Moriah

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Wir hatten keinen Bunker im Keller. Keinen Bunker und keine Vorräte darin, kein eingelegtes Obst und kein Gemüse, keine Dosen für drei Monate, keine Marmelade, kein Zwieback, keine Kerzen, keine Matratze, kein Radio, kein Funkgerät, keine Comics und keine Bücher, keinen Campingkocher und auch keinen Dosenöffner. Im Keller stand Gerümpel, mein Fahrrad, ein altes Möbel. Da war kein Platz, um Schutz zu suchen.

„Warum haben wir keinen Bunker?“, fragte ich meinen Vater.

„Warum sollten wir einen Bunker haben?“, entgegnete er verblüfft.

„Für HarmagedonG„, antwortete ich. Er lachte.

„So funktioniert das nicht.“

„Aber, was wird denn jetzt genau in Harmagedon passieren?“

„Wir müssen einfach auf Jehova vertrauen. Du musst auf Jehova vertrauen.“

„Aber wo gehen wir hin, wenn Harmagedon kommt?“

„JehovaG wird auf sein Volk aufpassen. Vermutlich treffen wir uns mit den anderen Brüdern und Schwestern im Königreichssaal. Und dann wird uns der Treue Und Verständige SklaveG wissen lassen, was Jehova mit uns vorhat.“

Ich kannte den KönigreichssaalG in und auswendig. Da gab es keine Dosen, keinen Zwieback, keinen Campingkocher. Auch keine Comics. Nur Bibeln, Wachttürme und Erwachets. Und Backsteine. Überhaupt nicht so wie ein Bunker. Ich hatte so meine Zweifel.

Als ich ein Kind war, fürchtete ich mich noch nicht so recht vor den Konsequenzen eines Harmagedons. Meine Eltern versicherten mir, dass wir auf der guten Seite waren. Ich glaubte ihnen. Für mich war das ein Spiel. Welches Kind findet einen Bunker voller Vorräte nicht spannend?

Bloß, dass es kein Spiel war. Es war blutiger, verdammt blutiger Ernst. Ich habe es zu meinem Spiel gemacht. Mir sind Pläne wichtig. Schon immer wollte ich in jeder erdenklichen Situation wissen, woran ich bin. Das Ungewisse ist das, was mir am meisten Sorge bereitet. Deshalb hatte ich nie Angst vor dem Tod. Die Zeugen Jehovas glauben nicht an die Hölle. Tot ist tot. Das war, keine Frage, beruhigend.

Ich hatte eine ungefähre Vorstellung, wie dieses Harmagedon aussehen könnte. Ein Bunker, da war ich mir sicher, wäre hilfreich.

Ich weiß jetzt, dass es nicht etwa der Umstand ist, dass ich im Wasser nicht sehen kann, was unter mir ist, der mir Beklemmungen bereitet. Es ist das unumstößliche Wissen, dass ich in diesem Medium im Nachteil bin, was auch passiert.

Meike Lobo

Harmagedon lernte ich erstmals bewusst kennen, als meine Eltern mir Mein Buch mit biblischen Geschichten schenkten, dass die Wachtturm-Gesellschaft und die Zeugen Jehovas für Kinder herausgegeben hat. In Geschichte 114 las ich, dass Gott eines Tages alles Schlimme vernichten wird, alle seine Feinde und alle bösen Menschen. So wie er es bereits, das wurde zur Sicherheit wiederholt, falls man es vergessen hatte, mit der gesamten Menschheit in der Sintflut, mit Sodom und Gomorrah, mit den Ägyptern im Roten Meer und sogar mit seinem eigenen Volk durch die Babylonier gemacht hatte. Dieser Gott kannte keinen Spaß und sein Tag würde kommen. Dieser Tag heißt Harmagedon. Auf einer Zeichnung war Jesus Christus zu sehen, der samt seiner Kavallerie aus einer rot leuchtenden Gewitterwolke heraus in die Schlacht reitet.

