Eltern, wenn wir einfach die richtige Stelle Wort für Wort vorlasen. Je älter wir wurden, desto mehr wurde von uns jedoch erwartet, dass wir die Lösung in eigenen Worten wiedergaben. Was nichts anderes hieß, als dass man mit der Zeit wohl oder übel zum menschlichen Thesaurus wurde; man ersetzte hier ein Wort, ließ da eins aus oder würfelte kreativ den Satzbau durcheinanander, gerne bis zur völligen Sinnentstellung. Im Anschluss dann strich man die entsprechende Stelle an. Fertig war die Laube.

Als ich noch klein war, strich ich einfach irgendetwas an. Meistens spickte ich bei meinen Eltern. Oder ich unterstrich eines der Wörter, das ich am schönsten fand. Hauptsache bunt. Wir waren eine Stabilo-Familie. Mein Vater besaß ein ganzes Arsenal an Stabilo-Produkten, vom Stabilo Boss bis zum Stabilo Point. Mit dem Stabilo Boss strich er die Stellen im Absatz an, gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Mit einem schwarzen Stabilo Point notierte er dann noch die Bibeltexte am Seitenrand. Gideons Familie hingegen vertraute in der Regel auf Faber-Castell Textliner 48 in Rot und Gelb zum Unterstreichen der Antworten und Rotring Fineliner für die Bibeltexte.

Ich war schon immer sehr faul. In der Schule wie im Alltag. Zum Zimmeraufräumen musste ich genötigt werden, das Hausaufgabenmachen ließ ich irgendwann gänzlich bleiben und von meiner anfänglichen Euphorie, meinen Wachtturm bunt anzumalen, blieb mit dem Älterwerden nicht mehr viel übrig. Bis ich eines Tages während des Wachtturm-Studiums neben Gideon saß.

Ich schaute nach links. Gideon hatte fein säuberlich mit einem Lineal und seinem Fineliner alle Zeilen unterstrichen und einzelne Stichpunkte zu den Bibeltexten in den Rand geschrieben. Ich schaute auf meinen Wachtturm. Er war in meiner Tasche durch die hektisch drauf geworfene Bibel zerknickt worden; überall an den Rändern waren Spuren meiner Fettfinger zu sehen. Und in einem Anflug akuter Indisponiertheit während des Familienstudiums hatte ich relativ lieblos mit einem Bleistift Linien unter die Textstellen gemalt. Nicht nur schienen die Linien direkt dem Lügendetektortest eines Baron Münchhausens entnommen worden zu sein, sie waren auch noch an den falschen Stellen. Ich hatte einfach irgendetwas markiert. Der Jesus-Zeichnung hatte ich eine Sonnenbrille gespendet. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich noch anmerken, dass ich immerhin so viel LangeweileMotivation besessen hatte, jede einzelne Buchstabenpunze schwarz auszumalen. Meine Zeugen-Jehovas-Laufbahn war schon immer mehr Schein als Sein gewesen.

Hämisch grinste Gideon zu mir rüber. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. In der nächsten Woche hatte ich analog zu meinem Vater alle Antworten mit einem Stabilo Boss markiert – gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Außerdem hatte ich jeden Bibeltext Wort für Wort in den Seitenrand geschrieben.

Kleinlaut biss Gideon sich auf die Lippen. Das hatte er nicht erwartet. Ich wusste, die Replik würde nicht lange auf sich warten lassen. Bereits am folgenden Sonntag schlug er zurück. Seine Antworten waren jetzt auch farblich hinterlegt. Zusätzlich hatte er die farbigen Balken mit einem Fineliner umrandet, alle Bibeltexte in den Seitenrand geschrieben und Zitate aus Sekundärliteratur der Zeugen recherchiert. Mein Kampfgeist war geweckt.

