Familienleben

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Wir waren eine glückliche Familie. Vater, Mutter, Kinder. Mein Vater ging einer geregelten Beschäftigung nach, meine Mutter schmiss den Haushalt, wir zahlten pünktlich unsere Steuern. Wir wohnten in einem schönen Viertel, hatten ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn, wir mähten den Rasen und trennten den Müll. Wir hielten die Flurwoche ein und halfen unserer gebrechlichen Nachbarin, wenn sie ihren Pflichten nicht nachkommen konnte. Zwei Mal im Jahr fuhren wir in den Urlaub. Wenn der Zirkus oder die Kirmes in unsere Stadt kam, gingen wir hin und aßen Zuckerwatte. Meine Mutter besuchte alle Elternabende, und nach den Sprechtagen ermunterte sie mich, respektvoller zu meinen Lehrern zu sein. Unsere Kleidung war sauber und gebügelt. Mein Geschwisterchen und ich bekamen regelmäßig Taschengeld. Wir hatten eine Tageszeitung im Abonnement, einen Fernseher und eine HiFi-Anlage. Unsere Lieblings-Fernsehsendung war die Bill Cosby-Show und an Weihnachten schauten wir uns gemeinsam das neueste Walt Disney-Meisterwerk an. Wenn Nachbarn sagten, wie umgänglich und beispielhaft meine Familie war, wenn fremde Menschen lobten, wie wohlerzogen wir Kinder waren, wann immer es etwas Positives gab, versäumten es meine Eltern nie, darauf Wert zu legen, dass es einen guten Grund dafür gab: Wir waren Zeugen Jehovas.

Meine Familie definiert sich bis heute darüber, ZJ zu sein. So wie es viele Mitglieder der ZJ tun. Eifer, wie ZJ Frömmigkeit nennen, ist dabei ein ganz besonders wichtiges Merkmal. Unsere Eltern hielten mein Geschwisterchen und mich von Kindesbeinen dazu an, eifrig zu sein. Mit einem ÄltestenG als Familienoberhaupt hatten wir in der VersammlungG eine Vorbildfunktion. Meine Eltern stellten sicher, dass unsere Familie ihr nachkam.

Alles drehte sich um Jehova und seine Anbetung.

Montags war meistens das Familienbibelstudium. Gemeinsam bereiteten wir uns im Wohnzimmer auf die sonntägliche ZusammenkunftG vor. Reihum las einer von uns einen Absatz vor, mein Vater stellte die vorformulierte Frage und meine Mutter, mein Geschwisterchen oder ich wiederholten mündlich den Teil des gerade eben noch vorgetragenen Absatzes, der der Antwort auf die Frage entsprach. Dann hob man die Stelle mit einem Textmarker hervor. Im Anschluss schlug man die erwähnten Bibelstellen nach und schrieb sie mit einem Fineliner in den Seitenrand. Das ging in der Regel anderthalb Stunden.

Dienstags oder Mittwochs war das Gruppen-Bibelstudium. Die Versammlungsgemeinde wurde in kleinere Gruppen eingeteilt, die eine vorgeschriebe Lektüre der ZJ gemeinsam besprach. Das Prinzip war dasselbe wie das Familienbibelstudium, bloß wurde erwartet, dass man sich schon im Vorfeld darauf vorbereitete und die entsprechenden Textstellen bereits markiert hatte. Das ging in der Regel eine Stunde (ohne Vorbereitung).

Donnerstags oder Freitags fand die Theokratische PredigtdienstschuleG und die Dienstzusammenkunft statt. Auch hierauf sollte man sich natürlich vorbereitet haben (nach Vorbild des Familienbibelstudiums allein und in innerer Einkehr). Das ging in der Regel zwei Stunden (ohne Vorbereitung).

Samstags oder Sonntags gingen wir dann zur Öffentlichen Ansprache und zum Wachtturm-Studium in den KönigreichssaalG. Ein angereister Redner sprach 45 Minuten lang über ein bestimmtes Thema unter Berücksichtigung neuester biblischer Erkenntnisse der Leitenden KörperschaftG. Die Leitende Körperschaft ist das höchste Gremium und ideologische Führerschaft der ZJ. Im Anschluss wurde dann öffentlich abgefragt, was wir bereits Montags im Familienbibelstudium durchgekaut hatten.

