Böses Blut

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Als ich noch ein Kind war, noch nicht getauft, trug ich den Kinderausweis1 neben dem Milchgeld im Brustbeutel mit mir herum. Später, nach meiner Taufe, erhielt ich den Ausweis für Erwachsene. Eigentlich musste der noch notariell beglaubigt werden, das ging aber erst mit 18. Ich ließ mich mit 14 taufen. Im Erwachsenen-Ausweis stand viel mehr, die Botschaft beider Ausweise war allerdings identisch: Kein Blut. Wir nannten diese Karte den Blutausweis. So wie alle vorbildlichen Zeugen Jehovas trug ich ihn jedes Mal, wenn ich das Haus verließ. Ich kann nur für mich sprechen, aber für mich stellte er eine Art Talisman dar. Ohne ihn fühlte ich mich nackt. Man hatte mir schließlich suggeriert, meine Eintrittskarte ins Paradies verlöre ihre Gültigkeit, wenn ich Blut zu mir nähme. Egal wie.

Bei uns zu Hause gab es keine Blutwurst. Bei jedem Einkauf wurde darauf geachtet, dass das Fleisch kein Blut enthielt. Auf der Kirmes wurde keine Bratwurst gegessen, weil man nie wissen konnte, von welchem Fleischer sie war. Eine bestimmte Schokoladenmarke wurde boykottiert, weil irgendeine Glaubensschwester irgendwo gelesen hatte, dass Tierblut bei der Herstellung verwendet worden war.

1994 sollten mir die Mandeln entfernt werden. Eigentlich ein Routine-Eingriff, aber theoretisch hätte etwas schief gehen können. Dass bei einer Operation etwas „schief geht“, bedeutet bei Zeugen Jehovas in erster Linie, dass die Blutfrage tangiert wird. In unserer Stadt war kein Arzt bereit, meinen Eltern das Versprechen zu geben, bei Komplikationen auf Blut zu verzichten. Deshalb wurde ich in der Nachbarstadt operiert. Ich wusste, dass meine Eltern mich lieben. Ich wusste auch, dass sie mich sterben lassen würden, wenn es hart auf hart käme. Es gab keine Komplikationen, ich starb nicht.

Im selben Monat veröffentlichte die Wachtturm-Gesellschaft eine Ausgabe der Zeitschrift Erwachet!, auf deren Cover 26 lächelnde Kinder abgebildet waren. Titel der Ausgabe: „Jugendliche, die Gott den Vorrang geben“. Alle 26 abgebildeten Kinder waren tot. Gestorben, weil sie Gott den Vorrang gegeben und eine Bluttransfusion abgelehnt hatten3. Als würde die amerikanische Waffenlobby mit den toten Columbine-Kindern eine Imagekampagne betreiben.

An den Gesetzen und Grundsätzen der Bibel sieht man, was für ein weiser Gesetzgeber und liebender Vater Jehova ist und wie viel ihm daran liegt, dass es seinen Kindern gut geht (Psalm 19:7-11).

Bewahrt euch in Gottes Liebe, Seite 79

Versucht man die Logik hinter dem Standpunkt der Zeugen nachzuvollziehen, riskiert man einen Schlaganfall. In keinem der von der Wachtturm-Gesellschaft als Beleg angeführten Bibeltexte geht es um medizinische Eingriffe, es geht ausschließlich um die orale Zufuhr bluthaltiger Nahrung. Auch ein weiterer Bibeltext wird stolz zweckentfremdet, um zur Feststellung gelangen zu können, dass Blut in Gottes Augen für Leben steht, als beweise das irgendwas. Daraus schließen die Zeugen Jehovas auf ihrer offiziellen Homepage jw.org: „Wir haben also zwei Gründe dafür, dass wir Blut ablehnen: Gehorsam gegenüber Gott und Respekt vor ihm als Lebengeber.“

Zeugen Jehovas wollen nicht sterben. Sie wollen leben. Mein Vater war als Ältester Mitglied im Krankenhausverbindungskomitee. Das KVK wurde gegründet, um Zeugen Jehovas, die einer medizinischen Versorgung bedürfen, beizustehen. Und um aufzupassen, dass sie keine Bluttransfusion erhalten. Zur Not wachen Mitglieder des KVK 24 Stunden am Krankenbett, stellen sicher, dass die Patientenverfügung beachtet wird und reden den Medizinern in ihre Arbeit rein. Die Ältesten im KVK mussten rund um die Uhr erreichbar sein. Hin und wieder kam es vor, dass mein Vater mitten in der Nacht einen Anruf erhielt und in ein Krankenhaus gerufen wurde. Am folgenden Morgen ging er trotzdem zur Arbeit.

Ein Großteil des Auftrags des KVK besteht aber auch darin, die Forschung bezüglich Blutalternativen voranzutreiben. Dazu arbeitet das Komitee weltweit mit Medizinern zusammen. Tatsache ist: Die moderne Medizin verzichtet bei Routineeingriffen immer öfter auf Fremdblut. Niemand zweifelt daran, dass Fremdblut ein (überschaubares) Gesundheitsrisiko darstellt. Jehovas Zeugen sehen dies als Bestätigung dafür, dass sie im Recht sind und Gottes Segen haben. Mit Gottes Segen hat das nichts zu tun. Im 19. Jahrhundert wurde Kokain als Lokalanästhetikum eingesetzt. Zeugen Jehovas dürfen keine Drogen konsumieren. Es ist nicht Gottes Segen, dass Kokain aus der Anästhesie verschwunden ist. Man nennt das medizinischen Fortschritt.

