Ich

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Ich hatte keine Wahl. Zumindest nicht bei der Geburt. Meine Eltern waren bereits Zeugen Jehovas, als ich gezeugt wurde. Meine Mutter wurde wie auch ich in die WahrheitG hineingeboren, mein Vater konvertierte im frühen Erwachsenenalter zum Glauben. Er ist Ältester in unserer Gemeinde. Mein Onkel bekleidet ebenfalls ein hohes Amt. Wir sind eine ZJ-Dynastie.

Ich wurde als ZJ erzogen. Ob ich dabei Mitspracherecht hatte, ist Ansichtssache. Ich war mir in meiner Kindheit keiner Alternative bewusst. Das Leben, das meine Eltern führten, und das sie für mich ausgesucht hatten, war alles, was ich kannte.

Man erzählte mir, dass es außerhalb der ZJ-Gemeinschaft eine Welt gab, eine andere, spirituelle Welt. Diese Welt war böse und würde vernichtet werden. Der Teufel, Satan, der bereits die ersten Menschen im Garten Eden verführt hatte, stand mit Gott auf dem Kriegsfuß. Bald würde Jehova einschreiten und alles Böse vernichten, damit wir für immer im Paradies leben könnten. Vorausgesetzt natürlich, wir wären gottgefällig und eifrigG. Deswegen war es besonders wichtig, sagte man mir, dass ich immer brav sei, zu Gott bete und ihm gefalle. Damit er bloß nicht auf den Gedanken käme, ich sei auf Satans Seite. Ich wolle doch nicht etwa Gott traurig machen, oder?

Natürlich wollte ich Gott nicht traurig machen. Ich war vier, fünf, sechs, sieben, acht Jahre alt und Jehova Gott das mächtigste Wesen im Universum. Ich hatte in der Bibel gelesen, dass Gott Liebe war, aber auch ein Gott der Rache. Ich wusste, was er mit den Menschen im Gelobten Land gemacht hatte, mit den Ägyptern, mit den Babyloniern, das stand alles in meinem Kinderbuch mit biblischen Geschichten. Außerdem war mir die Hörspielkassette noch sehr präsent, in der Gott Moses‘ Schwester kurzzeitig mit Lepra bestraft hatte, weil diese Widerworte gegeben hatte. Tagelang hatte mich diese Szene verfolgt, und wenn ich die Kassette hörte, weil ich keine anderen Hörspielkassetten hatte außer denen, in denen man lernte, warum es wichtig war, gottgefällig zu sein, versteckte ich mich bei der Szene unter dem Wohnzimmertisch. Das letzte, was ich wollte war, dieses Wesen traurig zu machen.

Ich wollte auch nicht auf Satans Seite sein. Satan war unheimlich, eine mehrköpfige, rote Schlange, die ich aus den Zeitschriften und Büchern der ZJ kannte, ein Bild, das mir bereits im frühesten Kindesalter Angst machte und dazu führte, dass ich Nachts ohne Licht nicht schlafen konnte.

Ich ließ mich im Teenager-Alter auf einem KongressG der ZJ taufen. Zu diesem Zeitpunkt plagten mich bereits seit mehreren Jahren Zweifel. Ich hatte kein „Verhältnis zu Gott“, wie es in den Ansprachen beschrieben wurde. Wenn ich betete, spürte ich nichts und ich stellte mir immer öfter vor, wie es wohl wäre, kein ZJ zu sein. Ich verdrängte diese Zweifel so gut es ging, bestand die Aufnahmeprüfung und ließ mich zur Freude aller Beteiligten als ein Verkündiger der Guten BotschaftG taufen. Ich wusste, dass meine Eltern sich freuten, also nahm ich an, dass es richtig war.

Es war nicht richtig.

Ich kann mich an keinen konkreten Moment erinnern, in dem man mich vor eine Wahl stellte. Ich weiß nicht, ob ich als Kind und – mit Abstrichen – als Jugendlicher zu irgendeinem Zeitpunkt eine ernstzunehmende Wahl im Sinne eines informierten freien Willens hatte. Natürlich wurde immer wieder mal diffus angedeutet, dass es meine Entscheidung war, ob ich als Erwachsener ZJ bleiben wollte, aber umso deutlicher wurde klargemacht, dass meine Entscheidung KonsequenzenG hätte. Diese Konsequenzen wurden einem fünf Mal die Woche in den Zusammenkünften eingebläut, vier Wochen im Monat, zwölf Monate im Jahr, fast zwanzig Jahre lang. Die Entscheidungen, die ich traf, waren in den seltensten Fällen meine. Vielleicht hätte ich früher eine eigene Entscheidung treffen sollen, müssen. Von können war ich weit entfernt. Ich hatte Angst. Vor dem, was danach kam.

Meine Eltern sind sehr eifrige ZJ, bis heute. Sie dienten bis zu meiner Geburt als VollzeitpredigerG, mein Vater ist ÄltesterG. Sie sind prominente Mitglieder der Gemeinschaft der ZJ. Mein Geschwisterchen ist auch ZJ. Seitdem ich den Glauben verlassen habe, pflegen meine Eltern nur den nötigsten Kontakt zu mir. Mein Geschwisterchen redet überhaupt nicht mehr mit mir.

Seit gut zehn Jahren kann ich Nachts gut ohne Licht schlafen.

Unbekannte ZJ-Begriffe werden im Glossar erklärt.

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8 Gedanken zu “Ich

  1. Notärztin

    Lieber Caleb,

    ich beglückwünsche Dich zu Deinem Entschluss, die ZJ zu verlassen und danke Dir, dass Du uns mit Deinem Blog an Deiner Selbstbefreiung teilhaben lässt. Du rettest damit Dein Leben!