Jedes Kind hat Angst vor Gewitter. Die meisten, die ich kannte, fürchteten den Blitz. Ich fürchtete das Donnergrollen. Das war die Stimme Gottes. So wie sie die Menschheit in Harmagedon zu hören bekommen sollte. Nur mal tausend. Ich hoffte, dass meine Eltern recht hatten. Dass wir wirklich auf der guten Seite waren. Ich war mir nicht sicher, ob es in Harmagedon sonst reichen würde, zu meinen Eltern in die Besucherritze zu schlüpfen.

Es würde krass werden, soviel war klar. Ein Gewitter würde dabei sein, logisch, und viele Blitze und Feuer und Explosionen. Häuser würden brennen, und der Himmel auch. Menschen würden weinen und schreien und fluchen. Die Erde würde sich auftun und alles verschlucken. Und mitten durch das ganze Chaos würden wir Zeugen Jehovas laufen, beschützt, unberührt von dem Ganzen, auf dem Weg ins Paradies, Königreichslieder singend. Das wusste ich, weil ich das in den Bildern gesehen hatte, in den Bildern1 in den ZJ-Büchern für Erwachsene, die wir Kinder aber auch studieren sollten. Da war viel Grausliches zu sehen, sterbende Menschen, brennende Horizonte, aufbrechende Erdböden, und mittendrin immer: Stumpf grinsende, wohlfrisierte, gutgekleidete Menschen.

Ganz schnell wird man euphorisch… Gefügig… Akzeptiert sein Schicksal… Steht alles hier… Ausdruckslose Gesichter! Gelassen wie Hindu-Kühe…

– Tyler Durden in Fight Club

Wenn ich meine Eltern darauf ansprach, sagten sie mir: Das ist bloß eine Künstlervorstellung von Harmagedon. Niemand weiß, wie es wirklich wird. Und wieder: Ungewissheit. Mit einem Bunker weiß man, woran man ist. Mit Königreichsliedern nicht.

Die Zeugen Jehovas glauben nicht an den Weltuntergang. Sie glauben an Weltoptimierung. Die Erde wird nicht untergehen, sie erhält bloß ein Update. Die Zeugen Jehovas glauben aufgrund der Bibel, dass Jehova Gott sehr bald die Welt durch einen theokratischenG Holocaust befrieden wird. Alles, was böse ist, wird Gott vernichten. Dieser Sanierungsprozess heißt Harmagedon.

Und die von Jehova Erschlagenen werden schließlich an jenem Tag gewiß von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde sein. Sie werden nicht beklagt, noch werden sie zusammengesammelt, noch begraben werden. Zu Dünger auf der Oberfläche des Erdbodens werden sie werden.

– Die Bibel, Jeremiah 25:33

Jemandes Fleisch wird verwesen, während er auf seinen Füßen steht; und sogar jemandes Augen werden in ihren Höhlen verwesen, und selbst jemandes Zunge wird in seinem Mund verwesen.

– Die Bibel, Sacharja 14:12


Also im Prinzip der amerikanische Weg, Frieden und Demokratie in andere Länder zu bringen2. Wann Harmagedon kommen wird, ist unklar. Der Termin ist bereits mehrfach verschoben werden. Mittlerweile mag man sich nicht mehr auf ein Jahr festnageln lassen. Seit 1975, dem letzten großen terminlichen Missgriff, hat George Lucas die Prequels zu Star Wars produziert, Chinese Democracy und Duke Nukem Forever sind erschienen, ist Ozzy Osbourne Vater und Großvater geworden, und überhaupt, er lebt noch. Persönlich glaube ich, dass Jehova unbedingt noch den finalen Band von George RR Martins Lied von Eis und Feuer abwarten möchte.

Trotzdem: Die ZJ glauben fest daran, dass Harmagedon kommen wird. So wie manche Menschen der Meinung sind, dass Blüten Autismus behandeln können3, lassen sich auch die ZJ nicht beirren, egal, wie lange es dauert. Schöner scheitert die Vernunft nicht. Weil sie überzeugt sind, dass sie Gottes auserwähltes Volk sind, verbringen die ZJ sehr viel Zeit im Predigtdienst, um auch andere Menschen an ihrer Hoffnung teilhaben zu lassen. Damit nicht allzuviele herumliegende Leichen die paradiesische Idylle stören.