Trotz allen Fortschritts: In Notfällen gibt es nach wie vor keine Alternative zu einer Bluttransfusion. Egal, wie die Zeugen Jehovas es drehen und wenden, Blut rettet in vielen Fällen Leben. Es ist eine Sache, den Wunsch zu äußern, aufgrund religiöser Gründe bei einem Routineeingriff nach Möglichkeit auf eine Bluttransfusion zu verzichten. Eine ganze andere ist es, als Ehepartner, als Vater, als Ältester einer Versammlung auf Ärzte einzuwirken und mit Blutausweisen und Patientenverfügungen herumzuwedeln, während der Ehepartner, das Kind, das Versammlungsmitglied auf dem OP-Tisch verblutet. Wenn eine Glaubensgemeinschaft Millionen investiert, um Beratung zu leisten und Behandlungsalternativen zu erforschen, kann man ihr schwerlich unterstellen, dass sie den Tod dem Leben vorzieht. Man kann ihr aber unterstellen, dass sie ihren Glauben und ihre Prinzipientreue über das Leben stellt.

Zu meiner Zeit wurde man wegen einer freiwilligen Bluttransfusion, die man nicht bereut, ausgeschlossen. Aus rechtlicher Sicht ist das mittlerweile schwierig. Die entsprechende Formulierung wurde im neuen ÄltestenbuchG angepasst: „Willigte jemand in eine Bluttransfusion ein, weil er eventuell unter großem Druck stand, ermittelt das Komitee den Tatbestand und versucht herauszufinden, wie der Betreffende eingestellt ist. (…) Stellt das Komitee jedoch fest, dass der Betreffende reuelos ist, lässt es bekannt geben, dass er die Gemeinschaft verlassen hat.“4 Man wird nicht mehr ausgeschlossen, man wird gegangen.

Dass die Wachtturm-Gesellschaft ihren Standpunkt in der Blutfrage ändern wird, ist letztlich nur eine Frage der Zeit. Bereits heute dürfen Zeugen Jehovas bestimmte Blutbestandteile verabreicht bekommen (aber nur hochgradig verdünnt und niemals Blut als Ganzes). In meiner Kindheit war das noch anders. Der Leitenden Körperschaft bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Die Berichte von meuternden Interessengruppen innerhalb der Organisation, die die Blutfrage abschaffen wollen, mehren sich. Mit Ausschlussverfahren allein wird man diesem Problem nicht beikommen können. Letztendlich hat die Wachtturm-Gesellschaft in ihrer Trial-and-Error-Mentalität in medizinischen Fragen bislang immer eingelenkt.

In den 30er und 40er Jahren waren Zeugen Jehovas Impfungen untersagt, weil irgendwas mit Noah, Gott und die Flut. Dieses Verbot wurde in den 50ern aufgehoben. 1967 veröffentlichten die Zeugen Jehovas ein Verbot von Organtransplantationen als lebensrettende Maßnahme, weil die Transplantation einen Akt des Kannibalismus… Entschuldigung, ich konnte den Satz nicht mehr vollenden, mein Kopf war kurzzeitig geplatzt. Dieses Verbot wurde im Wachtturm vom 15. März 1980 aufgehoben5. Man möchte gar nicht wissen, wie viele treue Mitglieder der Zeugen Jehovas aufgrund dieser willkürlichen Glaubensexperimente unnötig sterben mussten. Sie sind Kollateralschäden des theologischen Blindekuh-Spiels ihrer Leitenden Körperschaft. Eine konservative Schätzung des amerikanischen Bloggers Marvin Shilmer6 geht von mindestens 50.000 Toten seit 1961 aus – allein durch das Verweigern einer Bluttransfusion. Das klingt so abstrakt. Betrachtet man das Titelbild des berüchtigten Mai 1994-Erwachets, bekommt das tragische Ausmaß der Blutfrage 26 Gesichter7.

Manchmal waren das Gesichter, die ich persönlich kannte. Als Ältester wurde mein Vater häufig in andere Versammlungen eingeladen, um Sonntags eine öffentliche Ansprache zu halten. In einer Versammlung beobachtete ich, wie einer der örtlichen Ältesten während der Ansprache meines Vaters eine Nachricht erhielt und hastig aufbrach. Nach der Zusammenkunft erfuhren wir, dass ein Glaubensbruder aus der Nachbarversammlung in einen schweren Unfall verwickelt worden war. Er, Vater von vier oder fünf Kindern, hatte schwerste Verletzungen davongetragen, die Ärzte wollten ihm Blut geben, das KVK hatte eingreifen müssen. Er erhielt keine Bluttransfusion und überlebte.

Einige Jahre später machte sich seine älteste Tochter nach einem Nachmittag im Predigtdienst auf den Nachhauseweg. Aus ungeklärten Gründen kam sie von der Straße ab und fuhr gegen einen Baum. Sie wurde schwerstverletzt geborgen. Ihre Familie und Älteste aus dem KVK begleiteten sie ins Krankenhaus und stellten sicher, dass ihre Gewissensentscheidung, kein Blut zu erhalten, respektiert wurde. Sie starb im Operationssaal.

Diese Geschichte hat keine Pointe.