    In den nächsten Stunden wird eine 40-jährige Zeugin Jehovas, Mutter von 4 Kindern, nach einem (unverschuldeten) Verkehrsunfall sterben, weil sie eine Bluttransfusion abgelehnt hat. Sie wird innerlich verbluten. Ihr Hämoglobinwert liegt jetzt bei 3 mg/dl normal >11) und er fällt weiter. Ihre Überlebenschancen mit Fremdblut durch Transfusion lägen bei 99%.

    Dies schreibt Dir eine zutiefst betroffene Notärztin, die mit ihrem Team alles gegeben und hart gekämpft hat, um das Leben dieser Patientin zu retten. Mit dem Wissen, dass sie das lebensrettende Blut verweigert, hätte ich die Frau eigentlich einfach auf der Strasse liegen lassen sollen. Das wäre ein kürzerer und leichterer Tod gewesen. Ein Tod, wie diese ZJ ihn sich wünscht?

    Sie hat es in die Klinik geschafft, wird dort aber durch Verweigerung von lebensrettendem Blut per Patientenversorgung und auch durch Ihren Ehemann einfach sterben. Verbluten. Unter den Händen engagiertester Chirurgen und liebevollem Intensivpflegepersonal, die alles dafür geben würden, sie retten zu dürfen.

    Wissen die ZJ eigentlich, was jetzt in diesen helfenden Menschen vorgeht, die Leben retten wollen, denen man aber die Hände auf dem Rücken fesselt? Wissen Sie eigentlich, dass wir über Jahre darunter leiden, dass jemand sein Leben einfach wegwirft? Was 4 Kinder fühlen, die ohne ihre geliebte Mutter aufwachsen werde, nur wegen ihres Glaubens? Ist es das, was sie wirklich wollen? Ist es das, was ein barmherziger Gott wirklich fordert???????

    Ich bin so froh um Sie, Caleb, dass Sie ihr Leben und sich mehr lieben, als eine Glaubensgemeinschaft mit einer abstrusen Bibelauslegung! Ich wünsche Ihnen alles Glück der Welt!!!

    • Marius

      Leider wird den Zeugen Jehovas ständig eingeredet dass Bluttransfusionen nicht nur gegen Gottes Willen sind, sondern eigentlich auch gefährlich. D.h. sie sind davon überzeugt damit sogar gesünder zu leben. Es gebe ohnehin immer eine bessere, blutlose Alternative zur Behandlung, wird suggeriert. Fälle wie dieser werden heute komplett ausgeblendet oder als absolute Ausnahmen gesehen.

  2. Sparlock

    Ich finde es interessant, dass du schreibst, du hättest nie ein Verhältnis zu Jehova „dem liebenden Gott“ aufbauen können. Ich frage mich wie viele Zeugen ihn überhaupt als wirklichen Freund sehen oder der Idealbeziehung zu Jehova, welche die WTG ständig predigt, nur vergeblich hinterherlaufen und sie für sich nie erreichen können. Für mich war er immer etwas was es zu fürchten galt, der Rachegott der mich in Harmagedon ermorden wird, wenn ich nicht nach seinen Regeln (oder besser nach denen der Wachturmgesellschaft) lebe.
    Um es mal mit Richard Dawkins Worten zu sagen: „Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Dichtung: eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Kontroll-Freak; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“ Das trifft es ganz gut, aber ich hätte damals nie gewagt sowas zu sagen oder auch nur zu denken.

    Ich bin froh, dass ich nie auf die blöde Idee kam mich taufen zu lassen, wenn man bedenkt welche Konsequenzen das hat. Ich habe zu meinen Eltern ein gutes Verhältnis, auch wenn ich sie mit meiner Entscheidung enttäuscht habe. Den Gedanken, dass sie heute kein Wort mehr mit mir sprechen würden, wenn ich ein Zeuge geworden und danach gegangen wäre, finde ich einfach nur abartig. So bleibt mir höchstens noch mich darüber zu ärgern, das die Wachturmgesellschaft meine Eltern als kostenlose Arbeitsdrohnen ausnutzt und sich dafür von ihnen auch noch jeden Monat einen Batzen Geld in den Rachen werfen lässt. Ich wünschte sie würden sich mal über diese falsche Organisation informieren, gut belegte Fakten gibt es schließlich zu genüge. Aber sie trinken weiterhin deren „Koolaid“ und glauben die Kritiker der Organisation würden nur mit Lügen und Halbwahrheiten um sich werfen. Ich kann ihnen leider nicht beibringen wieder selbstständig zu denken. Aber so ist das in allen Sekten, die Opfer glauben fest „die Wahrheit“ gefunden zu haben und alles was sie vom Gegenteil überzeugen könnte gilt als Gift, welches um jeden Preis gemieden werden muss.

    • 2nd life

      Ja. Das mit dem „nicht-taufen-lassen“ wünsche ich mir auch oft, wobei die meisten ZB – Jugendlichen ja doch meistens auf Dauer den Kontakt mit Freunden, die nicht mehr in die Versammlung gehen den Kontakt eher abbrechen. Aber es ist eben nicht so radikal.

  3. Ruth / On MyWay

    Ich hatte auch nie ein Verhältnis zu diesm Jehova der mir eingetrichtert wurde. Überhaupt kann ich Gott nicht leiden. Ich seh den Gott der mir anerzogen wurde als miesen Bastler, der mit seinem Werk nicht mehr klargekommen ist. Und statt gleich aufzuräumen, wenn er schon keine Gegner vertragen konnte hat er dann die Verantwortung seinen Bastelobjekten aufgedrückt. Und nur wer nach seiner Pfeife tanzt hat Wert.

    So einen Gott will ich nicht. Nie mehr.

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