Ich werde es nicht erleben. So wie meine Eltern und die ZJ es sehen, sterbe ich in Harmagedon. Wenn ich nicht vorher bereue und in die Gemeinschaft der ZJ zurückkehre. Als abtrünnigesG Ex-Mitglied der ZJ bin ich todgeweiht.

Ich frage mich manchmal, wie das sein muss, als Eltern, zu glauben, dass dein Kind in Harmagedon sterben wird. Zu erleben, wie es ein selbstbestimmtes Leben führt, herumhurt, säuft, raucht, Drogen nimmt, oder eben nicht, sondern einfach bloß die Lehren der ZJ ablehnt. Ist das wie das eigene Kind in Zeitlupe bei einem Amoklauf zu beobachten, mit dem Wissen, dass am Ende des Flures das SEK wartet? Nur, dass man selbst für immer leben wird, in einem Paradies?

Wie ist das wohl, Ewigkeit, wenn das Kind tot ist?

In der Bibel gibt es die Geschichte von Abraham, dessen Gottesfürchtigkeit auf die Probe gestellt wurde. Jehova verlangte von Abraham, sein Kind zu opfern, um seine Liebe zu testen. Wenn Gott das Experiment im letzten Augenblick nicht abgebrochen hätte, Abrahams Sohn wäre gestorben. Abraham war zum Äußersten bereit.

Ich kann mir vorstellen, dass meine Eltern viel Trost aus dieser Geschichte ziehen.

ANHANG:

1) Eine Beispielauswahl an Harmagedon-Bildern, die wir Kinder in den Büchern der ZJ zu sehen bekamen: Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4, Bild 5, Bild 6, Bild 7 (weiter im Text)
2) Den Gag habe ich geklaut. (weiter im Text)
3) „Mit Bachblüten kann man Autismus bei Kindern behandeln.“ (weiter im Text)

24 Gedanken zu “Moriah

  1. Markus

    Geile Beilspielbilder! Propaganda und Volksverdummung ist immer so einfach zu erkennen, weil sie so schön naiv gezeichnet ist – da unterscheiden sich die Illustratoren der ZJ eigentlich kaum von denen der Nordkoreaner. Da fragt man sich als Außenstehender schon, wie doof oder gehirngewaschen man als Erwachsener sein muss, um in dieser Herde als dummes Schaf mitblöcken zu wollen :-\

    • Klar, als Außenstehender sieht man gewisse Ungereimtheiten sofort. Aber als ich noch dabei war, habe ich vieles, worüber ich jetzt den Kopf schüttle, für bare Münze genommen und noch nicht mal ansatzweise hinterfragt.

  2. comicfreak

    ..um es mit der lächelnden Verkäuferin im Bastelladen zu sagen:
    „Wer sich nicht retten lassen will, verbrennt und verreckt eben elendiglich. Wenn Sie das also wollen..!“

    DAS war der Antichrist, da bin ich sicher.