Vor dem Frühstück, dem Mittagessen und dem Abendessen wurde gebetet. Wir schlossen unsere Augen und falteten unsere Hände. Anders als in anderen Kirchen sind die Gebete der ZJ ziemlich freestyle, was häufig dazu führt, dass sich die öffentlichen Vorbeter gegenseitig mit ganz besonders eifrigen und gottesfürchtigen Gebeten zu übertrumpfen versuchen. Im Familienkreis war das zum Glück weniger der Fall. Mein Vater hatte dennoch den Hang abzuschweifen. Was besonders ärgerlich war, wenn man gerade Hunger hatte. Durch halb geschlossene Augenlider starrte man den Topf Bolognese hinter den gefalteten Händen an und hoffte innigst, Papa würde nicht noch ein Land einfallen, in dem ZJ verfolgt wurden und für die er einen Segen erbat. Auch vor dem Schlafengehen wurde gebetet und wir Kinder sollten natürlich zu jedem denkbaren Zeitpunkt beten. Ich kam mir immer wie ein Vollidiot vor, wenn ich die Augen schloss und still vor mir in den leeren Raum hineinbetete. Viel zu oft wurde ich abgelenkt und zehn Minuten später fügte ich hastig ein „…durch Jesus Christus: Amen“ an die Star Wars-Szene an, der ich gerade nachgehangen hatte.

Im Frühjahr, im Sommer und im Herbst gab es dann die großen Zusammenkünfte: Die KongresseG. Sie waren immer ein großes Abenteuer. Vor dem großen Sommerkongress ging meine Mutter mit mir zu C&A, um einen neuen Anzug zu kaufen. Die Sommerkongresse gingen drei Tage, von Freitag bis Samstag. Meine Mutter schrieb einen Brief an die Schule, damit ich freitags frei bekam und wir schon am Donnerstag anreisen konnten. Jeden Tag gab es von zehn bis siebzehn Uhr Ansprachen, Ansprachen, Ansprachen. Manchmal war es schön, aber meistens langweilte ich mich und kritzelte in meinem Notizbuch herum. Das lange Sitzen war ätzend. Wenn ich unruhig wurde, gab es einen bösen Blick von meiner Mutter. Meinen Vater habe ich während der Kongresse nur Abends oder auf der Bühne gesehen. Er war ein hohes Tier und hatte immer etwas zu tun. Andere ZJ-Kinder bewunderten mein Geschwisterchen und mich, weil unser Vater so ein hohes Tier war. (Bericht der FAZ über einen Sommerkongress der ZJ)

Zusätzlich zu den erwähnten Zusammenkünften und den Gebeten, zusätzlich zur Schule und Arbeit wurde selbstverständlich erwartet, dass man am Predigtdienst teilnahm, um seinen EiferG zu bezeugen. Für Freizeit und Klassenkameraden blieb nicht viel Zeit, obgleich meine Eltern sehr viel Wert darauf legten, als Familie Spaß zu haben. Wir machten Ausflüge, besuchten Bekannte oder leihten uns einen Film aus der Videothek aus. Genauso viel Wert legten meine Eltern darauf, dass mein Geschwisterchen und ich den Predigtdienst ernst nahmen.

Mit Anbruch der Teenagerjahre wurde ich dazu ermuntert, im PredigtdienstG eine Krawatte zu tragen und eine eigene Tasche mitzuführen, in der ich den Wachtturm und den ErwachetG transportieren konnte. Warum, wollte ich wissen. Weil das ein heiliger Dienst ist, sagten meine Eltern. Ich habe es gehasst, Samstag morgens mit meiner auffallend hässlichen Schultertasche aus dem ZJ-Fanartikellladen und meiner Clip-On-Krawatte durch die Wohnviertel oder gar in der Fußgängerzone herumlaufen zu müssen. Meine größte Angst war, auf Klassenkameraden zu treffen. Ab und an traf ich welche. Meine Heimatstadt ist nicht so groß.

Eines Tages stieß ich zu meinem Leidwesen auf ein Mädchen aus meiner Klasse, das ich toll fand. Ich war zwölf oder dreizehn, mitten in der Pubertät und ohnehin sehr meiner tollpatschigen Selbst bewusst. Ich sah sie von weitem und versuchte meinen Predigtdienstpartner in eine andere Richtung zu drängen. Vergebens. Im letzten Augenblick erspähte sie mich und kam auf mich zu. Dann sah sie, wie ich aussah und fragte, so grinsend wie verwirrt: „Wie siehst du denn aus?“ Ich bin mir sicher, dass sie es nicht böse meinte. Ich bin mir sicher, an ihrer Stelle wäre mir etwas viel Böseres aus dem Mund gerutscht. In dem Augenblick brach eine Welt für mich zusammen. Ich wurde rot und wäre am liebsten im Boden versunken.

Bis auf den Teil mit den ZJ habe ich unterm Strich schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend mit meiner Familie.

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.

10 Gedanken zu “Familienleben

    • weniggeschädigter

      Der „ZJ-Fanartikellladen“ :D, genial. Vor allem die aufgemotzten Bibeln und Regelwerke in Leder waren nach meinem Empfinden Ersatz für Mofa-Tuning. Die Kongresse habe ich auch gehasst, als kleiner Junge konnte man sie wenigstens verschlafen, aber irgendwann musste man ja tolle Notizen machen um Sie später (rein theoretisch) im Familienkreis wieder zu besprechen und sozusagen die geistige Speise wieder aufwärmen… Nach ca. einer halben Seite ist nie mehr als wildes Gekritzel, Panzer, Autos und ausgemalte Karos übrig geblieben. Der beste Kongress aller Zeiten war der erste den ich verweigert habe.

