Schlechter Einfluss

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Beim Elternsprechtag in der siebten Klasse äußerte sich meine Deutschlehrerin besorgt. In einem Aufsatz, dessen Aufgabenstellung es war, eine Kurzgeschichte aus dem Deutschbuch fortzusetzen, hatte ich die Zielsetzung, zwei Seiten zu schreiben, mit knapp zehn Seiten zwar weit übertroffen; Anlass zur Sorge gab allerdings die Tatsache, dass ich die eigentlich doch recht harmlose Geschichte in einem Banküberfall samt Blutbad hatte enden lassen. Ob ich zu Hause unter Umständen Filmen ausgesetzt sei, die für mein Alter ungeeignet waren? Meine Mutter schüttelte den Kopf. Wir seien Zeugen Jehovas. Man habe ein Auge darauf, was im Kinderzimmer landete. Und das waren weder der Terminator noch Conan.

Ich bin in meiner Kindheit ohne Fernseher aufgewachsen. Das hatte nichts mit den Lehren der Zeugen Jehovas zu tun und war ausschließlich eine persönliche Entscheidung meiner Eltern. Ich beneidete meine Klassenkameraden, die einen Fernseher hatten. Also alle. Mit großen Ohren hörte ich zu, wenn sie von einem Roboter erzählten, der aus der Zukunft kam und gegen einen Roboter kämpfte, der aus flüssigem Metall bestand. Oder von einem mythischen Krieger, der sich an allen blutig rächte. Es klang wundervoll. Ohne Fernseher war ich gezwungen zu lesen. Die Bilder in meinem Kopf ersetzten den Fernseher. Ich entwickelte eine ausgeprägte Fantasie. Wenn wir mit der Familie die Bibel studierten, langweilte ich mich in der Regel und flüchtete mich in Tagträume. Doch ab und an erregte ein Bibeltext meine Aufmerksamkeit und löste ein fasziniertes, wohliges Schaudern in mir aus.

Was Amạsa betrifft, er war nicht auf der Hut vor dem Schwert, das in Jọabs Hand war, so daß er ihn damit in den Unterleib schlug, und seine Eingeweide ergossen sich auf die Erde, und er brauchte es ihm nicht noch einmal zu tun. (…) Die ganze Zeit wälzte sich Amạsa im Blut mitten auf der Landstraße.

– Die Bibel, 2. Samuel 20:10-12

Meine Schulfreunde hatten vielleicht Conan, den Barbaren. Ich hatte die Bibel. Ich malte mir die Szene in den schillerndsten Farben aus. Es war ein anderer Bibeltext, der mich noch ein bisschen mehr faszinierte.

Dann fuhr Ẹhud mit seiner linken Hand hinein und nahm das Schwert von seiner rechten Hüfte und stieß es ihm in den Bauch. Und auch der Griff fuhr nach der Klinge hinein, so daß sich das Fett um die Klinge schloß, denn er zog das Schwert nicht aus seinem Bauch heraus, und die Fäkalien begannen herauszukommen.

– Die Bibel, Richter 3:21, 22

Am nächsten Tag setzte ich mich mit meinen Buntstiften an den Küchentisch und zeichnete das Bild, das der Bibeltext in meinem Kopf ausgelöst hatte. Die Zeichnung hing noch viele Jahre in unserer Küche.

Neben den Bilderbüchern, und später den Comics und Karl-May-Büchern, die mein Geschwisterchen und ich verschlangen, besaßen wir natürlich auch eine Ausgabe von Mein Buch mit biblischen Geschichten, ein Buch mit knallgelbem Einband und metallisch-roter Beschriftung. Die Wachtturm-GesellschaftG hatte das Buch speziell für Kinder entwickelt, um ihnen die Bibel kindgerecht näherzubringen. Wie jede Bill-Cosby-Show-Folge hatten auch hier alle Kapitel eine Lektion. Ich habe das Buch nie ganz gelesen, denn als ich endlich lesen konnte, interessierte ich mich für spannendere, weltlichereG Bücher. Aber die Bilder habe ich mir angeschaut. Jedes einzelne. Zum Beispiel das Bild mit dem flüchtenden Kain und dem in einer Blutlache liegenden Abel. Das Bild in der Geschichte über die Sintflut, auf dem verzweifelte, ertrinkende Menschen zu sehen sind. Das Bild, auf dem Abraham ein Messer über seinen Sohn hält. Das Bild, auf dem eine Stadt mit einem Feuerregen bestraft und eine Frau unter Schmerzen in eine Salzsäule verwandelt wird. Das Bild von Jesus mit schmerzverzerrtem Gesicht, dem das Blut aus den Händen fließt. Das Bild, auf dem Stephanus zu Tode gesteinigt wird. Wenn ich mich in den ZusammenkünftenG langweilte, schaute ich mir diese Bilder an. Es war das einzige Bilderbuch, das ich in den KönigreichssaalG mitnehmen durfte.

Einmal im Jahr gibt die Wachtturm-Gesellschaft das sogenannte Jahrbuch heraus, in dem die jährlichen PredigtdiensterfolgeG gefeiert werden. In jeder Ausgabe wird zudem das Werk der Zeugen Jehovas in einem bestimmten Land beleuchtet. Ganz besonders beliebt waren die Reportagen aus Ländern, in denen die Zeugen Jehovas verboten waren. Der mutige Kampf der örtlichen Zeugen angesichts der brutalen Verfolgung wurde besonders hervorgehoben. Damit es keine Zweifel geben konnte, welche Qual sie in ihrem Kampf für Jehova erlitten hatten, ging man in den Berichten bis ins kleinste grausame Detail.