ANHANG:

1) Abbildung des Kinderausweises (weiter im Text)

2) Abbildung des Erwachsenen-Ausweises (weiter im Text)

3) Zitat aus der Ausgabe: „In alter Zeit waren Tausende von Jugendlichen bereit zu sterben, weil sie Gott den Vorrang gegeben haben. Heute ist es nicht anders, nur spielt sich das Drama in Krankenhäusern und Gerichtssälen ab – es geht um Bluttransfusionen.“ Erwachet!, 22. Mai 1994, englische Ausgabe (weiter im Text)

4) vgl. Gebt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, 1991, Seite 95; Hütet die Herde Gottes, 2010, Seite 111 (weiter im Text)

5) vgl. Das Goldene Zeitalter, 4. Februar 1931, Seite 293; Der Wachtturm, 15. November 1967, Seite 702 (weiter im Text)

6) „A newly published medical study offers opportunity to make a very conservative extrapolation of the number of Jehovah’s Witnesses who have suffered premature death abiding by Watchtower’s blood doctrine.“ (weiter im Text)

6) Anmerkung zu dem Erwachet!-Cover: Gesichert ist, dass die drei groß abgebildeten Jugendlichen an den Folgen einer verweigerten Bluttransfusion starben – ihre Geschichte wird im Magazin erzählt. Ob die im Hintergrund abgebildeten Kinder ebenfalls tot sind oder Stockmaterial entspringen ist mir unbekannt – ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Wachtturm-Gesellschaft mit dem Nutzen der Fotos implizieren möchte, dass sie heldenhaft an den Folgen einer verweigerten Bluttransfusion gestorben sind. So oder so ist das meiner Meinung nach moralisch mindestens fragwürdig. (weiter im Text)

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Dämonen

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Ich hasse Achterbahnen. Wenn es sich vermeiden lässt, springe ich weder mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug noch an einem Seil von einer Brücke. Horrorfilme müssen auch nicht sein. Ich habe gern meine Ruhe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die regelmäßig einen positiven Erregungsgipfel, sprich: einen Kick suchen. Viele Menschen lieben den Adrenalinstoß. Nicht umsonst nennt man wagemutige Menschen häufig Adrenalinjunkies. Das ist überhaupt nicht meins.

Vor allem Geisterbahnen habe ich nie gemocht. Ich lebte ja in einer. Die schaurigste Bibelgeschichte, die ich je las, war die von dem Mann im Land der Gerasẹner. Ich kannte sie aus einer Artikelreihe im WachtturmG, in der das Leben und Wirken Jesu Christi kindgerecht aufgearbeitet wurde. In einer Folge ging es um einen armen Teufel, der Tag für Tag durch die Grüfte irrte, nackt und von Sinnen. Die Anwohner versuchten ihn zu fesseln, doch seine übermenschlichen Kräfte sprengten jede Kette. Nachts fiel er durch sein Geschrei und sein autoaggressives Verhalten auf. Der Mann war gleich von einer ganzen Horde Dämonen besessen, die sich „Legion“ nannte und ihn tagein, tagaus quälte. Als Jesus auf ihn traf, bekamen es die Dämonen mit der Angst zu tun. Sie baten Jesus, sie nicht zu vertreiben. Was natürlich ein Dilemma war, weil Jesus sie ja schlecht in dem Mann lassen konnte, schließlich waren Dämonen Feinde. Die Dämonenbande schlug einen Kompromiss vor: In der Nähe weidete eine große Herde Schweine. Jesus möge die Dämonen von ihnen Besitz ergreifen lassen. Jesus dachte kurz nach. Es war das Jahr 1 nach Christus. Es würde noch knapp 1979 Jahre dauern, bis PETA auftauchte. Bis dahin wäre er längst weg. Was soll’s, dachte Jesus. Er schlug ein. Die Dämonen verließen den Mann, fuhren in die Schweine und trieben alle zweitausend dazu, sich von den nahen Klippen ins Meer zu stürzen. Wie es im Markus-Evangelium so schön heißt: „Und sie, eines nach dem anderen, ertranken im Meer.“1

Solche Geschichten bekam man als Kind bei den Zeugen Jehovas regelmäßig zu hören. Satan und seine Dämonen sind das liebste Schreckgespenst der Zeugen Jehovas. Man muss als Christ höllisch aufpassen, sie lauern überall. Man wusste nie so recht, wann und hinter welcher Ecke der nächste Dämon auftauchen würde. Und wenn man erstmal einen im Haus hatte, wurde man den so schnell nicht wieder los. Man brachte mir bei: Religiösen Aberglauben gibt es bei den Zeugen Jehovas nicht. Abergläubisch sind nur die anderen, die von den falschen Religionen. Man brachte mir auch bei, dass es wichtig war, gewisse Dinge, Orte, Handlungen zu vermeiden. Allem, was „spiritistisch“ sein könnte, aus dem Weg zu gehen, weil solche Dinge, Orte und Handlungen Portale in die Welt der Dämonen waren. Solch ein Portal wollte man einfach nicht öffnen. Alles konnte ein Portal sein. Von Offensichtlichem wie einer Geisterbeschwörung mittels eines Ouija-Brettes bis hin zu etwas Banalem: Ein Lied, ein Film, ein Buch.

