Hausbesichtigung

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Der Trainer zeigt auf mich. Ich brauche zwei Anläufe, um aufzustehen. Meine Knie sind weich. Ich entledige mich unbeholfen meiner Trainingsjacke. Ein Betreuer reicht mir das Trikot, das Trikot mit meinem Namen und meiner Nummer. Auf dem Weg zur Seitenlinie ziehe ich es mir über. Die Anweisungen des Trainers bekomme ich nicht mit. Ich nicke trotzdem. Ein Pfiff ertönt. Der Linienrichter hält die Anzeigetafel hoch. Die Anzeigetafel mit meiner Nummer. Mein Mitspieler trabt langsam auf mich zu. Der Trainer gibt mir einen Klaps auf den Hintern, ich setze den rechten Fuß auf den Rasen und…

„Du bist dran.“

Ich werde aus meinen Tagträumen gerissen. Ich brauche einen Augenblick, um mich zu orientieren. Es ist Samstag, es ist kurz nach zehn, es ist bewölkt. Ich trage ein Hemd und eine Krawatte unter dem Pollunder, darüber eine Übergangsjacke. Im Mundwinkel schmecke ich Reste von Nutella. Der Schultergurt der Tasche spannt sich quer über meine Brust und bohrt die Hemdknöpfe in meine Haut. In der Tasche befindet sich eine Minibibel, ein Haufen Zeitschriften der Zeugen Jehovas, ein paar Traktate. Ich bin zwölf Jahre alt. Der GlaubensbruderG, den ich an diesem Morgen in den PredigtdienstG begleite, lächelt mich an. Wo ich denn bloß wieder mit den Gedanken sei. Die nächste Tür sei meine.

Samstage waren gebrauchte Tage. Während du bloß genervt warst, weil mein Klingeln dich beim Rasenmähen störte, deine Zeitungslektüre unterbrach, deinen Kaffee kalt werden ließ; während du bloß seufztest, weil da schon wieder jemand über Gott reden wollte, während ich bloß eine lästige Randnotiz eines sonnigen Samstag Vormittages war, hatte ich Angst. Angst vor dir. Angst, dass du die Tür öffnest. Angst, dass du sie nicht gleich wieder schließst. Dass du nicht meine auswendig gelernte Einleitung unterbrichst. Dass du über Gott reden willst. Angst.

Meine Eltern nahmen mein Geschwisterchen und mich von Kindesbeinen an mit in den Predigtdienst. Jeden Samstag. Woche für Woche. Regen oder Sonnenschein. Und manchmal zusätzlich noch an einem Wochentag. Als ich noch klein war, war es halb so schlimm. Ich musste bloß hinterher trotten, und vielleicht war es anfangs sogar spannend, deine Klingel zu betätigen oder ein Traktat in deinen Briefkasten zu stecken. Ich musste ja nichts weiter tun, außer anwesend zu sein. Manchmal war es sogar ein bisschen lustig, wenn du beispielsweise grad aus der Dusche kamst und halbnackt die Tür öffnetest oder es regnete und du Mitleid hattest und uns auf einen Kaffee in deine Wohnung einludest und in deinem lautlosen Fernseher Zeichentrickserien liefen.

Aber je älter ich wurde, desto mehr erwartete man. Der Welpenschutz war aufgehoben. Nun reichte es nicht mehr, nur zu klingeln. Schließlich bezahlte sich der Eintritt ins Paradies nicht von selbst. Man brachte mir bei, einen WachtturmG anzubieten. Einen Bibeltext vorzulesen. Wildfremden Menschen von der paradiesischen HoffnungG zu erzählen. Man gab mir ein Buch1, in dem unzählige Gesprächseinleitungsvorschläge standen. Ein Kapitel hieß sogar: „Auf Äußerungen eingehen, durch die ein Gespräch abgebrochen werden soll“. In dem Kapitel wurde man ermuntert,

Äußerungen, durch die ein Gespräch abgebrochen werden soll, als eine Ausgangsbasis für die Fortsetzung der Unterhaltung zu benutzen. Nachstehend sind Beispiele angeführt, die zeigen, wie erfahrene Verkündiger sich bemühen, diejenigen herauszufinden, die ‚es verdienen‘.