Many were the reports of rape, mutilation, and beating of Christian women. (…) The vicious attacks claimed many lives. In Cape Maclear, at the southern end of Lake Malawi, bundles of grass were tied around Zelphat Mbaiko. Petrol was poured on the grass and set alight. He was literally burned to death! Sisters also suffered terribly. Following their refusal to buy party cards, many were repeatedly raped by party officials. In Lilongwe, Sister Magola, along with many others, tried to flee the trouble. However, she was pregnant and could not run very fast. A mob, acting like a pack of wild dogs, caught up with her and beat her to death. At the campus of Bunda College of Agriculture, just outside of Lilongwe, six brothers and one sister were murdered and their bodies were horribly mutilated.

– Malawi, Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1999, Seiten 182, 189

Auch aus anderen Ländern gab es ähnliche Berichte. Die Jahrbücher lagen bei uns zu Hause offen herum. In den Zusammenkünften und von den Eltern wurde uns Kindern die Lektüre dieser Bücher ans Herz gelegt.

Für Jugendliche hat die Wachtturm-Gesellschaft das Buch Fragen Junger Leute – Praktische Antworten herausgebracht. Das Buch soll Jugendlichen helfen, perfekte Zeugen Jehovas zu werden. Dank dieser Bücher kann man als junger Mensch lernen, Sex zu vermeiden1, nicht schwul zu werden2 und weshalb es vorteilhaft ist, auf eine akademische Laufbahn zu verzichten3. Außerdem wird den Jugendlichen erklärt, was gute und was schlechte Unterhaltung ausmacht, egal, ob Film, Musik oder Computerspiel. In einem Kapitel stellt die Wachtturm-Gesellschaft als Fazit fest:

Wie Studien immer wieder zeigen, macht brutale Unterhaltung aggressiv. (…) Setzt man sich hohen Dosen erotischer Bilder oder brutaler Gewalt aus, wird „jedes sittliche Gefühl“ zerstört. So können unmoralische Wünsche ins Denken eindringen und beeinflussen, was man tut.

Hm.

–––

ANHANG:

1) Kapitel 5: Wieso ist es gut, mit Sex zu warten? (weiter im Text)

2) Kapitel 28: Was, wenn ich homosexuelle Gefühle habe? (weiter im Text)

3) Kapitel 38: Was mache ich aus meinem Leben? (weiter im Text)

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Moriah

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Wir hatten keinen Bunker im Keller. Keinen Bunker und keine Vorräte darin, kein eingelegtes Obst und kein Gemüse, keine Dosen für drei Monate, keine Marmelade, kein Zwieback, keine Kerzen, keine Matratze, kein Radio, kein Funkgerät, keine Comics und keine Bücher, keinen Campingkocher und auch keinen Dosenöffner. Im Keller stand Gerümpel, mein Fahrrad, ein altes Möbel. Da war kein Platz, um Schutz zu suchen.

„Warum haben wir keinen Bunker?“, fragte ich meinen Vater.

„Warum sollten wir einen Bunker haben?“, entgegnete er verblüfft.

„Für HarmagedonG„, antwortete ich. Er lachte.

„So funktioniert das nicht.“

„Aber, was wird denn jetzt genau in Harmagedon passieren?“

„Wir müssen einfach auf Jehova vertrauen. Du musst auf Jehova vertrauen.“

„Aber wo gehen wir hin, wenn Harmagedon kommt?“

„JehovaG wird auf sein Volk aufpassen. Vermutlich treffen wir uns mit den anderen Brüdern und Schwestern im Königreichssaal. Und dann wird uns der Treue Und Verständige SklaveG wissen lassen, was Jehova mit uns vorhat.“

Ich kannte den KönigreichssaalG in und auswendig. Da gab es keine Dosen, keinen Zwieback, keinen Campingkocher. Auch keine Comics. Nur Bibeln, Wachttürme und Erwachets. Und Backsteine. Überhaupt nicht so wie ein Bunker. Ich hatte so meine Zweifel.

Als ich ein Kind war, fürchtete ich mich noch nicht so recht vor den Konsequenzen eines Harmagedons. Meine Eltern versicherten mir, dass wir auf der guten Seite waren. Ich glaubte ihnen. Für mich war das ein Spiel. Welches Kind findet einen Bunker voller Vorräte nicht spannend?

Bloß, dass es kein Spiel war. Es war blutiger, verdammt blutiger Ernst. Ich habe es zu meinem Spiel gemacht. Mir sind Pläne wichtig. Schon immer wollte ich in jeder erdenklichen Situation wissen, woran ich bin. Das Ungewisse ist das, was mir am meisten Sorge bereitet. Deshalb hatte ich nie Angst vor dem Tod. Die Zeugen Jehovas glauben nicht an die Hölle. Tot ist tot. Das war, keine Frage, beruhigend.

Ich hatte eine ungefähre Vorstellung, wie dieses Harmagedon aussehen könnte. Ein Bunker, da war ich mir sicher, wäre hilfreich.

Ich weiß jetzt, dass es nicht etwa der Umstand ist, dass ich im Wasser nicht sehen kann, was unter mir ist, der mir Beklemmungen bereitet. Es ist das unumstößliche Wissen, dass ich in diesem Medium im Nachteil bin, was auch passiert.