      • @Torsten: Das Drama war natürlich ein Highlight. Das wird in einem späteren Beitrag auch noch auftauchen. @Weniggeschädigter: Das kenne ich…

  1. Monalina Breit

    Eure ironischen Beschreibungen dieses Wahnsinns machen mir großen Spaß. Humor ist, wenn man trotzdem lacht und sicher eine der kreativsten Formen, sich zu distanzieren. Auch, wenn’s um seelischen Missbrauch und Gehirnwäsche geht. Letzteres bezogen auf das Frage-Antwort-Spiel in den Studienartikeln und -büchern. Hier geht’s nur darum, die immer gleichen Theoreme in immer neuen Varianten immer wieder aufs Neue wiederzukäuen. Verbunden mit dem Feindbild „Weltmenschen“ und deren „Weltweisheit“ ist das ideologische Gefängnis damit hermetisch abgeriegelt. Das wirkt tief und nachhaltig. Was auch das Phänomen erklären mag, dass viele Aussteiger dieser und anderer religiösen und politischen Sekten Schwierigkeiten haben, das System an sich zu durchschauen. Sie distanzieren sich aus persönlichen Gründen, weil sie es „nicht schaffen“, nicht „glauben können“, wollen aber auf gar keinen Fall irgendjemanden diskreditieren. Klassische Identifikation des Opfers mit dem Täter.
    Ich weiß, es sind Deine Eltern, „Brüder“ und „Schwestern“, die Dir das angetan haben, Menschen die Du liebst, denen Du vertraut hast. Das ist unheimlich schwer. Vielleicht hilft das:
    Danke Ihnen für Dein Leben, indem Du es schützt – auch vor Ihnen.

  2. Sparlock

    „Bis auf den Teil mit den ZJ habe ich unterm Strich schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend mit meiner Familie.“

    Im Grunde genommen ein gutes Fazit, was ich fast so unterschreiben könnte. Leider nahm der Teil der Kindheit und Jugend den die Wachturm Organisation unter Kontrolle hatte leider einen sehr, sehr großen Platz ein. Und die Organisation hatte, durch ihren Einfluss auf meine Eltern, so gut wie überall ihre Finger drin. Es war ja nicht nur die ganzen Verpflichtung wie, den ganzen Mist den sie drucken zu lesen, vorzustudieren und dann in mehren größeren Treffen noch mal durchzusprechen und für sie quasi Anwerber für neue Mitglieder und den Vertriebsmitarbeiter für ihren geistigen Dünnpfiff zu spielen (man könnte es auch Kinderarbeit nennen), nein auch meine Freizeit wurde durch ihre Verbote geregelt. Filme, Bücher, Musik, Spielzeug und Videospiele über allem schwebte das Damokles Schwert der Wachturmgesellschaft um herabzustürzen und zur Zensur anzusetzen. Von diversen Veranstaltungen und Feierlichkeiten deren Teilnahme streng untersagt war, wodurch man immer eine Aussenseiter-Sonderstellung hatte, mal ganz abgesehen. Verschaffte man sich dann doch heimlich Freiheiten, die man laut der Organisation nicht hätte haben sollen, hatte man dabei oft ein sehr schlechtes Gewissen. Und diese ganze Angst-Indoktrination mit Satan, Dämonen und einem immer kurz bevorstehenden Harmagedon ist sicher auch nicht zuträglich für die Kinderseele.

    Zusammen gefasst würde ich sagen, ich habe gute Eltern die sich sehr bemüht haben mir trotz der Umstände eine schöne Kindheit zu schenken, leider hat der „treue und verständige Sklave“ auf das Ganze einen riesigen dampfenden Haufen gesetzt, so dass ich nur mit gespaltenen Gefühlen auf alles zurück blicken kann.

    P.S. Kongresse waren für mich immer die große Strafe/Folter bevor es endlich in die Sommerferien ging und im Predigtdienst gekleidet wie ein feiner Pinkel anderen Kindern zu begegnen war für mich auch immer die Hölle, gut das ich nie Klassenkameraden traf.

    • Ich mochte die Kongresse, naja, spätestens ab 14/15. Hätte meine Mutter gewusst das ich meine Zeit auf der „Toilette“, „beim besten Freund sitzen“ oder „ich geh mal da hoch, da sieht man besser“, damit verbracht habe „Glaubenschwestern“ kennenzulernen, naja, sie wäre wohl kaum begeistert gewesen. (Bezirks)kongresse, Partnerbörse der Zeugen Jehovas!

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