– Unterredungen anhand der Schriften, Seite 15

Ich habe mich immer gewundert, dass überhaupt jemand mal die Tür öffnete, geschweige denn hereinbat. Das musste doch niemand. Mit einem simplen „Nein“ wäre doch allen gedient gewesen. Vor allem mir.

Es gibt einen Grund, weshalb die ZJ predigen. Der steht in der Bibel. In der Bibel steht auch, dass Gott alle bösen Menschen vernichten und die Erde in ein Paradies verwandeln wird. Nur eine Handvoll Menschen wird HarmagedonG überleben. Die ZJ glauben, dass sie den richtigen Weg gefunden haben, zu dieser Handvoll Menschen zu gehören. Und sie möchten möglichst viele Menschen daran teilhaben lassen. Wenn man von dieser Guten Botschaft überzeugt ist, geht man gern in den Predigtdienst. ZJ sind Verkündiger der Guten BotschaftG, oder, wie es mittlerweile heißt: BibellehrerG.

Natürlich darf man Angst vor dem Predigen haben. Natürlich darf man über seine Ängste reden. ZJ sind auch nur Menschen. Niemand erwartet, dass man furchtlos predigt. Man erwartet bloß, dass man es trotzdem tut. Nicht zu predigen ist keine Option. Die Optionen sind: mehr beten, mehr predigen. Der Rest kommt von ganz allein.

Für jemand, der Jehova und seinen Nächsten wirklich liebt, ist die Verkündigung des Königreiches keine lästige Pflicht, sondern ein großes Vorrecht, das er freudig wahrnimmt.

– Wachtturm, 15. Februar 2012, Seite 23-27

Die Zahl der ZJ, die wirklich genuin Spaß am Predigen hat, dürfte in Relation etwa dem Anteil von AWD-, OVB- und MLP-Mitarbeitern an der deutschen Gesamtbevölkerung entsprechen. Die Zahl derer, die den Predigtdienst eher so mittel finden aber trotz allem behaupten, sie hätten Spaß am Predigen, liegt um einiges höher. Zu letzteren gehörte ich. Das kann ich mit Sicherheit sagen, der Rest meiner Einschätzung in diesem Absatz ist Spekulation.

Manche sagen Sachen wie „Mir liegt unheimlich am Herzen, dass die Menschen vom Königreich hören“, als wäre es das Normalste auf der Welt. Andere geben zu, dass es nicht immer einfach sei und auch nicht jedes Mal Spaß mache, aber der Heilige Geist unterstütze sie beim Überwinden des inneren Schweinehunds. Nicht zu predigen ist keine Option.

Zeugnis zu geben wirkt sich gut auf uns aus: Unsere Einstellung verbessert sich, und wir haben klarer vor Augen, wie wichtig und nützlich unser Dienst ist. Unsere Begeisterung wächst, weil wir im Dienst mehr erreichen und deshalb auch mehr Freude haben. Und wir sind eifriger, weil wir deutlicher spüren, wie dringlich das Predigtwerk ist.

Wachtturm, 15. Februar 2010, Seiten 5-9

Ich fand es weder dringlich noch hatte ich Freude daran. Ich hatte Angst, wenn ich von Tür zu Tür ging. Mir wurde nie die Pistole auf die Brust gesetzt. Aber mir fehlte lange Zeit die Kraft, mich dem so subtilen wie permanenten psychologischen Druck zu entziehen. Und eine Alternative. Dieses Leben war alles, was ich kannte.

Je mehr man von mir beim Predigen erwartete, desto mehr hatte ich wiederholt mit Panikattacken zu kämpfen. Ich rede nicht gern mit fremden Menschen und schon gar nicht wollte ich an deiner Tür klingeln und mit dir über die Gute BotschaftG sprechen. Ich habe es gehasst. Es fällt mir bis heute schwer, wildfremde Menschen anzusprechen, Ärzte anzurufen und Hotlines, ich hasse es, in Läden nachfragen zu müssen. Lieber gehe ich unverrichteter Dinge wieder hinaus. Ich kann nichts verkaufen, nichts bewerben, kaum etwas tun, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt bin, ohne, dass es mich innerlich zerreißt und in einer Kraftprobe ausartet, an der ich oder meine Lebensqualität scheitern. Mein Therapeut sagt, dass möglicherweise ein Zusammenhang besteht.