Meike Lobo

Harmagedon lernte ich erstmals bewusst kennen, als meine Eltern mir Mein Buch mit biblischen Geschichten schenkten, dass die Wachtturm-Gesellschaft und die Zeugen Jehovas für Kinder herausgegeben hat. In Geschichte 114 las ich, dass Gott eines Tages alles Schlimme vernichten wird, alle seine Feinde und alle bösen Menschen. So wie er es bereits, das wurde zur Sicherheit wiederholt, falls man es vergessen hatte, mit der gesamten Menschheit in der Sintflut, mit Sodom und Gomorrah, mit den Ägyptern im Roten Meer und sogar mit seinem eigenen Volk durch die Babylonier gemacht hatte. Dieser Gott kannte keinen Spaß und sein Tag würde kommen. Dieser Tag heißt Harmagedon. Auf einer Zeichnung war Jesus Christus zu sehen, der samt seiner Kavallerie aus einer rot leuchtenden Gewitterwolke heraus in die Schlacht reitet.

Jedes Kind hat Angst vor Gewitter. Die meisten, die ich kannte, fürchteten den Blitz. Ich fürchtete das Donnergrollen. Das war die Stimme Gottes. So wie sie die Menschheit in Harmagedon zu hören bekommen sollte. Nur mal tausend. Ich hoffte, dass meine Eltern recht hatten. Dass wir wirklich auf der guten Seite waren. Ich war mir nicht sicher, ob es in Harmagedon sonst reichen würde, zu meinen Eltern in die Besucherritze zu schlüpfen.

Es würde krass werden, soviel war klar. Ein Gewitter würde dabei sein, logisch, und viele Blitze und Feuer und Explosionen. Häuser würden brennen, und der Himmel auch. Menschen würden weinen und schreien und fluchen. Die Erde würde sich auftun und alles verschlucken. Und mitten durch das ganze Chaos würden wir Zeugen Jehovas laufen, beschützt, unberührt von dem Ganzen, auf dem Weg ins Paradies, Königreichslieder singend. Das wusste ich, weil ich das in den Bildern gesehen hatte, in den Bildern1 in den ZJ-Büchern für Erwachsene, die wir Kinder aber auch studieren sollten. Da war viel Grausliches zu sehen, sterbende Menschen, brennende Horizonte, aufbrechende Erdböden, und mittendrin immer: Stumpf grinsende, wohlfrisierte, gutgekleidete Menschen.

Ganz schnell wird man euphorisch… Gefügig… Akzeptiert sein Schicksal… Steht alles hier… Ausdruckslose Gesichter! Gelassen wie Hindu-Kühe…

– Tyler Durden in Fight Club

Wenn ich meine Eltern darauf ansprach, sagten sie mir: Das ist bloß eine Künstlervorstellung von Harmagedon. Niemand weiß, wie es wirklich wird. Und wieder: Ungewissheit. Mit einem Bunker weiß man, woran man ist. Mit Königreichsliedern nicht.

Die Zeugen Jehovas glauben nicht an den Weltuntergang. Sie glauben an Weltoptimierung. Die Erde wird nicht untergehen, sie erhält bloß ein Update. Die Zeugen Jehovas glauben aufgrund der Bibel, dass Jehova Gott sehr bald die Welt durch einen theokratischenG Holocaust befrieden wird. Alles, was böse ist, wird Gott vernichten. Dieser Sanierungsprozess heißt Harmagedon.

Und die von Jehova Erschlagenen werden schließlich an jenem Tag gewiß von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde sein. Sie werden nicht beklagt, noch werden sie zusammengesammelt, noch begraben werden. Zu Dünger auf der Oberfläche des Erdbodens werden sie werden.

– Die Bibel, Jeremiah 25:33

Jemandes Fleisch wird verwesen, während er auf seinen Füßen steht; und sogar jemandes Augen werden in ihren Höhlen verwesen, und selbst jemandes Zunge wird in seinem Mund verwesen.

– Die Bibel, Sacharja 14:12


Also im Prinzip der amerikanische Weg, Frieden und Demokratie in andere Länder zu bringen2. Wann Harmagedon kommen wird, ist unklar. Der Termin ist bereits mehrfach verschoben werden. Mittlerweile mag man sich nicht mehr auf ein Jahr festnageln lassen. Seit 1975, dem letzten großen terminlichen Missgriff, hat George Lucas die Prequels zu Star Wars produziert, Chinese Democracy und Duke Nukem Forever sind erschienen, ist Ozzy Osbourne Vater und Großvater geworden, und überhaupt, er lebt noch. Persönlich glaube ich, dass Jehova unbedingt noch den finalen Band von George RR Martins Lied von Eis und Feuer abwarten möchte.

Trotzdem: Die ZJ glauben fest daran, dass Harmagedon kommen wird. So wie manche Menschen der Meinung sind, dass Blüten Autismus behandeln können3, lassen sich auch die ZJ nicht beirren, egal, wie lange es dauert. Schöner scheitert die Vernunft nicht. Weil sie überzeugt sind, dass sie Gottes auserwähltes Volk sind, verbringen die ZJ sehr viel Zeit im Predigtdienst, um auch andere Menschen an ihrer Hoffnung teilhaben zu lassen. Damit nicht allzuviele herumliegende Leichen die paradiesische Idylle stören.

Ich werde es nicht erleben. So wie meine Eltern und die ZJ es sehen, sterbe ich in Harmagedon. Wenn ich nicht vorher bereue und in die Gemeinschaft der ZJ zurückkehre. Als abtrünnigesG Ex-Mitglied der ZJ bin ich todgeweiht.

Ich frage mich manchmal, wie das sein muss, als Eltern, zu glauben, dass dein Kind in Harmagedon sterben wird. Zu erleben, wie es ein selbstbestimmtes Leben führt, herumhurt, säuft, raucht, Drogen nimmt, oder eben nicht, sondern einfach bloß die Lehren der ZJ ablehnt. Ist das wie das eigene Kind in Zeitlupe bei einem Amoklauf zu beobachten, mit dem Wissen, dass am Ende des Flures das SEK wartet? Nur, dass man selbst für immer leben wird, in einem Paradies?