Man musste ständig auf der Hut sein, die Gefahr drohte überall. Unter den BrüdernG und Schwestern kursierten die aberwitzigsten Geschichten. Irgendwer kannte immer irgendwen, der irgendetwas „spiritistisches“ erlebt hatte. Ein Bruder habe sich ein Stephen King-Buch gekauft und Nachts habe das Licht geflackert. Im PredigtdienstG sei man im Haus einer Wahrsagerin gelandet und als man die Bibel aus der Tasche geholt habe, sei ein Wind durch die geschlossenen Räume gerauscht. Wiederholt wurde mir abgeraten, etwas auf dem Flohmarkt zu kaufen, schließlich kannte ich die Quelle nicht, ich könnte mir unfreiwillig die Dämonen ins Haus holen. Auf keinen Fall solle man Filme wie Das Omen, Rosemaries Baby oder Der Exorzist gucken, man fordere ja das Schicksal geradezu heraus, H.P. Lovecraft gehe gar nicht, John Sinclair auch nicht und die Lektüre von Tolkien sei nicht etwas, worüber man öffentlich sprach. Chris de Burgh habe anwesende Zeugen Jehovas aufgefordert, den Konzertsaal zu verlassen, damit er seine Gitarre von Geisterhand spielen lassen konnte. Die Geschichten waren Legion, die Pointe immer dieselbe: Die Dämonen warteten nur darauf, uns zu quälen und eigentlich hatten wir keine Chance.

Angst ist der Eckpfeiler der Zeugen Jehovas-Lehre. Die Angst vor HarmagedonG, vor einem schlechten Gewissen, vor einem allsehenden Gott, vor Dämonen. All das hält einen Zeugen auf Trab. Die Angst davor, Gott zu enttäuschen, das ParadiesG zu verpassen, sich einen Dämonen einzufangen ist der ständige Begleiter der meisten Zeugen Jehovas.

Das ist so gewollt. Der amerikanische Pädagoge Steven Hassan entwickelte das BITE-Modell, anhand dessen sich das Gefahrenpotenzial einer Gruppierung einschätzen lässt. BITE steht für „Behavior-, Information-, Thought- und Emotional-Control“2. Den Mitgliedern Angst einzuflößen ist ein integraler Bestandteil der Gefühlskontrolle, die die Zeugen Jehovas ausüben. Schlagworte wie „Satan“, „Gefahr“, „Teufel“, „Böse“, „Dämonen“ oder „Sünde“ tauchen in fast jeder Wachtturm-Publikation auf. In einem ironischerweise Bewahrt euch in Gottes Liebe betitelten, 2008 erschienen Buch kommt das Wort „Satan“ 88 Mal vor, das Wort „Teufel“ 39 Mal. Eine ständige akute Bedrohungslage. Das Gefühl zwischen zwei Loopings. Während das Flugzeug startet. Bevor der Serienkiller sich offenbart. Ein Leben unterlegt mit der Musik aus Psycho. In Dauerschleife.

Manchmal frage ich mich, wie die Ältesten der Zeugen Jehovas mit einem Glaubensmitglied umgehen, das von den Symptomen einer Wahnvorstellung oder einer Psychose berichtet. Ich will gar nicht wissen, wie vielen Zeugen Jehovas medizinische und therapeutische Hilfe verwehrt blieb, weil man ihnen fälschlicherweise Dämonen andichtete. Zu meiner Zeit machte man keine Therapien. Ein Ältester sagte einmal in einem Vortrag: Kein Psychiater kann etwas, was nicht auch ein gutes Gebet hinbekommt.

Auch nach meinem Ausstieg verfolgte mich die Angst vor den Dämonen. Es fiel mir schwer, Filme wie Das Omen, Rosemaries Baby oder Der Exorzist zu gucken. Nachdem ich den Trailer vom ersten Paranormal Activity-Film gesehen hatte, musste ich beim Einschlafen monatelang eine Friends-DVD laufen lassen, weil ich Panikattacken hatte, wenn ich im Dunkeln allein im Bett lag. Ich sah Dinge. Dinge, die nicht da waren3. Psychologen diagnostizieren bei ehemaligen Sektenmitgliedern immer häufiger eine Posttraumatische Belastungsstörung. Man muss kein Psychologe sein, um das nachvollziehen zu können. Stress in Maßen ist gesund. Er stärkt uns, durch die Belastung entwickeln wir uns weiter. Auf Dauer jedoch zermürbt einen das Adrenalin wie jedes andere Suchtmittel4.

Nichts fürchtet die Angst mehr als die richtigen Fragen, sagt man. Jahrelang stellte ich mir dummerweise die falsche, nämlich, ob es Dämonen gibt (als Atheist ist die Frage eigentlich hinfällig, aber Ängste sind selten logisch). Dabei war die richtige Frage eigentlich eine andere:

Wer sagt denn, dass Dämonen böse sind?

Der Witz ist ja: Ich kannte immer nur eine Version der Geschichte. Die eine Seite. Man hatte mir gesagt, dass Dämonen böse sind und dass sie Gefallen daran finden, wenn wir böse Dinge tun. Als ich endlich die richtige Frage stellte, sah ich die die riesengroße Handlungslücke. Wenn Dämonen sich freuen, wenn wir böse Dinge tun und uns gegen Gott wenden, warum sollten sie uns dann quälen? Dann sollten sie auf uns aufpassen. Schließlich sind wir dann auf ihrer Seite. Das Wort Dämon hat interessanterweise einen durchaus positiven Ursprung. Erst durch die Christen bekam das Wort die Bedeutung, die wir heute kennen. Und plötzlich, von einem Tag zum Nächsten, war die Angst vielleicht nicht weg, aber unscheinbarer geworden. Der Gast am Tresen, der immer da ist, aber nicht mehr auffällt. Nichts fürchtet die Angst mehr als die richtige Fragen, sagt man. Man muss sie nur zu stellen wissen.