Ich versuchte damals meine Angst so gut es ging zu überspielen, flüchtete mich in Tagträume, in eine meiner multiplen Persönlichkeiten, reiste in Gedanken woanders hin, alles, bloß keine Schwäche zeigen. Schließlich ziemte sich das nicht für den Sohn eines Ältesten. Wer Angst hatte, sollte sein Verhältnis zu Jehova überdenken. Wer Angst hatte, sollte mehr beten. Weder hatte ich das eine, noch half das andere. Ich ging trotzdem. Schließlich gab es einen Berichtszettel auszufüllen. Ich wollte meine Ruhe, nicht Glengarry Glen Ross.

Die ZJ bezeichnen ihr Predigtwerk intern häufig als Felddienst. Man kann dabei an die Landwirtschaft denken. Oder an die Field Agents eines Geheimdienstes2. Besonders eifrige Verkündiger nennt man PioniereG. Als ich einmal einen Kriegsfilm sah, dachte ich belustigt, guck mal, die3 heißen wie bei uns. Dass es auch andersrum sein könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Auch wir leben in Kriegszeiten. Gegenwärtig tobt ein Krieg, der mit keinem zu vergleichen ist, der je von den Nationen der Welt geführt wurde. Dagegen verblassen sogar die beiden Weltkriege zur Bedeutungslosigkeit. Und du bist mitten im Geschehen! Es steht viel auf dem Spiel. Der Feind ist gefährlich. In diesem Krieg fallen zwar keine Schüsse und es werden keine Bomben abgeworfen, aber die Kriegführung ist nicht weniger intensiv. (…) Timotheus schrieb: „Kämpfe den vortrefflichen Kampf des Glaubens.“ Ja, in diesem Kampf musst du etwas verteidigen — keine Festung, sondern den „Glauben“, das heißt die Gesamtheit der christlichen Wahrheit, wie sie in der Bibel geoffenbart worden ist. (…) An erster Stelle steht „das Schwert des Geistes, das ist Gottes Wort“ (Epheser 6:17). (…) Eine so scharfe und präzise Waffe, die imstande ist, zu den Gedanken und Beweggründen eines Menschen vorzudringen, muss man zweifellos mit Geschick und Sorgfalt handhaben. (…) Glücklicherweise stehen uns die erfahrensten Kämpfer hilfreich zur Seite.

– Wachtturm, 15. Februar 2004, Seiten 26-30

Dabei wollte ich doch bloß meine Ruhe. Das war nie mein Krieg. Die Frage ist nicht und war nie, ob ZJ gute oder schlechte Menschen sind. Die Frage war immer nur, ob dieser Glaube für mich gut war.

Letztendlich ist es zweitrangig, ob ich eine Wahl hatte. Ob ich dazu gezwungen wurde, in den Predigtdienst zu gehen. Ich bin mitgegangen. Ich wollte nicht in Harmagedon sterben. Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen. Ich wollte nicht, dass man in der Versammlung über mich tuschelt. Ich wollte nicht ins Fadenkreuz der Ältesten geraten. Ich wollte nicht ins Fadenkreuz von Satan geraten. Wenn Gott ein Fenster schloss, öffnete Satan eine Tür, das hatte ich gelernt.

Und Gideon? Der ging immer mutig voran. Ich beneidete ihn dafür, dass es ihm so leicht zu fallen schien. Nicht nur der Predigtdienst. Alles. Er war einer dieser Menschen, so schien es mir, dem das Glück in die geballten Hände fiel. Jahre später, wir waren beide grad erwachsen geworden, beichtete er mir in einem ehrlichen Augenblick, dass es auch ihm oft schwer genug fiel, auch wenn er auf der Bühne in der Versammlung gerne was anderes sagte. Was ihn aber immer antrieb: Die Hoffnung, ins Paradies zu kommen, wenn er eifrig predigte, und im Paradies seine verstorbenen Verwandte in der Wiederauferstehung wiederzusehen. Das half, und, natürlich, Jehova um seinen Heiligen Geist zu bitten, damit er diese Schwäche überwinden könne. Gideon und ich, wir standen uns nie so nahe, wie während dieses Gesprächs, und doch war das der große Unterschied. Ich hatte aufgehört, den Fehler nur bei mir zu suchen.