Wie ist das wohl, Ewigkeit, wenn das Kind tot ist?

In der Bibel gibt es die Geschichte von Abraham, dessen Gottesfürchtigkeit auf die Probe gestellt wurde. Jehova verlangte von Abraham, sein Kind zu opfern, um seine Liebe zu testen. Wenn Gott das Experiment im letzten Augenblick nicht abgebrochen hätte, Abrahams Sohn wäre gestorben. Abraham war zum Äußersten bereit.

Ich kann mir vorstellen, dass meine Eltern viel Trost aus dieser Geschichte ziehen.

ANHANG:

1) Eine Beispielauswahl an Harmagedon-Bildern, die wir Kinder in den Büchern der ZJ zu sehen bekamen: Bild 1, Bild 2, Bild 3, Bild 4, Bild 5, Bild 6, Bild 7 (weiter im Text)
2) Den Gag habe ich geklaut. (weiter im Text)
3) „Mit Bachblüten kann man Autismus bei Kindern behandeln.“ (weiter im Text)

Der menschliche Makel

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Im Nachhinein kann ich nicht mit Sicherheit sagen, weshalb ich mich als Kind immer so sehr auf den Besuch des KreisaufsehersG freute. Ich weiß aber, dass ich in den Tagen davor sehr aufgeregt war. Man sagte mir, dass sein Besuch etwas besonderes sei. Vielleicht war das der Grund. Wir hatten keinen Weihnachtsmann, kein Christkind. Auf das Kommen von irgendwem musste man sich ja freuen.

Der Kreisaufseher besuchte jede Woche eine andere VersammlungG der Zeugen Jehovas in seinem Kreis. Der Kreisaufseher kam allein oder mit seiner Ehefrau. Er übernachtete bei uns oder bei Gideon und seiner Familie. Wir Kinder wollten unbedingt mit dem Kreisaufseher in den PredigtdienstG gehen. Warum, weiß ich nicht mehr. Man sagte mir, dass es ein Vorrecht sei, mit dem Kreisaufseher in den Predigtdienst zu gehen. Vielleicht war das der Grund. Oder weil der Kreisaufseher meistens ein netter älterer Herr war, der lustige Witze kannte. Außerdem war er ein berühmter ZJ, ein Star. Der beste Termin war der Samstagstermin. Den wollte jeder haben, weil dann die ganze Versammlung sah, dass man mit dem Kreisaufseher in den Predigtdienst ging. Darauf konnte man schon stolz sein. Die Nachfrage überstieg das Angebot.

Der Kreisaufseher und seine Frau blieben ungefähr eine Woche. In den ZusammenkünftenG hielt er Ansprachen, lobte oder tadelte die Versammlung, predigte eine ganze Menge und besuchte GlaubensbrüderG, die krank waren oder eine Durststrecke hatten und ein wenig barmherziger Ermahnung bedurften. Er sah nach dem Rechten und kontrollierte die Predigtdienst-Statistiken der Versammlungsmitglieder. Jeden Tag bekochte eine andere Familie das Kreisaufseherpaar. Nach den Essen, zu denen auch andere Glaubensbrüder und -schwestern aus der Versammlungen eingeladen waren, um die Gesellschaft des Kreisaufsehers genießen zu können, beobachtete ich mehrfach, wie ihm ein Umschlag zugesteckt wurde. Mein Vater erklärte mir, dass die Wachtturm-GesellschaftG seine Unkosten deckte. Die Brüder und Schwestern in den Versammlungen unterstützten den Kreisaufseher mit freiwilligen Spenden. Das wollte ich auch. Nach einer Zusammenkunft reichte ich dem Kreisaufseher ein Zwei-Mark-Stück. Pro Woche bekam ich fünf Mark Taschengeld. Der Kreisaufseher lachte und gab mir die zwei Mark zurück. Ich solle mir doch bitte was Schönes davon kaufen.

An einem Abend kamen alle ÄltestenG und der Kreisaufseher zu uns. Seine Frau setzte sich zu meiner Mutter in die Küche. Der Kreisaufseher und die Ältesten zogen sich in unser Wohnzimmer zurück und besprachen sich im Geheimen. Wenn ich wissen wollte, worüber sie redeten, wurde mir gesagt, dass es mich nichts anginge. Hin und wieder durfte ich klopfen und fragen, ob jemand noch einen Tee wolle. Danach schloss ich die Tür, presste mein Ohr an das Holz und versuchte zu lauschen.

Manchmal war es langweilig. Manchmal war es spannend. Dann sprachen sie über Bruder                 oder Schwester             und dass sie              begangen oder                               getan hatten. Die Ältesten fragten den Kreisaufseher, wie man jetzt verfahren wolle, was mit den Brüdern und Schwestern zu machen sei. Als ich ins Bett ging, mochte ich den Kreisaufseher immer noch, aber ich hatte auch ein kleines bisschen Angst. Der konnte machen, dass man kein Zeuge Jehovas mehr war.

Meine Freunde bei den ZJ und ich, wir waren eigentlich ganz normale Kinder. Wir bolzten, wir spielten, wir schauten Filme, wir machten Quatsch. Wir fuhren Skateboard, wir fuhren Fahrrad, wir kletterten auf Bäume und wir fielen herunter. Wir lachten und wir brüllten, wir knufften und wir prügelten uns, wir ärgerten den Hausmeister und klauten im Kaufhaus Hörspielkassetten. Und abends im Bett weinten wir uns in den Schlaf, weil wir Angst hatten, wegen des Diebstahls nicht ins Paradies zu kommen. Wir zogen uns die Decke über den Kopf und sprachen ganz oft hintereinander den Namen Gottes aus, weil der Name Gottes ein gutes Mittel gegen die Geister war, die wir gerufen hatten.