Am Montag darauf klaute ich meinem Vater einen blauen Stabilo Boss. Ergänzend zu den richtigen Antworten hinterlegte ich nun in jedem Absatz auch ein paar weitere Zeilen mit Stellen farbig, die ich bemerkenswert fand. Die aufgeschriebenen Bibeltexte verband ich mit Pfeilen mit ihrer Quelle im Absatz, als hätte ein Kaugummi-Automat eine Mindmap entworfen. Auch die Fragen kennzeichnete ich farbig, um sie besser zuordnen zu können. Ich konnte so gut wie nichts mehr erkennen, zumal ich die Farben so dick aufgetragen hatte, dass sie auf der Rückseite durchschimmerten, so dass mein Wachtturm wie ein Monet aussah. Aus seiner blinden Phase. Aber das war nebensächlich. Es gab eine Schlacht zu gewinnen.

Gideon sagte nichts. Aber innerlich tobte er, das spürte ich. Und ich, ich genoss den Triumph.

Der Wahnsinn ging noch ein paar Monate weiter, bis mit der Zeit alles farblich markiert und auführlich notiert war, was einem Buchstaben auch nur annähernd ähnlich sah. Wir hätten auch einfach das Fernseh-Testbild ausdrucken können, den Unterschied hätte niemand bemerkt. Das war kein Wachtturm-Studium mehr, das war ein Holi-Festival.

Irgendwann ließ mein Enthusiasmus nach. Unsere Farbenschlacht langweilte mich. Zuerst verschwanden die Pfeile, dann die notierten Bibeltexte, dann die Farben, bis ich irgendwann zum Bleistift zurückkehrte – wenn ich mich überhaupt vorbereitete. Gideon jedoch machte weiter. Gideon hatte gewonnen. Nichts hätte mir egaler sein können.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass es eine Korrelation gab zwischen meinem steigenden Desinteresse und meinen ersten, wachsenden Zweifeln an einem Leben bei den Zeugen Jehovas.

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21 Gedanken zu “Battle Royale

  1. Gerda

    Es war wie immer interessant zu lesen und ich hoffe das du es irgendwann zu einem Buch zusammenstellst. Ich nehm auf jeden Fall eins.
    Ich habe eine Frage. Ich arbeite mit Menschen mit geistiger Behinderung und auch da gibt es Menschen die durch ihre Familie ZJ sind. Vielleicht werden die Bibel Zitate so oft wiederholt damit auch Menschen die nicht so schnell lernen es auswendig können? Oder wie gehen die ZJ mit diesen Menschen um?

    • Jonah

      Also, in unserer Versammlung wurde immer sehr zuvorkommend mit behinderten Mendchen umgegangen. Ihnen wurde immer die Hoffnung vermittelt, daß sie im Paradies wieder gesund sein würden.

      • Ja, das glaub ich aber ein behinderter Mensch ist nicht krank. Aber ich denke du meinst das der Rollstuhlfahrer laufen der Blinde sehen usw meinst. Damit ein geistig behinderter Mensch aber mit den Bibeltexten zurecht kommt muss man diese sicher oft wiederholen und das scheint bei den JH zu passieren und das ist ja schon mal ein Stück auch die mitzunehmen deren Auffassungsgabe nicht so gut ist, auch wenn ich das nicht gut finde was dort vermittelt wird. Ich versteh aber jetzt warum unsere behinderten JZ so hinter dem Glauben stehen und es ihnen nichts ausmacht bei allen möglichen Feiern nicht dabei sein zu können.

      • Liebe Gerda, die Wiederholungen waren mit Sicherheit nicht nur für die behinderten Mitglieder bestimmt. Das war Priming nach Schema F – ganz normale Gehirnwäsche. Abartig daran ist natürlich, dass sie Menschen mit körperlichen Gebrechen falsche Hoffnungen machen – und ihnen damit auch noch unterstellen, es wäre etwas falsch mit ihnen.

