Geistige Ziele

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Wächst man unter Zeugen Jehovas auf, wird man schon als Kind dazu ermuntert, sich Geistige Ziele zu setzen. Geistige Ziele sind alle Ziele, die nichts mit der Realität zu tun haben. In den Schriften las man und von der Bühne hörte man immer wieder, dass es weniger wichtig war, ein Hochschulstudium oder eine Ausbildung anzustreben, als dass man gehörig Karmapunkte im Himmel sammelte. Diese Punkte sammelt man am besten, in dem man sehr eifrig ist und sich Geistige Ziele setzt. Um Gottes Hilfe zwecks Erreichen dieser Geistigen Ziele soll man beten. Und am besten man redet mit seinen Glaubensgeschwistern über diese geistigen Ziele, um auch diese ermuntern zu können, Geistige Ziele zu formulieren.

Ein Geistiges Ziel, erzählte mir ein Ältester im Rahmen eines HirtenbesuchsG, könnte beispielsweise sein, um eine Ausbildungsstelle zu beten, die es mir ermöglichte, mehr Zeit im Predigtdienst zu verbringen. Ein Geistiges Ziel, erzählte mir meine Mutter einmal, könnte beispielsweise sein, mal wieder zum Friseur zu gehen, ich sehe schon ganz und gar weltlichG aus. Ein Geistiges Ziel, erzählte mir ein Ältester, nachdem er mir zur Einschulung gratuliert hatte, könnte beispielsweise sein, die ganze Schule wissen zu lassen, dass ich Zeuge Jehovas bin. Meine persönlichen Ziele verhielten sich diametral dazu.

Auf einem KongressG berichtete einmal ein vielleicht zehnjähriger ZJ-Musterknabe im Rahmen einer Vortragsreihe von einer Erfahrung, die er gemacht hatte. Erfahrungsberichte von echten ZJ sind ein ganz besonders wichtiger Bestandteil der Ansprachen auf einem Kongress, da man im Gegensatz zu den vage gehaltenen, vermutlich erfundenen in den Zeitschriften schlecht widersprechen kann. Meistens folgen sie auf den Teil einer Ansprache, der hervorhebt, wie man sich als ZJ (oder, wie es gern heißt: Wahrer ChristG) zu verhalten / zu predigen / Beziehungen zu führen / Freizeit zu gestalten / etc. hat. Um auch dem letzten Zuhörer deutlich zu machen, dass die Leitende KörperschaftG wirklich nicht zu viel von seinen Schäfchen verlangt, lotet der Redner im Vorfeld aus, ob es in seinem Versammlungskreis Glaubensbrüder gibt, die eine Erfahrung im Predigtdienst / Privatleben / in der Schule / auf der Arbeit / mit einem Mitglied des anderen Geschlechts / etc. gemacht haben, die ungefähr das veranschaulichte, was seine Ansprache zu vermitteln versucht. Diese werden dann eingeladen, auf der Bühne vor den tausenden gespannten Zuhörern zu berichten, was sie so erlebt haben. Meistens läuft es in diesen Erfahrungsberichten darauf hinaus, dass ein Kollege / Schulkamerad / ungläubiges Familienmitglied / irgendein Fremder / etc. eine Zeitschrift / klugscheißende Belehrung / ein Bibelstudium / etc. angenommen hat oder aber, viel, viel besser, der oder die Berichtende für seinen Glauben gehänselt / gefeuert / verprügelt / etc. wurde und deshalb ein ganz besonders beispielhafter MärtyrerZJ sei. Die Zuhörer nehmen alles für bare Münze, was berichtet wird, sind tief bewegt und klatschen im Anschluss Beifall.

Auf einem Kongress also erzählte ein vielleicht zähnjähriger ZJ im Rahmen einer Vortragsreihe von einer Erfahrung, die er gemacht hatte. Sein Erfahrungsbericht lief darauf hinaus, dass er damit prahlte, in so gut wie jeder Alltagssituation aufgrund seines Verhaltens, seiner guten Manieren und seiner Einstellung von Fremden als ZJ erkannt zu werden und so wunderbare Türöffner gehabt hatte, die Gute BotschaftG verbreiten zu können. Die Zuhörer klatschten begeistert Beifall. Ich hasste ihn.