Es ist gar nicht so einfach, bei den ZJ bloß Mitläufer zu sein. Ein Mindestmaß an Geschick und Eifer ist erforderlich, nicht ins Fadenkreuz der Ältesten zu geraten; mit protestantischem oder gar katholischer Mittelmäßigkeit hat man ruckzuck einen HirtenbesuchG samt barmherziger Ermahnung am Hals, so schnell kann man gar nicht gucken. Zehn Stunden monatlich im Predigtdienst sollten es schon sein. Alle Zusammenkünfte wollen besucht werden. Auf den großen JahreskongressenG sitzt man immer auf dem gleichen Platz. Und beteiligt man sich zudem das eine oder andere Mal an den öffentlich Abfragerunden, fliegt man ohne Weiteres jahrelang unbehelligt unter dem Radar. Privat trinkt man da schon mal einen über den Durst. Im Schlafzimmer steht die eine oder andere CD oder DVD, auf die man angesprochen würde, stünde sie im Wohnzimmerregal. Und so richtig versteht man das mit dem Blut ja auch nicht. Man redet in der Versammlung bloß nicht darüber. Man zweifelt nicht, man nimmt hin. Alles oder nichts. Stellt man einen Baustein in Frage, übt man Verrat am Ganzen. Die Mitgliedschaft ein Kartenhaus. Der Mitläufer bekommt keine Vorrechte. Er will auch keine. Er will einfach seine Ruhe. Er drängt niemandem seine Überzeugung auf. In seiner Gesellschaft fühlt man sich wohl. Hat man keine großen Ansprüche an seinen Alltag, ans Leben generell, ist es gar nicht so schwer ein ZJ zu sein.

Der durchschnittliche ZJ jedoch ist nicht bloß ein Mitläufer. Er ist sehr eifrigG und sehr gläubig, er setzt sich Geistige Ziele. Der durchschnittliche ZJ ist ausgesprochen freundlich, ausreichend humorvoll, angemessen gebildet, ein durchaus angenehmer ZeitgenosseG. Vor allem ist er kein Idiot. Natürlich hat er seine Zweifel. Und er bespricht sie im passenden Rahmen mit anderen durchschnittlichen ZJ. Dann wird der Fehler gesucht, bis man ihn bei sich selbst findet und jemand erlösende Worte spricht, wie: „Am besten, wir vertrauen auf Jehova und den Treuen Und Verständigen Sklaven“, mit einer Selbstverständlichkeit, die ein psychologisches Gutachten nach sich ziehen sollte. Allen fällt ein Stein vom Herzen. Das Gleichgewicht des Universums ist wiederhergestellt.

Wer sein Leben einer Ideologie unterstellt, tendiert dazu, sich selbst nicht mehr als Individuum zu sehen, sondern als Beispiel. Was einem widerfährt, wird zum Symbol. Was man sagt, wird zum Signal.

– Yassin Musharbash, Zeit Online

Der durchschnittliche ZJ will einfach nur ins Paradies kommen. Er hat keine Motivation, seinen Glauben, der auf Zirkelschlüssen aufgebaut ist, großartig zu hinterfragen. Er ist heterosexuell und strebt ein Dienstamt an. Der weibliche durchschnittliche ZJ will später unbedingt einen Glaubensbruder mit Dienstamt heiraten. Vielleicht ist er sogar innerlich schwul oder lesbisch, aber niemals praktizierend homosexuell. Das Gebet und der Heilige GeistG helfen ihn, seine Triebe zu unterdrücken. Einmal im Jahr nimmt er ein paar Wochen Urlaub, um am HilfspionierdienstG teilzunehmen. Statt 10 Stunden müssen am Ende des Monats 50 auf der Uhr stehen. Dafür wird er öffentlich in den Zusammenkünften von der Bühne aus gelobt. Der durchschnittliche ZJ will sich in Gottes Gedächtnis einprägen. Er ist aufrichtig davon überzeugt, dass die Lehre der ZJ die Wahrheit ist. Oder er ist es nicht, aber er sagt es niemandem, weil er vom Gegenteil auch nicht hundertprozentig überzeugt ist.

Und dann gibt es die Fraktion, mit der man niemals seine Zweifel besprechen sollte. In deren Anwesenheit man niemals man selbst sein sollte. Die auf keinen Fall von den Bierchen, den CDs, den DVDs, einfach gar nichts aus dem eigenen Privatleben wissen sollte. Die Fraktion, die keine Zweifel hat und keine Zweifel duldet. Für die die Wahrheit alles ist. Für die jeder einzelne Baustein zählt. Man findet sie auf jeder Hierarchieebene, in jedem Alter, in jedem Geschlecht. Die Unfehlbaren. Die Ultras. Die Dolores Umbridges.

Ich bedauere, Teuerste, aber Zweifel an meinen Praktiken sind Zweifel am Ministerium und infolgedessen auch am Minister höchstpersönlich. Ich bin eine tolerante Frau, aber es gibt eine Sache, die ich auf keinen Fall dulde, und das ist Illoyalität.

– Prof. Dolores Umbridge, Harry Potter und der Orden des Phönix

Das sind die Unerträglichsten.

Eine Dialektik sucht man bei den ZJ vergebens. Eine These ist eine These. Antithesen gibt es nicht. Und Synthesen werden immer nur von obenG nach unten durchgereicht. Ein Beitrag der Basis zu einer methodischen Wahrheitsfindung ist nicht vorgesehen. Wer Visionen hat soll zum Arzt gehen. Wer Ideen hat, wird ausgegrenzt, womöglich ausgeschlossen. Er ist ein Feind der Wahrheit. Ingeborg Bachmann sagte, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist. Sie meinte eine andere als die ZJ.