Der ältere, verständnisvolle Glaubensbruder, mit dem ich an jenem Morgen unterwegs bin, er ist schon lange dabei und bei den Jugendlichen in unserer Versammlung beliebt, reicht mir ein Dextro Energen. Er versucht mich aufzumuntern.

„Stell dir einfach vor“, sagt er, „wir sind auf Hausbesichtigung. Wir schauen uns die Häuser alle schon mal an, damit wir nach Harmagedon, wenn Jehova alle bösen Menschen vernichtet hat, wissen, welches das schönste ist. Und wenn jemand dir die Tür vor der Nase zuschlägt, lächelst du und denkst dir: Dein Haus wird mal mir gehören.“

Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt.

ANMERKUNG:
Soweit ich weiß war die im letztem Absatz wiedergegebene, vermutlich unbedachte Äußerung des Bruders nie ein Teil der offiziellen Lehre. Ich weiß aber von anderen ZJ, denen ähnliches gesagt wurde oder sagten. Ich bin vor einiger Zeit auf einen englischen Blogartikel gestoßen, der von einer ähnlichen Erfahrung berichtete. Leider habe ich ihn nicht wiedergefunden – wer ihn kennt: Bitte in den Kommentaren verlinken! Dennoch: Ein Fünkchen Wahrheit dürfte in dieser Äußerung stecken: Die Leitende KörperschaftG lässt keine Gelegenheit aus, die Vernichtung der bösen Menschen betreffend ins plastische Detail zu gehen. So zitieren sie das Bibelbuch Jeremiah und prophezeien, die Leichen würden einmal den Erdball umspannen. Den Bibeltext in Sacharja 14:12, in dem steht, dass „Jemandes Fleisch wird verwesen, während er auf seinen Füßen steht; und sogar jemandes Augen werden in ihren Höhlen verwesen, und selbst jemandes Zunge wird in seinem Mund verwesen.“ deuten sie so, dass ihr Gott Jehova radioaktive Strahlung in Armageddon einsetzen könnte. Und viele ZJ werden nach Harmagedon wochenlang ausnahmslos damit beschäftigt sein, die Leichen der Opfer zu begraben. (Quelle: Audioaufnahme einer Ansprache).

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.

ANHANG:
1) Unterredungen anhand der Schriften: Das Predigtdiensthandbuch der ZJ online (weiter im Text)
2) Field Agent bei wikipedia (weiter im Text )
3) Pioniere im Militär bei wikipedia (weiter im Text )

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31 Gedanken zu “Hausbesichtigung

    • Das ist eine Interpretationsmöglichkeit, jedoch sicherlich nicht so gemeint gewesen. Ich habe keinen Zeugen kennengelernt, der den Gedanken schön fand, dass in Harmagedon viele Menschen sterben werden. Tatsächlich gehen ja die meisten Zeugen Jehovas deshalb in den Predigtdienst, weil sie wirklich überzeugt sind, Menschen mit ihrem Werk helfen zu können. Viel schlimmer finde ich tatsächlich das, was ich in den Anmerkungen zitiere: Ich finde es furchtbar, wie in den öffentlichen Ansprachen durch drastische Beschreibungen Angst geschürt wird.

  1. I. S.

    Warum verbreitest du solche Lügengeschichten über uns??? NIEMAND WIRD GEZWUNGEN IN DNE PREDIGTDIENST ZU GEHEN!!!! Ich bin seid fünf Jahren dabei und ich gehe gerne predigen. Das ist Jehovas Werk! Du zitierst ja sogar den Wachtturm, wo das steht. Wenn man Jehova Liebt, dann macht man dass doch freiwilig und gern! Es macht mich traurig, das Menschen wie du, die mal Jehovas Liebe genoßen haben ihn jetzt so verstoßen. Du bist ein ganz armer MENSCH!

    • I.S., an welcher Stelle verbreite ich denn Lügen? Das sind meine Erlebnisse und ich behaupte an keiner Stelle, dass sie repräsentativ sind. Wenn du dein Leben als ZJ anders empfindest, dann ist das doch gut. Darüber hinaus: Ich zitiere mehrfach aus dem Wachtturm. Daraus kann jeder für sich selbst ableiten, ob er das als Druck empfindet oder nicht.