Ich habe mich in solchen Erfahrungsberichten nie wiedererkannt. Ich habe mir nie besondere Mühe gegeben, als ein Mitglied der ZJ aus der Masse herauszustechen. Zum Glück sind ZJ keine Amish. Meine Eltern waren ziemlich liberal, was die Auswahl von Kleidung anging, und so war es mir im Alltag relativ gut möglich, nicht besonders aufzufallen. Kam ich in eine neue Klasse dauerte es in der Regel mehrere Wochen, bis ich mich als ZJ zu erkennen gab. Ohne eigenen Einfluss aufgeflogen bin ich nie. Das lag zum einen daran, dass ich sehr große Angst vor diesem Moment hatte und immer wartete, bis es kein Zurück mehr gab, bis ich aufgrund eines drohenden Ereignisses (Klassenfahrt, Geburtstag oder WeihnachtenG) gezwungen war, darüber zu reden; zum anderen daran, dass ich außerhalb meiner Familie und der Versammlung so gut es ging versuchte, die Grenzen von Gottes gutem Willen auszuloten.

Ich weiß nicht mehr, wie ich es jedes Mal geschafft habe, mich zu überwinden. Ich weiß nur, dass die Momente vor dem Moment sehr schlimm waren. Ich schwitzte und verkrampfte und fluchte und irgendwann platzten dann stammelnd und stotternd die gefürchteten Worte zwischen meinen zitternden Lippen hervor:

„Ich muss euch was erzählen. Ich feiere meinen Geburtstag nicht, weil ich ein Zeuge Jehovas bin.“

Innerlich schloss ich dann die Augen und wartete auf den Knall.

Ich hatte diesbezüglich eigentlich immer Glück. Weder bei Klassenkameraden noch bei Arbeitskollegen bin ich, was meine Person betraf, aufgrund meiner Glaubenszugehörigkeit je auf gemeine Ablehnung gestoßen oder von gemeinsamen Aktivitäten ausgeschlossen worden. Im Gegenteil: Meine Weggefährten brachten häufig sehr viel Verständnis, fast schon Mitgefühl für meine Situation auf. Das hat es mir mit Sicherheit einfacher gemacht. Ich zahlte es dadurch zurück, dass ich nie versucht habe, zu predigen und immer für ein Bierchen oder zwei zu haben war.

Meine Eltern hatten davon lange keine Ahnung. Ich führte jahrelang ein Doppelleben. Zuhause der brave, eifrige, gottesfürchtige Sohn. In der Schule und auf der Arbeit der Kumpel, der nicht auffallen wollte und für jeden Scheiß zu haben war.

Eine Zeit lang nannte ich als Geistiges Ziel, Bethelit zu werden. Bethel, das ist ein Sammelbegriff für die Landeszentralen der ZJ. In Deutschland steht Bethel in Selters. Ein Kloster mit angeschlossener Druckerei, in der alle Bücher und Zeitschriften produziert werden. Betheliten widmen ihr Leben 24 Stunden am Tag dem Dienste Gottes.

Nicht, dass es je mein Geistiges Ziel gewesen wäre, Gott 24 Stunden am Tag zu dienen. Aber womöglich habe ich schon damals unbewusst gespürt, dass meine Zweifel so groß waren, dass ich ohne 24stündige Aufsicht nicht auf ewig dabei bleiben würde. Bethel schien der einzig logische Ausweg. Denn vor den Konsequenzen meiner Zweifel hatte ich, wie vor so vielen Dingen, die pure Angst.

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.

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3 Gedanken zu “Geistige Ziele

  1. Limay

    Du bekommst viel Lob hier in deinem Blog für die Berichte, da schließe ich mich an. Irgendwie humorvoll geschrieben, ehrlich obendrein und sehr reflektiert. Gruß von einer ebenfalls Geisteskranken.

  2. Monalina Breit

    Ja, ja, die Erfahrungsberichte… Übrigens nichts, was die Z.J. erfunden haben, sondern ein gängiges Mittel zur Manipula.. äh Motivation, das z.B. auch in Direktvertriebsunternehmen immer wieder dazu benutzt wird, um den Leuten zu sagen: Na bitte, geht doch! Da seht Ihr mal, wie erfolgreich man sein kann, wenn man seinen „Job“ mit Engagement liebt und lebt…

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