Der durchschnittliche ZJ hat keine Ideen und er braucht auch keine. Er ist dankbar für die Ideen des Treuen Und Verständigen SklavenG.

Wir hatten einen Sittich. Die meiste Zeit saß er in seinem Käfig. Wenn er wach war sang er oder lief auf seinen Stangen herum und aß. Hin und wieder holten wir ihn aus seinem Käfig. Dann setzte er sich oben drauf und stolzierte herum. Das reichte ihm völlig. Man hätte fast meinen können, dass er nicht mehr zum Leben brauchte, als hin und wieder auf seinem Käfig herumzustolzieren. Ganz selten breitete er die Flügel aus und drehte ein paar Runden durchs Zimmer. Danach landete er wieder auf seinem Käfig, das Herz am Pochen, die Aufregung in die Federn geschrieben. Er sang dann noch ein Lied, das Lied vom Fliegen, bevor er sich am Gitter hinab wieder ins Innere des Käfigs hangelte.

Manchmal wurde uns sein Gesang zuviel. Weil wir Hausaufgaben machten oder eine Hörspielkassette hörten. Dann störte es ungemein, dass er auf seiner Stange hin und her lief und ein Ständchen nach dem anderem zum Besten gab. Wir warfen das Tuch über den Käfig. Das Tuch war die Nacht, auch wenn im Zimmer noch Tag war. Wenn das Tuch den Käfig verdunkelte, war es Zeit zu schlafen, das wusste der Sittich. Nacht war, wenn wir es sagten. Nicht einmal stellte er es infrage.

Bäte man mich, die ersten zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre meines Lebens zu beschreiben, ich würde vom Sittich erzählen. Ich war ein Sittich. Ein völlig durchschnittlicher Zeuge Jehovas.

Hausbesichtigung

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Der Trainer zeigt auf mich. Ich brauche zwei Anläufe, um aufzustehen. Meine Knie sind weich. Ich entledige mich unbeholfen meiner Trainingsjacke. Ein Betreuer reicht mir das Trikot, das Trikot mit meinem Namen und meiner Nummer. Auf dem Weg zur Seitenlinie ziehe ich es mir über. Die Anweisungen des Trainers bekomme ich nicht mit. Ich nicke trotzdem. Ein Pfiff ertönt. Der Linienrichter hält die Anzeigetafel hoch. Die Anzeigetafel mit meiner Nummer. Mein Mitspieler trabt langsam auf mich zu. Der Trainer gibt mir einen Klaps auf den Hintern, ich setze den rechten Fuß auf den Rasen und…

„Du bist dran.“

Ich werde aus meinen Tagträumen gerissen. Ich brauche einen Augenblick, um mich zu orientieren. Es ist Samstag, es ist kurz nach zehn, es ist bewölkt. Ich trage ein Hemd und eine Krawatte unter dem Pollunder, darüber eine Übergangsjacke. Im Mundwinkel schmecke ich Reste von Nutella. Der Schultergurt der Tasche spannt sich quer über meine Brust und bohrt die Hemdknöpfe in meine Haut. In der Tasche befindet sich eine Minibibel, ein Haufen Zeitschriften der Zeugen Jehovas, ein paar Traktate. Ich bin zwölf Jahre alt. Der GlaubensbruderG, den ich an diesem Morgen in den PredigtdienstG begleite, lächelt mich an. Wo ich denn bloß wieder mit den Gedanken sei. Die nächste Tür sei meine.

Samstage waren gebrauchte Tage. Während du bloß genervt warst, weil mein Klingeln dich beim Rasenmähen störte, deine Zeitungslektüre unterbrach, deinen Kaffee kalt werden ließ; während du bloß seufztest, weil da schon wieder jemand über Gott reden wollte, während ich bloß eine lästige Randnotiz eines sonnigen Samstag Vormittages war, hatte ich Angst. Angst vor dir. Angst, dass du die Tür öffnest. Angst, dass du sie nicht gleich wieder schließst. Dass du nicht meine auswendig gelernte Einleitung unterbrichst. Dass du über Gott reden willst. Angst.

Meine Eltern nahmen mein Geschwisterchen und mich von Kindesbeinen an mit in den Predigtdienst. Jeden Samstag. Woche für Woche. Regen oder Sonnenschein. Und manchmal zusätzlich noch an einem Wochentag. Als ich noch klein war, war es halb so schlimm. Ich musste bloß hinterher trotten, und vielleicht war es anfangs sogar spannend, deine Klingel zu betätigen oder ein Traktat in deinen Briefkasten zu stecken. Ich musste ja nichts weiter tun, außer anwesend zu sein. Manchmal war es sogar ein bisschen lustig, wenn du beispielsweise grad aus der Dusche kamst und halbnackt die Tür öffnetest oder es regnete und du Mitleid hattest und uns auf einen Kaffee in deine Wohnung einludest und in deinem lautlosen Fernseher Zeichentrickserien liefen.

Aber je älter ich wurde, desto mehr erwartete man. Der Welpenschutz war aufgehoben. Nun reichte es nicht mehr, nur zu klingeln. Schließlich bezahlte sich der Eintritt ins Paradies nicht von selbst. Man brachte mir bei, einen WachtturmG anzubieten. Einen Bibeltext vorzulesen. Wildfremden Menschen von der paradiesischen HoffnungG zu erzählen. Man gab mir ein Buch1, in dem unzählige Gesprächseinleitungsvorschläge standen. Ein Kapitel hieß sogar: „Auf Äußerungen eingehen, durch die ein Gespräch abgebrochen werden soll“. In dem Kapitel wurde man ermuntert,

Äußerungen, durch die ein Gespräch abgebrochen werden soll, als eine Ausgangsbasis für die Fortsetzung der Unterhaltung zu benutzen. Nachstehend sind Beispiele angeführt, die zeigen, wie erfahrene Verkündiger sich bemühen, diejenigen herauszufinden, die ‚es verdienen‘.