    • Sparlock

      „NIEMAND WIRD GEZWUNGEN IN DNE PREDIGTDIENST ZU GEHEN!!!!“

      So, du bist also seit (ganzen) 5 Jahren dabei und gehst gerne predigen. Das heißt, du hast dich vermutlich freiwillig der Truppe angeschlossen und tust das was du tust aus eigener Motivation. Wer gibt dir das Recht für die vielen Kinder bei den Zeugen zu sprechen, die nie eine Wahl hatten und tun müssen was ihre Eltern und Organisation von ihnen wollen?
      Ich hätte mich ohne den Zwang meiner Eltern nicht mit einem Wachturm in die Fußgängerzone gestellt und hätte auch liebend gerne darauf verzichtet in den Versammlungen und Kongressen zu Tode zu langweilen und auf viele andere Dinge. Ein NEIN, wird da von Kindern nicht akzeptiert.

      Ich könnte echt jedes mal kotzen, wenn ich von Zeugen im Internet lesen muss „Wir zwingen ja keinen zum Predigen“, weil das im Fall vieler Kinder und Jugendlicher einfach gelogen ist. Es ist nicht verwunderlich, dass viele die in dieser „Religion“ aufgezogen wurden später nicht mehr dabei sind.

      Zitat einer Studie:
      „One major finding was that Jehovah’s Witnesses “had the lowest retention rate of any religious tradition” – only 37 percent of those who were reared Jehovah’s Witnesses still identified themselves as Witnesses as adults.“
      http://ed5015.tripod.com/JwPewSurvey121.htm
      http://religions.pewforum.org/pdf/report-religious-landscape-study-full.pdf

    • Sandra

      Ich schließe mich Sparlock an. Kannst du nicht sehen, I.S., dass es einen großen Unterschied macht, ob man etwas mit Überzeugung oder wegen Ausübung von Druck macht? Wenn ein kleines Mädchen Ballerina werden muss, weil dieser Traum bei ihrer Mutter geplatzt ist, hättest du sicher auch Mitgefühl. Als Erwachsener eine Entscheiung zu treffen im vollen Besitz deiner geistigen Kräfte, ist eine gute Sache. Aber ein Kind, das sich nach der Liebe seiner Eltern sehnt, zu manipulieren, mit Harmageddon zu bedrohen und dann mit 12 oder 14 zur Taufe zu nötigen, ist nicht in Ordnung. Ich war bis zu meinem 18. Lebensjahr bei den Zeugen Jehovas. Jehovas Liebe genossen habe ich nicht, ich hatte vielmehr Angst, wenn ich nicht tue was er will 40 Jahre durch die Wüste wandern zu müssen.
      Ich hoffe wirklich sehr, dass du eines Tages deinen Kindern mit genug Liebe begegnen kannst, sie zu lieben, auch wenn sie eigene Entscheidungen treffen.

  2. Martina

    Das ist ein interessanter Bericht von der anderen Seite der Türschwelle. Ich gehöre auch zu den „Samstagsmorgen Rasenmähern“, die sich nicht wirklich Gedanken über die Hintergründe der Menschen von der anderen Seite der Haustür machen.(wollten) Der Bericht ändert zwar nicht meine Einstellung gegenüber den Zeugen Jehovas, aber ich sehe die Menschen, die dann vor mir stehen doch mit anderen Augen. Danke für die anschauliche Offenheit.

    • Dankeschön. Es ist mein Ziel, so objektiv wie möglich zu schreiben. Meine Lesern sollen ihre eigenen Rückschlüsse ziehen können und es freut mich, dass du etwas im Beitrag für dich entdeckt hast.

  3. Torsten

    Ich finde es toll, dass Du die ZJ so objektiv betrachtest und nicht alles schlecht redest. Mir ging es genauso wie dir, ich war bis zu meinem 25. Lebensjahr dabei. Und ich versuche anderen immer klar zu machen, dass die meisten ZJ wirklich nette Menschen sind, die für alle nur das (aus ihrer Sicht) Beste wollen. Die meisten Ausgeschlossenen gehen aber ins andere Extrem über und werden zu totalen Gegnern – das ist für mich nicht nachvollziehbar. Und ich habe sehr großen Respekt davor, dass du dich immer noch mit den Zeitschriften auseinandersetzt. Ich habe seit meinem Ausstieg keine mehr angefasst. Ach und ich habe im Predigtdienst einfach immer nur gehofft, dass mein Partner endlich vorschlägt in einer Bäckerei einen Kaffee zu trinken. Und dort haben wir dann ganz zufällig noch viel mehr ZJs vom Treffpunkt wiedergetroffen, die diese Zeit aber mit Sicherheit brav berichtet haben :-)