Jetzt weiß ich: Ich hatte nie Angst vor Dämonen. Ich hatte Angst vor der Angst vor Dämonen. In meinen guten Momenten, wenn ich ganz bei mir bin, frei von der Vergangenheit, weiß ich, dass es nichts böses Übernatürliches gibt. Für alles gibt es eine Erklärung. Wenn es keine Erklärung gibt, dann nur, weil wir es noch nicht verstehen. Was wir nicht verstehen, muss uns aber keine Angst machen. Ich gucke jetzt wieder häufiger Horrorfilme. Ich habe verstanden, dass Angst manchmal auch Spaß machen kann. Die Dinge haben nur die Macht, die man ihnen selbst verleiht.

Und überhaupt: Vielleicht sollte sich dieser Jehova mal Gedanken machen. Es läuft doch gehörig etwas schief, wenn man sich lieber mit seiner größten Angst einlässt, statt sich in seiner Liebe zu bewahren.

ANHANG:
1) vgl. Die Bibel, Markus 5:1-13 (weiter im Text)
2) Verhaltens-, Informations-, Gedanken- und Gefühlskontrolle (weiter im Text)
3) Das hypnagoge Stadium ist eine Phase des Schlafes, in der das volle Bewusstsein noch vorhanden ist, aber durch kurze, oft bloß sekundenlange Traumstadien unterbrochen wird. Was dazu führt, dass man Dinge zu sehen oder hören meint, die gar nicht da sind. Die Traumsequenz vermischt sich mit der realen Umgebung und führt zu einer Sinnestäuschung, die sehr real wirkt, und Ängste, gar eine Panik auslösen kann. (weiter im Text)
4) vgl. Warum wir den Druck brauchen, Eva-Maria Träger, Tagespiegel, 20. April 2013 (weiter im Text)

Battle Royale

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Das sonntägliche, öffentliche Studium der Zeitschrift Wachtturm im örtlichen Königreichssaal war zu meiner Zeit eine der eigenartigeren ZusammenkünfteG der Zeugen Jehovas. In Vorbereitung las man zu Hause den aktuellen Studienartikel Absatz für Absatz und strich die Stellen an, die die jeweilige Frage beantworteten. Am Sonntag dann las ein Glaubensbruder auf der Bühne einen Absatz vor. Danach stellte der Studienleiter die vorgegebene Frage ans Publikum. Und ein Zuhörer zitierte dann die entsprechende Stelle im Absatz, die buchstäblich keine 30 Sekunden zuvor grad erst vorgelesen worden war. Ein theologischer Idiotentest.

In jedem Absatz wurde dann noch mindestens eine erwähnte Bibelstelle abgefragt, bevor sich der ganze Zirkus im nächsten Absatz wiederholte, bis man alle 20-25 Absätze durchgekaut hatte. Am Schluss wurden die wichtigsten Lektionen nocheinmal zusammengefasst wiederholt. Dann durften wir nach Hause. Das machten wir jeden Sonntag. Der wenigste Spaß, den man mit mehreren Menschen haben konnte.

Das Wachtturm-Studium war ein fester Teil unseres Familienlebens. Zum einen, weil wir jeden Sonntag in den KönigreichssaalG gingen. Zum anderen, weil wir uns selbstverständlich als Familie auf das Wachtturm-Studium vorbereiteten. Bis in meine späte Jugend nahm ich so jeden Studienartikel mindestens zwei Mal durch. „Mindestens“ deshalb, weil selbstverständlich erwartet wurde, dass man die komplette Wachtturm-Ausgabe bei Erscheinen bereits einmal durchgelesen hatte. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das je gemacht hätte.

Wenn Familienstudienabend war, setzten wir uns ins Wohnzimmer. Mein Vater sprach ein Gebet (Frauen durften in Anwesenheit eines getauften Mannes nicht öffentlich beten, weil sonst das Universum hart explodiert wäre), dann ging der oben beschriebene Wahnsinn im kleinen Rahmen los. Sobald mein Geschwisterchen und ich das Lesen gelernt hatten, durfte jedes Familienmitglied reihum einen Absatz vortragen. Mein Vater stellte die Frage, einer von uns antwortete. Anfangs genügte es meinen Eltern, wenn wir einfach die richtige Stelle Wort für Wort vorlasen. Je älter wir wurden, desto mehr wurde von uns jedoch erwartet, dass wir die Lösung in eigenen Worten wiedergaben. Was nichts anderes hieß, als dass man mit der Zeit wohl oder übel zum menschlichen Thesaurus wurde; man ersetzte hier ein Wort, ließ da eins aus oder würfelte kreativ den Satzbau durcheinanander, gerne bis zur völligen Sinnentstellung. Im Anschluss dann strich man die entsprechende Stelle an. Fertig war die Laube.

Als ich noch klein war, strich ich einfach irgendetwas an. Meistens spickte ich bei meinen Eltern. Oder ich unterstrich eines der Wörter, das ich am schönsten fand. Hauptsache bunt. Wir waren eine Stabilo-Familie. Mein Vater besaß ein ganzes Arsenal an Stabilo-Produkten, vom Stabilo Boss bis zum Stabilo Point. Mit dem Stabilo Boss strich er die Stellen im Absatz an, gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Mit einem schwarzen Stabilo Point notierte er dann noch die Bibeltexte am Seitenrand. Gideons Familie hingegen vertraute in der Regel auf Faber-Castell Textliner 48 in Rot und Gelb zum Unterstreichen der Antworten und Rotring Fineliner für die Bibeltexte.