– Unterredungen anhand der Schriften, Seite 15

Ich habe mich immer gewundert, dass überhaupt jemand mal die Tür öffnete, geschweige denn hereinbat. Das musste doch niemand. Mit einem simplen „Nein“ wäre doch allen gedient gewesen. Vor allem mir.

Es gibt einen Grund, weshalb die ZJ predigen. Der steht in der Bibel. In der Bibel steht auch, dass Gott alle bösen Menschen vernichten und die Erde in ein Paradies verwandeln wird. Nur eine Handvoll Menschen wird HarmagedonG überleben. Die ZJ glauben, dass sie den richtigen Weg gefunden haben, zu dieser Handvoll Menschen zu gehören. Und sie möchten möglichst viele Menschen daran teilhaben lassen. Wenn man von dieser Guten Botschaft überzeugt ist, geht man gern in den Predigtdienst. ZJ sind Verkündiger der Guten BotschaftG, oder, wie es mittlerweile heißt: BibellehrerG.

Natürlich darf man Angst vor dem Predigen haben. Natürlich darf man über seine Ängste reden. ZJ sind auch nur Menschen. Niemand erwartet, dass man furchtlos predigt. Man erwartet bloß, dass man es trotzdem tut. Nicht zu predigen ist keine Option. Die Optionen sind: mehr beten, mehr predigen. Der Rest kommt von ganz allein.

Für jemand, der Jehova und seinen Nächsten wirklich liebt, ist die Verkündigung des Königreiches keine lästige Pflicht, sondern ein großes Vorrecht, das er freudig wahrnimmt.

– Wachtturm, 15. Februar 2012, Seite 23-27

Die Zahl der ZJ, die wirklich genuin Spaß am Predigen hat, dürfte in Relation etwa dem Anteil von AWD-, OVB- und MLP-Mitarbeitern an der deutschen Gesamtbevölkerung entsprechen. Die Zahl derer, die den Predigtdienst eher so mittel finden aber trotz allem behaupten, sie hätten Spaß am Predigen, liegt um einiges höher. Zu letzteren gehörte ich. Das kann ich mit Sicherheit sagen, der Rest meiner Einschätzung in diesem Absatz ist Spekulation.

Manche sagen Sachen wie „Mir liegt unheimlich am Herzen, dass die Menschen vom Königreich hören“, als wäre es das Normalste auf der Welt. Andere geben zu, dass es nicht immer einfach sei und auch nicht jedes Mal Spaß mache, aber der Heilige Geist unterstütze sie beim Überwinden des inneren Schweinehunds. Nicht zu predigen ist keine Option.

Zeugnis zu geben wirkt sich gut auf uns aus: Unsere Einstellung verbessert sich, und wir haben klarer vor Augen, wie wichtig und nützlich unser Dienst ist. Unsere Begeisterung wächst, weil wir im Dienst mehr erreichen und deshalb auch mehr Freude haben. Und wir sind eifriger, weil wir deutlicher spüren, wie dringlich das Predigtwerk ist.

Wachtturm, 15. Februar 2010, Seiten 5-9

Ich fand es weder dringlich noch hatte ich Freude daran. Ich hatte Angst, wenn ich von Tür zu Tür ging. Mir wurde nie die Pistole auf die Brust gesetzt. Aber mir fehlte lange Zeit die Kraft, mich dem so subtilen wie permanenten psychologischen Druck zu entziehen. Und eine Alternative. Dieses Leben war alles, was ich kannte.

Je mehr man von mir beim Predigen erwartete, desto mehr hatte ich wiederholt mit Panikattacken zu kämpfen. Ich rede nicht gern mit fremden Menschen und schon gar nicht wollte ich an deiner Tür klingeln und mit dir über die Gute BotschaftG sprechen. Ich habe es gehasst. Es fällt mir bis heute schwer, wildfremde Menschen anzusprechen, Ärzte anzurufen und Hotlines, ich hasse es, in Läden nachfragen zu müssen. Lieber gehe ich unverrichteter Dinge wieder hinaus. Ich kann nichts verkaufen, nichts bewerben, kaum etwas tun, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt bin, ohne, dass es mich innerlich zerreißt und in einer Kraftprobe ausartet, an der ich oder meine Lebensqualität scheitern. Mein Therapeut sagt, dass möglicherweise ein Zusammenhang besteht.

Ich versuchte damals meine Angst so gut es ging zu überspielen, flüchtete mich in Tagträume, in eine meiner multiplen Persönlichkeiten, reiste in Gedanken woanders hin, alles, bloß keine Schwäche zeigen. Schließlich ziemte sich das nicht für den Sohn eines Ältesten. Wer Angst hatte, sollte sein Verhältnis zu Jehova überdenken. Wer Angst hatte, sollte mehr beten. Weder hatte ich das eine, noch half das andere. Ich ging trotzdem. Schließlich gab es einen Berichtszettel auszufüllen. Ich wollte meine Ruhe, nicht Glengarry Glen Ross.

Die ZJ bezeichnen ihr Predigtwerk intern häufig als Felddienst. Man kann dabei an die Landwirtschaft denken. Oder an die Field Agents eines Geheimdienstes2. Besonders eifrige Verkündiger nennt man PioniereG. Als ich einmal einen Kriegsfilm sah, dachte ich belustigt, guck mal, die3 heißen wie bei uns. Dass es auch andersrum sein könnte, kam mir nicht in den Sinn.