  4. Sandra

    Ich bin auch geistigkrank 🙂 Wobei bei mir der „Ausstieg“ wesentlich einfacher war – meine Eltern ließen sich scheiden, sind beide ausgeschlossen worden und bei der Gelegenheit hat mich unsere Versammlung vergessen. Da ich nie Freunde „im Glauben“ hatte, hat sich mein soziales Umfeld dadurch wenig verändert. Nach 18 Jahren ZJ bin ich Atheist mit Hang zu Buddhismus, wobei ich durchaus gute Dinge sagen kann.
    Ich fand die Phase des „Klingelns“ auch ok. Als es dann langsam ans „Zeugnis geben“ ging, hab ich innerlich immer gebetet, dass keiner da ist. War auch meistens so.
    Meine Eltern sind übrigens auch nur für den Berichtszettel in den Dienst gegangen. Wobei ich auch schon ZJ an der Tür hatte, die echtes Interesse an mir hatten.
    Du kannst dich sehr gerne bei mir melden zum Austausch. Und lass dich von den ZJ, die dir hier böse Comments geben, nicht beeindrucken. Wer dem Druck nachgibt spürt ihn irgendwann nicht mehr 🙂 und glaubt dann wirklich alle sind happy 😦

  5. Torsten

    Ein Trick beim Klingeln ist übrigens auch immer abwechselnd zu klingeln. Da hat man ne 50/50 Chance, dass keiner aufmacht. Hab mich so schon durch 2 Stunden Dienst geschummelt, ohne einmal was sagen zu müssen 🙂

    • Danke! Es wundert mich nicht, dass man in anderen Freikirchen ähnlichen Erfahrungen macht. Absurd ist natürlich, dass die ZJ andere Freikirchen ebendafür kritisieren…

  6. Hallo 🙂
    Ich mag Deine Schreibe und teile viele Deiner Erfahrungen. Ebenso die am Schluss dieses Artikels. Es hieß bei uns, wir könnten im Dienst das schönste Haus finden und „das Liederbuch vor die Tür“ legen (damit hat man in der VS seinen Platz als besetzt markiert).
    Bei mir wurde es damals an dem Punkt eng, als die spirituelle Suche aus mir selbst heraus begann und eine tiefere spirituelle Entwicklung für mich anstand. Heute glaube ich, dass auf einem wahrhaftigen spirituellen Weg Glaube überwunden werden muss – immer und immer wieder…
    However, das Lesen durch Deine Artikel war wie eine Zeitreise für mich – und Dein Humor trifft meinen ziemlich gut!
    Herzliche Grüße zu Dir!

      • Kerstin

        Gut dann muss ich das mit dem Liederbuch nicht nochmal schreiben. Denn das war mein erster Gedanke, als ich das Ende las. Allerdings hieß es bei uns: Wir schmeißen es in die Büsche im Garten, damit das vom jetzigen Besitzer nicht gleich gefunden und entsorgt wird. Schließlich brauchst ja nach Harmagedon nen „Beweiß“ für deinen Bestzanspruch ;))

  7. Ich finde es sehr mutig, diese persönlichen Erfahrungen und Gedanken zu teilen. Es ist als Außenstehender sehr interessant, über ein solches Thema eine subjektive Wahrnehmung zu lesen. Es ist gut und richtig so, dass sie subjektiv ist. Denn sie ist ehrlich.
    Meinen größten Respekt. Lass dich nicht einschüchtern von den negativen Reaktionen aktiver Mitglieder. Alles Gute.