      • Nicole

        Ja das war bei uns ebenso. Behinderte Menschen wurden gut in die Gemeinschaft integriert und es gab soweit ich das beurteilen kann keine Berührungsängste.

  2. ich kann mich noch an eine familie in meiner damaligen heimatversammlung erinnern, die einen schwerbehinderten sohn hatte. soweit ich das mitbekommen habe, war der familieninterne umgang mit ihm sehr liebevoll, ebenso wie der umgang der meisten erwachsenen und der kleineren kinder mit ihm. in jedem wachtturmstudium/buchstudium meldete er sich..bei fast jeder frage..und wurde grundsätzlich immer einmal drangenommen. mit strahlenden augen lautete seine antwort dann jedesmal „jehova“ oder „jesus“..völlig unabhängig von der gestellten frage. der leiter des wachtturmstudiums lobte ihn dann regelmässig für seinen kommentar und der rest der truppe nickte aufmunternd in seine richtung. die einzigen, für die dieser junge das ziel hinterhältigen spottes war..waren der sohn des VA und seine clique..pubertierende..pickelickge kleine wichtigtuer wie es sie leider überall..unabhängig von religion oder hautfarbe geben kann

  3. Nacho

    Ich fand das immer sehr schlimm das man geistig behinderten ein ganzes Wochenende Kongress zugemutet hat. Da wurde ja auch viel gelästert. Und vor allem die Eltern die sich dafür aufopfern damit sie die Hoffnung haben das ihr Kind wieder gesund wird, nachdem es gestorben ist. Und ich habe immer bei den Texten alles bunt gemacht. Auch mal Seitenlang nur gelb. Studieren fand ich so oder so immer doof. Hätte lieber was anderes gemacht.

  4. Marcel

    Hi, erstmal vielen Dank für deine Berichte. Ich lese sie nun seit 3 Wochen und bin bisher immer erstaunt gewesen wie stark unsere Erlebnisse übereinstimmen.
    Hier aber sehe ich das du doch ein viel eifrigerer ZJ warst als ich. Bei mir sah es entweder Sonntag morgens 2 Minuten vorm losgehen so aus: Welcher Wachtturm ist heute dran? Ach keine Ahnung und keine Zeit zum nachschauen. Nimm mal den Stapel (3-5 Zeitschriften) da mit, wird schon der richtige dabei sein. Im Idealfall schaute ich mich dann nach dem Lied um und scannte was rausgezogen wurde. Ein bisschen in der Versammlungstasche gewühlt und der richtige war da. Im schlimmsten Fall hatte ich ihn vergessen und dann musste ich mit bei meinem Kumpel reinsehen. Ich konnte das alles auswendig. Es war die langweiligste Zeit meines Lebens. War ich froh als ich endlich Mikro tragen durfte. Es hat mich übrigends niemals jemand wegen meiner mangelnden Vorbereitung angesprochen. Schlechtes gewissen hatte ich aber trotzdem oft.

    • Erstmal danke, dass du regelmäßig mitliest, das freut mich. Mit Sicherheit war ich nicht immer so eifrig und auch nicht ganz freiwillig. Ich wollte ja, dass meine Eltern zufrieden sind. Und es hat auch mit steigendem Alter stark nachgelassen. In den letzten Jahren habe ich mich kaum noch vorbereitet…