Ich war schon immer sehr faul. In der Schule wie im Alltag. Zum Zimmeraufräumen musste ich genötigt werden, das Hausaufgabenmachen ließ ich irgendwann gänzlich bleiben und von meiner anfänglichen Euphorie, meinen Wachtturm bunt anzumalen, blieb mit dem Älterwerden nicht mehr viel übrig. Bis ich eines Tages während des Wachtturm-Studiums neben Gideon saß.

Ich schaute nach links. Gideon hatte fein säuberlich mit einem Lineal und seinem Fineliner alle Zeilen unterstrichen und einzelne Stichpunkte zu den Bibeltexten in den Rand geschrieben. Ich schaute auf meinen Wachtturm. Er war in meiner Tasche durch die hektisch drauf geworfene Bibel zerknickt worden; überall an den Rändern waren Spuren meiner Fettfinger zu sehen. Und in einem Anflug akuter Indisponiertheit während des Familienstudiums hatte ich relativ lieblos mit einem Bleistift Linien unter die Textstellen gemalt. Nicht nur schienen die Linien direkt dem Lügendetektortest eines Baron Münchhausens entnommen worden zu sein, sie waren auch noch an den falschen Stellen. Ich hatte einfach irgendetwas markiert. Der Jesus-Zeichnung hatte ich eine Sonnenbrille gespendet. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich noch anmerken, dass ich immerhin so viel LangeweileMotivation besessen hatte, jede einzelne Buchstabenpunze schwarz auszumalen. Meine Zeugen-Jehovas-Laufbahn war schon immer mehr Schein als Sein gewesen.

Hämisch grinste Gideon zu mir rüber. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. In der nächsten Woche hatte ich analog zu meinem Vater alle Antworten mit einem Stabilo Boss markiert – gelb für Antwort a), pink für Antwort b). Außerdem hatte ich jeden Bibeltext Wort für Wort in den Seitenrand geschrieben.

Kleinlaut biss Gideon sich auf die Lippen. Das hatte er nicht erwartet. Ich wusste, die Replik würde nicht lange auf sich warten lassen. Bereits am folgenden Sonntag schlug er zurück. Seine Antworten waren jetzt auch farblich hinterlegt. Zusätzlich hatte er die farbigen Balken mit einem Fineliner umrandet, alle Bibeltexte in den Seitenrand geschrieben und Zitate aus Sekundärliteratur der Zeugen recherchiert. Mein Kampfgeist war geweckt.

Am Montag darauf klaute ich meinem Vater einen blauen Stabilo Boss. Ergänzend zu den richtigen Antworten hinterlegte ich nun in jedem Absatz auch ein paar weitere Zeilen mit Stellen farbig, die ich bemerkenswert fand. Die aufgeschriebenen Bibeltexte verband ich mit Pfeilen mit ihrer Quelle im Absatz, als hätte ein Kaugummi-Automat eine Mindmap entworfen. Auch die Fragen kennzeichnete ich farbig, um sie besser zuordnen zu können. Ich konnte so gut wie nichts mehr erkennen, zumal ich die Farben so dick aufgetragen hatte, dass sie auf der Rückseite durchschimmerten, so dass mein Wachtturm wie ein Monet aussah. Aus seiner blinden Phase. Aber das war nebensächlich. Es gab eine Schlacht zu gewinnen.

Gideon sagte nichts. Aber innerlich tobte er, das spürte ich. Und ich, ich genoss den Triumph.

Der Wahnsinn ging noch ein paar Monate weiter, bis mit der Zeit alles farblich markiert und auführlich notiert war, was einem Buchstaben auch nur annähernd ähnlich sah. Wir hätten auch einfach das Fernseh-Testbild ausdrucken können, den Unterschied hätte niemand bemerkt. Das war kein Wachtturm-Studium mehr, das war ein Holi-Festival.

Irgendwann ließ mein Enthusiasmus nach. Unsere Farbenschlacht langweilte mich. Zuerst verschwanden die Pfeile, dann die notierten Bibeltexte, dann die Farben, bis ich irgendwann zum Bleistift zurückkehrte – wenn ich mich überhaupt vorbereitete. Gideon jedoch machte weiter. Gideon hatte gewonnen. Nichts hätte mir egaler sein können.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass es eine Korrelation gab zwischen meinem steigenden Desinteresse und meinen ersten, wachsenden Zweifeln an einem Leben bei den Zeugen Jehovas.

Darth Vader vs. Captain Kirk

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In unserer VersammlungG gab es einen Bruder, der sich großer Beliebtheit bei uns Kindern erfreute. Nach den ZusammenkünftenG scharten wir uns um ihn und beobachteten fasziniert, wie er Bilder zeichnete. Egal, was wir uns wünschten, er zeichnete es uns. Außerdem hatte er die größte Videocassetten-Sammlung, die ich je gesehen hatte. Chuck Norris, Michael Dudikoff, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Silvester Stallone, Dolph Lundgren, Jean-Claude Van Damme – die Helden der 80er und 90er hatten einen festen Wohnsitz in seinem Zuhause. Wenn wir einen bestimmten Film haben wollten, er konnte ihn besorgen, natürlich heimlich, ohne, dass unsere Eltern etwas erfuhren. Das gleiche galt für Musik. Die geliebte Kassette, auf der „The final Countdown“ von Europe drauf war, die hatte ich von ihm. Irgendwann war er nicht mehr in unserer Versammlung. Bei den Eltern und bei den ÄltestenG war er nicht ganz so beliebt. Ich weiß bis heute nicht, was eigentlich aus ihm geworden ist.