  8. Qweruiop

    Bevor ich diesen Text gelesen hatte, fand ich Sektenmitglieder an meiner Tür nervend bis verabscheuungswürdig. Jetzt habe ich Mitleid mit ihnen. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mit ihnen zu sprechen, aber ich hatte Ehrfurcht vor einer Freundin, die genau das getan hat. Nicht, weil sie an Religion glauben würde, sondern nur aus Neugier, schätze ich. Jetzt bekomme ich das Bild nicht aus meinem Kopf, wie sie mit zwei jungen Männern spricht, die sich insgeheim eigentlich nichts lieber wünschen, als dass sie ihre Tür schnell wieder schließen möge, bevor ihnen die Argumente ausgehen. 😀

  9. schokomuffin

    Mein Bruder hat mir deinen Blog empfohlen und ich habe grade alle Episoden verschlungen. Wir sind auch beide „in der Wahrheit“ aufgewachsen aber haben zum Glück vor der Taufe noch die Kurve gekriegt, sodass wir jetzt nicht ausgeschlossen sind und unsere Familie noch Kontakt mit uns pflegen „darf“… Der Predigdienst war für mich auch immer eine Qual, am besten fand ich es wenn ich mit meinem Vater zu einem Rückbesuch oder Bibelstudium gehen konnte, da musste ich dann nich viel sagen und vor allem nicht in der Stadt herumlaufen, wo mich ja Schulkameraden sehen konnten, und fremde Leute ansprechen… Da wir in einer französischen Gruppe waren (bzw meine Eltern immer noch) war dieses Haus zu Haus gehen auch eher selten, glücklichweise. Aber „Straßendienst“ war auch kaum besser.^^ Ich freu mich schon auf deine nächsten „Erfahrungsberichte“! 😉

  10. Abraham's Frau

    Ich habe im Predigtdienst immer den Finger auf den Klingelknopf gehalten aber nie ganz drauf gedrückt! Das war mein Trick um 2 Stunden recht „glimpflich“ ausgehen zu lassen! Damit habe ich aber auch erst angefangen nachdem meine Mutter für mich ein Dauer Predigtdienst Arrangement mit einer ganz vorbildlichen Schwester ausgemacht hatte!

  11. Monalina Breit

    An die Nummer mit den Häusern erinnere ich mich noch sehr gut. Wenn wir mit dem Hund ins Grüne gefahren sind, wo das Villenviertel der Stadt lag, spielten wir mit meiner Mutter oft das Spiel: Welches Haus – wenn’s denn nach Harmagedon übrig bleibt – würde uns gefallen, falls wir’s uns aussuchen dürfen. Klar, das waren nie offizielle Verlautbarungen in den Publikationen der Watchtower Society. Doch gerade das ist ja das perfide in der Psychodynamik der Sekte. Diese selbstgebastelten Interpretationen, von denen sich jeder rechtschaffene Z.J. natürlich sofort entrüstet distanziert, wenn man sie publik macht, sind nichts anderes als die logische Konsequenz ihrer perversen Lehre: Gott bringt alle um, die nicht Zeugen werden.

  12. Ruth / OnMyWay

    Danke für Deine offenen Schilderungen hier. Es trifft mich tief und triggert auch ordendlich. Die Angst vor dem Predigtdienst und in meinem Fall das sich schlecht fühlen, denn ich habe mich dem aktiven Reden an der Tür verweigert so gut es ging aus Angst, der Gedanke daran lässt mich erschaudern.
    Ich war irgendwann so verängstigt, dass es mir ging wie Dir. Ich konnte nicht mal im Laden einen Verkäufer fragen, wenn ich was wollte und selber nicht dran kam. Diese Angst habe ich zum großen Glück selber überwunden. Dafür plagen mich viele andere diffuse Ängste im Umgang mit anderen Menschen.
    Ich kenne auch die schilderungen von Harmagedon, wobei meiner Erfahrung nach dann das Denken war dass Gott für die Beseitigung der Leichen sorgen würde zum Beispiel mittels wilder Tiere, die die Menschen quasi wegfressen würden.
    So etwas wie Häuser aussuchen habe ich nicht kennengelernt. Ich habe aber den Verdacht, dass sich da mittlwereile einiges zugespitzt hat seit ich raus bin aus der Gemeinschaft. Mein Ausstieg war 2001 im Alter von 33 Jahren.
    Bei mir war aber auch einiges nicht so ganz typisch, daher bin ich kein representatives Beispiel.

    Dank Menschen wie Dir, die so offen über ihre Gefühle und Erfahrungen schreiben fühle ich mich nicht mehr so allein mit allem. Das tut sehr gut.

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