Auch wir leben in Kriegszeiten. Gegenwärtig tobt ein Krieg, der mit keinem zu vergleichen ist, der je von den Nationen der Welt geführt wurde. Dagegen verblassen sogar die beiden Weltkriege zur Bedeutungslosigkeit. Und du bist mitten im Geschehen! Es steht viel auf dem Spiel. Der Feind ist gefährlich. In diesem Krieg fallen zwar keine Schüsse und es werden keine Bomben abgeworfen, aber die Kriegführung ist nicht weniger intensiv. (…) Timotheus schrieb: „Kämpfe den vortrefflichen Kampf des Glaubens.“ Ja, in diesem Kampf musst du etwas verteidigen — keine Festung, sondern den „Glauben“, das heißt die Gesamtheit der christlichen Wahrheit, wie sie in der Bibel geoffenbart worden ist. (…) An erster Stelle steht „das Schwert des Geistes, das ist Gottes Wort“ (Epheser 6:17). (…) Eine so scharfe und präzise Waffe, die imstande ist, zu den Gedanken und Beweggründen eines Menschen vorzudringen, muss man zweifellos mit Geschick und Sorgfalt handhaben. (…) Glücklicherweise stehen uns die erfahrensten Kämpfer hilfreich zur Seite.

– Wachtturm, 15. Februar 2004, Seiten 26-30

Dabei wollte ich doch bloß meine Ruhe. Das war nie mein Krieg. Die Frage ist nicht und war nie, ob ZJ gute oder schlechte Menschen sind. Die Frage war immer nur, ob dieser Glaube für mich gut war.

Letztendlich ist es zweitrangig, ob ich eine Wahl hatte. Ob ich dazu gezwungen wurde, in den Predigtdienst zu gehen. Ich bin mitgegangen. Ich wollte nicht in Harmagedon sterben. Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen. Ich wollte nicht, dass man in der Versammlung über mich tuschelt. Ich wollte nicht ins Fadenkreuz der Ältesten geraten. Ich wollte nicht ins Fadenkreuz von Satan geraten. Wenn Gott ein Fenster schloss, öffnete Satan eine Tür, das hatte ich gelernt.

Und Gideon? Der ging immer mutig voran. Ich beneidete ihn dafür, dass es ihm so leicht zu fallen schien. Nicht nur der Predigtdienst. Alles. Er war einer dieser Menschen, so schien es mir, dem das Glück in die geballten Hände fiel. Jahre später, wir waren beide grad erwachsen geworden, beichtete er mir in einem ehrlichen Augenblick, dass es auch ihm oft schwer genug fiel, auch wenn er auf der Bühne in der Versammlung gerne was anderes sagte. Was ihn aber immer antrieb: Die Hoffnung, ins Paradies zu kommen, wenn er eifrig predigte, und im Paradies seine verstorbenen Verwandte in der Wiederauferstehung wiederzusehen. Das half, und, natürlich, Jehova um seinen Heiligen Geist zu bitten, damit er diese Schwäche überwinden könne. Gideon und ich, wir standen uns nie so nahe, wie während dieses Gesprächs, und doch war das der große Unterschied. Ich hatte aufgehört, den Fehler nur bei mir zu suchen.

Der ältere, verständnisvolle Glaubensbruder, mit dem ich an jenem Morgen unterwegs bin, er ist schon lange dabei und bei den Jugendlichen in unserer Versammlung beliebt, reicht mir ein Dextro Energen. Er versucht mich aufzumuntern.

„Stell dir einfach vor“, sagt er, „wir sind auf Hausbesichtigung. Wir schauen uns die Häuser alle schon mal an, damit wir nach Harmagedon, wenn Jehova alle bösen Menschen vernichtet hat, wissen, welches das schönste ist. Und wenn jemand dir die Tür vor der Nase zuschlägt, lächelst du und denkst dir: Dein Haus wird mal mir gehören.“

Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt.

ANMERKUNG:
Soweit ich weiß war die im letztem Absatz wiedergegebene, vermutlich unbedachte Äußerung des Bruders nie ein Teil der offiziellen Lehre. Ich weiß aber von anderen ZJ, denen ähnliches gesagt wurde oder sagten. Ich bin vor einiger Zeit auf einen englischen Blogartikel gestoßen, der von einer ähnlichen Erfahrung berichtete. Leider habe ich ihn nicht wiedergefunden – wer ihn kennt: Bitte in den Kommentaren verlinken! Dennoch: Ein Fünkchen Wahrheit dürfte in dieser Äußerung stecken: Die Leitende KörperschaftG lässt keine Gelegenheit aus, die Vernichtung der bösen Menschen betreffend ins plastische Detail zu gehen. So zitieren sie das Bibelbuch Jeremiah und prophezeien, die Leichen würden einmal den Erdball umspannen. Den Bibeltext in Sacharja 14:12, in dem steht, dass „Jemandes Fleisch wird verwesen, während er auf seinen Füßen steht; und sogar jemandes Augen werden in ihren Höhlen verwesen, und selbst jemandes Zunge wird in seinem Mund verwesen.“ deuten sie so, dass ihr Gott Jehova radioaktive Strahlung in Armageddon einsetzen könnte. Und viele ZJ werden nach Harmagedon wochenlang ausnahmslos damit beschäftigt sein, die Leichen der Opfer zu begraben. (Quelle: Audioaufnahme einer Ansprache).

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.

ANHANG:
1) Unterredungen anhand der Schriften: Das Predigtdiensthandbuch der ZJ online (weiter im Text)
2) Field Agent bei wikipedia (weiter im Text )
3) Pioniere im Militär bei wikipedia (weiter im Text )