In einer Vertretungsstunde an meiner Schule schob meine Lehrerin einen Fernseher samt Videorecorder in den Klassenraum und zeigte uns den Kassenerfolg des vergangenen Jahres, „Der bewegte Mann“. Als meine Eltern davon erfuhren, beschwerten sie sich erbost bei meiner Klassenlehrerin, weil ihr Sohn homosexueller Propaganda ausgesetzt worden war. Sie waren übrigens nicht die einzigen Eltern, die sich beschwerten. Es waren die 90er in der deutschen Provinz.

Das sagenumwobene ÄltestenbuchG der Zeugen Jehovas zählt auch in der aktualisierten Ausgabe von 2010 zahlreiche Missetaten auf, die absolute No-Gos sind und die Bildung eines Rechtskomitees erfordern. Dazu zählen Trunkenheit, Totschlag, den natürlichen sowie den widernatürlichen unsittlichen Gebrauch der Genitalien in unzüchtiger Absicht, Bluttransfusionen, das Begehen von Feiertagen der falschen Religion, extreme Unsauberkeit, Tabakmissbrauch, Umgang mit einem Ausgeschlossenen, mit dem man nicht verwandt ist, etc.

Alles andere ist die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Die Zeugen Jehovas nennen diesen persönlichen Ermessensspielraum das „biblisch geschulte Gewissen“. Dieses Gewissen kommt immer dann zum Tragen, wenn es sich beim Sachverhalt um eine Grauzone handelt. Bei den Zeugen Jehovas gibt es unzählige Grauzonen. Die vermutlich größte ist die Frage, wie man seine Freizeit gestalten darf. Die Frage, welche Filme man schauen, welche Musik man hören und welche Hobbies man haben darf, ist Inhalt endloser Diskussionen.

Es gibt keinen offiziellen Index. Die Leitende KörperschaftG schreibt niemandem vor, welche Filme man schauen, welche Musik man hören und welche Hobbies man haben darf. Das müssen sie auch nicht, weil der durchschnittliche Zeuge Jehovas entsprechend konditioniert ist. Diese Konditionierung nennt man das „biblisch geschulte Gewissen“. Als ZJ weiß man, was geht und was nicht. Geschult wird das persönliche Gewissen von der Leitenden Körperschaft, die es selten an dann doch recht eindeutigen Zweideutigkeiten mangeln lässt.

In der Bibel wird uns nicht ausdrücklich untersagt, Filme oder Sendungen anzusehen, in denen brutale Gewalt oder Unmoral gezeigt wird. Aber brauchen wir dafür wirklich eigens ein Verbot? Wir wissen auch so, wie Jehova darüber denkt, denn in seinem Wort heißt es klipp und klar: „Jeden, der Gewalttat liebt, hasst SEINE [Jehovas] Seele gewiss“ (Psalm 11:5). Und: „Gott wird Hurer und Ehebrecher richten“ (Hebräer 13:4). Wenn wir uns über diese Worte Gedanken machen, wird uns deutlich bewusst, „was der Wille Jehovas ist“. Deshalb kommt es für uns gar nicht infrage, Filme anzuschauen, in denen plastisch dargestellt wird, was Gott hasst. Und wir wissen: Jehova freut sich, wenn wir uns von dem Morast der Unmoral fernhalten, den uns die Welt als harmlose Unterhaltung verkaufen will.

– Bewahrt euch in Gottes Liebe, Wachtturm-Gesellschaft, Seite 9

Denk nicht, es würde keine große Rolle spielen, was für Spielfilme oder Fernsehsendungen du dir anschaust. Warum ist das nicht egal? Weil die Wahl der Unterhaltung ein Fenster zu deinem Herzen ist. Man erkennt daran, welche Werte dir wichtig sind (Lukas 6:45). Deine Wahl verrät viel darüber, was für Freunde du dir wünschst und was für eine Sprache oder Moral du tolerierst. Sei also wählerisch!

– Fragen junger Leute – Praktische Antworten, Band 2, Wachtturm-Gesellschaft, Seite 269

Wählerisch sein zu sollen, bedeutet ja auch, dass man eine Wahl hat. Das ist gut. Wer jetzt also als junger Zeuge Jehovas dachte: „Mensch, ist ja halb so schlimm, ist ja relativ entspannt, das Ganze, solange mein Gewissen das erlaubt, ist alles paletti“, nun, der sah sich dann mit dieser Belehrung konfrontiert:

Vor allem müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir uns nicht immer auf unser Gewissen verlassen können. (…) Wenn wir also bei einer bestimmten Art der Unterhaltung kein schlechtes Gewissen haben, ist das nicht unbedingt eine Garantie dafür, dass wir richtig handeln. Sicher führen kann uns nur ein durch Gottes Wort richtig geschultes Gewissen.