      • Rabea

        “ Ich wollte ja, dass meine Eltern zufireden sind.“ Das ist der Satz mit dem ich auch so ziemlich meinen „Aufstieg“ innerhalb der ZJ als Teenie begründen würde….Es ist einem Kind sooo wichtig, dass die eigenen Eltern stolz sind! Meine Einsen in der Schule waren für meine Eltern wertlos, ich sollte ja eh nicht studieren, sondern am besten mal als Sonderpionier ins Ausland gehen wie manch andere Schwestern in der Versammlung (Stichwort: ungeöffnet zurück ;-P) Der Grund für meine Taufe, die ich heute als den größten Fehler meines Lebens betrachte (wäre ich verdammt nochmal ungetaufter Verkündiger geblieben, würde meine Familie wohl noch Kontakt mit mir haben) , war eine Mischung aus Suchen von Anerkennung, als wichtigstes von den eigenen Eltern und dann natürlich auch von den anderen Jugendlichen (Gruppenzwang innerhalb der jungen Leute in der VS empfand ich immer härter als in „der Welt“) der Versammlung. Und nach meinem Austritt dann die Frage meiner Mutter: „Wie kannst du dich jetzt gegen Jehova und deine Familie entscheiden? Du hast dich AUS FREIEN STÜCKEN taufen lassen!“…Soweit es die Gedankenkontrolle, der Gruppenzwang, die Angst vor Satan und co. zuließen….

    • Hihi, das mit dem Stapel Zeitschriften kenne ich auch. Und manchmal, wenn ich nicht „vorstudiert“ hatte, hab ich absichtlich den WT zu Hause vergessen. So ein Ärger, wenn ich das dann im Saal festgestellt hab… ;P

  5. Sandra

    Unsere Katze hat sich gerne beim Bibelstudium auf die Wachttürme gelegt und mit den Stiften gespielt. Super Verbündeter! Kannst ja nicht das Tier wegjagen, also wurde das Studium verschoben, auf den St. Nimmerleinstag.
    Gut fand ich aber, dass ich gelernt habe, korrekt ins Mikrofon zu sprechen (Abstand, Lautstärke). Das ist manchmal nützlich im Leben danach.
    Wir hatten auch einige Behinderte oder Kranke in der Versammlung. 1 Frau ohne rechten Arm, 1 Mann mit gelähmten Arm, mehrere Taubstumme, Depressive, Lernbehinderte. Da waren sehr viele sehr liebevoll (ich wünschte zu mir wäre mal einer so nett gewesen). Die wenigen anderen hatten Berührungsängste, waren aber auch nicht gemein oder so.

  6. Sparlock

    Das Wachturmstudium mit der Familie fand ich immer furchtbar, das zog sich immer ewig hin. Mein Familie hat es i.d.R. Samstagnachmittag gemacht, am morgens in den Dienst, Nachmittags studieren, die Samstage waren echt fürn A****. Als ich dann ein Jugendlicher war, „durfte“ ich ihn dann auch alleine vorstudieren.
    Das lief dann ungefähr so: Frage lese, Absatz überfliegen bis zur Stelle mit der richtigen Antwort, anstreichen (Rest des Absatzes egal), weiter zum Nächsten springen. Nach 15 Min. war ich dann mit dem Blödsinn fertig und es waren sogar die richtigen Antworten angestrichen, aber nach dem Inhalt des Studienartikels hätte man mich vermutlich besser nicht fragen sollen. 😛

    • Erstmal: Danke für deine vielen Kommentare und dass du dich so beherzt beteiligst. Darüber freue ich mich sehr und ich hoffe, du bleibst mir als Leser treu. Deine Methodik habe ich auch nur allzu gern eingesetzt. Bevorzugt, als ich dann Dienst an der Anlage hatten hinten, während des öffentlichen Vortrags 😉

  7. Tabitha

    Wachtturm Studium: als Teene musste ich immer erst studiert haben bevor ich am Samstagabend ausgehen durfte. Also habe ich mich kurz hingesetzt und angemalt. Später, so ein einhalb Jahre bevor ich ausgetreten bin/mit 32 Jahren, habe ich mich wirklich aus Interesse hin gesetzt und kritisch hinterfragt,meist habe ich nichts unterstrichen oder nur mit Bleistift, dann schauten die Nebensitzer immer ganz komisch, vor allem warum musste der Wachtturm so bunt aussehen? Wenn man sich vorbereitet hatte, alles nochmals gelesen wurde, dann wusste man doch schon alles auswendig!!!!!!!

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