  3. Rabea

    Du schreibst so realistisch und humorvoll, über ein Thema, dass dich und deine Familie (auch ohne Kontakt, ZJ Eltern mit ausgeschlossenen Kindern leiden ja genauso bzw. kämpfen gegen ihren Instikt) ein Leben lang beschäftigen wird, ich habe vollen Respekt vor dir! Ich bin 26 und mit 19 endlich raus und mündig geworden 🙂 Ein paar Mal musste ich laut lachen beim Lesen deiner Beiträge, die Kindheit scheint bei uns allen ähnlich abgelaufen zu sein…Obwohl die „Weltmenschen“ einen doch für so ein schlaues Kind hielten, kann man heutzutage kaum fassen, dass man diese manipulativen Falschlehren als „Wahrheit“ angesehen hat…Inzwischen habe ich meine eigene kleine Familie, wenn ich noch drin wäre, würden wir bestimmt in der ersten Reihe sitzen und den KA samstags einladen 😉 Wie so viele habe ich auch kaum Hoffnung, dass meine Eltern die Scheuklappen verlieren und ihr Leben, was sie jetzt haben, als das richtige anerkennen, bevor es zu spät ist…Wenn ich mich an die schrecklichen Bilder aus den Publikationen erinnere, die mir übelste Alpträume beschert haben (sowas würde ich meinem Kind NIE zeigen) und dann daran denke, dass ich mit vierzehn Jahren keinen Tom und Jerry Cartoon sehen durfte, weil dort Gewalt verherrlicht wird, ist es ein Wunder, dass ich nicht „geistig krank“ im medizinischen Sinne geworden bin…Vielen Dank, dass du vielen ehemaligen ZJ aus der Seele schreibst ohne Hasstiraden zu verbreiten…Man fühlt sich dann nicht mehr so alleine und fragt sich die eine Frage, die ich mir früher immer gestellt habe: „Warum gerade ICH?“ Ich selber habe auch schon oft überlegt, dass alles aufzuschreiben, aber jetzt lese ich lieber deinen Blog und weiß, dass wir gar nicht alleine mit der Vergangenheit sind! Daumen hoch und weiter so! 🙂

  4. Weißt Du, was ich an den Texten hier überhaupt auch so beeindruckend finde? Dass Du Dich so gut an Deine Kindheit erinnerst. Das ist rar. Weil die meisten eigentlich sogar immer schon das vergessen haben, an das sie sich sowieso nicht mehr erinnern können.

    • Manchmal habe ich das Gefühl, mich an viel zu wenig zu erinnern. Und es ist auch keine Zauberei, das waren ja prägende Dinge. Was man auch nicht vergessen darf: Der Dialog oben ist ja nicht eins zu eins wiedergegeben. Ich erinnere mich an meine Gefühle und Gedanken und ich weiß, dass ich mit meinem Vater darüber gesprochen habe. Der Wortlaut hat natürlich eine gewisse literarische Freiheit. Tatsächlich war es mir aber schon immer wichtig, mich an Dinge erinnern zu können. Meine eigenen Erinnerungen waren mir immer viel wichtiger als Fotografien zum Beispiel.

  5. Hallo, bin irgendwie über deinen Blog gestolpert. Gefällt mir. Schön geschrieben. Bringt auch bei mir viele Erinnerungen ins Bewusstsein zurück. Komme aus einem benachbarten ‚Paralleluniversum‘ – Pastorentochter aus evangelikal-fundamentalistischen Kreisen. Jetzt bzw. schon länger abtrünnig (und stolz drauf – war vielleicht meine größte Leistung da auszubrechen).

    Ich weiß nicht viel über Zeugen Jehovahs. Was mir aber beim Lesen deiner Episoden auffällt: Diese Paralleluniversen teilen eine erstaunlich große Schnittmenge. Vor allem wenn man bedenkt, dass alle die sich im Inneren aufhalten, ständig darauf bedacht sind, sich voneinander abzugrenzen und ihren einzig wahren Glauben zu leben. Zeigt mir einmal mehr, wieviel Manipulation und Machtspiele in diesen Systemen drinstecken, wenn das auf einmal so ‚beliebig‘ und ‚austauschbar‘ erscheint.

    Freue mich auf deine kommenden Episoden!

    • Dankeschön! Wie gesagt: jeden Mittwoch gibt es eine neue Episode. Ich persönlich finde es auch erstaunlich, wie viel Schnittmenge die verschiedenen Freikirchen doch haben. Noch erstaunlicher (und erschreckender) finde ich allerdings, dass die ganzen Abspaltungen, die ihren Ursprung ja in der protestantischen Glaubensbewegung haben, mittlerweile teils radikaler sind als die katholische Kirche.