– Wachtturm, 15. Februar 2004, Seiten 19-20

Das sind sehr gute Beispiele für die eigenartige Rhetorik der Zeugen Jehovas. Ich nenne sie den vereinnahmenden Imperativ. Das „wir“ gewinnt. Die Leitende Körperschaft muss gar nicht alles bis ins kleinste Detail festlegen – der gute Zeuge Jehovas weiß, was Gott (lies: die Leitende Körperschaft) von ihm erwartet. Der Diplompsychologe Manfred Neumann sagt dazu:

Das Perfide an dieser Vorgehensweise ist, daß (…) nicht direkt gesagt wird, wie er sich verhalten soll… Das Stichwort „biblisch geschultes Gewissen“ ist ein Codewort für die Regeln der Gruppe. Auf diese Weise vermeidet sie es, das gewünschte Handlungsmuster zu benennen, vielmehr überläßt sie dies dem Einsteiger selber. So bekommt er das Gefühl, selbstverantwortlich zu handeln, und die Gruppe kann im Konfliktfall immer sagen, sie habe ein derartiges Handeln nicht gemeint und nicht gefordert.

Dieses vorgetäuschte selbstverantwortliche Handeln ist nicht immer einfach. Im Erwachet stand einmal etwas über die New Age-Bewegung. Neben der Behauptung, mit New Age hole man sich Dämonen ins Haus, lieferte die Zeitschrifte noch eine Liste der wichtigsten Merkmale, an denen man New-Age-ifizierte Dinge erkennen konnte. Und so wurde aus einem Video-Nachmittag mit einer befreundeten Zeugen Jehovas-Familie kein Video-Nachmittag mit einer befreundeten Zeugen Jehovas-Familie, weil nach Ansicht meiner Eltern der Disney Film Hook ein New Age-Propagandastreifen war. Der Film Perfect World löste in unserer Versammlung hitzige Debatten aus. Die einen meinten, man dürfe ihn nicht sehen, weil er die Zeugen Jehovas in einem schlechten Licht darstelle. Ebendrum müsse man ihn sehen, meinten die anderen, um im Predigtdienst entsprechend reagieren zu können.

Natürlich gibt es Bands oder Filme, bei denen keinerlei Zweifel bestehen, das sie für Zeugen Jehovas nicht geeignet sind. Diese schaffen es dann sogar auch mal in die Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft, sei es durch die eindeutige Beschreibung von Szenen oder Songtexten, oder gar durch eine namentliche Erwähnung. Basic Instinct und Harry Potter sind sehr prominente Beispiele. Dann wird vermieden, was das Zeug hält. Zuletzt erlebte der Film Krabat dank der Zeugen Jehovas eine mediale Renaissance1.

Ansonsten ist natürlich alles Gewissenssache. Das Problem daran ist, dass man als junger Zeuge Jehovas nie so wirklich wusste, woran man war. Dieses Rumgeeiere führte dazu, dass man, wenn man nicht aufpasste, innerhalb seiner Versammlung blitzschnell wahlweise als unerträglicher Eiferer und Spießer oder als Schlechte GesellschaftG gebrandmarkt war, weil das persönliche Gewissen mit dem der anderen kollidierte. Grauzonen habe ich bei den Zeugen Jehovas immer als sehr relativ erlebt. Es gab ein spürbares globales Gewissen, was den Einzelnen im Streitfall zur kollektiven Verfügungsmasse machte. Da konnte man gar nicht so schnell gucken wie man einen Hirtenbesuch an der Backe hatte.

Aber natürlich reizten wir Zeugen-Jehovas-Jugendlichen den uns gebotenen Spielraum so weit wie möglich aus. Wir lernten, die Grenzen unserer christlich geschulten Gewissen mit jedem Film, jedem Album neu auszuloten. Man entwickelte ein Gespür dafür, mit welchem Ältesten oder Bruder oder Schwester man über diesen Film sprechen oder jenen Film nicht sprechen durfte. Irgendwann wusste man, in welchen Gruppenkonstellationen man worüber reden konnte; mit wem es besser war, den eifrigen ZJ heraushängen zu lassen und wann man so sein konnte, wie man wirklich wollte.

Trotzdem kam es immer wieder zu völlig absurden Diskussionen wie dieser:

„Schaust du auch Star Trek?“, fragte der Bruder mich, als wir im Predigtdienst waren.

„Ich bin mehr so der Star Wars-Typ“, antwortete ich.

„Star Wars? Das ist dämonisch.“

„Quatsch.“

„Doch, doch. Die können doch zaubern. Mit der Macht. Dinge bewegen und so.“

„Star Wars ist ein Science Fiction-Märchen, das darf man nicht so ernst nehmen. Du hast doch als Kind auch Grimms Märchen gelesen.“

„Nee, durfte ich nicht. Das ist auch dämonisch.“

„Quatsch. Meine Eltern haben mir selber ein Buch der Gebrüder Grimm geschenkt. Mein Vater ist Ältester, der wird mir wohl nichts dämonisches schenken. Er findet Star Wars auch ok.“

„Hm.“

„Außerdem, bei Star Trek und so, da gibt’s auch so Monster und Aliens. Könnte auch dämonisch sein.“

„Nee! Star Trek ist hochwissenschaftlich. Der Warpantrieb zum Beispiel ist unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Ganz anders als die Macht. Das habe ich nachgelesen.“

„Wo hast du das bitte nachgelesen?“

„In der P.M.“

Und so weiter und so fort. Solche Unterhaltungen gab es ständig.

Ein bisschen ist das natürlich auch George Lucas‘ Schuld. Wäre er schon damals mit der Wahrheit über die Macht und die Midi-Chlorianer2 rausgerückt, dass die Macht letztendlich eine Art chemische Reaktion ist, wäre mir so manche Diskussion erspart geblieben.

ANHANG:
1) Die Zeugen Jehovas und der Film Krabat (weiter im Text)
2) Die Macht und die Midi-Chlorianer