  6. tapetenwand

    Mittlerweile habe ich alle deine Blogeinträge nachgelesen und hatte viel Vergnügen damit. Ich bin ebenfalls „in der Wahrheit“ aufgezogen worden jetzt aber seit knapp 20 Jahren draußen. Die ersten paar Jahre danach waren eine anstrengende Zeit der Auseinandersetzung mit den Lehren, die bis dahin für mich als absolut unanfechtbar gegolten hatten. Auch wenn ich nach und nach für mich realisiert hatte, dass sich die ZJ die Geschichte und die Aussagen der Bibel so hinzimmern, dass es für ihr Gedankenkonstrukt passig ist, gab es immer wieder Zeiten, in denen ich in eine gewisse Panik verfiel, dass sie ja vielleicht doch Recht hatten und was dann mit mir werden würde, wenn Harmageddon käme. Klar, ich wäre dann tot und danach käme nix, aber wenn man Mitte 20 ist und darüber nachdenkt, dass es ja quasi morgen soweit sein könne, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem das eigene Leben plötzlich endet, machte mir ganz schön Angst. Zumindest die „70 wenn’s hoch kommt 80 Jahre“ meines Menschenlebens würde ich ja schon gern mitnehmen, zumal ich die ersten 20 ja verloren hatte … zumindest erschien es mir damals so.
    Vielen Dank auf jeden Fall für deine sehr unterhaltsam zu lesenden Ausführungen. Falls es bei euch auch so tolle Jugendgruppen gab, in denen jeder nur darauf bedacht war, sich als der beste Nachwuchs-ZJ zu präsentieren und einige völlig am Abdrehen waren, wenn der gemeinsame Besuch des Jahrmarkts etwas aus dem Ruder gelaufen war, weil dann das kollektive schlechte Gewissen einsetzte, wäre das ja vielleicht auch Stoff für einen Artikel. Ich bleibe auf jeden Fall dran und lese weiter mit 🙂

    • Danke für deinen ausführlichen Kommentar und dein Lob. Deine angesprochenen Ängste kenne ich selber nur zu gut 😉 Was deinen Themenvorschlag angeht: So etwas in der Art kommt ganz bestimmt noch!

  7. Nacho

    Ich (w/17) bin heute zufällig auf diese Seite gestoßen und finde es sehr interessant. Ich bin selber auch so aufgewachsen und mit 14 raus. Nur hat mir das ganze keine Angst eingejagt. Ich weiß nur das bei einem Studium die Frage gefallen ist ob ich masturbiere und wie schlimm sowas ist. Aber diese ganzen Lehren haben mich nicht wirklich interessiert und ich fand es widersprüchlich und auch sehr gemein. Schade nur das meine ganze Familie in dieser Religion ist und das alles für bare Münze nimmt. Wegen dieser Religion hatte ich ziemlich oft ein schlechtes Gewissen bei Sachen die ganz normal sind. Sogar wenn ich mal Gedanken hatte die nicht so ganz in das Bild der Religion gepasst haben. Aber ich vermisse das alles nicht und bin jetzt glücklich. Dein Blog ist sehr interessant und auch amüsant, sodass ich ihn regelmäßig lesen werde.

  8. Raoul

    Respekt! Bin über ein gefährliches Blog zu Dir gestoßen und sofort hängen geblieben. Du hast einen grandiosen Schreibstil und und einen herrlich subtilen Humor. Ich kenne zwar keine Glaubensgemeinschaft „von innen“ (bin zwar christlich getauft, weder mich noch meine Eltern haben allerdings Religion sonderlich interessiert), aber ich finde es (vielleicht gerade deswegen) sehr interessant, solche Riten zum Einen kennenzulernen und zum Anderen zu lesen, wie Du als jemand, der sich nicht von Anfang an aus freien Stücken dafür entschieden hat, diese wahrgenommen hat.

    Interessant finde ich auch, daß Du weiterhin feste Abläufe pflegst („jeden Mittwoch gibt es eine neue Episode“). Das machen ja doch eher wenige Blogger.

    Danke für deinen Blog und es freut mich zu lesen (wenn das auch in deinem Interesse ist, was ich zumindest glaube herausgelesen zu haben), daß der Kontakt zu deinen Eltern nicht – wie wohl bei Scientology üblich – komplett abgerissen ist.

  9. Ruth / OnMyWay

    Wie es für die Eltern ist mit dem Gedanken zu leben das Kind als Todgeweiht zu sehen? Grausam und schrecklich. Meine Mutter, mit der ich wider alle Regel viel Kontakt habe, sagte erst derletzt, dass es für sie nichts schlimmeres im Leben gibt als das. Das ganze führt bei intensivem Kontakt dann zu diversen Blüten.
    Die Aussage meiner Mutter es wäre ihr manchmal lieber ich würde noch vor Harmagedon sterben, dann hätte sie wenigstens Hoffnung auf Auferstehung für mich.
    Die Tatsache das ich meine Mutter mit ihren eigenen Religionsaussagen tröstete, eben das es keine Traurigkeit geben wird, wenn sie wieder mal sagte dass sie sich ein Paradies ohne mich nicht vorstellen mag.
    Aber auch die Abgrenzung solcher Themen. Es hat lange gebraucht, aber das wurde zwischen uns immer weniger Thematisiert, auch auf betreiben von mir, die ich meine Mutter von mir aus unter Druck setzte und sagte, wenn sie mich mit ihrem Glauben, bzw. den Missionarisierungsversuchen zurückzukommen nicht in Ruhe ließe, würde ich den Kontakt abbrechen.
    Das hält sie aber auf der anderen Seite auch wieder aufrecht, weil sie widerum ja damit kämpft das sie mich meiden sollte, damit ihre Kontaktsperre mich zum zurückkommen bewegen könnte. Meine klare Aussage, das ich den Kontaktabbruch einfach durchgezogen hätte, nimmt ihr da ein wenig das schlechte Gewissen.
    Meine Mutter ist nicht zu “retten” von dem Glauben, sie ist für sich ne 1000%ige, aber ihre Liebe und Anhänglichkeit zu mir ist stärker als alles andere. Ich habe mich damit abgefunden, sie ist auf ihre Art glücklich und das ist mir das wichtigste. Nur dass sie eben wegen meinem Verlust in der Zukunft leidet, das nehme ich den Erfindern dieser Religionshirngespinnste übel.

    Ich bin hier neu, durch Infolink hier gelandet, aber Deine Art zu schreiben finde ich toll und es tut mir gut, sehr gut. Danke nochmal dafür.

  10. Erdbeer Marmelade

    „Wie es für die Eltern ist mit dem Gedanken zu leben das Kind als Todgeweiht zu sehen? Grausam und schrecklich.“

    und bitter ist es ja vor allem, dass sie niemanden haben, mit dem sie drüber reden können… außer vllt mal in nem lichten moment die ausgeschlossenen kinder – aber das gehört nicht in ihr persönliches verhältnis zu jehova, nicht in die versammlungskommentare, nicht in die ermunternden gespräche unter brüdern u schwestern

    dieser aspekt des verlustes für die ewigkeit hat sich mir erst vor einigen tagen wieder (oder überhaupt) ins bewusstsein geschoben. grausam, einfach nur grausam. das auszuhalten – zeugt es von einem starken glauben oder besonders erfolgreicher verblendung (oder ist das eh das gleiche?!)? unter berücksichtigung dieses aspekts komme ich möglicherweise zu einer anderen retrospektive… wie heftig meine mutter wohl meine worte erlebt haben muss „mein einziger weg zurück führe über eine hirnamputation“…

    • Ruth / OnMyWay

      Tja, das ist das ganz harte daran, dass man ihnen so überhaupt nicht helfen kann. Ja es quält sie und tut weh, aber irgendwie haben sie sich den Weg doch auch selbst ausgesucht. Und ich weiß nicht ob es sinnvoll ist seine Worte, die man selbst zur Abgrenzung für sich braucht dann anders zu wählen nur um ihnen weniger weh zu tun. Eine echte Lösung gibt es dafür sowieso nicht und im Endeffekt, auch wenn es super hart ist, sind wir uns selbst verantwortlich und nicht ihnen.

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